Wach, präsent, veränderbar: Die Rolle der Aufmerksamkeit fürs Gehirn
BLOG: Positive Psychologie und Motivation
Hinweise für Lehrende, Trainer, Coaches und Berater
Michaela Brohm-Badry
Aufmerksamkeit, Lernen und Neuroplastizität hängen sehr eng zusammen. Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.
In diesem Blog möchte ich zunächst über die Neuroplastizität sprechen, anschließend Überlegungen zur Aufmerksamkeit anstellen, dann beide Perspektiven verbinden und schließlich darauf eingehen, was wir tun können um unsere eigene Aufmerksamkeit und diejenige unserer Lernenden im Unterricht, Training, Seminar oder Vortrag zu steigern.

Was ist Neuroplastizität?
Unser Gehirn passt sich ein Leben lang an unsere gemachten Erfahrungen an. Es reagiert damit auf Herausforderungen und bereitet uns auf ähnliche, folgende Herausforderungen vor. Diese Anpassungen werden in der Gehirnforschung „Neuroplastizität“ genannt. In der frühen Kindheit ist diese Plastizität am höchsten, sie hält aber bis zum letzten Atemzug an.
Die genetische Veranlagung bildet zwar die Ausgangsbasis, doch wie stark und umfangreich die Gene aktiviert werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie insbesondere den Erfahrungen und dem Leben in einem langweiligen, reizarmen, oder, – viel besser fürs Gehirn – spannenden Umfeld mit neuen Impulsen.
Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.
Die funktionelle Plastizität ändert die Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen den Neuronen durch den Umbau oder Aufbau von Rezeptoren (wie kleine Steckverbindungen zwischen den Neuronen). Die Schnelligkeit der synaptischen Übertragung von Informationen wird demnach modifiziert.
Die strukturelle Plastizität hingegen verändert das Gehirn anatomisch, also wirklich in seiner Struktur – die Dichte und oder das Volumen ganzer Gehirnareale verändert sich, z. B. der grauen und weißen Substanz (im äußeren Teil des Gehirns), die Dicke der Hirnrinde oder die Form der Windungen (Gyri) (Jäncke 2021, S. 529ff) – und das nicht nur nachweisbar bei Musikern oder Sportlern, sondern bei jedem Menschen, denn das Lernen initiiert solche plastischen Prozesse ein Leben lang.
Was ist Aufmerksamkeit?
Aufmerksamkeit, so Bear, Connors, Paradis (2018) wird im Gegensatz zu einem allgemeinen Erregungszustand, der unspezifisch ist, oft als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet (ebda S. 782). Selektive Aufmerksamkeit ist die „Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Aspekt des sensorischen Inputs zu konzentrieren“ (ebda S. 778). Durch die selektive Aufmerksamkeit können wir einen Teil der auf uns einströmenden Informationen bevorzugt verarbeiten und den Rest ignorieren (ebda S. 778).
Richten wir unseren Fokus beispielsweise jetzt auf das, was schön ist in unserem Leben oder unserer Umgebung (ein schönes Bild, der schlafender Husky neben dem Schreibtisch oder die Pflanze weiter rechts), ignorieren wir tendenziell das, was uns nicht gefällt (unaufgeräumte Aktenberge oder Staub auf der Lampe). Je nachdem, wohin wir den Fokus richten, nehmen wir wahr. Und je zentrierter der Fokus, desto tiefer die Wahrnehmung.
Im Ruhezustand sind im Gehirn Areale aktiv, die als „Default-Mode-Netzwerk“ (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet werden. Es sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (Stirnbereich) und der Hippocampus (eine kleine Struktur in den Schläfen, die aussieht wie ein Seepferdchen). Dieses Netzwerk ist im Ruhezustand aktiver als bei herausfordernden Aufgaben. Wechselt der Aufmerksamkeitsmodus vom Ruhezustand in den Aufmerksamkeitszustand, vermindert sich die Aktivität im Default-Mode-Netzwerk und erhöht sich in denjenigen Netzwerken, die für die spezifische Aktivität gebraucht werden (z.B. visuell oder auditiv). Diese Aktivität bezieht sich entweder auf die Wahrnehmung betreffend (perzeptorische) oder das Körperempfindungen verarbeitend (sensorische) Aufgaben.
