Von der Angst zu versagen

Die Sekretärin M., die abends regelmäßig ein Glas zu viel trinkt, der Schüler D., der nicht mehr in die Schule geht, die Managerin S. mit den chronischen Magenschmerzen, der Lehrer K. mit den anhaltenden Ermüdungs- und Erschöpfungserscheinungen, die leitende Sozialpädagogin N. mit den ständigen Rückenbeschwerden, der Bauingenieur R. mit Herzrhythmusstörungen – sie alle leiden unter der Angst nicht zu genügen.

 

Wir alle kennen die Angst zu versagen. Schon Schulkinder nennen als Antwort auf die Frage, wovor sie am meisten Angst haben, die Angst vor dem Scheitern. Wie in vielen anderen Dingen im Leben ist das Maß entscheidend, ob sich etwas positiv oder negativ auswirkt. Ein bisschen Angst treibt uns an, denn sie konzentriert alle Kräfte auf die bevorstehende Leistungssituation wie beispielsweise eine Prüfung zu bestehen oder eine Rede zu halten. Viele Menschen halten den Prüfer oder ein größeres Publikum jedoch für mindestens so gefährlich wie einen Säbelzahntiger. Manchmal nehmen wir bereits im Vorfeld gedanklich den unglücklichen Ausgang einer Beurteilungssituation vorweg, werten uns selbst ab und steigern uns in die Angst hinein. Und diese Angst nagt genau an den Ressourcen, die wir dann besonders brauchen – eine ruhige Hand und einen kühlen Kopf. Unser Körper will nämlich lieber mit den Zuhörern kämpfen oder vor ihnen wegrennen. Zu viel Angst hemmt. Unter Stress sind wir nicht in der Lage, das zu leisten, wozu wir normalerweise fähig sind, und versagen ausgerechnet in Leistungssituationen.

Aber warum haben wir solch eine große Angst davor zu scheitern? Warum ist das Versagen für uns nur so bedrohlich? Was ist so schlimm daran, den beruflichen Aufgaben nicht immer gewachsen zu sein, durch eine Prüfung zu fallen, im Privatleben mal nicht seine Frau oder seinen Mann zu stehen? Keine Frage, ein Misserfolg bringt negative Konsequenzen mit sich. Doch sind die wirklich so verheerend, dass sie eine lähmende Angst rechtfertigen, die dann tatsächlich dazu führen kann, dass wir versagen? Würden wir diese Niederlage nicht überleben? Wäre ein Scheitern wahrhaftig unser Ende? Angst entsteht, wenn wir davon überzeugt sind, einer Bedrohung gegenüberzustehen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir tatsächlich in Gefahr sind oder nicht. Der Glaube allein genügt. Wir bringen uns häufig selbst aus dem inneren Gleichgewicht, indem wir die Dinge übertrieben bewerten. Anstatt uns an die Tatsachen zu halten, neigen wir oftmals zum Dramatisieren. Wir finden die Dinge „schrecklich“, „grauenhaft“, „unerträglich“, „furchtbar“ und „katastrophal“. Starke Worte, die unseren Hang zum Überbewerten offenbaren. Unsere Fantasie malt die schlimmsten möglichen Folgen in den düstersten Farben. Es bleibt in unserer Vorstellung nicht dabei, dass lediglich eine Prüfung verhauen oder eine Präsentation in den Sand gesetzt wurde. Sondern wir sehen bereits im Geiste in die enttäuschten oder hämischen Gesichter der anderen. „Was ist, wenn sie mich für einen Idioten halten?“ Oder: „Wenn ich die Prüfung nicht bestehe, werde ich meinen Abschluss bestimmt auch nicht schaffen. Dann werde ich nie in meinem Beruf arbeiten können und meine Eltern werden von mir enttäuscht sein.“ Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit und Zweifel an der eigenen Kompetenz machen sich breit.

Unser Denken kann unsere Angst steigern oder mindern, kann unseren Stress erhöhen oder reduzieren. Es ist besser, die Ereignisse nicht überzubewerten. Die meisten Dinge sind weder „großartig“ noch „grauenhaft“, sondern einfach ganz okay so, wie sie sind. In der Regel können wir ganz gut damit und mit den Folgen leben. Wenn wir dagegen Erfreuliches und Unerfreuliches übertrieben bewerten, pendeln wir von einem Extrem ins Nächste. Besser, wir behalten einfach die Tatsachen im Auge und machen uns an die Arbeit. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann stellte fest: „Angst tritt immer dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Jede Entwicklung, jeder Reifungsschritt ist mit Angst verbunden, denn er führt uns in etwas Neues, bisher nicht Gekanntes und Gekonntes, in innere oder äußere Situationen, die wir noch nicht und in denen wir uns noch nicht erlebt haben.“[i] Noch nicht!

