Wer hat angefangen?

Heike: „Ich mach hier immer alles alleine und du sitzt nur rum.“

Christian: „Das stimmt doch gar nicht, ich hab nur gerade nicht so viel Zeit für den Haushalt.“

Heike: „Wenn ich mich nicht um alles kümmern würde, würde alles im Chaos versinken. Du machst ja keinen Finger krumm.“

Christian: „Du reißt doch immer alles an dich.“

Heike: „Ich musste das auch machen, weil du deinen eigenen Kram nicht mal geschafft hast. Meistens hat doch die Hälfte gefehlt.“

Christian: „Wer musste denn immer Überstunden machen? Das war ja wohl ich! Und alles nur wegen der Monatsraten fürs Haus, das du unbedingt haben wolltest …“

Heike: „Ich hab dem Hausbau doch nur zugestimmt, weil du dich ohne feste Grundlage gar nicht auf eine lange Beziehung hättest einlassen können.“

Christian: „Das stimmt doch gar nicht. Ich konnte mich damals auf eine Beziehung mit dir nicht einlassen, weil du ständig unterwegs warst. Du warst es doch, die Schwierigkeiten hatte sich festzulegen.“

Und so weiter …

 

Wer hat angefangen? Wer hat Schuld? Diese Frage spielt in unserer Gesellschaft in Konfliktfällen eine große Rolle, weil das vergangene Geschehen unser gegenwärtiges Handeln rechtfertigen kann. Menschliche Beziehungen werden auch durch das Gesetz von Aktion und Reaktion beherrscht, wobei sich immer auch die Frage nach Ursache und Wirkung stellt. Interessanterweise sehen sich sowohl Heike als auch Christian ausschließlich als Reagierende, nicht als Agierende. Heike sagt: „Weil du nichts machst, muss ich immer alles machen“, und Christian sagt: „Weil du immer alles an dich reißt, kann ich gar nichts mehr machen.“ Heike rechtfertigt ihr Verhalten mit dem Verhalten von Christian und umgekehrt. Denn den schwarzen Peter möchte niemand haben. Deshalb behaupten wir: Ich verhalte mich so, weil ich nicht anders kann. Unseren eigenen Anteil am Geschehen können wir oft gar nicht mehr wahrnehmen. Ein kommunikatives Dilemma, das der Psychologe und Psychotherapeut Paul Watzlawick Interpunktion nannte.[i]

Wie kann man nun solche Kommunikationsschleifen auflösen oder verhindern? Die möglichen Lösungsstrategien sind genau die gleichen, die Sie als Eltern zwei streitenden Kindern geben würden: Im Sandkasten bricht ein Streit aus. Marie bewirft Leon mit Sand und er stürzt sich gerade wütend auf sie. Die Eltern gehen dazwischen und wollen die Situation klären. Sie trösten ihre aufgeregten Kinder, nehmen sie in den Arm und zeigen ihre Anteilnahme. Was passiert sei, fragen sie und hören den beiden konzentriert und aufmerksam zu. „Ich hab das nur gemacht, damit sie nicht mit Sand werfen kann“, schnieft Leon. „Aber ich habe nur mit Sand geworfen, weil er meine Burg kaputt gemacht hat“, ruft Marie dazwischen. „Ich hab die blöde Burg nur umgehauen, weil sie mir meine Schaufel weggenommen hat“, erklärt Leon, woraufhin Marie sagt: „Das hab ich aber nur gemacht, weil er mich beschimpft hat.“ Das Beispiel zeigt: Es gibt keine einfachen Ursache/Wirkung-Beziehungen, wir haben es immer mit einer Wechselbeziehung zu tun. Das heißt, es gibt keinen Urheber, der als klarer Schuldiger festgemacht werden kann.

Wenn Sie eine Änderung bei einem anderen bewirken möchten, dann verhalten Sie sich doch einmal so, als ob der andere das gewünschte Verhalten bereits zeigt. Leichter fällt es mit der Wunderfrage: „Wie würden Sie sich verhalten, wenn über Nacht ein Wunder passiert und das Problem gelöst ist?“ Verhalten Sie sich genau so. Warum? Sie kennen vielleicht „sich selbst erfüllenden Prophezeiungen“. Damit bezeichnen Psychologen das Phänomen, dass ein erwartetes Verhalten einer anderen Person durch das eigene Verhalten hervorgerufen werden kann. Im Fall zwischenmenschlichen Geschehens ist das kein Wunder, sondern eine logische Konsequenz. Wir handeln auf Grundlage unserer inneren Erwartungen. Erwartet eine Person ein bestimmtes Verhalten von seinem Gegenüber, führt sie durch das eigene Verhalten genau dieses Verhalten herbei.

