Von der Ausweitung der Kampfzone

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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Konflikte sind unvermeidbar für jede Form des Zusammenlebens. Der Berühmteste aller Konfliktforscher in Europa, Dr. Friedrich Glasl, hat mehrere Bücher publiziert, die nach wie vor als Standardwerke zum Thema Konfliktmanagement gelten. Wer sich beruflich mit dem Thema beschäftigt, kommt am Eskalationsmodell von Glasl nicht vorbei. Glasls Abwärtsspirale der Konfliktentwicklung sorgt in Seminaren für leise Reflexion. Viele fragen sich insgeheim, welche Stufe sie bereits in ihren vergangenen Konflikten erklommen haben.

Wie bei so vielen Konflikten eskaliert die Situation im Video schnell und die Beteiligten agieren hochgradig irrational. Glasl beschreibt die aufsteigende Entwicklung einer Eskalation anhand von neun Stufen, die in je 3 x 3 Ebenen unterteilt sind.

Die erste Ebene enthält die Stufen Verhärtung, Debatte und Polemik und Taten statt Worte und ermöglicht eine Win-Win-Situation für beide Parteien. Wird bereits in dieser Ebene interventiert, ist eine konstruktive Konfliktlösung am wahrscheinlichsten. 

1. Verhärtung: In der Auseinandersetzung verhärten sich die Standpunkte. Die Konfliktparteien entwickeln gegenüber dem anderen innere Vorbehalte. Die Kommunikation leidet unter selektiven Verzerrungen.

2. Debatte und Polemik: Die Standpunkte werden zementiert und polarisiert. Die Konfliktparteien tendieren dazu in Extrempositionen zu rutschen. Eine zunehmend selektive Wahrnehmung sorgt dafür, dass die Anliegen nicht mehr vorurteilsfrei angehört werden. Aggressive Untertöne schleichen sich stärker in die angeblich höflich und korrekt geführte Auseinandersetzung um einen Sachverhalt. Jede Seite will mittels Polemik ihre intellektuelle Überlegenheit beweisen und nutzt argumentative Schwachstellen, um die Gegenpartei auf emotionaler Ebene zu verunsichern. Unbeteiligte werden erstmals als „applaudierendes Publikum“ in den Streit hineingezogen. Aber immerhin ist auf beiden Seiten nach wie vor eine Gesprächsbereitschaft vorhanden.

3. Taten statt Worte: Nach vielen erfolglosen Gesprächen kommen die Beteiligten langsam zu der Überzeugung, dass Worte keine Lösung sind und handeln. Sobald Taten das Geschehen bestimmen, beobachten sich die Konfliktparteien mit Argwohn, und das Misstrauen wächst. Deshalb kommt der nonverbalen Kommunikation hier eine spezielle Bedeutung zu. Die Beteiligten achten stärker auf Körperhaltung, Gestik und Mimik. Zudem formieren sich die Menschen erst in dieser Phase zu echten Gruppen und erste Gruppeneffekte stellen sich ein (Wir-Gefühl, Konformitätsdruck).

Die zweite Ebene umfasst die Stufen Images und Koalitionen, Gesichtsverlust und Drohstrategien. In dieser Ebene kann mit externer Hilfe, zum Beispiel einem Mediator, eine weiterführende Eskalation verhindert und eine konstruktive Konfliktlösung gefunden werden.

4. Images und Koalitionen: Das Einfühlungsvermögen in die andere Gruppe reduziert sich dramatisch. In dieser Stufe dominiert bereits das negative Bild von der Gegenseite die jeweilige Wahrnehmung. Die Selbst- und Fremdbilder festigen sich und werden auch bei Abweichungen nicht korrigiert. Im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird nur das gesehen, was mit der eigenen Wahrnehmung übereinstimmt. Unbeteiligte der Konfliktsituation werden umworben, um die Gruppe zu stärken.

5. Gesichtsverlust: Während in der vierten Stufe noch die mangelhaften oder irritierenden Verhaltensweisen der Gegenpartei den Kern des Feindbildes ausmachten, glauben die Konfliktgegner nun die zugrunde liegenden wahren und destruktiven Absichten durchschaut zu haben. Der Glaube an die moralische Integrität der Gegenpartei ist zerstört. Das eigene Selbstbild erhöht sich, während das Feindbild ins Animalische verzerrt wird. Jetzt sind gezielte Angriffe an der Tagesordnung. Die Entlarvung des Anderen ist zu einer moralischen Pflicht geworden.

6. Drohstrategien: Die Forderungen werden mit negativen Sanktionen versehen, sollte die Gegenpartei nicht nachgeben. Das Ganze ist flankiert mit Beweisen, dass die negative Konsequenz auch tatsächlich erfolgen wird. Durch an die Forderungen geknüpfte Ultimatums steigt der Zeitdruck und somit der Handlungszwang. Die Parteien tendieren zu Überreaktionen, die auch für das Umfeld gefährlich werden.

