Der digitale Ruf

 „Fremde Fehler beurteilen wir als Staatsanwälte, die eigenen als Verteidiger.“ In diesem Sprichwort versteckt sich der fundamentale Attributionsfehler. Diese Wahrnehmungsverzerrung beschreibt die allgemeine Tendenz der menschlichen Spezies dispositionale Faktoren für die Entstehung von Ereignissen verantwortlich zu machen und den Einfluss situativer Elemente zu unterschätzen. Klingt komplizierter als es ist. Im Alltag begegnet uns der fundamentale Attributionsfehler recht häufig: Kommt zum Beispiel eine andere Person zu spät, nehmen wir an, dass sie unpünktlich ist, während eigenes Zuspätkommen der deutschen Bahn zugeschrieben wird.

Motivationale Erklärungsversuche begründen dieses Verhalten mit dem Wunsch unsere Umwelt kontrollier- und vorhersagbarer erscheinen zu lassen (Miller, Norman & Wright, 1978). Demnach ist es für uns angenehmer, Geschehnisse des Alltags auf stabile Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen als einzugestehen, dass der Zufall wirksam gewesen sein könnte – oder die verdammte Bahn mal wieder Verspätung hatte.

Es gibt immer mehr Menschen, die ihre Erfahrungen nicht nur ihrem besten Freund erzählen, sondern auch der digitalen Öffentlichkeit mitteilen. Ob offline oder online, der Leser wird die Textschnipsel eher auf die Persönlichkeit des Autors als auf die Umstände zurückführen. Mit schlechter Laune am Morgen sollte man sich einen Blogbeitrag zweimal durchlesen bevor man ihn mit einem lustlosen Klick in die öffentliche Wahrnehmung befördert. Denn der Leser wird hinter einem wütenden Kommentar eher eine wütende Persönlichkeit vermuten als die Schuld für den Ärger in den kleinen Widrigkeiten des Lebens zu suchen.

Und das geht vielleicht nicht nur irgendeinem Leser so, sondern vielleicht auch der Person, die über Ihre Einladung zum Bewerbungsgespräch entscheidet. Eine Umfrage des Jobportals Careerbuilder unter 3100 Personalmanagern in den USA ergab, dass die Personaler nicht nur Google nutzen, sondern dass sich bereits jeder Fünfte gezielt in virtuellen Netzwerken wie Facebook und MySpace über die Bewerber informiert und nach folgenden Hinweisen sucht:

  • 41 Prozent suchen nach Hinweisen auf Alkohol- oder Drogenkonsum.
  • 40 Prozent interessiert, ob sie dort diskreditierende Fotos in den Profilen finden.
  • 29 Prozent schätzen so die kommunikativen Fähigkeiten ein.
  • 28 Prozent fahnden nach übler Nachrede über Ex-Arbeitgeber oder -Kollegen.
  • 27 Prozent achten auf falsche oder zweifelhafte Qualifikationen.
  • 22 Prozent schrecken unprofessionelle Profilnamen ab.
  • 21 Prozent suchen nach Links, die etwa auf kriminelles Verhalten hinweisen.
  • 19 Prozent achten darauf, ob vertrauliche Informationen des letzten Arbeitgebers preisgegeben werden.

  (via Karrierebibel)

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Und das geht vielleicht nicht nur irgendeinem Leser so, sondern vielleicht auch der Person, die über Ihre Einladung zum Bewerbungsgespräch entscheidet.”

    Das verstehe ich sehr gut, will sagen: ich verstehe die Angst, die das Mitteilen eigener Erfahrung in der Öffentlichkeit verbietet. Aber bedenken Sie: wenn Sie es nicht tun, so tun es andere. Es geht ja auch darum mitzuteilen, daß auch Gedanken möglich sind, die jenseits von RTL und Bild liegen.

  2. Viel Lärm um nichts

    Wer eine gehobene, verantwortliche Position einnehmen will, ist dafür nicht geeignet, wenn er/sie Alkoholiker ist, lügt, schnell beleidigend wird oder gar vertrauliche betriebliche Informationen in der Öffentlichkeit preis gibt.

    Insofern ist das Verhalten von Arbeitgebern/Personalchefs gut nachvollziehbar, dass sie sich vorab informieren um einen möglichen Schaden von der eigenen Firma abzuwenden.

    Aber man muss sich fragen – auf wieviele Leute solche negtiven Eigenschaften wirklich zutreffen?

    Bloß, weil man einen wütenden oder ironischen Kommentar abgegeben hat, braucht man keine Angst zu haben (sofern dieser nicht beleidigend war); dass der eigene Ruf beschädigt wird.
    Es ist manchmal eher Ruf schädigend, wenn jemand gar nichts oder nur nichtssagendes zu einem bestimmten Thema zu sagen hat.

  3. @ KRichard

    Sie bestätigen doch den Effekt, der im obigen Beitrag beschrieben ist. Ein Foto mit einem Bier auf einer Party macht den Protagonisten noch nicht zum Alkoholiker: “Wer eine gehobene, verantwortliche Position einnehmen will, ist dafür nicht geeignet, wenn er/sie Alkoholiker ist, (…)” Und natürlich ist das Verhalten des Personalers nachvollziehbar, nur wie valide ist die Suche nach Anhaltspunkten in den so genannten Social Networks? Ich wollte nur darauf hinweisen, dass eine Person, die in Facebook oder MySpace z.B. Fotos von wilden Studenten-Partys online veröffentlicht, Gefahr läuft aufgrund des fundamentalen Attributionsfehlers nicht als Partygast (Situation), sondern als Akoholiker (Persönlichkeit) wahrgenommen zu werden, überspitzt formuliert.

  4. @Katja Schwab

    Man sollte die Personalchefs nicht unterschätzen.
    Wer einmal auf einer wilden Party fotographiert wird (als Gast oder Teilnehmer), hat deshalb seinen Ruf nicht ruiniert. Deswegen ist man noch lange kein Alkoholiker.
    Wenn eine Person aber immer nur auf Fotos von Gelagen auftaucht – und sonst nirgendwo – dann gibt dies Grund zum Nachdenken.

  5. @all

    Hallo,
    ich denke mal, das sich eine andere Art von Öffentlichkeit ausbilden wird und der soziale Umgang durch die Verbreitung es Internets in einen Wandel gerät.
    In zwanzig Jahren werden wir uns wohl anders über dieses Thema unterhalten.

    Es ist ja auch eine Frage wie privat ist man denn im Internet? Es gibt ja inzwischen technische Möglichkeiten, auch jenseits des Usernamen unerwünscht an die Daten, die man lieber im Verborgenem gesehen hätte zu kommen.

    Die Welt gerät in Bewegung, auch die soziale!

    Gruß Uwe Kauffmann

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