Grenzen der psychologischen Methodenlehre

Ich prognostiziere, ganz intuitiv und daher mit Sicherheit fehlerhaft: Wir Psychologen werden einmal vor einer riesigen Menschenmasse, per randomisierter Stichprobenwahl rekrutiert aus unseren Versuchspersonen, stehen und, wie Aristoteles es tat, rufen müssen: „Fasse mich, da ich dich nicht fassen kann.“

Zentrale Forschungsgebiete der Psychologie sind z.B. Wahrnehmung, Denken und Persönlichkeit. Und hier beginnt auch schon das Dilemma. Per Definition ist dies im Kern ein inneres Geschehen, welches in der behaviouristischen Black Box abläuft; und daher erstmal nur durch Selbstbeobachtung zu erfassen ist. Wobei die Paradigmenwechsel in der Psychologie den Schwerpunkt der Perspektive ändern und Entwicklung zulassen. Im Behaviourismus lernt der Mensch in erster Linie, die Kognitionspsychologen gehen zusätzlich davon aus, dass der Mensch denkt und mittlerweile werden ihm auch Gefühle zugestanden.

Fällt Ihnen etwas auf? Das kleine Wörtchen nur im vorhergehenden Absatz, von mir im ersten Augenblick spontan eingegeben, drückt das ganze Bedauern einer Wissenschaft darüber aus, dass die Methode der Selbstbeobachtung nach naturwissenschaftlichen Maßstäben nicht ganz so reliabel und valide ist, wie sich das ein empirischer Forscher wünscht. Zum Beweis zitiere ich an dieser Stelle einen kurzen Ausschnitt aus einem Prüfungsskript zur psychologischen Methodenlehre: „Problem beim Messen von Meinungen: Meinungen sind (im Gegensatz zu Verhalten) latente Variablen, also nicht direkt beobachtbar, die anhand von manifesten Variablen (z.B. Verhalten) erschlossen werden müssen. = indirekte Messung (beobachtbare Indikatoren + Messmodell nötig)“

Und schon stecken wir mitten drin in der Zwickmühle: Ganze Forschergenerationen an psychologischen Instituten forschten und forschen am sicheren Ufer, obwohl sie wussten und wissen – ein großer Nachteil – dass der sie interessierende Gegenstand wahrscheinlich in der Mitte des Sees zu suchen ist – nur kennen sie (noch) keine empirischen Methoden diesen im Kern zu ergründen. Aber der – immer wieder betonte – Vorteil ist eben, dass Psychologen nun auch ganz anerkannt experimentieren, beobachten, messen, prüfen und evaluieren können, und zwar ganz empirisch. Ins kalte Wasser springen, ist im Elfenbeinturm Wissenschaft nun mal ziemlich gefährlich.

Warum forscht die Psychologie so gerne im seichten Wasser am Strand? Ist es unter einer Palme auf dem Badetuch mit einem Caipirinha in der Hand etwa angenehmer? Warum entstehen Modelle, die auf so vielen bestimmten Bedingungen aufgebaut sind, dass sie entweder aufgrund des Aufwandes nicht praktisch durchführbar sind und es daher keine irgendwem bekannte Anwendung gibt oder die sich schon per Axiom hinsichtlich eines praktikablen Einsatzes ad absurdum führen?

Weil es geht? Meiner Beobachtung nach geht das auch häufig knapp daneben, vorbei am eigentlichen Untersuchungsgegenstand. In einer Prüfung beschlich einen schon mal das Gefühl, dass das Professoren-Gegenüber den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, obwohl es immer offiziell den Anschein hat, es wäre umgekehrt. Folie á deux, meine, á trois. Beisitzer darf nicht vergessen werden. Diese übersieht man ja leicht. Vielleicht übersieht man aber auch – zugegeben – manchmal den größeren theoretischen Zusammenhang, dem z.B. eine bestimmte komplizierte statistische Methode den Weg bereitet hat. Wo wären wir denn da, wenn auf einmal keine Freiheit der Wissenschaft, Forschung und Lehre mehr herrschte.

