Finger weg von meinen Vorurteilen!

Dass Frauen Heulsusen sind und Männer die besseren Manager dürfte wohl schon Anfang des letzten Jahrhunderts klar gewesen sein. Die Meinung der Palästinenser über die Israelis (und umgekehrt) hat sich wohl auch seit Jahrzehnten nicht verändert. Und dass Berliner Taxifahrer ein unfreundliches Volk sind hält sich auch ganz gut in meinem Kopf.

Dabei heißt es doch, dass sich Stereotype und Vorurteile durch direkten Kontakt reduzieren (Allport, 1954). Und diesen Kontakt gab es ja wohl genug, im Nahen Osten, in unseren Schlafzimmern und wenn wir keine Lust hatten auf die U-Bahn zu warten.

– ich will meine Stereotype behalten!

Schublade auf, Schublade zu – und schon ist unsere soziale Umwelt aufgeräumt und wir können uns Wichtigerem widmen.

Berliner Taxifahrer sind unfreundlich. Da bringt ein Exemplar, mit dem ich mich gestern wider Erwarten ganz nett unterhalten habe, wieder alles durcheinander. Das ist mir bisher noch nicht passiert – ich war irritiert.

Damit wir uns von unseren bequemen (und durchaus nützlichen) Stereotyp nicht verabschieden müssen, tun wir Folgendes:

  1. Inkonsistente Information wegerklären: Wahrscheinlich hatte dieser Taxifahrer gerade im Lotto gewonnen und es war sein letzter Tag. Es gibt viele mögliche Erklärungen, warum gerade dieser Taxifahrer freundlich war – ich bin nicht davon überzeugt, dass die Gattung der Berliner Taxifahrer Freundlichkeit zu ihren herausragenden Eigenschaften zählt.
  2. Spezifische Untergruppen bilden: Wahrscheinlich war dieser Taxifahrer gar kein echter Berliner, sondern nur zugezogen. Und die sind eigentlich immer sehr nett und kommunikativ. Ich lerne, zugezogene Taxifahrer sind sehr umgängliche Typen, aber Vorsicht für den echten Berliner Taxifahrern.
  3. Ausnahmen bestätigen die Regel: Wahrscheinlich hatte ich einfach Glück und den einzigen freundlichen Taxifahrer in ganz Berlin erwischt. Aber die anderen…

Puh. Geschafft. Es herrscht wieder Ordnung in meinem Schubladensystem. Ich wusste doch, dass Berliner Taxifahrer unfreundlich sind.

Dass die Kontakthypothese trotzdem ihre Berechtigung hat, soll mit diesem Artikel nicht gänzlich bestritten werden – dazu mehr im nächsten Beitrag zu Stereotypen.

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Berliner Taxifahrer sind ein unfreundliches Volk

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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