Die dritte Ebene vereint die letzten drei Stufen Begrenzte Vernichtungsschläge, Zersplitterung des Feindes und Gemeinsam in den Abgrund und endet in einer Lose-Lose Situation. Hier kann keine Partei mehr gewinnen und die Kosten sind für alle Konfliktpartner sehr hoch.

7. Begrenzte Vernichtungsschläge: Den Drohungen folgen Handlungen. Der Konfliktgegner wird entmenschlicht. Es geht nur noch darum, dass der Schaden für den anderen größer ist als der eigene. List und Lüge werden zu Kriegstugenden umgedeutet.

8. Zersplitterung des Feindes: In dieser Stufe geht es um die Zerstörung des Feindes, entweder materiell und/oder psychisch, so dass keine Regeneration mehr möglich ist.

9. Gemeinsam in den Abgrund: Hier ist den Konfliktparteien jedes Mittel recht, um den Gegner zu vernichten, auch wenn das zur eigenen Vernichtung führt. Der eigene Untergang kann als Gewinn verbucht werden, wenn der Gegner mit in den Abgrund gerissen wird.

Quelle: "Selbsthilfe in Konflikten" von Friedrich Glasl (4. überarb. Auflage, 2004), Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

8 Kommentare

  1. Kommentar

    Nach einem Konflikt muss ich mich immer irgendwie verwöhnen.
    Auf jeden Fall kenn ich jetzt mein Mittel wie ich Konflikte angehe.
    Danke dafür

  2. @Katja: Fragen

    Leider kenne ich Glasl Veröffentlichungen nicht und anderen wird es ebenso gehen. Vielleicht hilfst du mir mit ein paar Antworten weiter:

    Wie kommt Glasl dazu, seine 3×3 Ebenen einzuführen? Gibt es eine Statistik und wie wurde sie gewonnen? Wurden auch Aussagen der Streithähne berücksichtigt? Gibt es Bedingungen, unter denen diese Ebenen benutzt werden und solche, wo dies nicht der Fall ist? Werden immer alle Ebenen benutzt oder können auch welche ausgelassen werden?

    Eigentlich finde ich nicht, daß dein Video ein Beispiel ist für eine 3×3 Ebenen. Weder werden alle benutzt, noch wird das Video durch die Ebenen gut beschrieben. Aber darauf kommt es vielleicht nicht an.

  3. @Elmar

    Das Video soll keineswegs die 9 Stufen von Glasl demonstrieren, sondern einfach nur in die Thematik einführen.

    Heute habe ich keine Zeit mehr, um alle Deine Fragen zu beantworten. Ich schau’ noch mal am Wochenende in die Bücher, weil ich das auch nicht alles im Kopf habe und vielleicht schreibe ich dann direkt noch einen zweiten Beitrag.

  4. Konfliktmanagement

    Interessanter Artikel, mich würde interessieren, in welchen Situationen, welche Ebene zum Einsatz kommen sollte, nach psychologischen Aspekten.

  5. Deeskalationsstrategien

    Glasl weist den verschiedenen Eskalationsstufen folgende Strategiemodelle zur Deeskalation zu:

    * Stufe 1–3: Moderation
    * Stufe 3–5: Prozessbegleitung
    * Stufe 4–6: sozio-therapeutische Prozessbegleitung
    * Stufe 5–7: Vermittlung / Mediation
    * Stufe 6–8: Schiedsverfahren / Gerichtliches Verfahren
    * Stufe 7–9: Machteingriff
    (flink aus der Wikipedia geholt)

    Ich schreibe noch mal einen eigenen Beitrag zu dem Thema, in dem ich auf alle Fragen eingehe. Dauert wahrscheinlich ein bisschen länger bis ich dazu komme …

  6. Konflikte

    Ich verstehe kein englisch, aber in diesem Video “Dead at the Mall” brauchte ich nichts verstehen. Es erinnerte mich an Rambo III, auf der einen Seite ein Kampfhubschrauber auf der anderen Seite ein Panzer. Literatur und Filme sind voller solcher “aggressiven Verhandlungen”. Mir scheint, als wenn die Gewalt allgegenwärtig zunimmt.
    Auf welcher der Ebenen sind wir wohl in unserer Welt angekommen?
    Manchmal sehe ich Berichte, wie in sogenannten Pilotprojekten an Schulen Anti – Gewalt – Training durchgeführt wird; scheint nur nicht viel Verbreitung zu finden.
    Eine Frage hätt ich noch, ist Glasl verständlich, auch wenn man nicht Psychologie studiert hat?

    Melanie

  7. Hallo Melanie,

    meiner Einschätzung nach sind Glasls Bücher verständlich. Sein Buch “Selbsthilfe in Konflikten” wendet sich an alle, die innerhalb von selbstverwalteten Organisationen verantwortlich tätig sind und enthält u.a. auch Konzepte und Übungen zum Thema.

  8. Kommentar

    Leider regeln viele Menschen u.a. besonders Jugendliche ihre Konflikte mit Gewalt.
    Es sollte doch auch gehen, denn nur wer anders handelt zeigt Stärke.

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