Sehnsucht nach der Ferne

Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, dann packt mich die Sehnsucht nach fernen Ländern. Genau wie das Gefühl der Melancholie schmeckt die Sehnsucht bitter und süß zugleich. Meist zielt unsere Sehnsucht auf die Grundmotive im Leben. So oft es Zeit und Geldbeutel erlaubten, gab ich ihr nach und zog in die Ferne. Und viele dieser Reiseerlebnisse zähle ich heute zu prägenden Erfahrungen in meinem Leben. Doch es war auch schon damals so, dass man die ausgelatschten Pfade anderer Backpacker noch ein wenig breiter trat. Aber man schleppte noch über Kilometer seine Habe mit sich herum auf der Suche nach einer ungewissen Unterkunft. Der eigene Schweiß sorgte für die Illusion von Abenteuer und die eigene Ahnungslosigkeit für das befriedigende Gefühl, einen tiefen Blick in das Erleben fremder Kulturen zu bekommen und etwas zu verstehen. Es gab noch keine erkennbare Infrastruktur, die speziell auf die Bedürfnisse des Individualtouristen ausgerichtet war.

Ganz anders an der Ostküste Australiens. Ein Busunternehmen speziell ausgerichtet auf die Zielgruppe des Rucksacktouristen chauffiert bequem von A nach B. Die Hostels stehen in erbitterter Konkurrenz um Kundschaft und bieten fast alle einen kostenlosen Abhol- und Bringservice an. Ich hätte auch einen riesigen Koffer dabei haben können, denn ich habe summa summarum meinen Rucksack für cirka fünf Minuten getragen. Die Unterkünfte sind komfortabel und an der Rezeption wird man über die möglichen Aktivitäten informiert und kann seine Tage durchplanen. Und abends wird gefeiert. In den ersten Tagen fiel es mir schwer den Unterschied zu einem Cluburlaub zu erkennen. Und dann fand ich ihn in Gesprächen mit den Reisenden.

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch durch Reisen.“ (J. W. Goethe)
 
Interviews mit Reisenden (Teil 1)

*

Vinicius sitzt in der Bahn neben mir und schreibt in seinem Tagebuch – in Englisch. Weil er im Auftrag seiner Firma in Australien zwei Monate lang sein Englisch verbessern soll. Es entspinnt sich ein Gespräch über die kulturellen Unterschiede. Die Bahnfahrt war lang und so entwickelte ich in Zusammenarbeit mit Vinicius als erstem Teilnehmer ein kleines Interview.

1.) Warum hast Du Dich für das Herumreisen mit dem Rucksack entschieden und nicht für eine Pauschalreise?
2.) Was erwartest Du Dir von dieser speziellen Art des Reisens?
3.) Glaubst Du, dass sich Deine Sicht auf die Welt durch die Reise verändern wird?
4.) Was hast Du über Dich / Deine Persönlichkeit während des Reisens gelernt?

Vinicius aus Rio de Janeiro, Brasilien, 23 Jahre, Ingenieur

Zu 1) Natürlich ist das Herumreisen mit dem Rucksack weitaus billiger als ein Hotelaufenthalt. Außerdem will ich Menschen aus unterschiedlichen Ländern treffen und die Kultur Australiens kennen lernen.
Zu 2) Vor allem die Unterschiede zwischen der brasilianischen und der australischen Kultur interessieren mich. Ich will was lernen, „be a better person“. (lacht)
Zu 3) Auf jeden Fall, ich beobachte so genau wie möglich was in Australien besser funktioniert als in meinem Heimatland und möchte das Wissen mit nach Hause nehmen. Ich bin gewohnt die Dinge so zu machen wie ich es seit meiner Kindheit gelernt habe, wie es jeder in der brasilianischen Gesellschaft macht, hier sehe ich dass die gleichen Dinge anders gehandhabt werden und sogar besser funktionieren. Ich habe die Chance neue Wege auszuprobieren.
Zu 4) Die australische Kultur ist von meiner sehr verschieden. Ich musste lernen geduldig zu sein, wenn Sachen anders geregelt wurden als ich es gewohnt bin. Ich bin gezwungen mit Fremden auszukommen, die andere Werte haben, andere Prioritäten setzen. Teilweise musste ich mich einfügen und ein anderes Verhaltensmuster lernen. Ich bin dankbar für diese Erfahrung.

Ein Pärchen sitzt mit uns an einem Tisch und das Thema Fallschirmspringen erhitzt unsere Gemüter. Katie hat für die Reise ihren Job gekündigt, Cesar arbeitet bei der Luftfracht und hat fünf Monate Urlaub beantragt, und tatsächlich bekommen. Sie kommen aus den USA und sind nun für zwei Monate in Australien unterwegs und fliegen dann weiter. Im Verlauf waren die beiden so nett mir die vier Fragen zu beantworten.

