Fairness & Gerechtigkeit (Spielrunde 1)

Moral, Gerechtigkeit, Fairness – allesamt höchste Werte, nach denen sich das Streben lohnt. Jeder hat eine intuitive Vorstellung von ihnen und handelt möglichst in Einklang mit ihr. Doch die wenigsten Situationen stellen uns vor einfache Entscheidungen. Moralisches, gerechtes, faires Verhalten ist häufig mit einem persönlichen Verlustrisiko verknüpft.

Damit kennen sich die Spieltheoretiker aus und konstruieren verschiedene Variationen eines Dilemmas, das ihre Opfer zu Entscheidungen zwingt. In der klassischen Version werden die Spieler gebeten einen Betrag ihres gegebenen Budgets in eine Gemeinschaftskasse einzuzahlen. Diese wird vom Spielleiter verdoppelt und in gleichen Teilen an die Teilnehmer ausgezahlt. Gewinn und Verlust sind vom kooperativen Handeln des Einzelnen abhängig. In verschiedenen Variationen dieses Experiments versuchen Forscher kooperatives bzw. egoistisches Verhalten zu ergründen.

Die Forscher um Fehr, Professor am Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Zürich, untersuchen den Gerechtigkeitssinn als „mächtigen Alltagsinstinkt, Gegenspieler unseres Strebens nach eigenem Nutzen, Triebfeder unserer kulturellen Evolution“. In seiner Spielvariante bekommt ein Spieler ein Budget von 100 Euro, von dem er seinem Spielpartner eine selbst gewählte Summe anbieten muss. Wenn dieser das Angebot annimmt, dürfen beide Spieler das Geld behalten. Lehnt er allerdings ab, gehen beide leer aus. Die knappe Mehrheit bietet ungefähr die Hälfte des Budgets an und handelt fair nach dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden.

Interessant ist nun die Reaktion des Gegenübers, dem ein unfaires Angebot unterbreitet wird. Der vernunftgeleitete Mensch mit Blick auf die eigene Gewinnmaximierung müsste auch einen Euro annehmen, denn wenig ist besser als gar nichts. So rechnen allerdings nur wenige Versuchsteilnehmer und zeigen einmal mehr wie wenig der Mensch seine Entscheidungen nach dem ökonomischen Prinzip zur Maximierung seines persönlichen Nutzens trifft.

Unsere Entscheidungen folgen nicht immer den Regeln des Homo oeconomicus, sondern sind von Emotionen beeinflusst. Viele Probanden sanktionieren ihren Spielpartner, in dem sie dessen unfaires Angebot ausschlagen, obwohl das mit einem persönlichen Nachteil verbunden ist, weil sie laut Spielregel ebenfalls leer ausgehen. Ist unser Gerechtigkeitsempfinden verletzt, machen sich negative Emotionen wie Ärger und Wut bemerkbar. Es ist eine Genugtuung das unmoralische Angebot abzulehnen und damit unkollegiales Verhalten zu bestrafen. „Rache ist süß“,  signalisiert die erhöhte Aktivität im Nucleus accumbens.

Für die Hirnforscherin Knoch ist die menschliche Fähigkeit, das Selbstinteresse zurückzustellen ein Meilenstein zivilisierten Lebens. Die Normen bedingter Kooperation werden nicht nur durch rechtliche Vereinbarungen und Strafandrohung aufrechterhalten, sondern auch durch unser kulturell geprägtes Gerechtigkeitsempfinden.

Quelle: Gehirn & Geist „Die Wurzeln des Fairplay“, 6/2003 von Klaus Manhart
Geo „Der bessere Egoist“, 10/2007 von Ines Possemeyer

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Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Für die Hirnforscherin Knoch ist die menschliche Fähigkeit, das Selbstinteresse zurückzustellen ein Meilenstein zivilisierten Lebens”
    Na, es gibt sie ja doch noch, die guten Nachrichten. Es bleibt spannend.

  2. Gefühle oder doch rationale Handlung?

    Der Text behauptet das es sich bei der Ablehnung um Rache aufgrund von negativen Gefühlen handelt.
    Hat eine Bestrafung nicht auch im ökonomischen Sinn einen Wert? Kompensiert das Wissen den Gegenüber im Sinne der allgemeinheit erzogen zu haben nicht den Verlust der sehr geringen Geldmenge?

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