Wenn Fremdbilder unsere Selbstbilder werden – über die Macht von Zuschreibungen und die Kraft der Selbstbestimmung

BLOG: Positive Psychologie und Motivation

Kognitives, affektives und psychosoziales Aufblühen in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung
Positive Psychologie und Motivation

Michaela Brohm-Badry

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet am 15.08.2026, dass Praktikanten in einer Basler Klinik in alleiniger Verantwortung ADHS-Diagnosen stellen (Edrich 2026). Studierende, die vertretungsweise an Schulen arbeiten, lassen Arbeiten schreiben und vergeben Noten, Freunde oder Freundinnen kommentieren unseren Charakter oder unser Aussehen. Das ist sowohl aus neurowissenschaftlicher, als auch aus psychologischer, pädagogischer und medizinischer Sicht risikoreich.

Diagnostische Urteile sollten auf fachlicher Expertise und geeigneten Verfahren beruhen, denn sie können erhebliche Auswirkungen auf das Umfeld des beurteilten Menschen, auf den Menschen selbst und mitunter auch auf seinen Lebensentwurf haben. Und das bezieht sich sowohl auf medizinische, pädagogische als auch psychologische Diagnosen, und letztendlich auch auf beurteilende Alltagszuschreibungen durch nahestehende Menschen.

Im idealen Fall geben Diagnosen Orientierung. Sie können entlasten, Behandlung ermöglichen und Menschen helfen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Doch was geschieht, wenn eine Diagnose falsch ist oder wenn ein diagnostisches Etikett beginnt, stärker auf das Umfeld zu wirken als der Mensch selbst?

Neuere Forschung zeigt, dass Fehldiagnosen weit über medizinische Fehlentscheidungen hinausreichen können. Betroffene berichten von Verunsicherung, Vertrauensverlust, vermindertem Selbstwert und anhaltender psychischer Belastung. Besonders folgenreich können Fehldiagnosen sein, wenn körperliche Beschwerden vorschnell als psychosomatisch oder psychiatrisch eingeordnet werden. Studien zeigen, dass manche Menschen noch Jahre später mit den Folgen solcher Zuschreibungen ringen (vgl. O’Connor, C., Brassil et al, 2022; Fox, A. B., & Earnshaw, V. A. 2023; Mickelberg, A., Walker 2024).

Labeling verändert die Wahrnehmung

Dabei spielt ein Mechanismus eine zentrale Rolle, der als „Labeling“ bezeichnet wird. Sobald ein Mensch ein Etikett erhält, wie etwa „depressiv“, „schizophren“, „ADHS“, „nicht belastbar“, beziehungsweise „fleißig“, „schön“ oder „hochbegabt“, verändert dieses Wissen die Wahrnehmung durch andere und die Selbstwahrnehmung.

Experimente mit verschiedenartigen Labels zeigen, dass dieselbe Person anders beurteilt wird, sobald ein diagnostisches Label bekannt ist. Ihr werden teilweise weniger Kontrolle über ihr Verhalten und geringere Genesungschancen zugeschrieben. Besonders bedeutungsvoll ist eine Studie von Mickelberg und Kolleg:innen (2024), die  zeigen, dass selbst nachdem eine zuvor mitgeteilte psychiatrische Diagnose ausdrücklich als falsch zurückgenommen worden war, das ursprüngliche, also falsche Label in der Wahrnehmung der Person weiterwirkt.

Wie tief solche Zuschreibungen wirken können, zeigt eine aktuelle Studie von Sloan und Kolleg/innen (2025) an über 3300 Befragten: Mehr als 80 Prozent der Betroffenen berichteten nach einer psychosomatischen oder psychiatrischen Fehldiagnose von einem beschädigten Selbstwert, 72 Prozent waren durch die Erfahrung noch immer belastet. Zudem war ihr psychisches Wohlbefinden negativ beeinträchtigt.

