Das Large Binocular Telescope

Mit Superlativen ist es immer so eine Sache: wenn man einen wirklich brauchbaren Superlativ haben will, muss man entweder komplizierte Dinge beschreiben oder auf weniger quantitative Kategorien zurückgreifen. So behaupten die Betreiber der verschiedenen Großteleskope der Welt, ihr Teleskop sei „the world’s most advanced“ (ESO über VLT), oder „the world’s most powerful“ (Large Binocular Telescope Observatory). Wie dem auch sei, das LBT ist zweifellos das größte Binokular der Welt, besitzt die größten nicht-segmentierten Spiegel (8,4m) und ist von der Gebäudegröße her das größte Teleskop der Welt.

Die etwa 40 Meter hohe Einhausung des LBT (zum Vergleich: Die VLT-Kuppeln sind mit 25 Metern gerade mal gut halb so hoch)

Die etwa 40 Meter hohe Einhausung des LBT (zum Vergleich: Die VLT-Kuppeln sind mit 25 Metern gerade mal gut halb so hoch)

Gebaut wurde das LBT auf Mount Graham im US-Bundesstaat Arizona von einem internationalen Konsortium bestehend aus der University of Arizona, weiteren US-Universitäten sowie einer deutschen und italienischen Beteiligungsgesellschaft. Der Bau, (Grundsteinlegung, 1996 – first light, 2005) wurde von heftigen Protesten von Umweltschützern und Indianern begleitet. Erstere wollen das stark gefährdete „Mount Graham Red Squirrel“ beschützen (das übrigens grau ist); für die Apache-Indianer ist der Berg wohl so etwas wie der Berg Sinai für Christen. Dabei wird der Umweltschutz sehr streng ausgelegt. So braucht man (wie von Daniel Fischer in einem Kommentar zu meinem vorherigen Post geschrieben) ein so genanntes „squirrel permit“ („Eichhörnchen-Genehmigung“), um hier oben sein zu dürfen. Damit verpflichtet man sich, die Schotterstraße nicht zu verlassen, die durch ein gelbes Band vom Wald abgegrenzt ist. Alles zum Schutz der Eichhörnchen, die wirklich extrem selten sein müssen. Jedenfalls hat keiner der Observatoriums-Mitarbeiter, die ich bislang gefragt habe und die teilweise schon Jahre hier arbeiten, jemals eins gesehen…

Der "squirrel permit", ohne den man das Gelände des LBT nicht betreten darf.

Der „squirrel permit“, ohne den man das Gelände des LBT nicht betreten darf.

Nun aber zum Teleskop: Mit seinen zwei 8,4m-Spiegeln gehört es zur ersten Klasse moderner Großteleskope. Die beiden Spiegel sind im Abstand von 14,4 Meter (Mittelabstand) auf einer gemeinsamen Montierung angebracht. Das hat, soweit ich weiß, zwei Gründe: Zum Einen möchte man das Teleskop mit interferometrischen Instrumenten verwenden und erhofft sich durch die gemeinsame Montierung eine besonders stabile Kombination der Lichtwege, da Vibrationen zwischen Teleskopen wegfallen. Das erste interferometrische Instrument (LBT-Interferometer) ist bereits angebracht und wird derzeit getestet. Es ist ein so genannter Nulling-Interferometer bei dem zwischen den beiden Lichtstrahlen ein kleiner optischen Pfadunterschied eingebaut wird, damit das Licht komplett verschwindet. „Wozu baut man ein Riesen-Teleskop um dann das Licht verschwinden zu lassen!?“ höre ich empörte Steuerzahler rufen. 😉 Nun, natürlich soll nicht das ganze Licht verschwinden, sondern es soll lediglich der Teil ausgeblendet werden, den man nicht braucht. Das ist besonders nützlich, wenn man relativ dunkle Planeten in der Nähe heller Sterne sucht. Das zweite interferometrische Instrument, LINC-NIRVANA, ist derzeit noch im Bau am MPI für Astronomie in Heidelberg. Es ist ein sehr kompliziertes Instrument, das zunächst die Lichtstrahlen beider Teleskope mit adaptiver Optik korrigieren soll, damit sie scharfe Bilder geben und dann die beiden Bilder überlagert, um ein Bild zu machen, das die Schärfe eines 23-Meter-Teleskops hat.

