Schreibblockade

Psychologieblog

"… die Worte … zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze."*

Ha! Da hat Google Euch alle gefangen. Mitleidige Kreaturen, die einen Abgabetermin und ein leeres Dokument haben. Aber hier wird Ihnen geholfen. Sparen Sie sich das Googeln. Ich fasse für Sie die magere Ausbeute meiner eigenen verzweifelten Hilfesuche im Netz zusammen. Schämen Sie sich nicht, wenn Sie nicht wissen, worüber Sie schreiben sollen. Schreiben Sie einfach über Ihre Schreibblockade. Echte Schriftsteller tun dies mit Vorliebe. Ein klassisch solider Text darüber, wie Sie auf dem Stuhl sitzen und den Bildschirm anstarren, dürfte reichen. Man muss das positiv sehen.

Seien Sie sich nicht zu fein in der Sparte leichter Unterhaltung zu schreiben. Hier finden sich schnell gute Aufhänger, die nicht viel Recherche erfordern und ein vollendeter Schliff der Wortwahl vernachlässigbar ist. Schließlich haben Sie eine Familie zu ernähren. Und es muss ja auch nicht immer eine metaphysische Abhandlung sein. Denken Sie sich einfach irgendwas aus. Denn ein Text muss her. Schnell. Doch Vorsicht! Keinen Druck aufbauen! Dieser verstärkt die Blockade. Daher beruhigen wir uns erst einmal. Durchatmen. Nehmen wir uns kurz die Zeit für ein paar Stress mildernde Gedanken, um die Ruhe angesichts des Abgabetermins wieder herzustellen. Ich-muss-nicht-alles-100%ig-machen. Ich-lasse-mich-nicht-unter-Druck-setzen. Ich-lasse-mich-nicht-verrückt-machen. Jetzt bitte alle noch einmal ganz tief durchatmen und entspannen. So. Besser.

Die häufigste Empfehlung zum Thema Schreibblockade ist das einfache Drauflosschreiben, das freie Assoziieren. Angeblich eine gute Übung, um seine Muse wieder zu finden. Nur wo, verdammt noch mal, habe ich meine Muse gelassen? Vielleicht verlegt. Irgendwo verloren. Gestern war sie noch da und heute weg. Verschwunden. Irgendjemand hat sie bestimmt gefunden und ist mit ihr auf und davon nach Italien, ins süße Leben. Nur ich und mein Abgabetermin bleiben zurück. Einsam. Allein. Im Stich gelassen. Und das im November. Nebel. Nieselregen. Sterbende Blätter. Herbsttraurigkeit … Stop. Ja, sehen Sie wo es hinführt, dieses Drauflosschreiben? Den Gedanken freien Lauf lassen? In meinem Fall geradewegs in eine milde Form der Seasonal Affective Disorder. Nur ich, mein Abgabetermin und eine SAD.

Eine Schreibblockade kann verschiedene unterschiedlich schwerwiegende Erscheinungsformen haben, manchen Betroffenen fällt es nur schwer, einen Anfang zu finden, andere quälen sich Wort für Wort durch ihre Texte, während ihnen eine mündliche Wiedergabe des Inhalts nicht schwer fällt. Wieder andere werden schon beim Gedanken an die Anfertigung ihrer Arbeit oder beim Anblick ihres Computers oder Bildschirms von körperlicher Übelkeit oder Unruhe befallen, und schaffen es noch nicht einmal, das Schreibprogramm oder ihren Computer zu starten.

Ja, ja! Diese Symptome! Ich habe sie alle miteinander. Die Krankheit ist schon so weit fortgeschritten, dass ich einen ganzen Wikipedia-Absatz in den Artikel kopiert habe. Wahrscheinlich sieche ich schon im Endstadium dahin. Aber es ist ja gerade bei Schreibblockaden unheimlich wichtig, dass man nicht zu früh anfängt den Text zu korrigieren. Deshalb muss ich den Absatz aus therapeutischen Zwecken drin lassen. Da steht es nun schwarz auf weiß. Mit Google zu finden. Für die Ewigkeit. 

* Zitat von Hugo von Hofmannsthal

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

10 Kommentare

  1. Zusammenfassung

    Meine spontane Assoziation beim Lesen: Ich sag ja nix, ich red ja nur. 🙂

    p.s.: In meinem Dunstkreis ist SAD eine Standard Accretion Disk.

    Ciao,
    Andreas (KOSMOlogs)

  2. “Einfach drauflosschreiben”?

    Gar nicht gut. Genau wie der ganze andere Kram, den man so hört, von wegen mal was seichtes oder so. Das kannst du vergessen.