Zuschreibungen wirken auf das Gehirn

Das zeigt auch, dass Labels nicht nur von außen durch die Behandlung des Umfelds  wirken, weil Menschen beginnen, sie in das eigene Selbstbild zu integrieren. Aus „Ich habe eine Diagnose“ kann im Laufe der Zeit der feste Glaube werden „Ich bin so“. Neurowissenschaftlich ist das durch Prozesse der Neuroplastizität zu erklären: Gedanken oder Handlungen, die häufig im Leben eines Menschen vorkommen, bilden neue neuronale Strukturen und neuronale Netzwerke im Gehirn und verfestigen sich dadurch.
Im Falle des Labelings ist insbesondere das Default Mode Network betroffen. Es aktiviert verschiedene Gehirnregionen, die besonders mit Selbstreflexion und autobiographischem Erleben – also wer bin ich? – verbunden sind. Und damit verändern sich möglicherweise Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit, an Beziehungen und an die eigene Zukunft. Diagnosen können durch die immanente Erwartung lebensbestimmend sein.

Wirksamkeit von Erwartungen

Wie mächtig Erwartungen auch in positiver Hinsicht wirken können, zeigt eines der bekanntesten psychologischen Phänomene, das als Pygmalion- oder Rosenthal-Effekt bekannt wurde. Robert Rosenthal und Lenore Jacobson lieferten einen frühen experimentellen Hinweis, dass Erwartungen von Lehrkräften die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern beeinflussen können (Rosenthal & Jacobson 1968).

Glauben Lehrkräfte, bestimmte Schülerinnen oder Schüler verfügten über besonderes intellektuelles Entwicklungspotenzial, verhalten sie sich ihnen gegenüber häufig unbewusst anders. Sie geben dem Kind mehr Aufmerksamkeit, anspruchsvollere Aufgaben, mehr Zeit für Antworten oder ermutigenderes Feedback, was die Leistungsstärke und Motivation positiv beeinflusst. Erwartungen können dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Der Mechanismus funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Wer einem Menschen wenig zutraut, kann Bedingungen schaffen, unter denen dieser tatsächlich weniger Leistung zeigt. In der Forschung wird dieser negative Erwartungseffekt auch als Golem-Effekt bezeichnet (Babad, E. Y. et.al. 1982).

Damit steht das Feld des Labelings in einem größeren gesellschaftlichen und persönlichkeitsdeterminierenden Kontext. Dabei geht es um die Fragen, wie viel von dem, was wir für die Eigenschaften eines Menschen halten, durch den Blick von außen entsteht und wie der Mensch schließlich lernt, sich selbst zu sehen.

Selbstbild und Authentizität

Genau an diesem Punkt berührt die Forschung zu Fehldiagnosen und Labeling die grundlegendere Frage nach Authentizität. In unserem Buch Werde, wie du bist (2026) haben meine Co-Autorin, die Schauspielerin Claudia Jahn und ich als Neurowissenschaftlerin, aus diesen unterschiedlichen Perspektiven beschrieben, wie Menschen zwischen eigenen Bedürfnissen, inneren Überzeugungen und den Erwartungen ihrer Umwelt ihren eigenen Weg finden. Die oben genannte Forschung zu diagnostischen Labels zeigt, wie herausfordernd diese Aufgabe sein kann. Denn unser Selbstbild entwickelt sich im Spiegel der Rückmeldungen, Zuschreibungen und Erwartungen anderer Menschen.

Diagnosen sind deshalb nie nur neutrale Informationen. Sie können einerseits zwar die Türen zu Verständnis und Hilfe öffnen. Andererseits aber auch Erwartungen erzeugen, Möglichkeiten einengen und Identität belastend prägen. Umso wichtiger ist es, zwischen einer Beschreibung und einem Menschen zu unterscheiden und die Diagnostik ausschließlich in erfahrenen Händen zu belassen. Gerade deshalb verdienen diagnostische Urteile besondere Sorgfalt. Eine voreilige oder falsche Zuschreibung kann nicht nur Entscheidungen über Behandlung oder Förderung beeinflussen, sondern unter Umständen auch das Selbstverständnis eines Menschen über lange Zeit prägen.

