Benn und Nietzsche

Psychologieblog
In meiner Schulzeit war ich den Expressionisten verfallen … und entdeckte Nietzsche. Durch Zufall bin ich nun Jahre später wieder über Benn und seine Rönne-Novellen gestolpert. Der Blickwinkel hat sich verändert. Früher war ich bei der Lektüre der Schriften Benns und Nietzsches vor Bewunderung erstarrt und im Bemühen den Beiden zu folgen, unfähig eigene Gedanken zu entwickeln. Heute ist das anders. Aber immer langsam mit den jungen Pferden, daher zurück zu Nietzsche und Benn:
Nietzsche

„Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus.“ (Nietzsche)

Nietzsche erspürte erstmalig den absoluten Zusammenbruch der Werte und einen universellen Sinnverlust: „Der Nihilismus steht vor der Tür: […] dieser unheimlichste aller Gäste? -“. Diese Botschaft erschütterte das Bewusstsein der damaligen Zeit – der Nihilismus als grundlegende existenzielle Erfahrung.

Die wirkungsgeschichtliche Bedeutung Nietzsches liegt in der Zerstörung. Die spezifische Kritik in Nietzsches Wirken, die Zertrümmerung, seine ,,Philosophie mit dem Hammer" wird in der Forschung als siebenfaches ,,anti-“ zusammengefasst: antimoralistisch, antidemokratisch, antisozialistisch, antifeministisch, antiintellektualistisch, antipessimistisch, sowie insgesamt antichristlich. Das Ergebnis ist zunächst ein Leben ohne Sinn und Ziel, ein ewiges Nichts. Die äußerste Konsequenz der Selbstentwertung aller bisherigen Werte ist die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Daseins. Einzig der Rausch, als dionysischer Zustand, als ‚schöpferische […] Lust‘, ist ein „Mehr von Kraft“, welcher im Dienste steht, „die Welt vom ‚großen Ekel’ des Nihilismus zu befreien“.

„Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans zum Leben…“ Aufgrund von Nietzsches Bestimmung „der Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlichen metaphysischen Tätigkeit des Lebens“ und der Aussage, das Dasein sei lediglich als „ästhetisches Phänomen“ gerechtfertigt, bezeichnet er das in einem frühen Werk entworfene Konstrukt als „ästhetische Metaphysik“.

Benn

„Ein Drängen nach dem Sinn des Daseins warf sich ihm wiederholt entgegen: wer erfüllte ihn: […]“ (Benn)

Besonders in Benns frühen, dem Expressionismus zugeordneten Werken finden sich Nietzsches auflehnende Gedanken gegen die technisch bestimmte Ratio der Neuzeit, den Utilitarismus und die damit einhergehende Instrumentalisierung des Menschen, „die keinen Platz für ästhetisches Denken und Tun lässt“. Benns zentrale Problematik ist die, mit der Dekonstruktion metaphysischen Wissens und dem Verlust transparenter Wirklichkeitsmodelle, einsetzende Krise moderner Subjektivität. Simultan stellt sich für Benn die Frage nach der Bewältigung dieses Konflikts und der Suche nach Lösungsmöglichkeiten.

Der frühe Kunsttheoretiker Benn teilte Nietzsches kunstmetaphysische Ansichten, die derjenige bezüglich der zwei wirkungsmächtigen Termini des dionysischen und appollinischen beschreibt. Ein Prozeß den Benn „als rücksichtsloses An-die-Wurzel-der-Dinge-Gehen bis dorthin, wo sie nicht mehr individuell und sensualistisch gefärbt, gefälscht, verweichlicht, verwertbar in dem psychologischen Prozeß verschoben werden können“ beschreibt. Die Themenkomplexe kreisen um dionysische Erfahrungen wie das „Zerbrechens des principii individuationis“, der „Steigerung d[e]s Subjective[n] zu völliger Selbstvergessenheit“, und der Teilhabe an dem „geheimnisvollen Ur-Einen“.

Trotz der Brüche und Wandlungen, die Benns Werke kennzeichnen, manifestiert sich eine Tendenz, die alte Ordnung der Wirklichkeit durch eine neue ästhetische Ordnung – die Kunst – zu überschreiben. Das Verständnis der Kunst als letzte Möglichkeit der perspektivistischen Welteröffnung nimmt Benn aus der Spätphilosophie Nietzsches auf. Diese Gedanken sind das Resultat des nihilistischen Prozesses der Selbstentwertung. Nur auf dessen geistesgeschichtlichen Hintergrund des Verlustes normativer Werte ist dieser Begriff der Kunst im Sinne der Grenzenlosigkeit diskutabel, d. h. „erst in Anbetracht einer Annihilierung der Wirklichkeit [kann] Kunst den Anspruch auf Absolutheit erheben“.