Trotzdem bleibt die Volksweisheit im Raum stehen: “Knapp daneben ist auch vorbei.“ Ein kurzer Blick auf den nächsten Stichpunkt im Prüfungsskript überzeugt uns endgültig von ihrer Richtigkeit: “Häufigste Methode zur Erfassung von Meinungen: Ratingskalen. Diese implizieren Vergleichbarkeit der Meinungen verschiedener Personen zu verschiedenen Objekten. Problematisch, da individuell unterschiedliche Maßstäbe -> in der Realität ist also nicht davon auszugehen.“ Aber wir denken uns trotzdem ein theoretisches Modell mitsamt Hypothesen und allem Pipapo aus, entwickeln ein umfangreiches Messmodell und führen dann kostenintensive Messungen und komplizierte Berechnungen durch? Nein, das mit der Anwendung lassen wir in diesem Fall einfach weg, das wäre aber auch wirklich zu aufwändig. Ein anderer Fall machte  seinerzeit einige Laborratten berühmt, weil sie ihren Versuchsleiter so konditionierten, dass er immer dann, wenn sie einen bestimmten Hebel betätigten, Futter in ihren Käfig tat.

Ach, es ist natürlich nicht alles schlecht. Nein, es gibt auch viele wirklich großartige Erkenntnisse und weise Schlussfolgerungen. Nur habe ich mich heute so sehr über die Wissenschaft Psychologie und ihre Jünger geärgert. Bitte verzeihen Sie – aber es musste doch auch einmal gesagt werden! Ich hoffe, Sie lassen in Anbetracht meiner Gemütsverfassung Milde walten und machen es besser als ich: empathisch, verständig, tolerant, gelassen und amüsiert diesen Beitrag lesen, konstruktiv in die Debatte einsteigen und nicht einseitig für oder gegen die Wissenschaft im Allgemeinen und Besonderen schimpfen.

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ‘grau ist alle theorie’

    hat schon mephisto gewusst und gelehrt – und also belehrt einen eifrigen ‘schüler’ im ‘studierzimmer II’. ein teil des himmels hat mittlerweile aufgeklart; und aufgeklärt kann sein, wer das hier liest – dieses mal nicht von altmeister goethe, sondern dem philosophischen jungstar dirk hartmann: ‘philosophische grundlagen der psychologie.’ passend erschienen in der wissenschaftlichen buchgesellschaft in darmstadt anno domini 1998
    mfg iwk


  2. Ich finde deine Gedanken super, auch wenn ich nicht alles auf Anhieb verstehe, und habe jetzt einfach das Gefühl sagen zu müssen: Klasse, Katja, jetzt stehst du auf einem guten Fundament – und trotz allem was du schreibst, die Liebe und die Kritik die du zu alldem hast und spürbar wird, machen deine Beiträge erst richtig wertvoll.
    Eigene Meinungen, Gedanken, Standpunkte – darin lerne ich – Menschen kennen.

  3. Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie!

    Frei nach Kurt Lewin.

    Die Methodenlehre ist im allgemeinen wohl nicht besonders beliebt bei Psychologen, dennoch wichtig. Wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten sollte meiner Meinung nach jeder Student lernen. Sonst drohen zum Beispiel: Nicht-verstehen-können von Studienergebnissen, eigene “Intuition” für die Wahrheit halten, und Dilletantismus.

    Gelassene Grüße!