Wenn wir uns trauen, angstbesetzten Situationen nicht auszuweichen, werden wir in vielen Fällen erfahren, dass wir sehr gut mit ihnen umgehen können, dass wir diesen Situationen gewachsen sind. Aus jeder Niederlage können wie etwas Wichtiges lernen: über uns selbst. Wir alle machen die Erfahrung des Scheiterns: in der Liebe, bei einer Prüfung oder mit einem Projekt im Beruf. Halten wir uns künftig lieber vor Augen, dass wir im Laufe unseres Lebens bereits einige Niederlagen und Rückschläge erlebt haben – und dass wir sie alle irgendwie gemeistert haben. Jeder Misserfolg birgt die Chance zu lernen in sich. Oder anders ausgedrückt: Wer etwas ändern will, braucht ein Problem.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag“, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Riemann, F. (1990) „Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie“, München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 9.

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Wer etwas ändern will, braucht ein Problem.”

    Die URSACHE aller Probleme / Symptomatiken unseres gepflegt bewußtseinsschwachen / bewußtseinsbetäubten “Zusammenlebens”, ist der im Laufe unserer “Entwicklung” nun “freiheitliche” WETTBEWERB – Wenn wir diesem nun eine systemrationale “Gelassenheit” in verstärkter Bewußtseinsbetäubung entgegen bringen (Be- und Erkenntnis zur Kapitulation), dann verläuft unser Kreislauf im geistigen Stillstand (seit der “Vertreibung aus dem Paradies) weiter wie gewohnt, in “Wohlstand” von Stumpf-, Blöd- und (Wachstums-)Wahnsinn. 😉

  2. Hilft dieser Text Versagensängste zu überwinden? Wahrscheinlich nicht. Solche Ängste sind auch ganz natürlich. Das Problem sehe ich vielmehr darin, dass die Angst alles andere infizieren kann – alle anderen Lebensbereiche. Es fehlt vielen an der Fähigkeit zum Containement um ein Bild zu verwenden.
    Dieses Problem wird ja schon im Einstieg angesprochen

    Die Sekretärin M., die abends regelmäßig ein Glas zu viel trinkt, der Schüler D., der nicht mehr in die Schule geht, die Managerin S. mit den chronischen Magenschmerzen

    Nun könnte man sagen, eine Abspaltung verschiedener Lebensbereiche sei gar nicht möglich und sie ist tatsächlich für die meisten nicht möglich oder sie kennzeichnet gar den pathologischen Zustand, den man Dissoziaton nennt. Jedenfalls werden die Ängste vor dem Versagen gerade deshalb so gross, weil man Konsequenzen für das ganze Leben befürchtet.
    Mehr Gelassenheit könnte und muss bedeuten, dass man sich zugesteht, in diesem oder jenem Bereich versagt zu haben, doch dass dies nicht alles ist und nicht alles bedeutet.

  3. Pingback:Umleitung: Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur mit einem Augenmerk auf der Angst zu versagen. | zoom

  4. Die Angst zu versagen ist ein Erbe der Steinzeit, in der jeder Fehler Verletzung und/oder Tod bringen konnte.

    Auch heute ist das noch zum Beispiel beim Lenken eines Fahrzeuges so.

    Leider haben einige Menschen beim Lenken eines Fahrzeuges zu wenig Angst vor dem Versagen.

  5. Aber warum haben wir solch eine große Angst davor zu scheitern? Warum ist das Versagen für uns nur so bedrohlich? Was ist so schlimm daran, den beruflichen Aufgaben nicht immer gewachsen zu sein, durch eine Prüfung zu fallen, im Privatleben mal nicht seine Frau oder seinen Mann zu stehen?

    Eine mögliche Antwort darauf ist recht einfach: Das Eingeständnis nicht das zu tun, was der Betreffende eigentlich tun will, könnte durch das Scheitern erst klar werden.

    Insofern wäre die Angst vor dem Scheitern die verborgene Angst zu erkennen, dass nicht das getan wird, was eigentlich getan werden will.

    Wer das tut, was er will und kann, dies auch mit einer gewissen Leidenschaft tut, hat idR keine Angst vor dem Versagen. Nimmt es hin, als eher seltenes Vorkommnis, das primär mit dem Lauf der Dinge zu tun hat, jederzeit kompensiert werden könnte.

    MFG
    Dr. W (der ganz am Rande noch darauf hinweist, dass Fassbinder an dieser Thematik regelmäßig dran war)

  6. Lebensformen ohne die Angst vor dem Scheitern sind längst ausgestorben.
    Ungefähr 95 Prozent aller Lebewesen sind Paranoid.
    Deshalb sind die wild lebenden Lebensformen auch so scheu.