Vielleicht gehört zu einem stimmigen Leben deshalb auch eine Fähigkeit, sich immer wieder zu fragen, welche Vorstellungen über uns tatsächlich unsere eigenen sind und welche wir irgendwann von anderen übernommen haben.

 

Literatur

Babad, E. Y., Inbar, J., & Rosenthal, R. (1982). Pygmalion, Galatea, and the Golem: Investigations of biased and unbiased teachers. Journal of Educational Psychology, 74(4), 459–474. https://doi.org/10.1037/0022-0663.74.4.459.

Brohm-Badry, M., Jahn, C. (im Druck). Werde, wie du bist – ein Befreiungsschlag: Was es wirklich heißt, authentisch zu sein. Frankfurt/New York, Campus.

Edrich, K. (15.08. 2026). Basler Klinik lässt Praktikanten im Alleingang ADHS diagnostizieren. Neue Zürcher Zeitung am Sonntag.

Fox, A. B., & Earnshaw, V. A. (2023). The relationship between mental illness stigma and self-labeling. Psychiatric Rehabilitation Journal, 46(2), 127–136. https://doi.org/10.1037/prj0000552).

Mickelberg, A., Walker, B., Ecker, U., Fay, N. Helpful or harmful? The effect of a diagnostic label and its later retraction on person impressions, Acta Psychologica, Volume 248, 2024, 104420.

O’Connor, C., Brassil, M., O’Sullivan, S., Seery, C., & Nearchou, F. (2022). How does diagnostic labelling affect social responses to people with mental illness? A systematic review of experimental studies using vignette-based designs. Journal of Mental Health, 31(1), 115–130. https://doi.org/10.1080/09638237.2021.1922653.

Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the classroom: Teacher expectation and pupils’ intellectual development. Holt, Rinehart and Winston.

Sloan M, Bosley M, Gordon C, Pollak TA, Mann F, Massou E, Morris S, Holloway L, Harwood R, Middleton K, Diment W, Brimicombe J, Lever E, Calderwood L, Dalby E, Dunbar E, D’Cruz D, Naughton F. ‚I still can’t forget those words‘: mixed methods study of the persisting impact on patients reporting psychosomatic and psychiatric misdiagnoses. Rheumatology (Oxford). 2025 Jun 1;64(6):3842-3853. doi: 10.1093/rheumatology/keaf115. PMID: 40037287; PMCID: PMC12107051.

website: https://www.brohm-badry.de/
sowie: https://eupons.eu/ (Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften, EUPONS.eu)

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Neurowissenschaftlerin, Autorin und international gefragte Keynote-Speakerin. Sie war langjährig Professorin und Dekanin an der Universität Trier und gilt laut ARD als "eine der bekanntesten deutschen Motivationsforscher". Ihre Weg führte vom Musikwissenschaftsstudium am KIT über das Studium der Neurowissenschaften für Lehr- Lernforschung in Sydney/Australien bis hin zur Ausbildung in Positiver Psychologie in New York - eine interdisziplinäre Kombination, die heute ihr unverwechselbares Profil prägt. Für die Europäische Kommission war sie zur Erstellung des Europäischen Kompetenzrahmens LifeComp Mitglied der EU-Expertenkommission. Seit September 2025 leitet sie das "European Forum for Positive Neuroscience" (eupons. eu).

2 Kommentare

  1. Ich beziehe das jetzt nur auf das Extrem Traumata: Ein Trauma entsteht durch Stress. Und deswegen unterteile ich sie in solche, die tatsächlich durch ein extremes Stress-Ereignis erzeugt wurden, und solche, die erst hinterher zu Traumata aufgebauscht werden, durch die Stigmatisierung durch die Gesellschaft.

