Mein Paper, Dein Paper? Unser Paper!

BLOG: Promotion mit Interferenzen

Auf dem Weg zum Profi-Astronomen
Promotion mit Interferenzen

Heute erreichte mich eine beunruhigende E-Mail über den internen Verteiler des Max-Planck-Instituts. Wer demnach zwischen 1966 und 1994 Papers veröffentlicht hat und nicht bis zum 31.3. beim publizierenden Verlag Widerspruch einlegt, verliert sämtliche Rechte an der elektronischen Fassung seines Artikels. Einem Autor (*) wäre es dann beispielsweise nicht mehr erlaubt, ein PDF seines eigenen Artikels auf seiner Homepage zum Download anzubieten…

So absurd dies auch erscheinen mag, ist das leider durchaus gängige Regelung für Papers die nach 1994 erschienen sind: Dann haben die Verlage nämlich erkannt, dass es das Internet gibt und sich die (oft exklusiven) Rechte für eine Online-Publikation beim Einreichen des Manuskripts gleich mitgesichert. Vor 1994 galt diese Art der Veröffentlichung aber als "unbekannte Nutzungsart" und dafür geht offensichtlich das Online-Publikationsrecht nicht automatisch zum Verlag. Um es den Verlagen nun zu vereinfachen, legal ältere Artikel online zu publizieren, hat der Gesetzgeber zum 1.1.2008 das "Zweite Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft" erlassen. Darin ist der Übergang sämtlicher Online-Rechte an Artikeln bis zum 31.3.2008 vorgesehen, wenn einem entsprechenden Schreiben des Verlags nicht widersprochen wird.

Mein Paper, Dein Paper?

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der in letzter Zeit intensiv geführten Auseinandersetzung um die Rechte von wissenschaftlichen Publikationen. Gängige Praxis ist ja (etwas überspitzt formuliert), dass ein mit Steuergeldern finanzierter Forscher wissenschaftliche Artikel selbst erstellt, layoutet und auch die Grafiken dafür selbst anfertigt. Dieses, so möchte man meinen, ihm gehörende Werk reicht er dann bei einer Zeitschrift zur Publikation ein, woraufhin der Artikel an ein oder zwei andere Wissenschaftler zur Begutachtung zugeschickt wird (der so genannte Peer-Review-Prozess). Diese Wissenschaftler begutachten das Paper dann in ihrer (vom Steuerzahler finanzierten) Arbeitszeit. Wenn das Paper akzeptiert wird, druckt es der Verlag und verkauft dann die Zeitschrift an die durch Steuergelder finanzierte Uni- oder Instituts-Bibliothek…

Auf der anderen Seite muss der Verleger den Peer-Review-Prozess koordinieren, die Druck- und Auslieferungslogistik leisten und evtl. ein Online-Archiv bereithalten.

Unser Paper!

Dennoch profitieren nach Meinung der meisten Wissenschaftler davon die Verlage derzeit deutlich mehr als die Wissenschaftler, die darüberhinaus durch eigene Veröffentlichungsmodelle, wie dem elektronischen Preprint-Server arXiv.org oder so gennanten Open-Access-Zeitschriften wie den Living Reviews der Max-Planck-Gesellschaft zeigen, dass sie selbst auch Verleger sein können. arXiv.org und Living Reviews werden von öffentlichen Institutionen getragen. Aber auch andere neue non-profit Veröffentlichungsmodelle sind denkbar, etwa eine Zeitschrift, bei der man fürs Publizieren und nicht fürs Lesen bezahlt. Derartige Zeitschriften gibt zum Beispiel das "Institute of Physics" (IoP) heraus (das britische Pendant zur Deutschen Physikalischen Gesellschaft). Wer bei einer Zeitschrift der Serie Journal of Physics einen Artikel veröffentlichen möchte, zahlt dafür beispielsweise 600 britische Pfund, wie mir ein Vertreter von IoP Publishing auf der DPG-Tagung kürzlich erzählte. Dieser Betrag wird meist vom Institut des Autors gezahlt oder unter Umständen sogar erlassen, wenn der Beitrag exzellent ist, aber der Autor das Geld für die Publizierung nicht aufbringen kann.