In einem Experiment, das ursprünglich den Attraktivitätsstereotyp untersuchen wollte, wurden den Versuchsteilnehmern Bilder von verschiedenen Menschen gezeigt.[ii] Die Probanden bewerteten, welche Menschen sie als sympathisch und welche als unsympathisch einschätzten. Daraufhin sollten einige der Versuchspersonen mit der als sympathisch beurteilten Person telefonieren, während andere die als unsympathisch bewertete Person in der Leitung hätten. Diejenigen Versuchspersonen, die ihren Gesprächspartner zuvor als sympathisch eingestuft hatten, verhielten sich am Telefon freundlich und zuvorkommend. Sie sprachen mit dem anderen in einer warmen, humorvollen und lebhaften Weise. Diejenigen Versuchspersonen, die glaubten, sie sprächen mit der unsympathischen Person, verhielten sich eher distanziert, abweisend und desinteressiert. Der Unterschied, ob Ihnen jemand offen und freundlich oder sachlich und reserviert gegenübertritt, ist gravierend. So wird der Eindruck, den sich die Teilnehmer bereits vor dem Telefonat gebildet hatten, bestätigt und zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Unsere Erwartungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Erwarten wir das Ende eines Konflikts, werden wir alle kleinen Nuancen, die auf ein Ende hindeuten, besonders wahrnehmen und entsprechend reagieren. Halten wir den Konflikt für unüberwindbar, filtern wir genau die Teile aus dem Konflikt, die das bestätigen, und übersehen die verbindenden Anteile zwischen den Gegnern. Und so tragen wir „unwissentlich“ und unbewusst dazu bei, dass der Konflikt sich abkühlt oder aufrechterhalten wird.

Werfen wir noch einmal einen Blick in den Sandkasten. Eltern versuchen in der Regel nicht, die Schuldfrage zu klären, weil sie wissen, dass dieser Versuch scheitern wird. Stattdessen legen sie ihren Fokus auf die Zukunft, um eine Lösung für den weiteren Umgang der beiden kleinen Streithähne miteinander zu finden. Vielleicht gibt es zwei Schaufeln und eine gemeinsame Idee, an der Marie und Leon zusammen bauen können. Vielleicht brauchen die beiden Kindern aber auch ein bisschen mehr Platz beim Bauen, um sich nicht gegenseitig aus Versehen zu stören. Manchmal hilft sogar etwas Abstand voneinander und eins der Kinder oder beide suchen sich ein neues Betätigungsfeld. Ganz gleich, wie die Lösung am Ende aussieht, sie sollte den Bedürfnissen beider Kinder gerecht werden. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Schuldfrage nicht zu klären ist. Für das Erleben einer positiv bewerteten und konstruktiven Kommunikation ist vielmehr das Ende einer Kommunikation bedeutend. Sind beide Gesprächspartner an einer Lösung des Konflikts interessiert, werden sie das ständige Nachlegen beenden und sich auf eine Einigung konzentrieren. Wenn wir uns im Wald verirrt haben, ist die Suche nach dem richtigen Weg wichtiger als der Grund für das Verlaufen.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag“, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Watzlawick, P. (1983): „Anleitung zum Unglücklichsein“, München: Piper Verlag.

[ii] Snyder, M., Tanke, E. D., Berscheid, E (1977): „Social perception and interpersonal behavior: On the self-fulfilling nature of social stereotypes“, in: Journal of Personality and Social Psychology, Vol 35(9), Sep 1977, 656-666.

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Phänomen der Erwartung kann gravierende Folgen haben , so mancher Justizirrtum dürfte darauf zurück zu führen sein , daß der Apparat sich auf eine Person eingeschossen hat und nur noch Faktoren sieht , die diesen Eindruck dann auch bestätigen.
    Im Alltag muß man aber ein wenig aufpassen mit dem Ausschluß der Schuldfrage , es gibt eine zunehmende Zahl an Zeitgenossen , die das ausgleichende Verhalten Anderer bewußt ausnutzen.

  2. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Schuldfrage nicht zu klären ist.

    So ist zwar die Sicht der aktuellen psychologisch-pädagogischen Lehre, aber regelmäßig ist diese Frage doch klar zu beantworten. Auch in der Wirtschaft sind übrigens einige zu dem Schluss gekommen, dass Schuldfragen bevorzugt mit der sogenannten Mediation zu bearbeiten sind.
    Zurück bleiben dann manchmal Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen, und in der Folge zynisch werden, ihren Nutzen für die Gruppe, der sie angehören, bewusst und langfristig zurückschrauben.