Das LBT ist ein ingenieurtechnisches Großprojekt. Die beiden 8,4m großen Spiegel sieht man kaum vor lauter Konstruktion...

Das LBT ist ein ingenieurtechnisches Großprojekt. Die beiden 8,4m großen Spiegel sieht man kaum vor lauter Konstruktion…

Der zweite Grund für die ungewöhnlich aufwändige Konstruktion des LBT liegt wohl darin, dass das Teleskop auch ein Vorläufer der nächsten Generation von „extrem“ großen Teleskopen („extremely large telescopes“, ELTs) sein soll, bei denen ja ebenfalls riesige Montierungen, Gebäude und Spiegelflächen verwendet werden sollen.

Nun ist ein Teleskop aber immer nur so gut wie die Instrumente, die an ihm angeschlossen sind. Auch da hat das LBT schon einiges zu bieten, obwohl vieles noch im Aufbau ist.

Bereits vorhanden sind zwei Primärfokus-Kameras („LBC blue“ und „LBC red“), die anstelle des Sekundärspiegels in den Strahlengang gefahren werden können, um Bilder mit verschiedenen Filtern aufzunehmen.

Blick vom sechsten Stock auf den linken oder blauen "Arm" des LBT. Ganz oben sieht man den Sekundärspiegel, der bei der gregorianischen Montierung über dem Primärfokus liegt. Links darunter ist die die Kamera LBC blue zu erkennen. Wenn sie verwendet wird, wir der Sekundärspiegel aus dem Strahlengang geschwenkt und LBC wird eingeschwenkt.

Blick vom sechsten Stock auf den linken oder blauen „Arm“ des LBT. Ganz oben sieht man den Sekundärspiegel, der bei der gregorianischen Optik über dem Primärfokus liegt. Links darunter ist die die Kamera LBC blue zu erkennen. Wenn sie verwendet wird, wir der Sekundärspiegel aus dem Strahlengang geschwenkt und LBC wird eingeschwenkt.

Desweiteren gibt es noch einen MODS genannten Multi-Objekt-Spektrographen, der im optischen Bereich arbeitet. Diesen werden wir heute, wenn das Wetter es erlaubt, und in den nächsten Tagen zunehmend einsetzen, da wir jetzt mehr „dark time“ haben (also Zeit, in der der Mond nicht am Himmel ist). Bei Mondlicht beobachtet man besser im Infraroten, denn die Streuung von Licht nimmt mit der Wellenlänge stark ab (deswegen ist ja auch der Himmel blau und nicht rot).

Im gregorianischen Fokus (also hinter dem Loch im Hauptspiegel) befindet sich der visuelle Multi-Objekt-Spektrograph MODS. Es dockt direkt an die Spiegelzelle an, die den Hauptspiegel hält.

Im gregorianischen Fokus (also hinter dem Loch im Hauptspiegel) befindet sich der visuelle Multi-Objekt-Spektrograph MODS. Es dockt direkt an die Spiegelzelle an, die den Hauptspiegel hält.

Außerdem ist bereits eine der beiden LUCI genannten Nahinfrarot-Kameras und -Spektrometer in Betrieb. Mein Beobachter-Kollege und ich haben bislang ausschließlich mit dieser Kamera beobachtet. Neben der Kamerafunktion kann LUCI auch als Spektrograph eingesetzt werden und zwar auf zwei verschiedene Arten. Zum Einen klassisch mit einer Schlitz-Blende, aber auch „modern“ als Multi-Objekt-Spektrograph, der statt einer einfachen Blende eine spezielle, für das jeweils beobachtete Feld zugeschnittene Maske verwendet. Damit können statt eines einzelnen Objekts dann sehr viele Objekte gleichzeitig spektroskopiert werden, was sich besonders in dichten Feldern, wie zum Beispiel Kugelsternhaufen oder auch Galaxienhaufen anbietet.

Blick auf den linken Hauptspiegel des LBT. Man sieht die drei Öffnungen, in die der Tertiärspiegel (über dem Hauptspiegel) das Licht lenken kann. Von hinten nach vorne sind das die Anschlüsse für LUCI, LBTI und LINC-NIRVANA. Ganz vorne ist außerdem noch ein Teil von PEPSI zu sehen, einem ebenfalls noch im Aufbau befindlichen hochauflösenden Spektrographen.