  4. Praktisch: weil aus der Praxis für die Praxis

    Richtige Einsichten wie die von Kurt Lewin bleiben gültig; darauf ist man mittlerweile selbst in der Philosophie gekommen: der “methodische Kulturalismus” begreift Wissenschaft als methodisch geordnete und kontrollierte Hochstilisierung vorwissenschaftlicher Praxis, in der von jeher praktische Zwecke und Ziele verfolgt werden. Auch die sprachliche Darstellung methodisch gewonnenen Wissens in “Theorien” bleibt damit in praktische Zusammenhänge eingebettet. – Wie könnte es denn auch anderes sein, wenn man nicht “abolut(istisch)” denkt: von allem “losgelöst”?!

  5. Woher stammt Erkenntnis und Verständnis?

    Die alten Griechen, wie auch andere Kulturen, entwickelten unglaublich komplexe Zusammenhäbge und Weltanschauungen aus sehr wenig bestehendem Wissen und messbaren Daten. Die großen Lehrer vergangener Jahrhunderte verstanden es Wissen in Geschichten zu verstecken, der einfache Mensch nachvollziehen konnte. Ich denke an Homer oder Shakespear. In diesen mehr oder weniger einfachen Geschichten offenbart sich die Tiefe des menschlichen tuns. Heute wissen wir unglaublich viel, doch leider findet man kaum noch Menschen, die überhaupt noch wissen was alles in der Welt gewusst wird. Der Gebildete letzer Epochen war meist universell ausgerichtet. Was heißt eigentlich Universität? Wohl nicht Bildungsstätte für Hochspezialisten um nicht zu sagen Zuchtstätte für weltfremde Fachidioten.
    Breites Wissen aus sehr vielen Wissensgebieten ist nötig um Zusammenhänge zu verstehen. Verständnis ist verknüpftes Wissen.
    Leider ist viel zu oft zu beobachten, dass der Einzelne viel zu sehr emotional an seinen Fachgebiet gebunden ist, dieses vergöttert und gegen andere Fachgebiete verteidigt. Um ein allgemeines Verständnis unserer Welt zu erlangen ist es sehr hilfreich uns mit den großen Glaubensschriften wie der Bibel, den alten und neuen Philosophen und den gropen Denkern wie Goethe oder Kant zu beschäftigen. Neue Erkenntnisse aus den Gebieten der Physik oder der Gehirnforschung zu ignorieren bedeutet aber einen Kampf 2008 anzutreten mit den Mitteln aus den letzten Jahrhunderten. Bildung wie sie heute angeboten wird ist leider viel zu oft nicht auf der Höhe der Zeit. Das was heute gelehrt und breit publiziert wird, und hier meine ich die wissenschaftlichen Magazine für alle, die Themen der populären Wissenschaftssendungen im Fernsehen aber auch die Inhalte an den Hochschulen sind meist Schnee von Gestern. Bis bahnbrechende Erkenntnisse von Einzelnen erkannt und wahrgenommen werden vergehen nicht selten 10 bis 20 Jahre. Bis diese dann als allgemeines Wissen gelten vergehen 50 bis 60 Jahre. Wir sollten eingefahrenen Denkfehler sofort über Bord werfen und Neues nur nach kritischer Prüfung in unser Netzwerk einbauen. Aber vor allem sollten wir damit aufhören andere Fachgebiete als zu bekämpfende Konkurrenz zu verstehen, sondern als wertvolle Unterstützung zum Erwerb universellen Verständnisses. Wer Autobiografien von Menschen, die großes entdeckt und erdacht haben liest, der versteht wie neue geniale Gedanken wachsen.
    Erkenntnis bedeutet aus Wissen, Beobachten und Denken die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Verständnis ist verknüpftes Wissen. Intuition ist verknüpftes Wissen des Unterbewusstseins. Unser Unterbewusstsein schöpft sein Verständnis aus der ganzen Breite allen Wissens, dass wir im Leben gesammelt haben.
    Dieter Past

  6. Sehr guter Artikel!!

    Sehr guter Artikel!! Es ist wirklich gut das Psychologie immer weiter erforscht wird, doch dass man auf Grenzen stoßt wird sich warscheinlich nicht ändern.

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