Was uns in Krisen hilft – für sich selbst und für andere sorgen

Michaela Brohm-Badry

Wenn in Krisensituationen fast nichts mehr geht, sind wir zurückgeworfen auf das allgemein Menschliche, auf das, was wirklich zählt im Leben: Die Sorge für sich und andere 

Heute schreibe ich für jemanden, den ich nicht kenne. Eine Frau, die mir nach einem TV-Interview eine lange Mail schrieb. Sie ist Pflegerin in einem Pflegeheim und es ist die erschütterndste Mail, die ich seit langer Zeit bekommen habe. Ich habe nach dem Pflegeheim recherchiert und fand bestätigt, was sie schreibt: Das Pflegeheim ist mit Covid 19 durchseucht, über 40 Pflegekräfte sind schon infiziert, sie selbst auch, viele positiv getestete „kommen aber trotzdem zur Arbeit, weil es nicht anders geht“, die Menschen „sterben uns unter den Händen weg“.

Nein, ich weiß keinen Rat für diese Situation. Die momentane Lage ist von Angst und Traurigkeit geprägt. Es wäre vermessen – wenn nicht gar lächerlich – zu glauben, wir könnten positiv-psychologische Glücksbotschaften in eine solche Situation senden. Und dennoch haben wir aus der Forschung einige Hinweise für den Umgang mit Krisensituationen, die vielleicht hilfreich sind.

Auch wenn die meisten von uns nicht in einer solch dramatischen Situation leben wie die Mailschreiberin, der gegenwärtige Zustand zeigt uns doch deutlich, dass wir nicht alles in der Hand haben, dass wir unser Leben nicht gänzlich selbstverantwortlich steuern können. Das bringt das Gefühl des Kontrollverlusts mit sich, das dazu geeignet ist, uns hilflos fühlen zu lassen. Hilflosigkeit führt aber, so in unzähligen Studien seit den sechziger Jahren belegt, dazu, tendenziell passiv zu werden, in Lethargie, Apathie oder Depression zu fallen; Saft- und kraftlos zu sein.

Um diesen Hilflosigkeitsgefühlen entgegen zu wirken, ist es hilfreich, zumindest unseren kleinen Lebensbereich zu steuern. Wenn fast nichts mehr geht, sind wir zurückgeworfen auf das, was wirklich zählt im Leben: Die Sorge für sich und die Sorge für andere; Selbstsorge und Fremdsorge.

Selbstsorge: Körper und Seele beleben
Selbstsorge meint physische und psychische Selbstsorge.

  • Physische Selbstsorge bedeutet, sich um den eigenen Körper bestmöglich zu kümmern, z.B. ausreichend schlafen, gutes Essen essen, sich bewegen, Ruhephasen haben, die Haut schützen und cremen, viel Wasser trinken usw.
  • Psychische Selbstsorge meint die Sorge um die eigene Kognition, Emotion und Motivation – also um Geist, Gefühl und Energie.

Der Geist will nach wie vor auch in Krisenzeiten hin und wieder herausgefordert werden, Texte lesen, tiefe Gespräche führen, ein Instrument oder neue digitale Techniken erlernen oder was auch immer. Bekommt er solche Impulse nicht, erlahmt er wie ein ungenutzter Muskel.

Emotionale Selbstsorge meint momentan, dass wir uns schützen vor Dauerberieselung mit schlechten Nachrichten über die Corona-Krise, über Ansteckungszahlen in unserer Region, Europa, weltweit usw. Gut wäre es, uns selbst auf wenige Nachrichtensendungen pro Tag zu disziplinieren, Zeit für sich selbst zu nehmen, für Natur, Musik, Bücher, Bilder, Gebete, Meditation, Sport oder was auch immer. Und dankbar zu sein, dankbar für alles, was trotz alledem gut ist, was liebevoll, warmherzig belebt, menschlich lacht, weint, streichelt, anruft, schreibt, duftet, bellt, klingt oder wächst – alles was hilft unterstützt die emotionale Stabilität.

Hinsichtlich der Motivation dürfen wir wohl derzeit von uns selbst nicht allzu viel erwarten, beruht sie doch zu weiten Teilen auf der Befriedigung emotionaler Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit. Autonom sind wir derzeit wahrlich kaum, dass wir was können, empfinden die meisten im Homeoffice weit weniger als vor Ort mit Kolleg/innen und Mitarbeiter/innen und das mit der sozialen Eingebundenheit kann man ja derzeit getrost vergessen … Wer derzeit etwas lustlos vor sich hin arbeitet, braucht sich keine Sorgen machen. Mit zunehmender Öffnung der Restriktionen kommt die Leistungs-, Lern- und Lebensfreude wieder ganz von selbst zurück.