Zwei Formen der Aufmerksamkeit werden unterschieden: die exogene und die endogene Aufmerksamkeit. Exogene Aufmerksamkeit ist die durch äußere Reize erregte Aufmerksamkeit, die z. B. durch auffällige Färbung, Lichtreflexe oder Bewegungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endogene Aufmerksamkeit lenkt die Aufmerksamkeit vom Gehirn „bewusst auf ein Objekt oder einen Ort“, um gezielt „einem Verhalten zu dienen“ (Bear, Conners, Paradise 2018, S. 783). Und diese können wir bewusst steuern, indem wir uns fokussiert einlassen auf jemanden oder etwas.
Wie hängen Aufmerksamkeit und Neuroplastizität zusammen?
Durch erhöhte Aufmerksamkeit, werden andere Wahrnehmungen beschränkt, wodurch die Geschwindigkeit und Präzision der Verarbeitung zunehmen (ebda S. 782). Wir können also die Dinge schneller und Präziser erledigen, wenn wir aufmerksam sind. Aufmerksamkeit erhöht das Arousal und stärkt die Merkfähigkeit wodurch sie ein wichtiger Schlüssel zur Neuroplastizität ist. Judy Willis legt in ihrem Band Researched based strategies to ignite students learning (2020) dar, dass Aufmerksamkeit eine Grundbedingung des Lernens ist. Es ist wichtig, das Interesse der Zuhörenden, Studierenden oder Schüler/innen zu wecken, damit der Torwächter des Retikulären Aktivierungssystems (RAS) – ein Nervenstrang vom Hirnstamm bis zum Mittelhirn, der wie ein Filtersystem für das Gehirn ist – geöffnet bleibt und Lernen über das Limbische System im präfrontalen Cortex reflektiert werden kann.
Der Neurotransmitter Acetylcholin spielt bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. „Acetylcholin wird freigesetzt, wenn man ein bestimmtes Verhalten ausführt (Aufmerksamkeit) oder wenn das Gehirn einen neuen Reiz erhält“. Mit der Freisetzung von Acetylcholin ist „der Filter offen“, und zwar bis zu mehreren Minuten lang. (Merzenich 2014).
Das Gehirn wird somit aktiviert und die plastischen Prozesse für die nächsten Minuten ermöglicht. Darüber hinaus aktivieren neuartige Reize die Produktion von Noradrenalin (ebenfalls ein Neurotransmitter), was das positive Erregungsniveau erhöht. Merzenich stellte in eigenen Untersuchungen fest, dass wenn etwas den Versuchstieren wirklich wichtig war, große Veränderungen in deren Gehirnen auftraten, während wenn etwas irrelevant war, keine Veränderungen auftraten. (Merzenich 2014). Auch war die Stärke der Anstrengung für die Neuroplastizität entscheidend: Je härter und konzentrierter die Tiere an einer Aufgabe arbeiten mussten, desto stärker war der neuronale Effekt.
Was wir tun können, um Aufmerksamkeit /Interesse zu wecken
Aus dem gesagten ergeben sich vorrangig drei Konsequenzen:
- Die (Lern)inhalte sollten Aufmerksamkeit erregen,
- Die Aufmerksamkeit sollte im Lernprozess erhalten bleiben, indem
- die Relevanz des Inhalts hoch ist (wichtig!) und
- die Aufgabe nicht zu leicht zu bewältigen ist.
- Die Aufmerksamkeit kann durch äußere Impulse erregt werden (exogene Aufmerksamkeit), oder durch bewusste innere Fixierung auf eine Aufgabe (endogene Aufmerksamkeit). Beides kann durch die Lehrperson unterstützt werden.
Bezüglich der exogenen Aufmerksamkeit nennt Judy Willis zahlreiche Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit im Unterricht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, so z. B. durch Videoclips, Musik, Bewegungen, Änderungen im Tonfall und Lautstärke, Nutzung von Spannungspausen, unübliche Kleidung, unübliche Fakten zu Beginn der Stunde, persönliche Geschichten und vieles mehr. Sie sagt, dass das RAS durch „Neuheit, Neugier, Überraschung, Unerwartetes und Veränderung” beeinflusst werden können.
Ich habe mich gefragt, wie in anderen Bereichen Spannung erzeugt wird und habe einige Methoden gefunden, die Autor/innen anwenden, um den Leser/die Leserin auf den ersten Seiten für das Buch zu fesseln und im Laufe des Texts „bei der Stange“ zu halten. Meines Erachtens sind einige dieser Methoden sehr gut auf die Lehrsituation übertragbar:
- Gute Autoren fesseln ihre Leser/innen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenken und durch das angedeutete zukünftige Ereignis Spannung erzeugen: Zukünftig wird etwas Spannendes geschehen (Mehler 2013):. Sätze wie: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wäre mir das Blut in den Adern gefroren“ versetzen die Leser/innen in Spannung, bis sie wissen, was auf die Erzählerin zugekommen ist. So könnte die Lehrperson zu Beginn der Stunde sagen, dass die Schüler/innen sich am Ende der Stunde wundern werden, wie die Lösung ist oder ähnliches. Ich beginne meine Seminare manchmal mit dem Satz: „Heute habe ich Ihnen etwas Spannendes mitgebracht“ Bis kürzlich eine Studierende erwiderte: „Oh, das sagen Sie jedes Mal!“ ;-).
- Spannende Texte arbeiten häufig mit einem Geheimnis: Das mysteriöse Nicht-Wissen zieht magisch an (Mehler 2013). Ein ungelesener Brief, ein unbekannter Feind, ein Kästchen, Satz oder Wort: Vielleicht kennen Sie den Film Citizen Kane, in dem ein Reporter nach der Bedeutung des letzten Wortes eines Medienmoguls sucht: Rosebud – ein spannender Film. Bevor in einem Buch oder Film das Geheimnis gelüftet wird, wird häufig ein zweites Geheimnis eingeführt, um den Spannungsbogen hoch zu halten und die Leser/innen zu fesseln. So könnten wir uns z. B. einen Vortrag vorstellen, der mit einem Tagebucheintrag eines Menschen beginnt und die Zuhörer/innen nach und nach herausfinden, was aus dem Schreiber im Laufe der Zeit geworden ist.
- Action erzeugt Spannung: Das bedeutet in Büchern und Filmen oft, viel Handlung gegen die Zeit (Mehler 2013). So kann ebenso im Seminar Action durch Zeitdruck erzeugt werden, z.B. Heute versuchen wir, das ganze Buch fertig zu lesen, wir füllen jetzt ganz schnell diese Tabelle, bis 9:30 Uhr sind wir fertig. Oder auch im Wechsel mit ruhigeren Phasen kann die Spannungskurve austariert werden. Immer wenn es droht langweilig zu werden, braucht Lehre einen Spannungswechsel: Als Methodenwechsel, Wechsel im Tempo oder als Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen: z. B. Held gegen Bösewicht.
Spannung erzeugt demnach Aufmerksamkeit. Und Spannung bedeutet, Fragen aufzuwerfen, die die Gesprächspartner/innen, Seminarteilnehmer/innen, die Studierenden oder Schülerinnen und Schüler beantwortet haben wollen. Darüber hinaus können wir die endogene Aufmerksamkeit der Lernenden unterstützen, indem wir ihnen beibringen, alle störenden Außenreize auszuschalten (Mobile, Soc Media usw), sich auf eine Sache zunächst über kurze Zeiträume und dann über immer längere Phasen ganz einzulassen und sich somit aufmerksam zu fokussieren.
Und noch ein Tipp zum Schluss: Das Außergewöhnliche erregt immer Aufmerksamkeit, während das Durchschnittliche meist Langeweile hervorruft. Schräge Ideen, etwas ausprobieren, kühne Visionen, Superkräfte, große Tragik oder Freude… Lehrende, die mutig sind und keine Angst haben, sich lächerlich zu machen, sind hier sicherlich im Vorteil.
Ein Workbook zum Thema sowie einen Selbsttest finden Sie auf der Website der Autorin.
Literatur
Bear, Maik; Connors, Barry; Paradiso, Michael (2018): Neurowissenschaften.
Jänicke, Lutz, (2021): Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, 3. Aufl. 2021, S. 529).
Kampfhammer, Josef P., (2000) Lexikon der Neurowissenschaft, Plastizität im Nervensystem
Essay. Spektrum https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/plastizitaet-im-nervensystem/9979.
