Mangelnde Zivilcourage – ein Erklärungsversuch

„Nach einem Sturz mit seinem Mountainbike ist ein 14-jähriger Bub mit schweren Kopfverletzungen auf einem Radfahrstreifen in St. Martin im Mühlkreis gelegen. Obwohl mehrere Autolenker vorbeifuhren, hielt kein einziger an, um Hilfe zu leisten.“

  1. So banal es klingt: Um zu helfen müssen wir erstmal erkennen, dass jemand Hilfe braucht. Stürzt ein übergewichtiger oder alter Mann zu Boden hat er bessere Chancen auf Hilfe als ein schlanker junger Mann, weil eine Herzattacke im ersten Fall wahrscheinlicher erscheint, die Situation eindeutiger ist (Staub, 1974). Auch Hilferufe des Betroffenen erleichtern die Erkenntnis, dass man gebraucht wird (Yakimovich & Saltz, 1971).
  2. Paradox, aber wahr: Je mehr Menschen sich in der Nähe einer hilflosen Person befinden, d.h. je mehr Menschen helfen könnten, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand etwas unternimmt. Es kommt zu einer so genannten Diffusion der Verantwortung. Niemand fühlt sich ausreichend verpflichtet, um hilfreich einzuschreiten (Bierhoff, Klein & Kramp, 1990).
  3. Man schätzt (auch) in einer Notsituation unbewusst das Kosten-Nutzen-Verhältnis ein: Wie hoch ist mein Einsatz? Gefährde ich mich möglicherweise selbst? Wie hoch ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass meine Hilfe erfolgreich ist? Wie groß wird das gute Gefühl sein, wenn ich erfolgreich helfen kann? Wie groß das schlechte Gefühl, wenn ich jetzt einfach weitergehe? Solche Gedanken gibt man ungern zu, doch Studien in einer U-Bahn haben gezeigt, dass plötzlich zusammenbrechenden Passagieren seltener geholfen wurden, wenn sie aus dem Mund bluteten oder eine entstellende Narbe im Gesicht hatten (Piliavin, Piliavin & Rodin, 1975).

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Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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