Wahrnehmung & Wirklichkeit

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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Wirklichkeit wird im allgemeinen Sprachgebrauch als die Gesamtheit des Realen bezeichnet.

Für die Naturwissenschaften ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Dinge der Realität müssen messbar sein und können als Basis für Theorienbildung dienen.

Eine Frage der Wahrnehmung

Zwei Aussendienstmitarbeiter eines Schuhherstellers wurden in eine Region geschickt, die bisher noch kaum mit der westlichen Kultur Kontakt gehabt hatte. Der erste Verkäufer rief sofort die Zentrale an: "Alle Menschen hier laufen barfuss herum, sofort die Produktion stoppen!" Der zweite Verkäufer rief auch sofort die Zentrale an: "Die Menschen hier laufen barfuss herum, sofort die Produktion verdoppeln!"

Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und einschätzen, wird durch den Kontext bestimmt, in dem wir aufgewachsen sind und leben. Trotzdem wollen wir erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Die Naturwissenschaften dienen dem Ziel der Erkenntnis. Da die menschliche Wahrnehmung beschränkt ist, entwickelt der Mensch Methoden, um Dinge zu messen und zu erkennen, die sich den Wahrnehmungssinnen des Menschen entziehen. Aus dem wundervollen Buch "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" von Peter Hoeg zitiere ich eine Metapher:

Uexküll hat gesagt, der Mensch sei im Großen und Ganzen nicht besser als eine Spinne.

Eine Spinne sieht und hört schlecht, und ihr Geruchssinn ist auch nicht so gut, ihre Umwelt ist also begrenzt durch ihren Wahrnehmungsapparat. Doch sie hat ihr Netz, damit hat sie ihre Wahrnehmung weit über sich hinaus ausgedehnt. Ihr Tastsinn ist sehr entwickelt, bei jeder Bewegung des Netzes kann sie einschätzen, wie weit weg und wie groß.

Mit ihrem Netz nimmt die Spinne nicht die ganze Welt wahr, sie nimmt nur den Teil davon wahr, den das Netz einfangen kann. Richtung, Abstand, vielleicht das ungefähre Gewicht der Beute, vielleicht ihren Umfang. Aber sicher nicht viel mehr.

So ist es auch mit der Naturwissenschaft (…). Die Physik breitet ihr Netz ins Universum oder in die Materie aus und meint, immer größere Teile der Wirklichkeit zu entdecken.

Man mag befürchten, dass das ein Fehlschluss ist (…). Wenn die Spinne ihr Netz weiter ausbreitete, (…) würde sie nach wie vor nur das wahrnehmen, was wahrzunehmen in ihrer und der Natur des Netzes liegt. Sie würde keine neue Wirklichkeit finden. Sie würde mehr von dem entdecken, was sie schon vorher kannte. In Bezug auf das, was außerhalb liegt, Farben, Vögel, Gerüche, Maulwürfe, Menschen, Schwestern, Gott, die trogonometrischen Funktionen, das Messen von Zeit, die Zeit selbst, würde sie nach wie vor in absoluter Unwissenheit schweben.

Hat Uexküll Recht?

Quelle: Hoeg, P. (1995). Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. München, Wien: Carl Hanser Verlag.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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