Fremdsorge: Füreinander da sein
Fremdsorge meint die Sorge um andere; ein hohes Maß an Mitgefühl und Freundlichkeit für den/die Partner/in, Freunde, Nachbarn, Bekannte und Unbekannte. Diese Zeit ist die Zeit um Bindungen zu stärken, Menschen zu helfen, um Hilfe zu bitten, Spiel und Freude im sozialen Miteinander zu entfalten – wenn auch kontaktlos, wenn auch nur virtuell oder telefonisch, per Zettel, per Tasche am Zaun oder per Ruf über die Straße. Füreinander da sein. „Ich bin für dich da“ ist die zentrale Botschaft. Ich denke an dich. Nah trotz fern. Ich bin da für dich.

Es gibt viele empirische Hinweise darauf, dass Menschen in Krisenzeiten um so besser zusammenstehen und füreinander eintreten. Krisenzeiten scheinen das Beste im Menschen zu Tage zu fördern: Wir helfen mehr, haben mehr Mitgefühl, sind selbstloser und dankbarer. Das allgemein Menschliche tritt zutage und lässt inhumane Verhaltensweisen sehr viel deutlicher als das erkennen, was sie sind: Egoistisch, narzisstisch, falsch. Der Eigennutz hat keinen Platz in einer krisengeschüttelten Gesellschaft. Gemeinwohl geht vor Eigenwohl. Punkt.

Liebe Mailschreiberin, ich weiß nicht, ob diese Hinweise Ihnen vielleicht ein klein wenig helfen können, aber ich weiß, dass Sie in Ihrer schweren Arbeit, das Beste des Menschseins zeigen, das Edelste, was ein Mensch sein kann. Und eines Tages werden Sie wahrscheinlich auf Ihr Leben zurückblicken und können voller Wahrhaftigkeit sagen, dass Sie in einer der schwierigsten Situationen der Menschheit Ihr Bestmögliches gegeben haben. Und voller Hochachtung blicken wir auf solche Menschen wie Sie einer sind.

Sich bestmöglich um sich selbst und andere Menschen kümmern, dankbar auf das zu schauen, was trotz alle dem gut ist und die Hoffnung auf bessere Tage nicht zu verlieren, das ist die Basis für gelungenes Handeln in Zeiten der Krise.

 

Literatur

Brohm-Badry, Michaela (2019). Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten können. EcoWin

Website Brohm-Badry

Website Brohm-Badry Universität Trier

 

 

Michaela Brohm-Badry

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Lernforscherin an der Universität Trier mit den Schwerpunkten Motivation und Positive Psychologie, Autorin und Keynote Speaker. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

7 Kommentare

  1. Frau BrohmBardy,

    Sie haben ohne Hinweis auf die Gründe und – insbesondere perspektivisch gesehen – für Leser „unentdeckt“ den gesamten Kommentarverlauf (in jedem Fall) vom 10.04. – 19.04.2020* Ihres Artikels »Was uns in Krisen hilftfür sich selbst und für andere sorgen« nachträglich gelöscht. Das ist u.a. eine gezielte Form der Informationskontrolle. Insbesondere unter dem Aspekt, daß Sie dann am 21.04.2020 einen “vermeintlich” Erstkommentar von Axel Krüger veröffentlichten.

    *Da ich mit fortschreitender Zeit nicht täglich nachschaue, ob noch jemand etwas kommentiert hat, endete meine dokumentierte Kommentarbeobachtung** bezüglich Ihres Blogbeitrages am 19.04.2020.

    Hintergrund
    **Da ich erleben musste, daß Kommentarmanipulationen bei scilogs nachträglich stattfinden, bedeutet Dokumentation hier Screenshots und html-Kopien, u.a. zum Schutz meiner eigenen Person gegen beispielsweise Unterstellungen. Des Weiteren wurde ich Zeuge und auch Opfer vielfältiger Kommentatoren-Beleidigungen, die von diversen scilogs-Bloggern geduldet wurden.

    Gemäß den Angaben auf der Universitätswebseite sind Ihre Forschungsschwerpunkte: “Positive Psychologie, Motivation, Werte, Sinn und Leistung. Forschung und Lehre drehen sich somit um die Frage, wie Menschen kognitiv, emotional und motivational wachsen. Im Kern geht es um Wege und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation.“

    Ich möchte nicht über die Gründe Ihrer Löschaktion spekulieren. Ich empfehle Ihnen in jedem Fall als »Vorbild«, gemäß Ihrer akademischen Ziele und propagierten Werte, diese sehr zeitnah gut sichtbar am Ende Ihres Blogartikels auszuführen. Damit wäre zumindest ein Mindestmaß an Transparenz gegeben.