    MFG
    Dr. W

    • Auch bei der Mediation steht die Schuldfrage nicht im Fokus. Der Mediator versucht die Parteien dabei zu unterstützen eigene Lösungen zu suchen und zu finden.

      • Das war gemeint, korrekt.
        Also, wenn Schuld vorliegt, und man sich ökonomisch fragen könnte, wer Schuld trägt, wird stattdessen manchmal im Sinne des Artikels vermittelt.
        Wer dieses Vorgehen aus Teilnehmersicht nicht so-o gut findet, gilt dann womöglich noch als “nicht teamfähig”.

  3. “Wenn wir uns im Wald verirrt haben, ist die Suche nach dem richtigen Weg wichtiger als der Grund für das Verlaufen.”

    “Und willste übern Rasen laufen, mußte dir ein Grundstück kaufen” – in unserer Vorstellung von Welt- und “Werteordnung” wird für den Erhalt der alltäglichen Verirrungen viel Geld und konfusionierende Mühe aufgewandt. Bewußtseinsbetäubung ist somit wichtiger als die Suche nach dem einzig richtigen Weg – “Nichts tun ist besser, als mit viel Mühe Nichts schaffen.” (Laotse) 🙂

    • “Wer hat angefangen?” – mit der bewußtseinsbetäubenden Schuld- und Sündenbocksuche!?

      “Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch.” (Anthropologe)

      “Als Mensch aber anfing auch daraus ein Geschäft zu machen, war alles für’n Arsch, bzw. in der wettbewerbsbedingten Symptomatik des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” MANIFESTIERT.” (horst) 🙂

  4. wer hat gefurzt? [charlie sheen]

    erwartung = erster eindruck = gefühl = echter grund = unsichtbar = nicht greifbar = jemandem etwas zutrauen = wir [romantiker] haben es immer schon geahnt, aber mussten auf einen beweis warten, um ernst genommen zu werden …. also lauern, warten, observieren, beweise [tote götter] sammeln, und irgendwann anklage erheben, mit kiloweise akten, weil wir [romantiker] sonst so vergesslich sind.

    siehe ‘personality psychology’ oder die ‘vier elemente’ der alchemie.
    klassiker = feuer + erde = maniker + borderline = die 2 bipolaren typen = mesomorph = herz + birne.
    romantiker = luft + wasser = hysteriker + schizo = die 2 extremen typen = endomorph + ectomorph = rund + lang.

    romantiker sind opportunisten, antilogiker, emotional, sensibel, kurzsichtig, antirational.
    sie brauchen ‘geschriebene geschichte’ und ‘geschriebene gesetze’ [ordnung von aussen]
    weil sie sonst immer wieder ‘geschichtsfälschung’ betreiben,
    also sich mit erfolg schmücken,
    und fehler ‘den anderen’ zustecken = in stress, zentralisierung und menschenopfer.

    einfachste gruppendynamik.

    stress von aussen = romantiker innen + klassiker aussen.
    ruhe aussen = romantiker aussen + klassiker innen.

    .. weil uns diese einfache dynamik ‘im kleinen rahmen’ fehlt [großfamlie],
    werden die maßstäbe immer größer,
    wir verlieren immer mehr kontrolle, [fernmeldung immer fehlerhaft]
    aber die naturgesetze = grundgesetze, bleiben immer konstant. [skalierbar]

    romantiker als ‘die schlauen’ die sich bei ‘gefahr von aussen’ verstecken, oder flucht ergreifen vor dem, was ihnen ANGST macht. damit romantiker ‘innen’ stehen können [schutzraum] müssen sie ‘die anderen’ [klassiker] nach aussen zwingen == zentralisierung und menschenopfer, die strategie der ‘globalen elite’ [gewinner in der kunstordnung]

    klassiker als ‘die dummen’ die bei gefahr ‘standhaft’ bleiben, und kämpfen bis zur selbstzerstörung, um ‘die anderen’ [romantiker] zu beschützen. dumm und ehrlich. starke körper + schwache köpfe. kampflustig. kampfsport + sportficken. prügeln + ficken. euthanasie + eugenik. vermehren sich sexuell. herrenmoral. entscheiden über leben und tod. bieten ‘echte sicherheit’ für die würdigen, die sie in ihren schutzraum lassen. türsteher. bodyguards. handwerker. einfache arbeiter. proleten. primitiv. hooligans. rassisten. zucht zu stabilisierung einer rasse. ‘inzucht’ statt ‘race mixing’ [cross breeding, miscegenation, melting pot, melting tendency, grey race]

    usw …. : D

    #alchi

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