    Ein Beispiel ist Sex vor der Ehe – Frauen wurden einst durch Schuldgefühle genauso kaputtgemacht wie Prostituierte, bis hin zum Selbstmord. Auch der Job als Schauspielerin war mal praktisch identisch mit dem Job einer Prostituierten, die Betroffenen wurden ähnlich stigmatisiert und entwickelten ähnliche Symptome. Erst Hollywood hat den Schauspielerinnen das Prestige gebracht, das sie heute genießen.

    Wenn also ein Mensch ein traumatisches Erlebnis hatte – ist das wirklich von sich aus so schlimm? Oder wurde der Mensch in die Pflicht genommen, kaputt zu sein, und fügt sich seiner sozialen Rolle durch den Druck der Gesellschaft?

    Scham spielt, wie alle Angst, eine wichtige Rolle bei der Strukturierung der Gesellschaft. Wir wenden sie gern als Waffe an, um unseren Status zu verbessern, die Menschen um uns herum so in Kasten und Schubladen zu ordnen, wie es uns nützt. Wer aus der Rolle fällt, erntet Verachtung und wird von der Meute gelyncht, eine ethisch neutrale Immunreaktion.

    Denn es ist der gleiche Mechanismus, der uns Mörder und Vergewaltiger verachten lässt, wie der, der in manchen Ländern Väter ihre Töchter ermorden lässt, um die Familienehre wiederherzustellen. Das Problem ist also nicht der Mechanismus selbst, sondern die Normen, die er schützt: Der Ehrenkodex, den uns die Gesellschaft auf die Festplatte aufspielt.

    Ein Opfer fällt genauso aus der Reihe wie ein Täter, wird als defekte Ware in der Gesellschaftshierarchie herabgestuft und darf nur auf Bewährung weiterleben. Dazu muss es immer wieder Buß- und Unterwerfungsrituale durchlaufen, in denen es die Gesellschaft wie einen Gott anbetet, um Gnade und Erbarmen fleht, über sich richten lässt. Und die Gesellschaft prüft die Reue mit genüsslichem Sadismus, wie ein Hund an einem Knochen kaut, und tut sich genauso schwer damit, es zu lassen.

    Opfer sein ist in der Natur grundsätzlich strafbar. Die Schwachen werden gefressen. Ein Stamm, der nicht wie ein Uhrwerk funktioniert, wo nicht jeder sein Bestes gibt oder geben kann, ist anfällig wie ein blutendes Tier und lockt Raubtiere an. Wenn wir also die Schwachen selbst wie eine Krankheit behandeln, schützen wir nicht nur uns selbst, sondern zwingen sie auch, gegen ihre Schwäche anzukämpfen und sie zu maskieren – das macht sie nach Außen hin stärker.

    Wenn man also schwach ist, wird man behandelt wie ein Verbrecher, bis hin zur öffentlichen Hinrichtung. Natürlich entwickelt man die Mentalität eines gejagten Tieres. Eines Mörders oder Spions, der stets Angst hat, enttarnt zu werden.

    Nun hat die Menschheit das Ganze auf den Kopf gestellt – wir sind Cyborg-Affen, wer der größte Krüppel ist, braucht die beste Technologie, die mächtigste Hightech-Zivilisation als Rollstuhl. Dass wir allesamt nicht überlebensfähige, körperlich missgebildete und psychisch gestörte degenerierte Schimpansen sind, ist die Peitsche, die uns an die Spitze der Nahrungskette getrieben hat.