Blick auf den linken Hauptspiegel des LBT. Man sieht die drei Öffnungen, in die der Tertiärspiegel (über dem Hauptspiegel) das Licht lenken kann. Von hinten nach vorne sind das die Anschlüsse für LUCI, LBTI und LINC-NIRVANA. Ganz vorne ist außerdem noch ein Teil von PEPSI zu sehen, einem ebenfalls noch im Aufbau befindlichen hochauflösenden Spektrographen.

 

Gestern hatten wir eine sehr gute Nacht und konnten von Abenddämmerung bis Morgendämmerung beobachten. Heute dagegen hat es geschneit… Das sieht zwar zauberhaft aus, aber wir hoffen trotzdem, dass die Wolken bald verschwinden, denn unsere Beobachtungsliste ist noch lang…

Blick auf die Regen-/Schneewolken über der Wüste.

Blick auf die Regen-/Schneewolken über der Wüste.

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eins ist mir nicht ganz klar, nämlich wieso die Anwesenheit vor Ort von Wissenschaftlern, die lediglich Beobachtungen durchführen wollen (und nicht ein Upgrade der Hardware vornehmen o.ä.), notwendig ist. Das solte doch mittels ausreichend gesicherten Netzwerkzugriffs von überall auf der Welt genau so gut möglich sein, sofern keine Eingriffe in die Hardware erforderlich sind, oder nicht?

    Auf jeden Fall Clear Skies und viel Erfolg. Auf dass niemand versehentlich einem Eichhörnchen ein Horn zieht.

  2. Das First Light des LBT war ja schon im Oktober 2005. Eigentlich so lange her, dass man schon von einem alten Teleskop sprechen könnte. Und doch werden die wirklich entscheidenden Instrumente, das Nulling Interferometer und LINC-NIRVAN gerade erst getestet oder sind erst im Bau. Das wundert einen schon.
    Das LBT zeigt für mich auch deutlich, dass gerade unter heutigen Bedingungen Weltraumteleskope es schwer haben im Vergleich zu erdgebundenen. Zwar haben Weltraumteleskope bessere Sichtbedingungen, aber es eben nicht so leicht sie mit Instrumenten wie Interferometern nachzurüsten. Weltraumteleskope werden wohl erst wieder an Bedeutung gewinnen, wenn Missionen zu Orten wie dem L2 deutlich billiger als heute sind und wenn die Robotik weiter fortgeschritten ist und von diesen fortgeschrittenen Robotern bereits positionierte Satelliten und Weltraumobservatorien upgedatet werden können.

  3. Hallo Michael, die Frage, wieso Wissenschaftler vor Ort sein müssen, habe ich mir auch oft gestellt. Mittlerweile kenne ich ein paar Antworten dazu.

    – Bei Teleskopen wie dem LBT gibt es keine Planstellen für Wissenschaftler am Teleskop, das heißt, wenn die Besucher nicht kämen, gäbe es gar keine Astronomen am Teleskop. Wenn alles wie am Schnürchen liefe und man tatsächlich nur Knöpfe drücken müsste, dann würde das wahrscheinlich klappen. Da das aber meistens nicht der Fall ist, ist es sehr hilfreich, wenn man z.B. prüfen kann, ob die angesammelte Datenmenge schon genügt, um eine bestimmte Spektrallinie zu erkennen oder ob das Seeing noch ausreicht, um die Sterne in einem Kugelsternhaufen zu trennen. Wenn die aufgenommenen Daten nichts taugen, kann man als Wissenschaftler mitunter auch spontan entscheiden, zum Beispiel die spektrale Auflösung zu verringern, um die Signalqualität zu steigern.
    – Teleskope wie das VLT andererseits arbeiten ohnehin großteils im Service-Modus, d.h. Astronomen vor Ort führen die Beobachtungen für einen durch. Das funktioniert gut für „einfache“ Programme, bei denen nicht allzu viel einzustellen ist. Aber selbst dann ist es nicht immer einfach, alles vorauszuplanen, denn man beobachtet ja schließlich etwas, was hoffentlich noch nicht beobachtet worden ist. Beispiel: Am MPE haben wir gerade ein großes Beobachtungsprogramm laufen, um Sternhaufen in der Nähe von aktiven Galaxien zu untersuchen. Die Schwierigkeit dabei ist, die stellaren Absorptionslinien gegen das helle AGN-Licht zu sehen und dabei den Detektor nicht in die Sättigung zu bringen. Das lässt sich kaum vorausplanen, denn wir wissen einfach noch nicht wie schwach die Absorptionslinien sein werden. Das Programm läuft im Service-Mode und musste nachträglich schon etliche Male verändert werden. Das bedeutet jedes Mal Zeitaufwand nicht nur für uns Antragsteller, sondern auch für die, die die Programme bei der ESO prüfen. In diesem Fall ist es wahrscheinlich immer noch besser so, denn wir brauchen ein gutes Seeing, das man beim Besuch nicht unbedingt bekommt.
    – Service-Programme beschränken sich normalerweise auf wenige Standard-Modi der Instrumente, um die Komplexität der Beobachtungen nicht unnötig in die Höhe zu treiben. Wenn jemand (z.B. der Instrumentenbauer selbst) aber eine ganz bestimmte Konfiguration testen will, um das Instrument bis zum Äußersten auszureizen, muss er selbst anreisen.
    – Schließlich sollte man nicht unterschätzen, welchen Einfluss man als beteiligter Wissenschaftler an einem Programm hat, um sicherzustellen, dass alle wirklich ihr Äußerstes geben, um die Beobachtungen zu einem Erfolg zu führen…

