Konformität

„Die Neigung zur Konformität ist ein Grundelement menschlichen Handelns und Urteilens.“ (Zimbardo)

Jeder Psychologiestudent kennt die Konformitätsexperimente von Solomon Asch (1951–1956). Dass wir uns in mehrdeutigen Situationen an anderen Menschen orientieren, ist nicht verblüffend (Sherif, 1935: Mehrheitseinfluss und der autokinetische Effekt). Aber die Experimente von Asch sind beeindruckend und haben die Forschung zum Thema beflügelt. Asch lud sieben Studenten zu einem Experiment zur visuellen Diskrimination ein. Von den Teilnehmern war nur eine echte Versuchsperson dabei, die anderen Studenten waren eingeweiht und gaben bei jedem Durchgang eine vorher festgelegte Antwort ab. 18 Mal wurden die Versuchspersonen gebeten, einzuschätzen, welche von drei Vergleichslinien genauso lang ist wie die Referenzlinie. Die Aufgabe war sehr leicht und die richtige Antwort eindeutig. In den ersten sechs Durchgängen gaben die eingeweihten Versuchspersonen korrekte Antworten ab, um die Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden. In den letzten zwölf Durchgängen gaben sie einmütig eine falsche Linie an.

Die Ergebnisse sind ein beeindruckender Beweis für den Einfluss einer einstimmigen Mehrheit auf das Urteil eines Einzelnen. 95 Prozent der Versuchspersonen in der Kontrollgruppe machten keinen einzigen Fehler in den Durchgängen. In der Experimentalgruppe, unter dem Einfluss der Mehrheit, machten nur 25 Prozent keinen einzigen Fehler. 28 Prozent machten über acht Fehler von zwölf möglichen und der Rest lag zwischen ein und sieben Fehlern.

Auch dieser Mitschnitt der berühmten amerikanischen Fernsehsendung Candid Camera in den 60igern spielt mit dem Einfluss der Mehrheit:

Quelle: Stroebe, Jonas, Hewstone (Hrsg., 4. überarb., erw. Auflage, 2003). Sozialpsychologie – eine Einführung. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag.
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Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Nützlichkeit dieses Verhaltens, liegt möglicherweise darin, dass dadurch Entscheidungen und Reaktionen beschleunigt werden, vor allem zwischen Alternativen, die nahezu gleichwertig sind und deshalb sonst endlos umstritten sind.

  2. „Die Neigung zur Konformität ist ein Grundelement menschlichen Handelns und Urteilens.“ (Zimbardo)

    Mag sein, doch ist mir die Nonkonformität lieber. Mit der Meute fleißig IA und Amen zu schreien, ist meine Sache nicht -den “Studien” zum Trotze!

  3. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber erinnere mich dunkel, dass in weiteren zahlreichen Variationen dieses Experiments auch die Selbsteinschätzung bzgl. konformen oder nicht-konformen Handeln vor Durchführung des Experiments erfragt wurde. Ich entsinne mich noch schwach, dass die meisten Menschen annehmen, dass sie zu den 25 Prozent gehören, die dem falschen Einfluss der Mehrheit trotzen. Na klar, wer will denn schon so ein Schaf sein, dass falschen Mehrheitsentscheidungen folgt, obwohl es die richtige Antwort kennt? Ich glaube, die Ergebnisse zeigten deutlich die Widersprüche im Selbstbild vieler Probanden auf. Sobald ich Zeit habe, werde ich das mal nachrecherchieren …

  4. @ adenosine

    In den Asch-Experimenten war die richtige Antwort tatsächlich ziemlich eindeutig. Ursachen für das Verhalten der meisten Probanden, die falsche Antwort der Gruppe zu übernehmen, werden in zwei unterschiedlichen Arten des Einflusses gesucht:

    1. normativer Einfluß: Individuum paßt sich der Meinung der Majorität an, um Sympathie und Anerkennung zu erhalten und Ablehnung zu vermeiden.
    2. Informationseinfluß: Individuum beugt sich dem Gruppendruck, da es dem Urteil der Gruppe mehr vertraut als seiner eigenen Meinung

    In den Asch-Experimenten ist der normative Einfluß von größerer Bedeutung als der Informationseinfluß.

    Update zur Selbsteinschätzung (was ich mittels kurzer Suche finden konnte): Es wurden Interviews mit den Probanden NACH dem Experiment geführt und viele von denen, die sich der Meinung der Mehrheit nicht anschlossen, hatten großes Vertrauen in ihre eigenen Urteilsfähigkeiten. Aber alle beeinflussten Versuchspersonen unterschätzten die Häufigkeit ihrer konformen Reaktionen. (ich recherchiere später weiter …)

  5. @ Schwab

    “…obwohl es die richtige Antwort kennt?”

    Man muß die richtige Antwort nicht unbedingt kennen und dennoch in der Lage sein, bei Mehrheitsentscheidungen ein Unbehagen zu verspüren. Esel werden nicht zu Pferden, auch wenn die Mehrheit die Hände hebt. (->Antisthenes)

  6. Des Königs neue Kleider

    In diesem (doch sicher bekannten?) Märchen ist nur das Kind fähig zu sagen: “Der König hat ja gar keine Hosen an”.

    Das Kind in sich bewahren macht den Nonkonformisten, der nicht “Heil Hitler” brüllt, sondern eher ins Konzentrationslager kommt, wie der von mir hoch verehrter Georg Elser.
    (Wer den Namen noch nicht kennt, kann sich googlnd schlau machen.)
    S.R.

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