    Gehen Sie in der Nacht durch einen dunklen Park.
    Hinter ihnen knackt ein Zweig in einem Gebüsch.
    Sie umkrampfen ihren Regenschirm so, als wäre es eine AK-47.

  7. Es gibt natürlich mehrere Formen der Angst um zu versagen, hier gebe ich nur einige Beispiele:

    Die Angst, von seinen Mitschülern misshandelt zu werden,
    die Angst, von seinen Lehrern schlechte Noten zu erhalten, und
    die Angst, von seinen Eltern wegen der schlechten Noten kritisiert zu werden.

    Sebstverständlich ist auch die Angst dabei zu versagen, jemanden daran zu hindern, einen selbst umzubringen, eine ziemlich wichtige Angst.

    —–

    Nachtrag zur AK-47:
    Natürlich hast Du Angst.
    Sorge dafür, dass auch die anderend Angst vor Dir haben.
    Das gewährleistet dadurch eine konstante globale Paranoia.
    Awtomat Kalaschnikowa, obrasza 47:
    https://de.wikipedia.org/wiki/AK-47

    • Es gibt natürlich mehrere Formen der Angst um zu versagen, hier gebe ich nur einige Beispiele:

      Die Angst, von seinen Mitschülern misshandelt zu werden,
      die Angst, von seinen Lehrern schlechte Noten zu erhalten, und
      die Angst, von seinen Eltern wegen der schlechten Noten kritisiert zu werden.

      Die Furcht oder Sorge misshandelt zu werden ist keine “Angst vor dem Versagen”, die Furcht oder Sorge wegen Minderleistung kritisiert zu werden, ist keine “Angst vor dem Versagen”, die Angst , Furcht oder Sorge schlechte Noten zu erhalten, ist nur dann eine “Angst vor dem Versagen”, wenn die Lehrerschaft angemessen urteilt, was nicht sicher sein muss.

      Es sei denn die “Angst vor dem Versagen” wird dahingehend ausgebaut gefallen zu müssen und vor dem Nicht-Gefallen Angst entwickeln zu sollen.

      All dies kann auch vor dem Hintergrund einer seit einiger festzustellenden Angst-Gesellschaft betrachtet werden; wer in eine Situation gerät, in der es wirklich um die Rübe geht, empfindet oft -und sozusagen: auf einmal- keine Angst.

      MFG
      Dr. W

        • Richtig, die “Zivilisation”, und ihre Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung” zeigt, im Laufe der Globalisierung der “Entwicklungshilfe” zunehmend, auch den bewußtseinsbetäubten Wohlstandsbürgern im “Recht des Stärkeren” wo der Hammer hängt 😉

          Und trotzdem wird weiter systemrational funktionieren gepredigt!?

  8. Wenn man nicht versagt, sondern gewinnt und auch noch ein Medizinstudium erfolgreich beendet, dann kann man auch eine Arzt Stelle bei der Ärztezentren Deutschschweiz AG antreten. Das Unternehmen schreibt mehrere Arzt Stellenangebote in ihren Praxen in der Deutschschweiz aus. Es handelt sich um Arzt Stellen in der hausärztlichen Grundversorgung. Dies schließt den Arzt Job in leitender und nicht leitender Funktion ein. Weiterhin, eröffnet die Ärztezentren Deutschschweiz AG auch die Möglichkeit gewisse Stellen für Ärzte in Teilzeit zu besetzten.

  9. Ängste sind eigentlich ja eine Vorsichtsmassnahme der Natur, die uns das Überleben sicherte. Allerdings werden heute diese Ängste bewusst angesprochen. In der Politik und der geschürten Angst, dass an jedem Mülleimer in wenigen Momenten eine Bombe platzen könnte, … aber auch bei jedem Einkauf mit dem vorgegaukelten “halbleeren” Regal. Oh, da heisst es schnell noch zugepackt, sonst bekomme ich keines mehr ab bzw. sonst schnappt sich jemand anderes den Vorteil dieses Produkts. Verknappung – die künstliche – ist ein Spiel mit der Verlustangst der Zielgruppe.

    Ich rate mal jedem, zu einem Klassentreffen zu gehen, einer Reunion nach 20 oder mehr Jahren. Die damaligen Überflieger haben deutlich gestutzte Flügel und die Loser von damals haben alle ihren individuellen Weg gefunden. Die einen sind oft enttäuscht, die anderen wissen, dass sie mehr aus ihrem Weg gemacht haben, als alle drum herum jemals für möglich gehalten hatten.

    Verlust – und die Angst zu Versagen geht einher mit dem Verlust einer Möglichkeit, einer Chance, eines Traums … – ist nötig, um den Wert von Dingen, Taten und Geschehnissen richtig einschätzen zu können. Man darf sie nur eben als solche Notwendigkeit betrachten und sich nie entmutigen lassen, neu zu starten!

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