  4. Halle Leonard,

    Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung. Das leuchtet mir ein. Ich sehe wahrscheinlich alles ein wenig zu sehr von der Warte des Satelliteningenieurs aus. Ich vermute mal, die vemeintliche „Einsparung“, die man meinen würde, erzielen zu können, indem man keine Wissenschaftler vor Ort im Observatorium hat, ist eien Einsparung, die hinterher viel Geld kostet.

  5. Hi Michael,
    ja, das wollte ich auch noch schreiben. Eine Nacht an einem der großen Teleskope des VLT kostet 50 000 €, beim LBT sollen es ca. 70 000 $ sein. Wenn man durch die Anwesenheit eines Astronomen auch nur 10% mehr rausholen kann, hat sich die gesamte Reise schon gelohnt.
    Dazu kommt, dass bei Satellitenprojekten die Instrumente und Software ja noch viel ausgiebiger und gründlicher getestet werden als bei bodengebundenen Geräten. Das erklärt einerseits die etwa 10x so hohe Kosten von Satellitenprojekten, andererseits aber auch den größeren Wartungsbedarf und Personalbedarf zum Betrieb eines bodengebundenen Teleskops.

  6. Den verlinkten Artikel vom „Arbeitskreis Indianer Nordamerikas“ finde ich sehr problematisch, Zum einen wird darin bewusst Verwirrung gestiftet, in dem zwischen den Anliegen von Umweltschutzgruppen und denen von Vertretern der indigenen Bevölkerung hin und her gesprungen wird, um zu verwischen, dass beide Gruppen ganz unterschiedliche Motivationen, Interessenlagen und Forderungen haben.

    Wenn es um den Schutz eines einzigartigen Biotops und Wildtierbestands geht – was die Umweltschutzgruppen wollen (Tun wir mal so, als sei „Umweltschützer“ ein anerkanntes Markenzeichen und als könne sich nicht jeder so nennen, der das will), dann halte ich das natürlich prinzipiell für ein berechtigtes Anliegen. Nur muss man auch mal schauen, ob die Forderungen und Befürchtungen in jedem Einzelfall zutreffen. Ein Teleskop ist ja nicht ein Tagebau, ein Stausee oder ein Windpark, bei denen bei Bau und Betrieb teilweise irreversible Eingriffe in die Umgebung unvermeidlich wären.

    Da wird von diesem Mike Austin ohne den Hauch eines Beweises so getan, als hätte ein Teleskop schlimmste Konsequenzen mit sich. Es werden eine Menge Behauptungen aufgestellt … bezeichnenderweise ohne irgendwelche Studien oder glaubwürdige Quellen zu nennen, die diese Behauptungen untermauern. Das zuständige Ministerium des Staates Arizona kommt 2012 zu einem anderen Schluss, nämlich dem, dass die Population des Mount Graham Squirrel stabil bleibt, von natürlichen Schwankungen abgesehen. Angesichts der getroffenen Maßnahmen erscheint mir das auch nicht unbedingt verwunderlich.

