Christliche Halbwahrheiten

Psychologieblog

Vor langer Zeit habe ich mich ausgiebig mit den Weltreligionen beschäftigt, um Antworten zu finden. Vor kurzem holte mich der Glauben wieder ein. Meine Schwiegergroßmutter fragte mich wegen einer Grundsatzentscheidung zu einer Taufe. Ich stammelte irgendetwas von "hm, hm, mal sehen…" und wurde vorerst verschont. Mit meinem christlichen Halbwissen bin ich keiner dogmatischen Glaubensdiskussion gewachsen.

Doch damit bin ich nicht allein. Edmund Stoiber von der – wir wissen es alle – christlich sozialen Union hielt eine Hommage auf die "prägende Kraft der zehn Gebote" und antwortete auf die Frage, welches Gebot für die Gesellschaft das Bedeutendste sei "die Nächstenliebe". Vielleicht war das eine sehr diplomatische und clevere Antwort … Jedenfalls wissen die bibelfesten Bürger unter uns, dass sie nicht explizit in den zehn Geboten erwähnt wird.

Politische Entscheidungen werden in einigen Fällen mit religiösen Gründen untermauert, manchmal sogar gerechtfertigt. Dass diese Verknüpfung nicht unproblematisch ist, zeigt ein Blick in die Historie.

Der Autor Schmidt-Salomon nimmt die zehn Gebote unter die Lupe und zieht sein Fazit:

Sie lassen sich aus heutiger Perspektive vielmehr mit drei wenig schmeichelhaften Begriffen charakterisieren, nämlich als trivial, unzulässig vereinfachend sowie offen reaktionär.

Trivial seien sie, weil es sich um für jede funktionierende soziale Gruppe selbstverständliche Verhaltensweisen handele. Vereinfachend seien sie, weil sie zu blindem Folgen von Verhaltensrichtlinien aufrufen, die einer komplexen Welt nicht gerecht werden. Und reaktionär wirken sie, weil einige Gläubige sie auch heutzutage als verbindliches Regelwerk betrachten. "Dies hat" laut Schmidt-Salomon "zur Folge, dass inhumane kulturelle Normen der Vergangenheit (bspw. Frauenunterdrückung, Homophobie) mit dem Schein des >Heiligen<, das heisst des >Unantastbaren<, in die Gegenwart übertragen werden."

Harte Worte, die ich in dieser Deutlichkeit noch nie in einer Debatte über das Christentum gehört habe und die sicher das Potential innehaben, einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Doch vielleicht sind sie notwendig, um wieder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der christlichen Religion anzuregen. Oder um darauf hinzuweisen, dass man auch einfach mal die Klappe halten sollte, wenn man nur über christliches Halbwissen verfügt – so wie ich.

Klappe zu!

Quelle: Zeit Wissen, Nr.5/2006, Michael Schmidt-Salomon: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

(kat)

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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