    Dirk Freyling

    Anhang
    Von Ihrer Löschaktion betroffene eigene Kommentare

    • Dirk Freyling
    • 11.04.2020, 14:18 Uhr
    …”Etwas” zum Nachdenken…
    Rund 70 Prozent der pflegebedürftigen, alten Menschen in den Heimen und zu Hause sind deshalb auf Hilfe angewiesen, weil sie die Orientierung (in ihrem Leben und der Welt) verloren haben. Das wichtigste, was sie brauchen, sind vertraute Menschen, die sie „an die Hand nehmen“ und sicher durch den Alltag begleiten. Jetzt sitzen hunderttausende dieser altersgebrechlichen Menschen verlassen und aus Sicherheitsgründen weggesperrt herum. Ohne Freude, ohne Perspektive. Was ist das für ein Leben? Und wofür das Ganze?
    Von den rund 3.7 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland, werden etwa 2.6 Millionen von Angehörigen (zumeist ohne oder mit Hilfe von 24-Stunden-Kräften oder häuslicher Pflegedienste) versorgt. 1.1 Millionen Pflegebedürftige verbringen ihre letzte Lebensphase im Heim. Ein Großteil der Heimbewohner verstirbt bereits im ersten Jahr. Die durchschnittliche Verweildauer in stationären Pflegeeinrichtungen liegt bei 2,5 Jahren.
    Quelle: Pflegeethik-Initiative-de
    Prof. Reimer Gronemeyer schreibt in dem Buch »Sterben in Deutschland«
    Sterben ist eigentlich von Natur aus ein „gnädiger Vorgang“. Ärztliches Handeln ist im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass versucht werde, „natürliche Abläufe“ aufzuhalten. Denn medizinisch gesehen bestehe Sterben darin, dass der Mensch aufhört, Flüssigkeit aufzunehmen und nachhaltig zu atmen. Trinkt der Mensch aber nicht, fällt der Blutdruck und es tritt eine natürliche Narkose ein. Ebenso führt der Sauerstoffmangel zu Müdigkeit und Bewusstlosigkeit. Die Zufuhr von Flüssigkeit und Sauerstoff über Apparate verlängert den Prozess des Sterbens und verlängert auch das Leiden. Medizinisches lebensverlängerndes Handeln besteht im Grunde also in der Unterbrechung dessen, was sich „natürlich“ ereignen würde.“
    So gesehen, müsste sich intensivmedizinisches Eingreifen, zumindest bei all den Patienten (mit und ohne Covid-19) von Natur aus verbieten, die mit ihren Lebenskräften am Ende sind.