    Den Vertretern der indigenen Völker geht es aber um etwas ganz anderes, was vom Autor jenes Artikel reichlich unkritisch übernommen wird, nämlich um ihre Religionsfreiheit, die angeblich eingeschränkt wird, indem ihr „heiliger Berg“ durch diese wissenschaftlichte Einrichtung entweiht wird. Muss man das so akzeptieren? Wieso entweiht ein Teleskop eine Stätte? Die Astronomie ist die älteste aller Wissenschaften und Artefakte, die wahrscheinlich einen astronomischen Hintergrund haben, gehören zu den ältesten, schönsten und beeindruckendsten Zeugnissen menschlicher Kultur. Ein Teleskop repräsentiert Tausende von Jahren menschlicher Beschäftigung mit dem mystischsten und überwältigendsten aller Naturschauspiele, dem Nachthimmel.

    Ich bin nicht religiös, aber eine Religion ist doch im Kern nichts anderes als ein zusammenhängendes Ensemble von Grundüberzeugungen, die das eigenen Handeln leiten. So etwas hat jeder Mensch. Meine Überzeugung ist, dass Wissenschaft diejenige menschliche Aktivität ist, die den tiefsten intrinsischen Wert hat und auf die wir alle zusammen am meisten stolz sein können. Es macht eben einen Unterschied, ob man irgendwo ein astronomisches Observatorium baut oder ein Bordell, ein Spielcasino oder eine Fabrik. Ein Observatorium entweiht oder verschandelt einen Ort in meinen Augen nicht, sondern es wertet ihn auf. Dort kommen Menschen aller Kulturen zusammen, um in friedlicher Kooperation das Wissen der Menschheit zu mehren.

    Ich finde es traurig, dass die Vertreter der indigenen Völker das offenbar anders sehen, und dass diese Einschätzung offenbar von vielen nicht hinterfragt, sondern im Gegenteil gleich vollinhaltlich übernommen wird. Diese kritiklose Einstellung birgt erhebliche Risiken. Es gibt viele Religionsgemeinschaften, nicht nur die der indigenen Völker des nordamerikanischen Kontinents, sondern auch Sekten, Kulte, fundamentalistische oder rückwärtsgewandte Gruppierungen. Aber wer Hü sagt, muss auch Hott sagen. Gleiches Recht für alle. Man kann nicht den Relgionsgemeinschaften drt Ureinwohnern Amerikas besondere Privilegien zugestehen, die man anderen Religionsgemeinschaften nicht zugesteht.

    Wenn man anfängt, Präzendenzfälle zuzulassen, wo religiöse Auffassungen verhindern, dass eine wissenschaftliche Einrichtung gebaut wird, wie weit soll denn das gehen? Was soll denn noch alles für Wissenschaft verhindert werden können, weil das angeblich religiöse Empfindungen
    einer Minderheit verletzt?

    Eine andere Sache ist die angeblich schlechte Eignung des Standorts für astonomische Beobachtungen. Der Autor des verlinkten Artikels schreibt aber auch folgendes zum LBT:

    […] Es ist weltweit das größte optische Teleskop und seine Leistungsfähigkeit entspricht der zehnfachen Schärfe des Hubble Teleskops und es kann daher 2,5 Millionen Kilometer in den Weltall blicken.

    Hm. Na, ich kann das ja nicht beurteilen, aber wenn einer, der so einen Unsinn schreibt und sich nichts dabei denkt, auch noch der Meinung ist, das Observatorium tauge nichts, und jemand wie Leonard ist da anderer Meinung, dann halte ich mich doch lieber an Leonard.

  7. Hallo Michael,
    danke für Dein Plädoyer für die Wissenschaft! Ich stimme Dir voll und ganz zu, dass zunächst Umweltschutz und religiöse Motive getrennt betrachtet werden müssen.

    Zum Umweltschutz ist zu sagen, dass die Natur hier von den Astronomen sehr pfleglich behandelt wird. Im Moment fahren vielleicht zehn Autos pro Tag den Berg hoch oder runter, die Abwässer werden gesammelt und mit einem Tanklaster ins Tal gefahren, der Müll sowieso. Elektrizität gibt’s hier via Kabel. Klar, beim Bau der ganzen Anlage und bei der Installation neuer Instrument ist natürlich mehr los, aber das sind relativ kurze und vorübergehende Ereignisse.

