Eilantrag zum LHC-Stopp abgewiesen

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Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte heute einen Eilantrag von Gegnern des Large Hadron Colliders (LHC) abgewiesen. Schon seit einiger Zeit und an verschiedenen Gerichten versuchten LHC-Gegner wie Walter L. Wagner und nun auch der hier auf kosmologs.de schon diskutierte Chaostheoretiker Otto E. Rössler den neuen Teilchenbeschleuniger am CERN zu stoppen. Am LHC sollen in 11 Tagen die ersten Kollisionen von Protonen mit je 7 Tera-Elektronenvolt Energie stattfinden, um aus den Kollisionsprodukten dieser Elementarteilchen fundamental Neues über die Natur zu lernen. So erhoffen sich die Teilchenphysiker unter anderem, am LHC Hinweise für das Higgs-Teilchen zu finden, das erklären soll, wieso Elementarteilchen überhaupt Masse haben.

Was die LHC-Gegner auf den Plan ruft sind aber nicht die Higgs-Bosonen, sondern die mögliche Erzeugung so genannter Mini Schwarzen Löcher. Die CERN-Forscher freuen sich darauf, denn sollten diese tatsächlich erzeugt werden können, könnte man daraus viel lernen. In einem Interview auf sueddeutsche.de erklärt der theoretische Physiker Prof. Wilfried Buchmüller vom Deutschen Elektronen- Synchrotron (DESY) in Hamburg: "Die Beobachtung wäre aber sehr interessant, weil die fundamentale Skala der Gravitation dann sehr viel kleiner sein müsste als gegenwärtig angenommen. Das könnte ein Hinweis auf die Existenz zusätzlicher Dimensionen sein, für die es zwar sehr ernstzunehmende theoretische Argumente, aber bislang keinen experimentellen Beleg gibt."

In den Alpträumen von Rössler und Co. stellen sich die Mini Schwarzen Löcher freilich anders dar: in kurzer Zeit könnten sie angeblich viel Materie aufsaugen und am Ende gar die ganze Erde verschlucken. Das klingt furchterregend und deshalb haben die LHC-Gegner mit der Website "LHC Kritik" sowohl eine Beschwerde als auch einen Eilantrag beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Der Eilantrag, der am Dienstag dieser Woche eingereicht wurde, wurde nun abgewiesen, über die Beschwerde, in der Rössler und Co. ihr Recht auf Leben und Achtung des Privatlebens einklagen wollen, ist noch nicht entschieden. In der Beschwerde werden neben den schwarzen Löchern auch noch andere Gefahren des LHC genannt: Strangelets könnten zum Beispiel die ganze Welt "verzaubern". Dies hat übrigens oben genannter Walter L. Wagner schon vor Inbetriebnahme des Relativistic Heavy Ion Colliders (RHIC) in den USA im Jahre 2000 befürchtet. Ein sehr an die heutige Berichterstattung erinnernder Artikel von vor acht Jahren ist immer noch auf MSNBC abrufbar. Der Ausgang des RHIC-Experiments ist bekannt: Die Erde existiert noch.

Dabei ist die Meinung der Experten einhellig: Es besteht keine Gefahr durch den LHC. Im Juni erschien dazu ein weiterer Sicherheitsbericht von Steven B. Giddings und Michelangelo L. Mangano, den Andreas Müller für die Kosmologs zusammengefasst hat, in dem die Ungefährlichkeit bestätigt wird. Einige der von den CERN-Physikern genannten Argumente sind dabei wirklich leicht verständlich und eingängig — müsste man meinen! Aber dennoch scheint die Botschaft bei den CERN-Gegnern nicht angekommen zu sein. So ist in der am Europäischen Menschengerichtshof anhängigen Beschwerde zu lesen:

Hochrangige CERN-Mitarbeiter gestehen offen ein, dass die geplanten, unmittelbar bevorstehenden Hochenergieexperimente an der größten Maschine der Welt, dem neuen Teilchenbeschleuniger LHC der unterirdischen, experimentellen Nuklearforschungsanlage in Genf, insbesondere die angestrebte, künstliche Erzeugung "Mikro-Schwarzer-Löcher", aber auch anderer möglicher, in bestimmten Zuständen unzerstörbarer Objekte, die Erde langfristig vernichten könnten. Hierfür gibt es zahlreiche Quellen.

