Die Nacht beginnt (3. Update)

BLOG: Promotion mit Interferenzen

Auf dem Weg zum Profi-Astronomen
Promotion mit Interferenzen

VLT-Kontrollraum, 19:19 Uhr Ortszeit (01:19 Uhr MESZ): Pünktlich zum Sonnenuntergang fahre ich mit den beiden MIDI night astronomers und meinem Kollegen hoch zum VLT-Kontrollgebäude.

Sonnenuntergang von der Residencia aus. Gleich fahren wir zu den Teleskopen hoch, die links von der Residencia-Außenmauer zu sehen sind (klicken für größeres Bild)

 

Von oben hat man einen wunderschönen Blick auf die Abenddämmerung über der Atacama-Wüste:

Abenddämmerung über der Atacama-Wüste und der Wolkendecke über dem Pazifik. Die fast immer stabile Inversionsschicht führt dazu, dass Wolken hier oben so gut wie nie zu sehen sind. Der Cerro Paranal gilt weltweit als einer der besten Orte für bodengebundene astronomische Beobachtungen.

Vor dem VLT-Kontrollraum 

Nun sitzen wir im Kontrollraum vor zig Computer-Monitoren und warten bis die Anzeigen uns sagen, dass es dunkel genug geworden ist, dass wir mit dem Beobachten anfangen können. Die Fenster sind lichtdicht verriegelt, so dass wir nicht sehen, was draußen vorgeht. Wir verlassen uns nur auf die Instrumente. Es ist eine völlig andere Art von Astronomie, als die, von der uns Jan sicher bald berichten wird, der ebenfalls gerade in astronomischer Mission in Südamerika unterwegs ist.

21:21 Uhr Ortzeit (03:21 Uhr MESZ): Das waren nun zwei äußerst spannende und angespannte Stunden!

Wir kamen kurz nach Sonnenuntergang an die VLTI-Station. Alle Systeme wurden für die nächtliche Beobachtung vorbereitet. Dabei reagierten anfangs zwei Subsysteme nicht so wie sie sollten und wir konnten noch nicht gleich mit der Beobachtung starten. Dies führte zu einer Reihe von Telefonanrufen, Radio-Funksprüchen und einer großen Betriebsamkeit an den Konsolen, bis die Probleme isoliert und behoben waren. Probleme, die die Beobachtungen stören, sind hier wirklich die große Ausnahme: Im Jahresbericht 2006 der ESO (6 MB PDF) ist zu lesen, dass am Paranal nur 2,3% der verfügbaren Science-Zeit durch technische Probleme wie dieses verloren gegangen sind. Bei der verfügbaren Science-Zeit ist aber beispielsweise schon die Zeit für "technical nights", also etwa für die Implementierung von neuen Geräten, abgezogen. Die ESO ist sehr darauf bedacht, die wertvolle night time so gut wie möglich zu maximieren. So wird alles, was tagsüber gemacht werden kann, tagsüber gemacht. Der Großteil der Zeit ist so wirklich für astronomische Beobachtungen nutzbar.

Wir haben mal grob überschlagen, wieviele Computer eigentlich zusammenarbeiten müssen, damit wir mit MIDI Interferometrie machen können: Da gibt es zum einen pro Teleskop (für einen Fokus) 9 so genannte LCU (Hardware-nahe Kontrolleinheiten), weitere fünf für jede Delay-Line, nochmal eine für IRIS, das den Beam im VLTI-Labor stabil hält, dazu kommen 10 Workstations (im Rechnerraum) hier im Kontrollzentrum für die darüberhinaus nochmal etwa 10 Terminals hier an der "VLTI station" herumstehen. Insgesamt müssen also für MIDI, das zwei Teleskope verbindet, mindestens 50 CPUs fehlerfrei zusammenarbeiten, damit es funktioniert. Aus meiner Sicht ein großes Kompliment an die Ingenieure, dass es bei so einem komplexen System so selten zu technischen Ausfällen kommt!

Die Nacht heute ist deutlich besser als gestern, das Seeing schwankt zwischen 0,5 und 1 Bogensekunde, was für unsere Zwecke wirklich sehr gut ist. Der Wind ist auch deutlich geringer als gestern, was wiederum die Kohärenzzeit für die interferometrischen Beobachtungen erhöht.