    Die Schreibblockade ist i.d.R. nur eine Formulierungsblockade. Also kehrt man auf die strenge Sachebene zurück: Aktuelles Paper nehmen, wesentliche Punkte zusammenfassen, Kontext darstellen, Bedeutung diskutieren. Provokanten Schlusssatz hintendran, noch mal drüber redigieren. In den Blog einstellen, fertig.

    Autor 1 – Schreibblockade 0

  3. @ Katja

    Ha!
    Erwischt!
    Da war (okkult) ein Zitat von Rilke drin!

    Herbsttag

    Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß/
    Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren/
    und auf den Fluren laß die Winde los.

    Befiehl den letzten Früchten voll zu sein/
    gieb ihnen noch zwei südlichere Tage/
    dränge sie zur Vollendung hin und jage/
    die letzte Süße in den schweren Wein.

    Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr/
    Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben/
    wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben/
    und wird in den Alleen hin und her/
    unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

    *schnüff, isses schön traurig*

    Also Lyrik als Antidot:

    Der Schreiber auf der Bude hockt/
    ist im Computer eingeloggt/
    hat gerade einen Text verbockt/
    weil ihn die Denkblockade blockt/
    Doch drückt er “Senden”, weil, wer bloggt/
    der denkt, er denkt, nur weil er schreibt…

    (ich drücke auf “absenden”)

    Quod erat demonstrandum.

  4. @Schwab

    Hallo,
    habe gerade Ihre letzten beiden Blogs gelesen. War fast so nett, wie mein gestriger Mondscheinspaziergang. Nur nicht so lang.
    Scheucht einen der Abgabetermin nicht in die Res Extensa und hält einen dort fest?

    Gruß Uwe Kauffmann

  5. Block adé!

    Liebe Katja Schwab:
    Mein Mitgefühl ist ihnen gewiss. Nur nützt das bei Schreibblockaden herzlich wenig. Darf Ihnen jemand, der selbst schon viele writer´s blocks erlebt und überwunden hat und die Arbeit mit Blockaden zu einem wichtigen Aspekt seiner Arbeit als Psychologe gemacht hat, drei Tipps geben?
    1. Noch meiner Erfahrung ist ein Grundproblem aller psychischen Blockaden (nicht nur beim Schreiben), dass man sie als sinnlos erlebt. Meine Erfahrung gerade mit Schreib-B ist, dass IN DER BLOCKADE DAS NEUE STECKT, NACH DEM MAN SUCHT – nur erkennt man es noch nicht (eben weil es “neu” ist). Hier hilft letztlich das Umpolen der ANGST vor dem “Mir fällt nichts ein, was ich schreiben könnte” in NEUGIER: “Was mag sich in dieser Blockade wohl interessantes NEUES verbergen?”
    Die beiden anderen Tipps betreffen einfache Schreib-Techniken:
    a. Das CLUSTER nach Gabriele Rico (eine exzellente Brainstorming-Methode, die mir schon viele Blockaden gelöst hat – Details unter “CLUSTER“)
    2. Die von mir entwickelte VIER-SPALTEN-METHODE (sie nimmt die Blockade ernst – und hilft sie dadurch lösen) – Details ebenfalls auf meiner Website unter “VIER-SPALTEN-METHODE
    Viel Spaß beim Schreiben und vor allem “Block adé” wünscht Ihnen
    Ihr
    Jürgen vom Scheidt

  6. Google “Schreibblockade”

    Hi Katja,

    “sparen Sie sich das Googlen” hast Du geschrieben. Von wegen: Grade hab ich’s ausprobiert – Du landest mit diesem Post schon auf Platz 10.
    Honi soit qui mal y pense 😉

    Und Helmut hat natürlich prompt meinen Lieblings-Rilke mit eingebracht!

    Gruß in die Runde

    Richard

  7. Thema ´umzingeln´

    Manchmal hilft es, ein Thema zu ´umzingeln´; d.h. aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
    Z.B. einige Stichpunkte nehmen und nachschauen, was verschiedene Lexika und Google bzw. Wikipedia sinnvolles und sinnloses dazu zu sagen haben.
    Vielleicht findet man dadurch einen Denkansatz, der die Schreibblockade löst.
    – – und wenn nicht, dann hat man wenigstens etwas Neues erfahren.

    Es hilft auch, mit anderen Menschen über das problematische Thema zu reden. Aus deren Reaktion ergeben sich neue Ansatzpunkte – oder auch nicht. (Möglicherweise reicht es auch schon aus, wenn Sie das Problem Ihrem Lieblingsteddy laut erzählen. Sie hören sich dann selbst und das gibt eine Rückkopplung im Gehirn.)

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