Benn & Nietzsche

„Eigentlich ist alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat – alles das hatte sich bereits bei Nietzsche aus gesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles weitere war Exegese. Seine gefährliche stürmische blitzende Art, seine ruhelose Diktion, sein Sichversagen jeden Idylls und jeden allgemeinen Grunds, seine Aufstellung der Triebpsychologie, des Konstitutionellen als Motiv, der Physiologie als Dialektik – ‚Erkenntnis als Affekt‘, die ganze Psychoanalyse, der ganze Existentialismus, alles dies ist seine Tat.“ (Benn)

Nietzsche und Benn eint der Glaube an den schaffenden Künstler, welcher in einem schöpferischen Vorgang wirklichkeitsverändernd tätig sein kann:

Wahrheit ist nicht etwas, das wir auffinden bzw. entdecken können, sondern vielmehr etwas, das es zu schaffen gilt. Stellt man sich nun über Begriffe wie `Wahr´ und `Falsch´, so kann Wahrheit nichts als Schein sein, d.h. alles ist perspektivische Wahrnehmung und dieser Perspektivismus ist die Grundbedingung des Lebens.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

11 Kommentare

  1. wahr oder nicht wahr

    ich glaube nicht, dass nietzsche es auf diese art meinte. ich denke, auch er hielt eine aussage dann für war, wenn sie ein objekt so beschrieb, wie sie tatsächlich ist. dieses herantasten an die wahrheit jedoch wird erschwert durch die verzerrung der “wahr-nehmung” durch die interpretierende moral und ihre werte. erst derjenige, der sich durch loslösung von jeder moral und wertigkeit “über den menschen erhebt”, ist in der lage, klaren blickes sich der wahrheit zu nähern. dieser mensch wäre wahrhaftig frei und wertvoll, ein gestaltender künstler, der über die befriedigung notwendiger bedürfnisse hinaus auf den trümmern des niederen ein wahreres, ein höheres schafft. aber die wahrheit an sich zu schaffen, dies hätte wohl selbst nietzsche seinem neuen menschen nicht zugetraut.

  2. @ Sebastian Koslowski

    Sie schrieben “ich denke, auch er hielt eine aussage dann für wahr, wenn sie ein objekt so beschrieb, wie sie tatsächlich ist.”
    Ich vermute, er würde Ihnen nicht zustimmen: “es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘ […] je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“ (Nietzsche, Zur Genealogie der Moral)

  3. @ Katja Schwab

    dies steht ja nicht im widerspruch zu dem von mir behaupteten. auch aus dem von ihnen genutzten zitat lese ich das anerkenntnis einer definitiv bestehenden einen wahrheit heraus: die wahrheit über eine sache besteht objektiv – das erkennen dieser einen wahrheit jedoch ist nur perspektivisch. erhöht sich die qualität der perspektive, so erhöht sich auch der grad der annäherung des perspektivischen “erkennen” an die eine objektive “wahrheit”. ich glaube darin eine analogie zu platons höhlengleichnis zu entdecken: auch dabei gibt es nur die eine wirklichkeit. der grad der erkenntnis über diese ist jedoch abhängig von der perspektive des betrachters. um nun eben die eigene beschränkte perspektve qualitativ zu verbessern, bedarf es bei platon der schmerzhaften gewöhnung an das helle licht außerhalb der höhle, bei nietzsche bedarf es der nihilierung der tradition, moral und werte, um “frei” blicken zu können. Dieser Künstler aber (wie sie oben schrieben) “schafft” nun keine Wahrheit, sondern er allein ist in der lage, die wahrheit zu “entdecken”:
    “…je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“

  4. @ Katja Schwab

    …aber ich laß mich gern vom fazit ihres obigen artikels überzeugen.
    die vorstellung, dass ein jeder, der zum “schaffenden künstler” gereift ist, eine definitive objektive wahrheit schaffen könnte, hätte in ihrer fülle von sich widersprechenden aussagen tatsächlich etwas erfrischend nihilistisches…

  5. @ Sebastian Koslowski

    Gut, Ihre Anmerkung bezieht sich auf das Erschaffen von “Wahrheit”: “Wahrheit ist nicht etwas, das wir auffinden bzw. entdecken können, sondern vielmehr etwas, das es zu schaffen gilt.” Wenn objektive Wahrheit niemals erkennbar ist und nur eine Annäherung möglich ist, ist die Kunst “als eigentliche metaphysische Tätigkeit des Lebens” nach Nietzsche ein Ausweg. Ist diese Aussage nicht – bezogen auf das Individuum – dahingehend interpretierbar, dass der einzelne Mensch als schöpferisch Schaffender sich der Kunst bedient als eine Lebenstechnik, um sich im unaufhörlichen und grundlosen Werden zurechtzufinden? Jeder einzelne konstruiert sich seine Wirklichkeit. Der Mensch als “animal metaphysicum” (Schopenhauer).

