Marode Moral bei müden Menschen

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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Konstruierte moralische Zwickmühlen gibt es viele. Im Kern geht es meistens um die passive oder aktive Entscheidung, ein Menschenleben zugunsten mehrerer Menschenleben zu opfern. Im Zuge der politischen Debatte im Umgang mit Terrorismus gewinnen solche und ähnliche Fragestellungen an Bedeutung.

Amerikanische Wissenschaftler um William Killgore vom Walter-Reed-Forschungsinstitut konfrontierten ausgeschlafene und müde Probanden, denen 53 Stunden der Schlaf verwehrt wurde, mit moralischen Dilemmata.

Sie befinden sich in einem überfüllten Rettungsboot, um Sie tobt ein schrecklicher Sturm. Das Boot schwankt gefährlich hin und her. Es ist nur eine Frage der Zeit bis es kentert und alle seine Insassen in die tosenden Fluten und den sicheren Tod reißt. Wenn Sie allerdings kurzerhand einen der Passagiere über Bord werfen, könnten Sie damit sich und den Rest der Mannschaft retten. Entscheiden Sie sich – jetzt!

Dass Schlafmangel sich negativ auf unser Gedächtnis und unsere Konzentrationsfähigkeit auswirkt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Müde Versuchspersonen brauchten für ihre Entscheidung wesentlich länger als ihre wachen Kollegen, während sich bei Entscheidungen ohne moralischen Aspekt keine Zeitverzögerung zeigte.

Moralische Entscheidungen zu treffen ist eine komplizierte Angelegenheit:”Sie verlangen nicht nur eine gut abgestimmte Mischung aus Gefühl und Verstand, sondern sie müssen obendrein auf dem Hintergrund persönlicher, religiöser und kultureller Werte gefällt werden.” Der Verstand allein würde nicht zögern und einen Unglücklichen über die Reling stoßen, würde das Gefühl nicht ein starkes Veto einlegen.

Die Rolle des Mittelmanns scheint der ventromediale präfrontale Kortex zu übernehmen, indem “Gefühle, die im limbischen System entstehen mit unseren rationalen Anwägungen verschaltet werden”. Ist diese Gehirnregion schwer beeinträchtigt, übernimmt der Verstand das Ruder und rettet – mit einer Ausnahme – alle Schiffbrüchigen.

Die Arbeit des ventromedialen präfrontalen Kortex scheint “bereits nach einer schlaflosen Nacht” beeinträchtigt. Gehirnscans zeigten dort stark abnehmende Nervenaktivität. Schlafmangel kann unter Umständen zu Entscheidungen führen, die man in ausgeschlafenem Zustand so nicht getroffen hätte.

Quelle: Psychologie Heute, “Wenn die Moral ein Nickerchen hält”, Okt. 2007, 34. Jahrgang, Heft 10
Wissenschaft.de Müde Moral bei Schlaflosen
William Killgore et al (Walter-Reed-Forschungsinstitut der US-Armee, Silver Spring). Sleep, 1. März 2007

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

1 Kommentar

  1. Moral und Humor?

    Die gleiche Gruppe hat in 2006 übrigens schon den Effekt von Schlafentzug auf den Humor untersucht — und gleichzeitig mit Stimulanzien der Müdigkeit entgegen gewirkt.

    Andere Frage: Ist es moralisch, Soldaten so lange den Schlaf zu verwehren, damit sie moralische Probleme lösen?

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