    Doch der Versuch, das Opfer vom Stigma zu trennen, zu emanzipieren, ging gründlich schief. Wir jammern alle um die Wette, kriechen voreinander im Staub, niemand winselt so sehr wie die Reichen und Mächtigen, wo ein Opfer ist, kommen sofort Abertausende Möchtegerns angerannt, die es aus dem Rampenlicht schubsen, um sich selbst an seiner Stelle zu kreuzigen. Wer am lautesten klagt, hat die meiste Kraft und damit den geringsten Grund dazu, doch er profitiert am meisten – das Opfer wird ein zweites Mal zum Opfer, denn es wird des Mitleids und des Schutzes der Mehrheit beraubt. Wir schlachten die Schwachen, um uns in ihre Schwäche zu kleiden, wie Azteken-Priester in die Häute der Menschenopfer.

    Ein Grund, warum es in der Stadt schöner ist als im Dorf ist, dass dort mehr Anonymität herrscht – im Dorf haben Sie Totalitarismus pur, jeder spioniert jeden aus, Privatsphäre gibt es kaum, Moralpolizei ist überall, denn jeder normale Mensch hat Dreck am Stecken und versucht, von sich abzulenken. Und auch wenn Landeier unter sich toleranter sind als man glauben kann und sich nur gern das Maul zerreißen – schon die Hautfarbe oder eine Warze kann einen zur Hexe stigmatisieren, die das nächste Mal gegrillt wird, wenn irgendeiner einen Sündenbock für seine Missetaten braucht und eine Hexenjagd startet.

    Doch heute gibt’s keine Stadt mehr, Dorf ist überall – jeder filmt jeder, jeder hat eine weiße Kapuze mit Buchstaben drauf, um damit anonym und ungestraft leichte Opfer zu jagen, und heute können solche Lynch-Meuten Millionen Mitglieder haben. Schamgefühl ist zu einer geistigen Behinderung geworden, denn Sie werden auf jeden Fall erwischt und fertiggemacht.

    Und dennoch ist und bleibt es Teil der menschlichen Natur. Schamlosigkeit ist immer neurotisch, hysterisch, löst selbst Schuldgefühle aus, die man mit aller Macht niederschreit. Man sieht es an Leuten wie Donald Trump, der wohl genau weiß, dass er der Übermensch der Moderne ist, das Ideal, das durch Jahrzehnte des freien Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Selektion an die Spitze gekommen ist, die die niederträchtigsten und erbärmlichsten Eigenschaften des Menschen belohnte.

    Wir leben in der Bizarro-Welt. Charakterstärke wird zur Schwäche, denn wir bestrafen sie, Charakterschwäche wird zur Stärke, denn wir überschütten sie mit Geld und setzen sie auf alle Throne.

    Wir bewundern Menschen, die sich so schamlos als seelische Krüppel profilieren können wie Donald Trump, ohne deswegen wie sie zu werden. Denn die meisten von uns bekommen gar nicht das Geld geboten, sich im Dschungelcamp so sehr zu erniedrigen. Und so wird sich in der Jauche zu wälzen und sich dabei toll zu finden zum Leistungssport, der dann doch eine gewisse Art von Stärke erfordert, kontinuierlich genährten Selbsthass und Selbstverleugnung, die sich als hysterischer Größenwahn äußern.

    Eins hat sich nicht verändert – diese Art Schwäche, Feigheit, Prinzipienlosigkeit, Käuflichkeit, zerstört jede Gemeinschaft und macht sie zur leichten Beute. Weil unser Ideal ist, so tief zu sinken, wie ein Mensch nur sinken kann, reißen wir Löcher ins Sicherheitsnetz wirtschaftlicher und politischer Beziehungen und stürzen die Welt in den Abgrund.

    Die Meisten von uns leben aber immer noch in Gesellschaften, die von uralten Trieben gesteuert werden. Wir haben eine System-Software, die uns aufgespielt wurde, die macht teils Sinn, teils nicht, teils ist sie sogar veraltet, grausam und schädlich, aber wir hinterfragen sie nicht – wir schützen die Ordnung, den Status Quo, von dem unser Überleben abhängt, denn wir brauchen den Rollstuhl Gemeinschaft, ganz egal, wie beschissen er ist, ganz egal, wie mies er uns behandelt.

