Internationale Forschungsplanung und unzählige Fragezeichen

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Versuch einer Aufklärung
Quantensprung

Die wichtigste Antwort auf die Frage, ob man Forschung für die Zukunft planen könne, brachte am Ende der Tagung „Planning Research for the Future?“ Carsten Dreher von der FU-Berlin. Konkret planbar und einfach wird Forschung niemals sein. Und so sind für Dreher aus dem einen Fragezeichen hinter dem Motto am Ende der dreitägigen Debatten viele geworden.

Die Ebenen auf denen Forschung stattfindet, die Institutionen, Universitäten, Finanzierungsstrukturen der Länder und deren Strategien sind, so zeigte die Tagung, sehr facettenreich. Nur wenige Schlagworte hat Dreher am Ende zusammengefasst mit denen man zumindest in groben Zügen die Zukunft von Forschung und damit auch die Ansprüche an sie umschreiben kann. Sie werde oder müsse sich immer mehr diversifizieren, globaler, präziser, zielorientierter, lösungsorientierter und gar widersprüchlicher werden.

Alleine der Aspekt der Internationalität und gleichzeitigen gemeinsamen globalen Verantwortung offenbarte in der Runde „Leaving the Nutshell? International and European Dimensions in Strategic Intelligence Research“ vielfache Ebenen.

•    Der Wissenschaftsboomer China und andere Staaten wie Korea oder Indien, die mit ihrem Anteil weltweiter Publikationen auf der Überholspur liegen und denen rückläufige Trends etwa in den USA oder auch Deutschland gegenüber stehen. So wird aller Voraussicht nach 2013 China die USA vom Spitzenplatz verdrängen.

•    Die großen strukturpolitischen Unterschiede, wie etwa 5-Jahrespläne für die Forschung in China versus höchstmögliche Flexibilität an der amerikanischen Uni Stanford.

•    Internationale Zusammenarbeit konfrontiert Institutionen wie Forscher mit unterschiedlichen Forschungsstrategien, Finanzierungsmodellen, Kulturen, Strukturen, oder länderspezifischen Bedürfnissen.

•    Es gibt globale Megatrends wie den Klimawandel, die alle betreffen. Das heißt, sie betrefefn auch Inselstaaten, die sich keine eigene Forschung leisten können und deshalb nur zu einem geringen Teil am wissenschaftlichen Diskurs darüber beteiligt sind.

•    Entwicklungsländer stehen vor der Entscheidung, ob sie eigene Basis-Forschungssysteme aufbauen wollen oder schlicht per Forschungstransfer und Equipment den Anschluss suchen, wie Xiaonan Cao von der Weltbank darlegte.

•    Braucht die Menschheit einen „Global Research Fund“ von dem Seeram Ramakrishna von der National University of Singapore träumte? Dieser könne im Sinne der Menschlichkeit etwa die Erforschung von Krankheitsbildern fördern, die vor allem in armen Ländern auftreten – oder oben genannten Inselstaaten unter die Arme greifen.

•    Neben Vernetzung und Equipment brauchten Entwicklungsländer wohl auch mehr Personal aus den großen Forschungsnationen. Als Research Volunteers könnten Forscher aus aller Welt am Zusammenwachsen einer weltweiten Forschungsgemeinschaft beteiligt sein und gemeinsam Forschungsverantwortung übernehmen – wünschte sich Xiaonan Cao.

•    Länder wie China oder Indien heißen heute verstärkt Wissenschaftler aus aller Welt willkommen. Deutsche Forschungsinstitute wie die Fraunhofer Gesellschaft sind schon verstärkt im Ausland vertreten – unter anderem in Beijing, Bangalore, Jakarta oder Selangor.

•    Liegt die Zukunft europäischer Forscher womöglich etwa in Indien, von dem Narayanaswamy Balakrishnan vom Indian Institute of Science in Bangalore behauptet: „Indien ist das beste Land für Forscher.“ Im Land gebe es einen hohen Anteil privater Investitionen in Forschung. Wer also ein inhaltlich starkes Proposal schreibe, der würde garantiert auch die nötige Finanzierung erhalten.

Xiaonan Cao gab jedenfalls mit auf den Weg unbedingt internationaler zu denken und weniger auf Europa fokussiert. „In fünf bis 10 Jahren kann die weltweite Forschungslandschaft durchaus anders aussehen.“

Tja, das haben wir auch schon vor der Tagung geahnt. Aber vielleicht ist es hiermit so wie mit o.g. Klimawandel. Man weiß, dass es so kommt, aber ist doch noch nicht so richtig dafür gerüstet?

 


Inzwischen sind einzelne Videoabschnitte der Tagung auf youtube zu sehen. Unter anderen auch Xiaonan Cao von der Weltbank.

Xiaonan Cao on third world science’s challenges 

 


Mehr zur Tagung

Ist Forschung planbar

Wahrsagen für die Wissenschaft – der Einfluss der Megatrends

Von Astrodicticum Simplex:

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Sowie auf dem youtube-Channel Planning Research for the Future?

 

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Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

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