Katie & Cesar aus England, 25 & 26 Jahre

Zu 1) Cesar: Wir möchten so viel wie möglich von der Welt sehen bevor wir uns niederlassen und Kinder kriegen. Wir möchten nicht nur die Sehenswürdigkeiten sehen, sondern vor allem mit Menschen sprechen und diese Erfahrungen gemeinsam als Paar teilen.
Zu 2) Katie: Ich möchte gelassener werden, vor allem wenn etwas nicht so klappt wie ich es geplant hatte. Ich bin eine sehr organisierte Person und möchte gerne spontaner werden. Zu Hause beschlich mich das Gefühl, dass ich viele Dinge verpasse, weil ich immer alles im Voraus regele und nichts einfach geschehen lasse. Ich erhoffe mir von dieser Reise die Freiheit, etwas Neues ausprobieren zu können ohne das Konsequenzen entstehen, die ich bereue. Ich kann schauen, wie viel Spontanität mir gut tut und was für mich zu viel ist. Hier habe ich die Zeit darüber nachzudenken, die mir im Alltag zu Hause fehlt.
Cesar: Ich möchte mehr von der Welt wissen. Ich hoffe, dass ich die Freundschaften mit Leuten aus anderen Ländern auch zu Hause per Mail und Skype weiterführe. Und außerdem will ich mehr Freunde auf Facebook. (lacht)
Zu 3) Katie: Ja, unsere Sicht auf die Welt hat sich sehr verändert. Wir erleben immer wieder erstaunt, dass tatsächlich viele Wege nach Rom führen und nicht nur der Weg, der uns in unserer Kultur vertraut ist. Man trifft sehr viele andere Reisende aus anderen Ländern und im Kontakt mit ihnen bauen sich Stereotype ab. Zum Beispiel dachten wir, dass die Leute aus Israel wenig gebildet sind und sehr arm, aber ein israelisches Pärchen – bei dem wir auch unseren nächsten Urlaub verbringen werden – hat uns gezeigt wie wenig wir über das Leben in Israel wissen.
Cesar: Wir haben uns für das Reisen mit dem Rucksack entschieden, um zu sehen, wie es wirklich in den Ländern ist. Es ist faszinierend, wie der Verkehr geregelt ist, was für Lebensmittel verkauft werden, wie die Leute in den Pubs sitzen etc.
Zu 4) Katie: Seit wir reisen, interessiere ich mich wesentlich mehr für politische Themen. In den USA haben wir während der Wahl erlebt, wie sehr die Menschen an politischen Prozessen teilhaben, wie engagiert sie sich für ihren jeweiligen Kandidaten eingesetzt haben. Es war fast wie eine große Party. Seit wir reisen lese ich in jeder Region die lokalen Zeitungen. Das habe ich zu Hause in England nie getan, aber das wird sich ändern.

Daan aus Amsterdam, Holland, 20 Jahre, Auszeit zwischen Schule und Studium

Zu 1) Die Welt ist so groß … es ist für mich ein gruselige Vorstellung mein ganzes Leben niemals aus meinem Heimatland herauszukommen. Ich will die Welt sehen, wissen wie andere Menschen leben, möchte Erfahrungen sammeln.
Zu 2) Ich möchte mich besser kennen lernen. Ich will mein eigenes Ding machen und schauen, ob es funktioniert. Ich kann während der Reise wirklich ausprobieren, ob ich auf eigenen Beinen stehen kann, ob ich alleine klarkomme. Ich suche meinen Weg … Und ich erlebe hier Dinge, die ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen werde. Diese Art zu reisen ist intensiv, egal ob ich mit fremden Menschen rede oder allein in der Natur stehe.
Zu 3) Ja, sehr. Es ist beeindruckend, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Diese offene Art und Weise auf jeden zu zugehen. Diese entspannte Sicht auf die Dinge. Die Leute sind hier einfach zufrieden und glücklich mit dem, was sie haben. Sie scheinen nicht so verkrampft nach mehr zu streben, wie ich es in meinem Land beobachte. Sie haben hier auch nicht mehr Wohlstand als in meiner Heimat und scheinen doch um so vieles entspannter und zufriedener. Dieses Gefühl möchte ich mir bewahren.
Zu 4) Ich habe gelernt, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann, gut für mich sorgen kann. Die Dinge alleine geregelt bekommen. Ich werde meinen eigenen Weg suchen – und ich bin sicher, ich werde ihn finden. Diese Zuversicht in mich habe ich durch die Reise gewonnen. Durch die Konfrontation mit fremden Dingen – und die Konfrontation mit mir selbst. Alles was passiert liegt letztlich in meiner Verantwortung. Und nur ich kann entscheiden, wie ich mein Leben lebe.

* Auszug auf Vinicius Tagebuch

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Reisen

    Ach, vergeblich das Fahren!
    Spät erst erfahren Sie sich:
    bleiben und stille bewahren
    das sich umgrenzende Ich.
    G.B.

    @Katja Schwab: Ich könnte die alte Schallplatte (jazz und lyrik) als MP3-Datei oder als CD überspielen und ihnen zukommen lassen. Welche Form ist erwünscht?
    S.R.

  2. was bedeutet eigentlich dieses mich-besser-kennen-lernen?
    das auf-sich-allein-gestellt-sein, nichts wird von anderen im voraus organisiert, hat für mich mit verzicht auf sicherheit zu tun. ich erlebe situationen und erfahre dinge, die ich vorher nicht kannte und somit auch nicht wissen konnte, wie ich darauf reagiere. ich werde mit reaktionen von mir konfrontiert, die ich in den vertrauten und eingerichteten heimatlichen gefilden nicht erfahren habe. in meiner sozialen umgebung kenne ich die regeln des über- und zusammenlebens, ich kenne die gefahren und auch sanktionen. aber oft kann man dies alles nur schwer infragestellen, weil diese in der wiederholung des immer-wieder-erlebens als das normale gesehen werden. die wichtigste erfahrung, die ich von einer reise mitgenommen habe, ist: die grenzen sind in dir.
    und ich suche immer wieder nach erfahrungen, um diese grenzen zu erweitern…

  3. @ Steffen Rehm

    Das ist aber ein nettes Angebot. Vielen Dank! Lassen Sie es uns mit einer mp3-Datei per Mail probieren: psychologieblog at gmail dot com.

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