    Allein die kognitiven Dissonanzen, die man bei solchen Widersprüchen aushalten muss, können einen in den Wahnsinn treiben. Ein wenig mehr „scheiß drauf“ würde uns allen gut tun. Fällt aber nicht allen leicht, manche sind so sehr von der Meinung ihrer Mitmenschen abhängig, dass die Mitmenschen sie allein auf Freude am Foltern mit unmöglichen Erwartungen zerpflücken. Ist wie Gladiatorenspiele, eine öffentliche Hinrichtung mit viel Folter – wir stehen nun mal auf Blut und Tränen und leichte Beute bringt uns erst recht in Fahrt. Wir können nix dafür, es steckt in den Genen – wir können’s nur im Griff behalten.

    So etwas wie „geistige Gesundheit“ scheint es gar nicht zu geben. Jede Superkraft, die ein Mensch entwickelt, hat ihren Preis in Defiziten in anderen Bereichen. Jede Rolle, die uns die Gesellschaft zuweist, erfordert gewisse Neurosen. Jede Gemeinschaft muss bestimmte Macken in Familien und Schulen gezielt züchten, um sich an eine bestimmte Umwelt anzupassen. Wenn wir uns alle mit küchenpsychologischen Amateurdiagnosen bewerfen, haben wir alle wahrscheinlich irgendwie Recht. Der Psychiater kann nur feststellen, wann die einzelne Macke so lästig wird, für den Patienten oder für seine Umgebung, dass man sie mit medizinischen Mitteln korrigieren muss.

    Es ist nur natürlich, dass Umgangssprache klar definierte Fachbegriffe aufgreift und ihnen eine andere, schwammigere Bedeutung verleiht – wo die Fachleute ins Schwarze zielen, ist die Umgangssprache schon froh, wenn sie die Zielscheibe trifft. Auch wenn die Wörter gleich sind, die Sprachen sind so unterschiedlich wie Deutsch und Kisuaheli. Auch der Fachmann sollte wissen, sobald sein Vokabular in die Öffentlichkeit gelangt, war er nur noch die Inspiration für die Impro-Künstler. Das Wort ist kein Fachbegriff mehr, sondern eine Metapher, eine Überzeichnung, eine Karikatur – du hast nicht ADHS, du wirkst auf mich so als ob, hier und jetzt, in dem Moment, in zehn Sekunden vielleicht nicht mehr, und auch nur ein Bisschen.

    Es hat also ein völlig anderes Gewicht, wenn Menschen sich gegenseitig mit Schizo bezeichnen, oder ob Fachleute ihnen das Etikett ankleben. Ob Sie sich nach einem harten Arbeitstag wie gerädert fühlen, oder weil ein Henker Ihnen die Knochen mit einem Wagenrad gebrochen hat, macht ja auch einen Unterschied.

    Wir sehen auch den Kampf um die Selbstbehauptung – Bigotterie versucht, die Menschen in totalitäre Schubladen zu stecken, die völlige Kontrolle über sie zu erlangen, meist will eine Autorität die Welt so ordnen, wie es ihr passt, weil sie mit einer komplexeren und dynamischeren Umwelt überfordert wäre und ihre Autorität verlieren würde. Ob es jetzt die Woke-Bigotterie ist, die was von Cultural Appropriation schreit, um Menschen „zu ihrem eigenen Besten“ mit gelben Sternen und rosa Dreiecken genauso zu sortieren wie „zum Wohle des Volkes“ in Auschwitz, ob es die neue Rechte ist, die mit Rassenhierarchien und Geschichtsverfälschung langweilt – Kontrollfreak bleibt Kontrollfreak.