    • Dirk Freyling
    • 13.04.2020, 23:08 Uhr
    Mona und Interessierte,
    erst einmal beginnt eine analytische Bewertung mit ehrlicher Aufklärung. Insbesondere wenn es sich um Leben und Tod handelt. Diese Aufklärung findet praktisch nicht statt.
    Der Palliativmediziner Matthias Thöns hat sich am 11.04.2020 im Deutschlandfunk zur Intensivmedizin in Verbindung mit schwerstkranken Covid–19-Infizierten geäußert, siehe den Artikel »Sehr falsche Prioritäten gesetzt und alle ethischen Prinzipien verletzt.«
    Er sagte u.a….
    Thöns plädiert für eine bessere Aufklärung. Eine Intensivtherapie sei leidvoll und das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden stimme kaum…
    …In Italien sind von 2.003 Todesfällen nur drei Patienten ohne schwere Vorerkrankungen gewesen. Also es ist eine Gruppe, die üblicherweise und bislang immer mehr Palliativmedizin bekommen hat als Intensivmedizin, und jetzt wird so eine neue Erkrankung diagnostiziert und da macht man aus diesen ganzen Patienten Intensivpatienten….
    …Nach einer chinesischen Studie konnten nur drei Prozent der Betroffenen gerettet werden, 97 Prozent versterben trotz Maximaltherapie – so eine Intensivtherapie ist leidvoll, da stimmt ja schon das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden kaum.
    …Der „Nutzen“ ist so, dass man nur ganz minimal wenige Patienten rettet, von denen kommen nur wenige dann auch zurück in ihr altes Leben, eine große Zahl von denen, die man rettet, nach zwei bis drei Wochen Beatmung, verbleiben schwerstbehindert. Deshalb erreicht man eigentlich Therapieziele für diese Patienten nicht, das heißt, die Indikation ist schon fraglich.
    …Da gibt es eine Untersuchung, dass 91 Prozent der Befragten Maßnahmen ablehnen würden, die mit dem hohen Risiko einer Behinderung einhergehen. Wir wissen ja aus vielen Untersuchungen, dass die Beatmungszahlen in Deutschland explosionsartig zunehmen, und aus anderen Untersuchungen wissen wir, dass diese Willensermittlung nur bei vier Prozent der Beatmeten stattfindet…
    In der Vergangenheit hat sich schon gezeigt, dass sich die hochpreisige Intensivmedizin in einen Bereich ausgedehnt hat, wo das die meisten Menschen für sich nicht wollen, und wir wissen aus Befragungen, dass Patientenverfügungen, die das relativ eindeutig ausschließen, oftmals nicht beachtet wurden…
    …Also von daher gibt es schon deutliche Hinweise, dass da Geld eine Rolle spielt, und wir wissen ja alle, dass Beatmungsmedizin extrem gut vergütet wird, da wird ein Tag zum Beispiel über 24 Stunden Beatmung teilweise mit über 20.000 Euro vergütet.
    …Ethisch ist es natürlich eine Katastrophe, wenn man meint, jetzt Verluste durch die Einsparungen elektiver Operationen im Moment damit auszugleichen, dass man Menschen beatmet.
    …Man sollte die Patienten tatsächlich ehrlich aufklären, dass Intensivmedizin nur mit minimalen Rettungschancen bei hoher Leidenslast durch die Intensivmedizin einhergeht, und fragen, möchten Sie das so, möchten Sie isoliert von Ihrer Familie, getrennt, die nicht mehr sehen, am Lebensende beatmet auf einer Intensivstation liegen, oder möchten Sie vielleicht doch lieber mit dem Risiko, dass Sie das nicht überleben, zu Hause bleiben, gut leidensgelindert?…
    …Atemnot zu lindern ist für einen Palliativmediziner, wie ich es bin, eben total simpel, das ist einfach möglich. Kein Mensch muss heute mehr ersticken. Also wir müssen die Menschen nicht beatmen, damit die nicht ersticken, sondern Palliativmedizin kann das sehr leidlos gestalten…
    …Thöns sagt, die meisten alten Menschen werden diesen palliativen Weg gehen, wenn man denen das ehrlich sagt…

  2. Herr Freyling, warum überlassen Sie das Krisenmanagment nicht den Fachleuten, die davon was verstehen.
    Frau Prof. Brohm-Badry hat korrekt Desinformationen und privatgemachte Verschwörungen gelöscht.
    Leider gibt es hier auf scilogs weniger konsequente Blogger, die Unfug als Meinung durchgehen lassen.
    Und es gibt Leute, die meinen, daß ihre copy&paste-Kommentare x*mal überall rumlungern müßten.

  3. Herr Senf,
    ich freue mich darüber, daß hier jeder Kommentarleser die Möglichkeit hat, selbst herauszufinden, wie pauschal nichts sagend und – bei genauer Betrachtung – unnütz Ihr »KommentarSenf« ist.

  4. Die von mir in dieser Diskussion zwischen dem 11.04. und 20.04.2020 gepostete – und grundlos gelöschten – Beiträge habe ich in meinem Blog dokumentiert,

    siehe hier
    mit einer entsprechenden Information in meinem Twitter-Konto, siehe hier

    damit festgehalten wird, dass sich Frau Brohm-Badry an die Zensur und Unterdrückung der Meinungsfreiheit ebenfalls klammheimlich beteitligt, die man bei der vermeintlichen “freien” Diskussionsplattform “SciLogs” bei einigen Bloggern feststellen kann.

  5. Frau Lopez, Sie betreiben doch selbst zwei mit 70% zensierte Webseiten.
    Dort können Sie ungestört soviel Unfug reinschreiben und von den zensierten Followern
    draufschreiben lassen, wie Sie möchten. Leser, die Unfug suchen, können dort selbst nachlesen.
    Deswegen haben Sie aber kein Recht auch noch die scilogs copy&paste zuzumüllen.

  6. Liebe Frau Brohm-Badry!
    Ich bedanke mich, dass Sie verhindern, dass Teilnehmer, die den Blog von SiciLogs regelmäßig missbrauchen, um unter dem Vorwand, einen Kommentar zum Artikel beizutragen, ihre immer gleichen Verschwörungstheorien, Pöbeleien gegen den Rest der Welt sowie Beleidigungen gegen namentlich genannte User loszuwerden.
    Das nenne ich Zivilcourage!
    Mit freundlichen Grüßen
    Erik Martin

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