Schall und Rauch

Das Recht auf Abhängigkeit!?

Bald ist es soweit. Die Frist naht. Die Klappe fällt. In Berliner Bars und Restaurant darf nicht mehr geraucht werden. Ein Gesetz, welches mit Grummeln und in Resignation vom Tresenpersonal hingenommen, sogar akzeptiert wird.

Warum erhitzt diese Debatte nicht die Gemüter der rauchenden Bürger? Es geht hier um die Existenz ihrer unverzichtbaren Verdauungszigarette nach einem guten Essen. Den genussvollen Zug bei einem guten Glas Rotwein. In der Öffentlichkeit. Wobei ein Spiegel-Artikel die Leser mit dieser Information aufrütteln müsste: „In der Stadt Belmont bei San Franciso zum Beispiel, herrscht bald das härteste Rauchverbot der Welt. Von Dezember an dürfen nur noch Bewohner freistehender Einfamilienhäuser rauchen. In allen anderen Wohnungen, und natürlich auch in öffentlichen Gebäuden und Parks drohen empfindliche Strafen.“ Doch ein empörter Chor der Raucher bleibt weitestgehend aus. Dabei ist die Debatte in Deutschland interessant. Von einer „therapeutischen Wohlstandsgesellschaft“ spricht der Soziologe Sofsky. Alles zugunsten der Gesundheit auf Kosten von Genuss und Exzess. Ein empfindlicher Eingriff in die persönliche Freiheit.

Oder ist ein Rauchverbot die sinnvolle Maßnahme des Staates sich selbst und seine Bürger vor einer Droge zu schützen, die eine Gesellschaft krank macht. Ein Teil der Raucher scheint diese extrinsische Motivationsstütze durchaus zu begrüßen. Ergeben seufzen sie mit Blick auf die verschwindenden Euros: „Wenn das nun auch noch kommt, hör’ ich auf.“ Der richtig harte Kern der Tabakfreunde kann nun auch nicht flehentlich an die Öffentlichkeit gehen und die Obrigkeit bitten: „Nehmt mir mein Geld, aber nicht meine Sucht.“ Soweit sind wir im Bio-Boom mittlerweile, dass Rauchen allgemein hin von einem Zeichen der Stärke zu einem der Schwäche verkümmert ist. Wenn auf die entstandenen Kosten aufgrund der Gesundheitsbeeinträchtigung hingewiesen wird, entgegnen die in den letzten Zügen hängenden Raucher schwach: „Das bezahlen wir mit der Tabaksteuer und einem früheren Tod.“

Auch die Klagen der Passivraucher werden durch Untersuchungen bestätigt: „In Folge von eingeatmeten Tabakqualm sterben demnach jedes Jahr mehr als 2000 Nichtraucher an Herzkrankheiten, etwa 800 kommen durch Schlaganfälle ums Leben und etwa 300 durch Lungenkrebs oder chronische Lungenerkrankungen.“ (Dt. Krebsforschungszentrum Heidelberg)

Trotzdem bleibt die Frage des Umgangs. Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit der Lösung des Problems. Manchmal wurde eine Verkürzung der Krankenkassenleistungen diskutiert oder die Vorschläge gehen in die Richtung von Sofskys therapeutischer Sicherheitsgesellschaft; in denen z.B. gefordert wird, dass auch Sportunfälle aufgrund des Risikoverhaltens aus dem Leistungskatalog gestrichen werden. Sofsky: "Als standardisierte Untertanen werden wir nur noch alkoholfreie Getränke ohne Zucker – und ohne Geschmack – zu uns nehmen, selbstverständlich nicht rauchen. Wir werden uns in die Augen sehen und fragen: Wo ist der Rausch geblieben?" Ein Rausch allerdings ist das Rauchen bei den wenigsten. Viele Raucher erklären, dass ihnen ihre Abhängigkeit zuwider ist. Sollte man Menschen also durch Verbote und Bestrafung staatlich schützen?

Quelle: Sofsky, W.: "Verteidigung des Privaten". Verlag C.H. Beck,

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Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das mit dem Rauchverbot ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert. Ein Eingriff in die persönliche Freiheit ganz sicher aber auch die Notwendigkeit als Staat seine Bürger zu schützen. Wie sollte man aus diesem Dilemma heraus kommen?
    Selbst ich als ‘nicht-mehr’-Raucher habe zu dieser Sache ein zwigespaltenes Verhältnis. So sehr ich mir wünschen würde, dass Zigaretten-Qualm bitte aus jedem Speiselokal verschwinden sollte so seltsam mutet mir die Vorstellung an, eine Kneipen-Tour durch den Hamburger Kiez und man kommt nachhause und die Kleidung ist nicht von Rauchgestank durchtränkt. Es würde irgendwie tatsächlich etwas fehlen.
    Tatsächlich bin aber auch ich froh, dass ich es vor einigen Jahren geschafft habe nach 12 Jahren vom Qualm loszukommen. Und trotzdem: Ab und an sehne ich mich sogar noch nach der Zigarette zum Espresso.

  2. Abhängig im sozialen Miteinander

    Beim Rauchverbot in öffentlichen Räumen in Deutschland geht es doch nicht darum, irgendwelche vermeintlichen Freiheiten einzuschränken. Sondern schlicht um den Schutz derer, die dazu gezwungen werden, in der Umgebung von Rauchern Gifte zu sich zu nehmen. Wozu nun diese mühsam konstruierte Diskussion um hohe Werte? Wer rauchen möchte, soll das einfach tun, nur bitte ohne Mitmenschen damit rücksichtslos krank zu machen. Das gilt für alle Genuss-/Suchmittel. Wer sich betrinken möchte, tut das, ohne seinen Gästen Alkohol zwangsweise einzutrichtern; wer spielsüchtig ist, zwingt anderen nicht deren Geld in den Spielautomaten etc.