    Und so gibt es auch den Menschen, von dem ein Trump bloß die Parodie ist – jenen, der sich gegen die Gesellschaft behauptet und sein eigenes Ding dreht, doch nicht, weil er all ihre Normen unterläuft und nach dem Niedrigsten strebt, sondern weil ihre Normen ungerecht sind und ihn in Ketten halten, ihn zwingen wollen, seine Natur zu verleugnen, seine Persönlichkeit zur Pathologie erklären, von ihm fordern, dass er unter seinem Schicksal leidet. Der nicht das Recht fordert, so scheiße zu sein, wie es nur geht, sondern das Recht, dort anders zu sein, wo Gleichmacherei nicht zu rechtfertigen ist.

    Was ist der Unterschied zwischen beiden? Tja, jede Gesellschaft braucht ihren Ehrenkodex. Und der Ehrenkodex des toleranten, demokratischen Westens, der nach Minimalismus bei allen Ängsten und Zwängen und Regeln herrscht, ist der wohl am höchsten entwickelte der Menschheitsgeschichte. Nur scheint die Menschheit damit überfordert, also braucht er auch Räume für einfachere Regelwerke, nach denen Menschen freiwillig leben können. Und Mechanismen, um zu verhindern, dass sie aus ihrer Sekte herauskommen, um die ganze Gesellschaft nach ihrem Vorbild umzuformen.

    Eins würde ich mir wünschen – die Erkenntnis, dass es das Ideal, die Gesundheit, die Perfektion, nach der wir streben, gar nicht gibt. Im Gegenteil, je mehr wir einem Ideal entsprechen wollen, desto mehr haben wir einen an der Klatsche, denn das heißt, seine Psyche mit noch mehr Ängsten, Neurosen, Scham, Selbstverleugnung zu belasten.

    Das Ideal des gesunden Selbstakzeptanz findet man in der amerikanischen Popkultur. South Park, die Simpsons, Comedy Central. Nachdem Batman Reagan sich zu Joker Trump entwickelt hat, zeigt vielleicht der Peacemaker Amerikas Zukunft. Auch ein lächerlicher Clown mit einem monströsen seelischen Ballast kann seine Würde wahren, indem er dazu lernt das Richtige zu tun versucht. Und wo alle irgendwie kaputt sind, bleibt nur, einander zu helfen, damit fertig zu werden.

    Es sind die Masken, die wir tragen, die Masken der Perfektion, der Gesundheit, die lächerlich geworden sind, angesichts des modernen Wissens. Was darunter zum Vorschein kommt, ist kompromisslos hässlich, verbeult, peinlich und deprimierend. Und dennoch – alles gute im Menschen kommt vom Schlechten im Menschen. All unsere guten Eigenschaften sind sublimierter Egoismus, Sadismus, Pathologien. Und? Ist das Gute an uns nicht gerade deswegen noch mehr wert?

    Wer seinen Mitmenschen vergeben kann, dass sie Menschen sind, kann es vielleicht sogar sich selbst.

  2. @Hauptartikel

    „Vielleicht gehört zu einem stimmigen Leben deshalb auch eine Fähigkeit, sich immer wieder zu fragen, welche Vorstellungen über uns tatsächlich unsere eigenen sind und welche wir irgendwann von anderen übernommen haben.“

    Nicht vielleicht, das dürfte sogar grundlegend sein.

    Aber hier wirken nicht nur Diagnosen, auch das professionelle Selbstmodell von z.B. Therapeuten hat doch ähnliche Wirkungen. So wie die den Menschen allgemein und damit auch ihre Klienten sehen, kann das schon abfärben.

    Und das nicht unbedingt im Positiven.

    Sich dagegen zu behaupten ist schon eine echte Herausforderung. Da ist es öfter von Vorteil, möglichst stur und unaufgeschlossen zu sein. Und wenn man dann als schlechter Patient da steht, dann lässt man es am Besten so sein. Das könnte, meine ich, ein wesentlicher Teil allgemeiner Resilienz sein.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +