Warum Berufsastronom?

BLOG: Promotion mit Interferenzen

Auf dem Weg zum Profi-Astronomen
Promotion mit Interferenzen

Mein von mir sehr geschätzter Physik-Lehrer Bernd Dehm sagte einmal zu mir, er empfehle mir, Physik zu studieren und Astronomie als Hobby zu betreiben. Damit eigne man sich das physikalische Grundlagenwissen an, das man benötigt, um die aktuelle astronomische Forschung gut verfolgen zu können, riskiere aber nicht die fragliche Berufslaufbahn "Astronom" einzugehen. Die Karrierechancen junger Astronomen in Deutschland und der Welt will ich hier nicht auführlich diskutieren (vielleicht an anderer Stelle), aber fest steht: Einen klaren Karriereweg zum Berufsastronomen gibt es nicht. Oft sind viele immer wieder auf nur wenige Jahre befristete Stationen in mehreren Ländern notwendig, bis man genügend Experte ist, um sich auf eine feste Stelle bewerben zu können. In der ganzen Zeit verbringt man einen guten Teil seiner Zeit damit sich die nächste Stelle zu suchen, hat stets die Gewissheit, dass die Stelle nach ein paar Jahren auslaufen wird und wird dazu auch noch deutlich weniger bezahlt als in einem Industriejob (bei gleicher Qualifikation) und hat wenig bis keine soziale Absicherung (mit Stipendien zahlt man eben nicht ins Rentensystem) etc. pp. 

Also wieso sollte man sich das alles an tun?

Das dritte Jahr meiner Doktorarbeit nähert sich dem Ende und ich denke seit einiger Zeit an die Möglichkeiten, die sich danach in der Astronomie ergeben können. Aber auch an die Job-Alternativen.

Um von der Astronomie fasziniert zu sein, um dunkle Nachthimmel zu sehen, um sich über den aktuellen Forschungsstand zu informieren, ja auch um das VLT zu besuchen — dafür muss man nicht Berufsastronom sein. Im Gegenteil stelle ich in vielen Berufsastronomen oft eine eher nüchterne Haltung gegenüber den "Wundern des Universums" fest. Dunkle Nachthimmel sieht ein Berufsastronom ohnehin nicht häufiger als ein Hobbyastronom und über den aktuellen Forschungsstand in der Breite (wie z.B. in SuW berichtet) wissen mitunter engagierte Hobby-Astronomen besser Bescheid als manche Berufsastronomen. Für das VLT gibt es ein Besucherprogramm für Interessierte.

Wieso sollte man also nach der Promotion versuchen, Berufsastronom zu werden?

  • Die Leute im internationalen wissenschaftlichen Umfeld. In einem großen international renommierten Astronomie-Institut wie dem MPI für Astronomie in Heidelberg trifft man auf sehr viele sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, mitunter "Berühmtheiten". So war letzte Woche bei uns C. Robert O’Dell zu Gast. Er war der erste Projektmanager des Hubble-Weltraumteleskops und erzählte in einem Vortrag über die Anfangsphase des Hubble. Dabei lernte ich dass letztlich eine Fehllackierung eines Abstands-Mess-Stabs zur Justage einer Testoptik dafür verantwortlich war, dass der Hubble-Hauptspiegel anfangs durch sphärische Aberration praktisch unbrauchbar war (dass er aber immer schon im Zentrum so scharf war wie erhofft). Leute wie Prof. O’Dell nicht nur im Fernsehen zu sehen, sondern mit ihnen auch beim Mittagessen oder beim Kaffee diskutieren zu können, das ist definitiv ein Pluspunkt für Berufsastronomen
  • Bei wissenschaftlichen Entdeckungen live dabei zu sein. Natürlich kann man heute nicht mehr erwarten, selbst eine große wissenschaftliche Revolution einzuleiten, aber man kann wenigstens dabei sein. Unser Direktor Hans-Walter Rix verglich wissenschaftliche Entdeckungen kürzlich auf einer Institutsveranstaltung mit Bergstürzen: Die passieren auch nicht von heute auf morgen, sondern da braucht es viele kleine "Knackser" bis der Berg ins Wanken gerät. Bei wissenschaftlichen Entdeckungen benötigt man ebenfalls viele kleine Entdeckungen, viele auf lange Sicht vielleicht völlig unbekannte Paper, die aber doch alle (oder zumindest die meisten) zu aktuellen Forschungsfragen beitragen und so den Berg ins Wanken bringen.
  • Selbst etwas zu entdecken. Da ist es nun doch: Diese Motivation treibt vermutlich die meisten Wissenschaftler. Viele solche Moment hat man (zumindest als Doktorand) nicht, aber die paar die man erhält, sind es durchaus Wert: Monatelange Vorbereitungen, Planungen, Beobachtungen, Auswertungen und Interpretationen formen sich plötzlich zu einer Erkenntnis, die noch keiner vorher gehabt haben konnte (oft natürlich in einem seeeehr speziellen Bereich). Ich kann diese Momente an einer oder vielleicht mittlerweile auch an zwei Händen abzählen, aber diese Motivation, eine neue grundlegende Erkenntnis dem "Menschheitswissen" hinzuzufügen (so klein sie auch sein mag), ist durchaus bemerkenswert.

Leonard Burtscher

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

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