Die Aura des Optimismus

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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„Ich will das.“
„Ich kann das.“
„Ich schaff’ das.“ dh

Manche Menschen (lust)wandeln umhüllt von einer schützenden Aura der Zuversicht durchs Leben. Sie sind im Großen und Ganzen zufrieden mit sich und ihrer Umwelt und blicken optimistisch in die Zukunft. Manchmal möchte man ihnen die rosarote Brille von der Nase reißen und sie mit der grausamen Realität konfrontieren.

Tatsache ist: Der positiv verklärte Blick färbt die Wirklichkeit nicht nur schön, sondern verändert sie tatsächlich.
Eine positive Grundeinstellung zum Leben steht in empirischen Zusammenhang mit Gesundheit, Leistung und Lebenserwartung.

Die Sonnenseite: Das Gute sehen

Eine Frage der Wahrnehmung: Wie interpretieren wir unsere Erfahrungen? Was erwarten wir von unserer Zukunft?

  1. Attribution Optimisten sehen in Erfolgen eher das Ergebnis ihrer Fähigkeiten und begründen Misserfolge eher mit ungünstigen Umständen. Pessimisten suchen die Ursache für Misserfolg eher in ihren Charaktereigenschaften und interpretieren Erfolg als Glückssache.
  2. Selbstwirksamkeit Das Gefühl die Kontrolle über das eigene Handeln zu haben ist ein 20mal besserer Prädiktor für Glück als das Einkommen.

Studien mit Säuglingen und Kindern legen nahe, dass cirka 25 Prozent der positiven Grundeinstellung angeboren ist. Zum Glück ist der größte Teil aber erlernt, durch

  • Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse
  • Rollenmodelle
  • Überzeugung und Vertrauen in uns von anderen
  • Signale des Körpers

Die Schattenseite: Optimismus als milde Form des Größenwahns

Einige unverbesserliche Optimisten schwelgen in allzu rosigen Zukunftsvisionen. Daher strengen sie sich weniger an und planen weniger, um ihr Ziel zu erreichen. Da sie keine Hindernisse erwarten, haben sie auch keine Strategien, um Widerstände zu bewältigen.

Unrealistischer Optimismus lässt sich gut in der Wirtschaft beobachten: 80 Prozent der Start-up-Unternehmen erreichen ihre Ziele nicht und drei Viertel aller Unternehmensaufkäufe zahlen sich nie aus. Besonders Manager neigen oft zu positiv überzogenen Prognosen. Hier paart sich ausgeprägtes Selbstbewusstsein mit dem politischen Druck, positive Ergebnisse zu präsentieren.

Optimismus kann auch in eine gefährliche Sorglosigkeit münden. Da der hundertprozentige Optimist überzeugt ist, dass nur die anderen krank werden, verzichtet er möglicherweise eher auf Kondome und raucht genussvoll.

Da wir Deutschen aber (zu Recht?) 2005 vom Meinungsforschungsinstitut Gallup mit dem Titel
„Pessimimus-Weltmeister“ ausgezeichnet wurden, kann uns ein bisschen mehr positives Denken nicht schaden.

Also setzt öfter mal die rosarote Brille auf – diese Farbe steht jedem! Ein zeitloses Must-Have.

Quelle: Geo. 10/Oktober 2006 – empfehlenswert

(kat)

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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