    Alle anderen Komponenten des Rauchens, wie die angebliche Gemütlichkeit, die vermeintliche Geselligkeit etc. sind nur alte, schlechte, unsoziale Gewohnheiten. Ein Fortschritt, dass man heute soetwas denken und sagen darf!

  3. Rauchen und die Allmächtigkeit des Staates

    Rauchen ist eine Form der Körperverletzung -soviel ist wahr. Wenn ich allerdings in einer Kneipe sitze, wo alle rauchen, die Bedienung aber das Rauchen verbieten muß, weil sie fürchtet, daß zivile Kontrollen mit Strafe drohen, egal, ob die Strafe auch erfolgt -so ist dieses wieder ein Schritt in die Heiligkeit des Überwachungsstaates. Wo kommen wir eigentlich hin, daß wir wieder einmal sagen müssen: “Bitte micht am Telefon”, “Bitte nicht hier und nicht jetzt, denn vor der Tür steht der schwarze Mann, der dir eine Nummer auf deine Stirn drückt”!

  4. Nachtrag

    Wenn Schäuble glaubt (und damit meine ich nicht Schäuble an sich und für sich, sondern die Kinder jenes Geistes, die sich auch in ihm zu Worte melden), die “Welt” (Was ist das überhaupt?) an den Rollstuhl ihrer Sterblichkeit binden zu müssen (Rauchen KANN, muß aber nicht zum Tode führen, Autofahren KANN, muß aber nicht zum Tode führen, Sport KANN, muß aber nicht zum Tode führen), so ist das nicht mein Problem, sondern das Problem der Welt an sich und für sich -Ahamen!

  5. Schall und Rauch

    Als Raucher und Mensch der zufällig in diese Gesellschaft hineingeboren wurde !
    Die innerliche Verabschiedung ist dafür Verantwortlich.Es berührt mich nicht, aus welchen
    Gründen habe ich noch nicht herausgefunden.
    Zum auswandern keine Ernergie, zum Selbsmord keinen Mumm und vorm Sterben keine Angst.
    Durch den Chemiecocktail in der Nahrung der schleichenden Vergiftung sowieso ausgesetzt.

  6. Nichtraucherdasein?!

    Hallo, Frau Schwab. Ich bin ein 1964 Baujahr, habe nie geraucht ausser in den Jahren 1995- 1996. 60 Zigaretten am Tag, ich arbeitete damals als selbständiger Unternehmer. Da muß MAN rauchen, wegen der sozialen Komponente. Das schlimmste an dem jetzigen Diskurs ist, weil das Wort es schon sagt es geht hin und her. Meine Persönliche Meinung ist. Ja was eigentlich ich bin Nichtraucher.

    Ich bin übrigens immer noch Unternehmer und habe gerade heute auf einem Geburtstag (70 Jahre wurde die Dame) neben Rauchern gesessen. Die gehen aber draußen rauchen. Da das interessante Leute sind (soziale Komponente) habe ich mich mit nach draußen gesellt. Und was habe ich da getan? Ich habe eine Friedenspfeife geraucht. Alles in allem eben viel Rauch um nichts. Das Leben muß eben eine gesunde Mischung sein.

    MfG Rene Clauss

  7. Freiheit

    Für den Raucher ist es eine Einschränkung nicht mehr in Gaststätten usw. rauchen zu dürfen. Ein Stück weniger Freiheit. Aber was ist mit den Nichtrauchern, deren Freiheit durch den Qualm eingeschränkt wird? Wie oft ging mir das auf den Nerv, wenn man beim Essen diesen Qualm ertragen muß. Muß ich das? Und wie die Klamotten am nächsten Tag nach einer Kneipentour stanken. Ne, das brauche ich wirklich nicht. Diese Umweltverpestung muß nicht sein. In diesem Falle begrüße ich es, daß der Staat bei diesem Interessenkonflikt eingegriffen hat.

    Das Rauchen mit einer Kürzung der Krankenkassenleistung zu erschweren, ist für mich Blödsinn. Es geht ja eh wieder nur ums Geld. Dann soll der Staat besser die privaten Krankenkassen auflösen. Die Besserverdienden dürfen sich ruhig mal solidarisch zeigen. Dann geht es den KK auch wieder besser.

  8. “Recht auf Abhängigkeit”

    Selbstverständlich gibt es ein “Recht auf Abhängigkeit”, wie es das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung als “Freiheit des Menschen, sich für die Krankheit zu entscheiden” definierte (BVerfGE 58, 208 (224ff)). Doch geht es aktuell nicht um die Sanktion von Rauchern, sondern um den Schutz von Nichtrauchern, hier Angestellten in Bars und Restaurants. Daher geht Ihr Beitrag leider am Thema vorbei. Viel eher paßte ein Vergleich zu Arbeitern in Bergwerken, Lackierereien oder Zementfabriken.
    Zum Thema selbst kann ich nur sagen, dass ich aus Gründen der Vernunft das Gesetz gutheiße und auf Spannung auf diverse Änderungen warte, so daß ich auch weiterhin überall und ungestört weiter rauchen kann.

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