Stille Post

Psychologieblog

Wenn Sie als Kind auf Fotos intensiv lächelten, dann haben Sie gute Chancen, dass ihre Ehe hält. Und die Welt staunt: „Verblüffend ist, dass selbst das Foto-Lächeln von Fünfjährigen schon Rückschlüsse auf das spätere Eheleben zulässt.“ Und ich staune, dass sich auch Martenstein in der Welt zu Wort meldet, obwohl die Studie doch von Hertenstein stammt. Aber nicht nur in der Welt, sondern auch in der Bild und anderen Onlinenews ist statt Hertenstein ein Martenstein unterwegs.

Entschuldigen Sie die Abschweifung. Was haben die Wissenschaftler um Hertenstein denn nun untersucht? „Based on social–functional accounts of emotion, we conducted two studies examining whether the degree to which people smiled in photographs predicts the likelihood of divorce.“ Sie nehmen an, dass die Intensität des Lächelns auf Fotos etwas über die grundlegende Einstellung des Menschen aussagen kann: „Along with other theorists, we posited that smiling behavior in photographs is potentially indicative of underlying emotional dispositions that have direct and indirect life consequences (Keltner and Gross 1999).“ Vielleicht ja, nur warum wählten sie nicht einen näher liegenden Untersuchungsgegenstand wie positives Denken oder eine optimistische Lebenseinstellung oder das Kohärenzgefühl? Der gefundene Zusammenhang zwischen der Intensität des Lächelns auf Fotografien und einer späteren Scheidung ist zu hinterfragen, da in diesem Fall eine Menge Moderatorvariablen wirksam sind.

Hertenstein und Kollegen fanden medienwirksam heraus, dass die „smile intensity predicted whether or not participants divorced at some point in their lives. The less intensely participants smiled, the more likely they would be divorced later in life.“ Ein gefundenes Fressen für den Wissenschaftsboulevard:

  • Spiegel: „Lächeln soll Erfolg einer Ehe voraussagen.“
  • Bild: „Fröhliche Jugendliche haben später stabilere Ehen.“
  • Welt: „Lächeln eines Kindes sagt Eheglück voraus.“

Einer der häufigsten Fehler ist der Schluss von einer Korrelation auf Kausalität. Die Anzahl der Störche korreliert positiv mit den bundesdeutschen Geburten. Ebenso findet sich eine positive Korrelation von Schuhgröße und Lesbarkeit der Handschrift bei Schulkindern. Trotzdem glaubt heutzutage keiner mehr, dass der Klapperstorch die Kinder bringt. Auch der Zusammenhang zwischen Schuhgröße und Handschrift wird durch eine dritte Variable erklärt, das Alter. Ältere Schüler haben größere Füße und eine schönere Handschrift. Das sind sehr einfache Beispiele für Korrelationen ohne Kausalzusammenhang, um das zugrundeliegende Problem zu veranschaulichen.

Die Medien berichten mit Vorliebe über gefundene Korrelationen in einer Art und Weise, dass beim Leser der Eindruck eines direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhangs entsteht. Beispiele für diese Schlagzeilen finden Sie täglich fast überall. Das vorliegende Beispiel zeigt auch schön, wie sich die Schlagzeilen zunehmend verstärken, was die ursprüngliche Aussage der Forscher, die kritisch zu hinterfragen ist, noch zusätzlich unzulässig verallgemeinert. Aus „Lächeln auf Foto“ wird „fröhliche Jugendliche“ und aus Hertenstein Martenstein. Manche Medien spielen stille Post.

Quelle: Hertenstein, M., Hansel, C., Butts, A., & Hile, S. (2009). Smile intensity in photographs predicts divorce later in life Motivation and Emotion DOI: 10.1007/s11031-009-9124-6

(via)

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

3 Kommentare

  1. Stille Post

    Eigentlich fehlt bei solchem Unsinn nur noch ein “Experte”, der uns erklärt, dass das schon das Überleben unserer Spezies in der Savanne verbessert hätte. 🙂 Darwin muss ja dieses Jahr für alles und jedes herhalten.

    Ich finde es sehr gut, dass Sie an dieser Stelle einmal darauf aufmerksam machen, dass Korrelationen nicht gleich Kausalitäten sind. Wir suchen ja immer nach solchen Zusammenhängen, und man kann sie in den Medien viel leichter verkaufen als komplexe statistische Konzepte. Schade wenn Wissenschaftler einfach auf diesen Zug aufspringen, nur um auch mal in die Zeitung zu kommen.

  2. Sehr interessant, da habe ich mal wieder was dazu gelernt 🙂 Obwohl es ja bekannt ist, dass Medien gerne “Stille Post” spielen, denkt man im Alltag gar nicht so oft darüber nach. Man lässt sich doch sehr viel von den Medien beeinflussen, ob es nun wahr ist oder nicht, das spielt keine Rolle!!!

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