Wer hat Schuld

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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… an unseren alltäglichen Ärgernissen?

Gestern in einem viel gelobten Restaurant in italienischem Ambiente nach einem anstrengenden Arbeitstag:

Nach endlos erscheinenden vierzig Minuten bringt die Kellnerin schließlich das bestellte Gericht. Die Bedienung war nicht nur an unserem Tisch unendlich langsam, sondern auch das Päärchen am Nebentisch ist sichtlich genervt. Positiv überrascht vom schmackhaften Aussehen der Speise, ist die Dame schnell wieder auf dem Boden der Realität angekommen: Das Fleisch scheint versalzen, die Kartoffeln zerkocht und die Beilage kalt. Sie beschimpft den Koch als untalentiert, tolpatschig und unfähig ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welche weiteren Ursachen für das mißlungene Gericht in Frage kommen.

Analysieren wir die Situation

Ebenso könnte ein Defekt des Salzstreuers oder der Küchenuhr ungewollt ein ansonsten harmonisch aufeinander abgestimmtes und liebevoll arrangiertes Essen verdorben haben.

Psychologisch gesehen tendiert unsere menschliche Spezies dazu dispositionale (also im Individuum angesiedelte) Faktoren für die Entstehung von Mißgeschicken verantwortlich zu machen und den Einfluss situativer Elemente zu unterschätzen. Dieses sozialpsychologische Phänomen, bekannt unter dem Namen „fundamentaler Attributionsfehler“ (auch Korrespondenzverzerrung), ist eine Form der Wahrnehmungsverzerrung und begegnet uns in vielen zwischenmenschlichen Situationen.

Wieso sind wir so ungerecht?

Motivationale Erklärungsversuche begründen dieses Verhalten mit dem Wunsch unsere Umwelt kontrollier- und vorhersagbarer erscheinen zu lassen (Miller, Norman & Wright, 1978). Demnach ist es für uns angenehmer Geschehnisse des Alltags auf stabile Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen als einzugestehen, dass der Zufall wirksam gewesen sein könnte.

Interessant ist, dass diese Neigung in unserem westlichen und ausgesprochen individualistisch geprägten Kulturkreis weitaus dominanter in Erscheinung tritt als dies beispielshalber in indisch-hinduistisch oder chinesischen Regionen der Fall ist. Letztere scheinen aufgrund ihrer kollektivistischen Erziehung sensitiver auf Umgebungsmerkmale zu reagieren und bevorzugen diese als Erklärung unglücklicher Umstände einzubeziehen.

(gast)

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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