Und unter Quellen wird dann folgende Aussage von Michelangelo Mangano zitiert (Fett-Hervorhebung wie im Bericht!):

[Mikro-]„Schwarze Löcher verhalten sich ein wenig wie das elektrisch  neutrale Neutrino. Sie reagieren nur sehr langsam und können durch mehrere tausend Kilometer Eisen fliegen, bevor sie überhaupt mit etwas zusammenstoßen. Jene, die etwas langsamer wären und von der Erdanziehung eingefangen würden, blieben zwar im Erdkern bestehen und könnten tatsächlich Materie aufnehmen. Doch würden sie selbst nach 5 Milliarden Jahren – die Zeit, bis die Sonne erlischt – nur ein paar Kilogramm wiegen.

Muss man dazu noch etwas kommentieren?

Naja, da das Wochenende gerade anbricht, vielleicht noch einen Kommentar: Neben Mini Schwarzen Löchern und Strangelets fürchten sich die LHC-Gegner nämlich auch noch vor "Bose-Novas":

Durch die im LHC-Reaktor herrschenden extrem tiefen Temperaturen von –271 Grad Celsius, also ein Grad kälter als die Durchschnittstemperatur im Universum, ergibt sich außerdem die Gefahr der unkontrollierbaren Entstehung des sogenannten „Bose-Einstein-Kondensats“ oder „Bose-Nova“. Eine derartige Explosion könnte für die Stadt Genf desaströse Folgen haben.

Als Fußnote wird dazu — korrekterweise — genannt, dass Eric A. Cornell, Wolfgang Ketterle und Carl E. Wieman im Jahre 2001 für die Erzeugung eines Bose-Einstein-Kondensats den Nobelpreis erhielten. Die Stadt Genf werden diese Mikro-Explosionen aber wohl kaum zerstören.

Außerdem, wer hat schon was gegen "Bose Novas"? 😉

Leonard Burtscher

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

6 Kommentare

  1. “Strangelets könnten zum Beispiel die ganze Welt “verzaubern”.”

    Geil! Ich bin dabei. Schon lange geht mir Cern nicht mehr aus dem Kopf. Ich verdanke der Physik schöne Bastelstunden in meiner Jugend. Anode, Katode, Gitter. Mein Bruder nannte mich schon die “wandelnde Röhre”. Ich wünsche den Physiker viel Glück und Erfolg -ohne Hintergedanken!!!

  2. Wer kann es sagen, wieviel Genie im Wahnsinn und wieviel Wahnsinn im Genie steckt? Wer vermag vernünftig sein, angesichts des ungebändigten Willens? Und wer vermag den Meister vom Jünger zu trennen? Jünger gibt es viele -aber nur einen Meister…Hypothesen, die bewiesen werden wollen…Doch wer schaut in das Hirn eines Genies? Wer vermag die Gedanken eines Hawkings zu erraten?

  3. Öffentliche Wahrnehmung

    Hallo adenosine,
    ja, es ist in der Tat erschreckend, wie stark die LHC-Gegner in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
    Sie scheinen den Medien / den Leuten das gewünschte Motiv “verrückte Physiker bauen frevelhaft große Maschine und wollen die Welt zerstören” nahe zu legen. Die Fakten werden dabei gar nicht mehr beachtet. Es ist traurig, dass diese paar Außenseiter beim Start dieses spannenden und interessanten Experiments so stark vertreten sind und die Berichterstattung über das eigentliche Experiment dabei fast untergeht.
    Grüße,
    LB

  4. @ Burtscher

    So mancher fühlt sich halt an das Manhattan-Projekt erinnert. Da arbeiten tausende Wissenschaftler, es wird vom größten Menschheitsexperiment gesprochen und den Massenmedien ist es bis gestern kaum eine Schlagzeile wert gewesen. Und mal ehrlich: ohne die Weltuntergangspropheten wäre wohl die nötige Aufmerksamkeit gar nicht aufgekommen.

  5. Wenige Infos oder wenig Interesse?

    Hallo Herr Hilsebein,
    ja, schade, dass die Massenmedien wenig darüber berichtet haben. Genauso schade ist es aber auch, dass Jahrzehnte nach Erfindung des WWW (durch Tim Berners-Lee vom, damals CERN, übrigens) die meisten Leute zwar online sind, aber die wenigsten Leute die Möglichkeit nutzen, sich erster Hand zu informieren.
    Und dass man den LHC-Gegner nun dankbar sein sollte, dass sie den LHC bekannt gemacht haben, würde ich bestreiten. Zumindest gestern hätte der LHC auch ohne die Gegner Beachtung gefunden und vielleicht wäre dem ein oder anderen ein mulmiges Gefühl und eine weitere Verstärkung der hierzulande ohnehin grassierenden Technikfeindlichkeit erspart geblieben.
    Schönen Abend,
    LB

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