Die neue Nachhaltigkeit

Psychologieblog

Unsere Markthalle. Alt-urige Berliner Kiezgröße mit ehedem liebevoll angegammelten Ständen, hinter denen die Händler ihre Waren feilboten. In den engen Gängen der verwohnten Halle herrschte ein unorganisiertes und reges Treiben. Bis eines Tages alle Händler auf den umliegenden Platz ausgelagert wurden, um der Markthalle einen frischen Anstrich zu geben. Eines anderen Tages war sie eröffnet und das schmuddelig-heimelige Antlitz war weg und zum Unglück meiner Kinder sind mit ihm auch alle Bagger, Raupen, Schubkarren, Transporter und Laster wie vom Erdboden verschwunden.

Und da steht sie nun und strahlt hygienisch reine Freundlichkeit aus. Orientiert am Design von Wellnessoasen versprüht unsere Markthalle nun eine Mischung aus Wohlfühlen und Gesundheit. Es wirkt ein bisschen zu sehr inszeniert, ein bisschen zu sehr gewollt, damit sich Heimatgefühle entwickeln. Der neu konzipierte Gourmetweg (früher: Fresstrasse) besteht zu großen Teilen nicht mehr aus Currywurst, sondern garantiert biologischen Nahrungsmitteln in allen Variationen. Im Obergeschoss Fare Trade Coffee und im Untergeschoss biologischer Latte Macchiatto, biologische Nudeln, biologische Salate, Wraps, Crepes … Als eine an Ernährungskunde nur mittelmäßig interessierte Person glaube ich daran, dass Bio-Milch besser als normale Milch ist, die wiederum besser als H-Milch ist. Und weil Bio gut ist, sind die Produkte teurer und deshalb auch besser. Ein gewissenhaftes Milchmädchen rechnet noch einmal nach: Plus und Minus und Plus ergibt Plus. Doch mittlerweile frage ich mich in Anbetracht der garantiert biologisch unbegrenzten Produkt-Palette, ob es nicht eher ein Halo-Effekt ist, der da um das Wörtchen „Bio“ herumwabert. Nicht nur Lebensmittel können „garantiert biologisch“ sein, sondern auch Reinigungsmittel, Textilien und Möbel. Und dank Bio-Sprit werden die Nahrungsmittel dann noch teurer. Da fragt man sich als ahnungsloser Verbraucher, ob man es in einigen Fällen nicht mit einer unlauteren Ausweitung des Begriffes zu tun hat. Auch über die Nachhaltigkeitskampagnen vieler Unternehmen muss man sich wundern. Mit Flugmeilen und Biertrinken den Regenwald retten … Man ahnt, da stimmt was nicht: Umweltschutz war noch nie sexy. Obwohl es ernsthafte Versuche gibt, dies zu ändern.

Moderner Ablasshandel oder besser als gar nichts?

Die Frage ist auch, werden Kampagnen im Namen der Corporate Social Responsibility für niedere Zwecke ausgenutzt oder werden so tatsächlich nicht anderweitig finanzierbare wertvolle Spenden gewonnen? Und wenn man schon fliegen muss, dann wenigstens umweltbewusst?

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

5 Kommentare

  1. Normal

    Das ist doch normal, daß bei Trends das Pendel über schlägt. Und daß (fast) jeder auf der Welle des Trends mitschwimmen möchte. Ich finde den Bio-Trend gar nicht mal schlecht. So kommt man einfacher an bessere Nahrungsmittel und für die Natur ist es sicher auch besser, wenn sie nicht so gnadenlos ausgebeutet wird. Nachteilig ist, daß man sich informieren muß, sonst bekommt man nur ein Trendprodukt angedreht, was nicht besser, sondern nur teurer ist. Allerdings weiß ich nicht, ob das so weitergeht. Die Inflationsrate ist enorm und damit der Druck billigere Produkte zu kaufen.
    Bei mir im Laden kamen die Bio Kartoffeln (das Herkunftsland wechselt) aus Ägypten. Dann habe ich zwar Bio Kartoffeln, aber für den Transport war einiges an Energie nötig.

    Wahrscheinlich ist es das Beste sich nicht allzuviel Gedanken drüber zu machen, sonst wird man des Lebens nicht mehr froh. Irgendwo ist dann die Kapitulation angebracht. 😉

  2. Bio-Standards

    Bio-Lebensmittel kommen meistens aus Ländern außerhalb der EU und eine Recherche über die Bio-Standards und Kontrollmaßnahmen der Einhaltung einzelner Länder ist zeitraubend und dem Verbraucher nicht zu zumuten. Ein Bekannter, der sich beruflich mit der Materie beschäftigt, empfahl lieber auf das Herkunftsland zu achten als auf den Bio-Stempel, wenn es um gesunde Ernährung geht.

  3. Herkunftsland

    Warum sollte man auf das Herkunftsland achten? Wegen der Transportwege oder weil in manchen Ländern die Qualität der Produkte nicht gut ist? Wenn letzteres zutrifft, welche sind denn die “guten” Länder?

  4. MArkthalle

    Übrigens wenn man in den neuen Supermarkt im neuen Gesundheitszentrum stolpert und normale Milch sucht, stößt man auch erst einmal nur auf Bio-Milch. Der ganze Bio-Krempel ist doch erst einmal Abzocke, was das gesundheitliche anbelangt, außer vielleicht bei Salat oder es geht einem darum ökologisch nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen. Finde die MArkthalle trotzdem schöner, zeitgemäßer als das alte Muff-Ding von vorher.

  5. Kompliziert

    Im Falle dieser Markthalle hat man ja nun ersmtal eine alte Kiezgröße vor dem Aus bewahrt, indem man der in näherer Umgebung angesiedelten Öko-Fanatie Rechnung getragen hat und somit dem Wellness orientierten, Bio lebenden, Passiv Haus besetzenden und politisch korrekt denkendem Menschen ein neues Walhalla auf dem Weg zur ökolgischer Ausgeglichenheit gegeben hat.

    Sogesehen retten wir im Moment ein Stück Kreuzberg durch den Konsum überteuerter intransparenter Bio-Produkte – wir retten uns ein Stück Regenwald mitten in der Stadt und verhelfen einem Stück Stadtgebiet den Ablasshandel auf ein neues Level zu heben, um dadurch die Kiezwirtschaft wieder (erfolgreich) anzukuppeln.

    Contra-Bio Einkommen werden damit für Pro-Bio Waren ausgegeben, damit dann die Nutznießer diese Gewinne wiederum in Contra-Bio Investitionen stecken können, aus denen dann wiederum ein Teilbetrag in Pro-Bio “Corporate Social Responsiblity” Projekten den Menschen und Mutter Natur zurückgegeben wird.

Schreibe einen Kommentar