01:02 Uhr Ortzeit (07:02 Uhr MESZ): Heute klappt das meiste wie geplant! Das heißt auch, dass es deutlich mehr zu sehen gibt, an der für mich interessantesten MIDI-Konsole… (und dass der Blog heute daher etwas kürzer ausfällt…)

Wenig später: Zwischendurch mal ein Wort zu dem mittlerweilen multiplen Jet-Lag, die ich aufgesammelt habe: Man kommt ja in europäischer Zeit in Chile an, ist dann meistens ein-zwei Tage im chilenischen Tagesrhytmus (6 Stunden früher), bis es dann in die Nacht geht, wo man nochmal gegenüber beiden Zeiten versetzt ist: Man geht um ca. 7 Uhr lokale Zeit, also 13 Uhr europäischer Zeit, ins Bett. Gestern war ich nach den Beobachtungen schon sehr müde und konnte heute trotzdem nur bis etwa 11 Uhr schlafen. Ab heute sollte es aber besser gehen. Die Nachtastronomen schlafen normalerweise von etwa 7 Uhr bis etwa 14 Uhr.

06:04 Uhr Ortzeit (10:04 Uhr MESZ): Diese Nacht war sehr ergiebig! Um genau zu sein: Bisher sind es etwa 20 GB an Daten — und zwar gute Daten, denn das Seeing war sehr gut, der Wind genau richtig und auch so hat nun alles bestens geklappt. Wir haben parallel zur Beobachtung die Daten bereits grob reduziert, um uns einen ersten Eindruck über die Daten zu verschaffen. Mit der genaueren Analyse werden wir die Eigenschaften der zentralen Staubverteilung der Circinus-Galaxie besser verstehen können. Dies ist wichtig, weil dieser Staub dafür verantwortlich gemacht wird, dass wir in dieser Galaxie die Akkretionsscheibe nicht direkt sehen. Als einmal eine längere Beobachtung lief, konnte ich kurz aus dem Kontrollraum raus und den Monduntergang bestaunen. Danach war es sehr dunkel und man hat die UTs einfach im Schein der Milchstraße gesehen.

Das VLT im Mondschein, vor dreißig Minuten aufgenommen… 

Monduntergang zwischen UT1 und einem AT

Die Sonne geht in 30 Minuten auf und die Dämmerung hat bereits begonnen. Wir versuchen die Nacht noch so lange wie möglich zu nutzen, obwohl die Adaptive Optik bei zuviel Hintergrundlicht natürlich nicht mehr arbeitet und außerdem unsere Quelle, die Circinus-Galaxie und Kalibrationssterne in der Nähe, bald untergehen und daher die airmass hoch ist… 

Heute war der Blog nicht ganz so ausführlich wie gestern, da es deutlich mehr zu tun gab… Morgen steht dann meine erste eigene Beobachtung an, von der ich sobald wie möglich berichten werde!

Außerdem bald in diesem Blog: Alles was von James Bond am Paranal überblieb…! 

  • Veröffentlicht in: VLT
Leonard Burtscher

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

3 Kommentare

  1. VLT Live-Berichterstattung

    Servus Leonard,

    macht Spass deine interessante und spannende Live-Berichterstattung vom VLT zu lesen – weiter so! Einige Bemerkungen kommen mir von meinen eigenen Beobachtungen in Chile vertraut vor, z.B. mit dem multiplen Jet-Lag.

  2. Danke!

    Hi Helmut und Stephan!
    Schön, dass es Euch gefällt! Bin gerade fertig mit der zweiten CenA-Beobachtung, die hervorragend geklappt hat… Jetzt ist das VLTI dabei auf das Nahinfrarot-Interferometer AMBER umzuschalten (mit UT1, UT3 und UT4), was aber einiges an Setup-Arbeit bedarf…
    Morgen habe ich keine Beobachtung, übermorgen dafür eine ganze Nacht und die Nacht darauf nochmal fast eine halbe Nacht…
    Viele Grüße aus dem Kontrollraum!
    Leo

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