  6. Oha, der Satz “Wahrheit ist nicht etwas, das wir auffinden bzw. entdecken können, sondern vielmehr etwas, das es zu schaffen gilt.” ist missverständlich. Ich meine natürlich nicht, “dass ein jeder, der zum “schaffenden künstler” gereift ist, eine definitive objektive wahrheit schaffen könnte”. Aber zwischen den Polen: Jeder konstruiert sich seine Wirklichkeit und jeder erschafft objektive Wahrheit gibt es noch andere Ansätze, die zu diskutieren sind. Aber nicht mehr heute 😉

  7. @ Katja Schwab

    ja! auch ich glaube, dass die philosophische (oder in ihren worten “künstlerische”) tätigkeit geeignet ist, um sich im unaufhörlichen und grundlosen werden zurechtzufinden. ein wittgenstein würde dies wohl verneinen, da der menschliche geist auf seine existenzebene beschränkt sei und das erkennen höherer wahrheiten daher nicht (auch nicht annähernd)möglich wäre. dies führt zum dilemma eines erkennen einer grundlosigkeit der existenz einerseits und der unmöglichkeit des auffindens eines höheren prinzips andererseits. konsequenterweise hatte wittgenstein auch eine andere sicht über selbstmord als z.b. schopenhauer. gerade in psychologischer hinsicht dürfte die möglichkeit des erkennens einer höheren wahrheit zur rechtfertigung der eigenen existens interessant sein. kann man eine philosophische existenskrise psychologisch behandeln? Da fällt mir spontan das theaterstück “gerettet” von edward bond ein, in welchem eine andere lösung genannt wird: akzeptanz in resignation. ja, viele disskusionswürdige ansätze, aber nicht heute. doch womöglich beim alljährlichen zusammenkommen zu weihnachten im marchwitza?

  8. @ Sebastian Koslowski

    “gerade in psychologischer hinsicht dürfte die möglichkeit des erkennens einer höheren wahrheit zur rechtfertigung der eigenen existens interessant sein. kann man eine philosophische existenskrise psychologisch behandeln?”

    Sehr interessante Frage! Viktor E. Frankl hat sich dem Thema mit seiner Logotherapie angenommen: “Seine Methodik geht von der Annahme aus, dass der Mensch existentiell auf Sinn ausgerichtet ist und nicht erfülltes Sinnerleben zu psychischen Krankheiten führen kann sowie psychische Erkrankungen von einem eingeschränkten individuellen Sinnbezug begleitet werden.” (wikipedia) Aber auch bei diesem Thema fällt es mir schwer mich kurz zufassen und Vereinfachungen bergen immer die Gefahr des Missverständnisses. Diesen Punkt nehmen wir also auch auf die Agenda zu diskutierender Themen …

  9. Katja Schwab

    wie traurig, so wenig Resonanz,
    und ich hätte gern ihre Ansichten zu G.B. und F.N. weiter gelesen.
    Kennen Sie zufällig die Schallplatte „Jazz und Lyrik“, auf der Gedichte von Benn zur Musik von Dave Brubeck, Paul Desmond, J.J.Johnson usw. von Gerhard Westphal gelesen wurden (ca.1960)? Eine perfekte Kombination!

    G.B. zur Jahreszeit:

    Viele Herbste

    Wenn viele Herbste sich verdichten
    In deinem Blut, in deinem Sinn
    und sie des Sommers Glücke richten,
    fegt doch die fetten Rosen hin,

    den ganzen Pomp, den ganzen Lüster,
    Terassennacht, den Glamour-Ball
    aus Crepe de Chine, bald wird es düster,
    dann klappert euch das Leichtmetall,

    das Laub, die Lasten, Abgesänge,
    Balkons, geranienzerfetzt-
    Was bist du dann, du Weichgestänge,
    was hast du seelisch eingesetzt?

    Tschüss

    S.R.

  10. Nietzsche&Benn

    Hallo Frau Schwab,

    noch immer gilt es vor den Worten der beiden Titanen niederzuknien. Zumal in diesen geistig lauen Zeiten…

    Ich habe Nietzsches Selbstberauschung, mehr noch aber sein Verzweifeln an sich selbst, immer auch als die größte und klarste seiner Taten angesehen. Er hat all das Kommende vorrausgesagt – vor allem ja den Zusammenbruch des moralisch-gesellschaftlichen Systems des Christlichen Glaubens, an dessen Stelle nichts ausgleichend Ersetzende zu treten vermag, aber auch das Aufkommen einer Zeit eines dominierenden sinnentleerten Individualismus. Diese Erkenntnis, daß die alte geistige Welt einer neuen geist-, halt- sinnlosen weichen wird, ist die Heldentat. Nicht N. hat die alten Ideen zertrümmert. N. hat erkannt, er war (und ist) der Seher! Er hat das Unverkennbare kommen sehen und ungeschminkt verkündet (dies Verkünden mit einem oftmals auch für Benn unerträglichen Sendungsgehabe).

    N. hat erkannt, was kommt. Und es kam! Und heute ist es so. Geistig flach, wertelos, individualisiert, zerfasert, sinnentleert lebt es sich dahin.
    Bekommt uns diese Freiheit? Sind wir so?

    Wir danken N. für sein Wort und wir danken Benn für seine kristallene Welt.

    In diesem Sinne…

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