    Und was die Religiosität angeht, ist es schwierig mit Argumenten weiterzukommen, denn Religion basiert ja nicht auf logischen Überlegungen. Ich selbst selbst sehe es genauso wie Du: Ein Observatorium, in dem die fernsten Galaxien unseres Universums gesucht und untersucht werden, könnte auch spirituell als Bereicherung gesehen werden. Aber wenn es nicht so gesehen wird, ist es schwierig dagegen zu argumentieren. Und nachdem die Amerikaner in der Geschichte ja nicht gerade zimperlich umgegangen sind mit den Indianer, herrschte wohl eine besonders empfindliche Stimmung, wenn den Indianern irgendetwas zusätzlich „weggenommen“ wird.

    Davon abgesehen, stecken hinter all den Konflikten um Mt. Graham aber wohl auch handfeste finanzielle Interessen von Rechtsanwälten, die gut an den Streitigkeiten verdienen…

    Grüße,
    Leonard

  8. Ein Nachtrag zu dem von Michael zurecht beanstandeten, von mir verlinkten Artikel über die San-Carlos-Indianer: Natürlich ist die Angabe, das LBT könne „2,5 Millionen Kilometer“ ins Weltall blicken unsinnig. Schon mit bloßem Auge kann man (an einem dunklen Ort) die Andromeda-Galaxie erkennen, die immerhin etwa 23 000 Milliarden Milliarden km entfernt ist.
    Und „zehnfach schärfer als Hubble“ erfordert einen Kommentar. Der Hauptspiegel des Hubble-Weltraumteleskops ist 2,4 Meter im Durchmesser, die LBT-Spiegel sind 8,4 Meter groß. Das ergibt zunächst mal einen theoretischen Auflösungsvorteil von knapp einem Faktor vier fürs LBT (natürlich nur mit adaptiver Optik, die noch im Bau ist). Wenn dann mal beide Spiegel des LBT zusammengeschaltet werden können, entspricht die Auflösung einem 23-Meter-Teleskop, das dann in der Tat etwa zehnmal so groß wäre die Hubble. Allerdings ist das Instrument, das das erreichen soll (LINC-NIRVANA) noch im Bau und es muss erst noch gezeigt werden, ob und für welche Objekte diese phänomenale Auflösung erreicht werden wird.

    • Was ist denn mit der angeblichen festgestellten mangelhaften Eignung des Mt. Graham als Standort für ein Observatorium? Der besagte Artikel behauptete einfach, es sei belegt, dass der Standort „inakzeptabel“ sei, allerdings ohne die Quiellen zu nennen. Wie verträgt sich das mit der täglichen Erfahrung eines tatsächlichen Nutzers?

  9. Nun, ich bin das erste Mal am Mount Graham und ich glaube mein Eindruck ist außergewöhnlich: Bis auf wenige Zeiten mit Wolken und Wind hatten wir die meiste Zeit geöffnet. Gestern und heute haben wir fantastische Bedingungen, wie ich sie auch am Paranal nur selten gesehen habe. In diesen Minuten sammeln wir mit LUCI Photonen von hochrotverschobenen Galaxien. Das Seeing gestern und heute schwankte zwischen 0,5 und 1,2″ bei ca. 650 nm.
    Im Schnitt hat Mt. Graham schon mehr „weather loss“; von dem was ich so gehört habe, rechnen viele mit etwa 50%. Aber die restlichen 50% können dafür exzellent sein und man hat ja zwei Teleskope, um den Verlust wieder auszugleichen! 😉

    • @Leonard:

      Aha, also stimmt die Behauptung von Mike Austin offenbar auch nicht. Es bleibt ja immer weniger übrig, was an seinem Konvolut überhaupt noch zutreffend ist. Dass die Region sich durch ihre Artenvielfalt auszeichnet und wegen ihrer exponierten Lage fragil ist, dürfte noch stimmen. Das trifft aber für viele Gebiete zu, und gerade am Mount Graham werden trotz oder gerade wegen des Teleskops besonders entschiedene Maßnahmen zum Naturschutz ergriffen, wie du selbst beschreibst. Sicher mehr als anderswo.