All diesen neuen "Open Access"-Veröffentlichungsmodellen ist gemein, dass einmal veröffentlichte Artikel kostenlos von jedem gelesen werden können.

Dass dies ein riesen Vorteil gegenüber dem gängigen Modell ist, in dem sich wissenschaftliche Institutionen jährlich mit großen Preissteigerungen seitens der wissenschaftlichen Verlage konfrontiert sehen, wurde Ende letzten Jahres besonders deutlich, als die Verhandlungen zwischen der Max-Planck-Gesellschaft und dem Springer-Verlag über den Online-Zugang zu einer Reihe von Zeitschriften geplatzt sind. Dazu kam es, weil der Springer-Verlag für dieselbe Leistung etwa vom Max-Planck-Intitut für Astronomie dreimal mehr Geld wollte als bisher. Anfang dieses Jahres haben sich MPG und Springer Verlag dann allerdings doch noch geeinigt. Aber zwischenzeitlich sah es so aus, als ob Wissenschaftler ihre eigenen publizierten Artikel nicht mehr online lesen können…

Es wird Zeit für Open Access!

(*) Selbstverständlich gilt dasselbe auch für weibliche Wissenschaftler.

Leonard Burtscher

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

5 Kommentare

  1. Open Access

    Die ganze Open Access-Bewegung wäre nie in Fahrt gekommen, wenn die Verlage nicht so unglaublich gierig geworden wären.

    Da gibt’s doch den schönen Spruch mit den drei profitabelsten Geschäftsmodellen: Drogenschmuggel, Waffenhandel, Wissenschaftliche Verlage. Keine Ahnung von wem der kommt.

    Auf jeden Fall ist die Uhr nicht mehr zurückzudrehen. PLoS Biology hat ja inzwischen nen (vorläufigen) Impact Factor von 13,9:
    http://medinfo.netbib.de/archives/2005/06/30/624

  2. Impakt-Faktor

    Für diejenigen, die mit Impakt-Faktor nichts anfangen können: Der Impakt-Faktor ist der Quotient aus Anzahl der Zitate, die auf Artikel einer Zeitschrift verweisen und Anzahl der Artikel, die die Zeitschrift publiziert, siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Impact-Faktor.

    Nature und Science, die beiden interdisziplinär angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften, haben Impakt-Faktoren von etwa 30, manche Fachzeitschriften haben auch noch einen deutlich höheren Impakt-Faktor (auf der englischen Wikipedia gibt es eine Liste mit den Top-10: http://en.wikipedia.org/wiki/Impact_factor).

    Der Impakt-Faktor steigt, wenn Zeitschriften besonders spannende Ergebnisse veröffentlichen. Da Zeitschriften mit höherem Impakt-Faktor angesehener sind, suchen sich Wissenschaftler oft die beste Zeitschrift aus, die ein entsprechendes Paper noch “hergibt”. Und da wäre es natürlich zu wünschen, wenn in absehbarer Zeit Wissenschaftler mit ihren Top-Meldungen auch an Open-Access-Journale herantreten…

  3. Astronomie-Blogs und ein Blog-Karneval

    Hallo!

    Ich würde gerne eine deutsche Version des Carnival of Space organisieren. Dadurch könnten wir die Vernetzung der einzelnen deutschsprachigen Astronomie/Raumfahrt-Blogs steigern und uns auch ein bisschen besser kennenlernen (und auch unseren jeweiligen Lesern die anderen Blogs vorstellen). Details dazu findet ihr in diesem Beitrag in meinem Blog. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam so eine Veranstaltunge auf die Beine stellen könnten.

    MfG Florian

  4. Beschleunigte Schwarze Löcher

    Sorry, off topic aber in den KOSMOLogs müsste es doch eigentlich mal einen Artikel über den Amerikaner geben, der jetzt gegen den Beschleuniger in Genf klagen will, weil er Angst hat, es könnten dabei Schwarze Löcher entstehen, welche die Erde vernichten.

    Das erinnert mich an unsere Diskussion in Deidesheim (militärische Rolle von Beschleunigern).

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