      So viel zum einen Teil der Behauptungen des Herrn Austin. Die Verquickung mit den religiös motivierten Forderungen der indigenen Volksgruppen ist zwar eigentlich gar nicht legitim, denn die sagen ja de facto gar nichts zur Ökologie, sondern behaupten einfach, ein Teleskop würde den Berg entweihen, der ihnen heilig ist. Das ist ja erst einmal nur die Meinung einiger der religiösen Führer. Dass ein Observatorium irgend jemanden an der Religionsausübung hindert und damit die Religionsfreiheit einschränkt, sehe ich nicht und es ergibt sich auch nicht aus dem, was Herr Austin schreibt. Wäre ich jetzt ganz fromm und würde ich den Berg Sinai als heilig ansehen, würde ich trotzdem nicht ein Teleskop auf dem Sinai ablehnen. Im Gegenteil, ich würde es begrüßen, denn ich würde davon ausgehen, dass das meinen „heiligen Berg“ ehrt und aufwertet.

      Nun gut, über religiöse Motivation zu diskutieren, ist müßig. Man darf aber nicht zulassen, dass eine religiöse Minderheit unter dem Deckmantel einer sehr weiten Auslegung der Anforderungen zur Ausübung der eigenen Religion der Mehrheit verbietet, Wissenschaft zu betreiben. Toleranz muss sein, aber wie alles hat auch Toleranz Grenzen. Im Endeffekt ist es ein rein rechtliches Problem. Wer hat das Hausrecht auf dem Mount Graham und welchen gesetzlichen Vorgaben unterliegt er?

      Übrigens betreibt auch der Vatikan ein Instrument auf dem Mount Graham! 🙂

  10. Hier liegt ein grundsätzliches Missverständnis vor, den Indianern geht es nicht um die Teleskope als solche, sondern um ihre heilige Stätte. Freilich kann jeder für die Wissenschaft argumentieren, aber man sollte sich hier nicht nur von seinem persönlich Religionsverständnis leiten lassen und verlangen die Indianer müssten genauso denken. Der (wissenschaftliche) Zweck heiligt nicht immer die Mittel. Selbst wenn wir alle gerne fasziniert in den Himmel schauen, so sollten wir uns doch auch mit der Natur unter unseren Füßen befassen, die nicht nur für die Indianer von Bedeutung ist.

    @Herr Khan schreibt: „Ich finde es traurig, dass die Vertreter der indigenen Völker das offenbar anders sehen, und dass diese Einschätzung offenbar von vielen nicht hinterfragt, sondern im Gegenteil gleich vollinhaltlich übernommen wird. Diese kritiklose Einstellung birgt erhebliche Risiken. Es gibt viele Religionsgemeinschaften, nicht nur die der indigenen Völker des nordamerikanischen Kontinents, sondern auch Sekten, Kulte, fundamentalistische oder rückwärtsgewandte Gruppierungen. Aber wer Hü sagt, muss auch Hott sagen. Gleiches Recht für alle. Man kann nicht den Relgionsgemeinschaften drt Ureinwohnern Amerikas besondere Privilegien zugestehen, die man anderen Religionsgemeinschaften nicht zugesteht.“

    Dieses Plädoyer verstehe ich nicht, zumal doch die Religionsfreiheit fester Bestandteil der amerikanischen Verfassung ist. Auch wenn sie den Indianern, die von den Christen ja lange Zeit als Heiden betrachtet wurden, bis zum heutigen Tag nicht voll zugestanden wird. Letzeres hängt wohl auch mit der besonderen Religiosität der Indianer zusammen, denen bestimmte Stätten in der Natur heilig sind, während bei den Christen Kulthandlungen fast ausschließlich in den Kirchen abgehalten werden. Und so richtete sich die Kritik der Nutzungsgegner auch gegen den Vatikan, der an diesem Projekt beteiligt ist, aber in der Vergangenheit null Toleranz gegenüber der Religion Indigener Völker* zeigte, die es zu missionieren galt. @Leonard Burtscher schreibt ganz richtig: „Und nachdem die Amerikaner in der Geschichte ja nicht gerade zimperlich umgegangen sind mit den Indianer, herrschte wohl eine besonders empfindliche Stimmung, wenn den Indianern irgendetwas zusätzlich „weggenommen“ wird.“ Und wenn die Astronomen die Natur dort sehr pfleglich behandeln, dann ist das auch im Einklang mit einer alten Indianerweisheit, die besagt: „Ein guter Wanderer hinterlässt keine Spuren“. 😉

    * http://www.zum.de/Faecher/evR/bauer/archaics/begriffe_natur.htm

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