Mehler, HA. A. (2013): Wie schreibt man einen Bestseller?
Merzenich, Michael (2014): How DOES an Older Brain Remodel Itself?!
Ten fundamental principles of brain plasticity
https://www.soft-wired.com/ch10/
Willis, Judy und Malana Willis (2020). Research-Based Strategies to Ignite Student Learning: Insights from Neuroscience and the Classroom, Revised and Expanded Edition. ASCD.
Foto: (C) Shutterstock.com
Website Brohm-Badry
Website Brohm-Badry Universität Trier
zum Thema Plastzität:
Im Rahmen von Nahtod-Erfahrungen werden Erlebnisse ab dem 5. Schwangerschaftsmonat lebenslang in der gleichen Reihenfolge zugänglich, wie sich die physikalischen Sinne entwickeln:
Tastsinn > Hören > Sehsinn > Geburt(indirekt) > frühe Sozial-/Umwelt-Erlebnisse > autobiographische Erfahrungen ab dem 2. Lebensjahr bis zum aktuellen Alter.
D.h. die neuronalen Speicher-Strukturen dieser Erfahrungen sind lebenslang UNVERÄNDERT im Gedächtnis vorhanden.
WAS/WIE wir erinnern hängt immer von zwei Zuständen ab: den körperlichen, intellektuellen bzw. emotionalen Fähigkeiten zu dem Zeitpunkt A) wo wir eine Erfahrung machen und im im Gedächtnis abspeichern und B) wenn wir diese Erfahrung wieder reaktivieren/erinnern.
D.h. im Gedächtnis gespeicherte Inhalte können beim Reaktivieren deutlich verändert werden UND neben struktureller bzw. funktioneller gibt es auch noch die methodische Plastizität:
d.h. Die Bedingungen/Zustände einer Reizverarbeitung beeinflussen deutlich, wie dieser verarbeitet wird.
Für Lehrende bedeutet dies: man sollte darauf achten, störende Reize zu vermeiden, welche die Schüler ablenken.
“Die Neurowissenschaften unterscheiden zwei Formen der Neuroplastizität: die funktionell und die strukturelle Plastizität.”
Das unser Gehirn keine Veränderung macht, wie es sich die Wissenschaft zur Zeit meiner Kindheit vorstellte (große Köpfe wie die 👽), dafür aber zunehmend psychische und strukturelle Krankheiten, resultiert aus unserer Unfähigkeit die gleichermaßen unverarbeitet-instinktive Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt, egozentriert-gebildetem “Individualbewusstsein” und materialistischer “Absicherung” zu überwinden – Mensch könnte, seit Mensch erstem und bisher einzigen GEISTIGEN Evolutionssprung, als ganzheitlich-ebenbildliches Wesen sehr viel mehr Neuroplastizität und strukturelle Plastizität erlangen, aber Konfusion und geistiger Stillstand sind offensichtlich spannender, für die Hierarchie in mehr und weniger gebildeter Suppenkaspermentalität!?
👋🥴👍🏻
Ein paar Gedanken zur Motivation,
Frauen sind die Meisterinnen der versteckten Signale.
Sie wechseln regelmäßig ihre Kleidung. Nichts ist schlimmer für sie, als wenn eine noch anwesende Frau das gleiche Kleid trägt.
Sie malen ihre Fingernägel an und ihre Augenlider !!
Sie sind kurz gesagt attraktiv.
Männer machen das anders. Sie tragen zu Turnschuhen weiße Socken.
Sie zeigen ihre Brusthaare oder wenigstens ihren Porsche. Geld ist sexy.
Worum geht es also ? Es geht darum, Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken.
Genauso wie in der Tierwelt, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen ganzjährig paarungsbereit sind.
Jetzt kommen wir in die Berufswelt, wo Menschen berufsbedingt “Animateure” sind. Ein Lehrer, eine Professorin sind gleichzeitig auch Animateur/Animatöse .
Jeder Schauspieler muss sich dessen bewusst sein, jeder Lehrer muss ein versteckter Zauberer sein, der seine Schüler in die Scheinwelt der Phantasie führen kann, denn wenn ein Schüler nicht merkt, dass er etwas lernt, dann wird es ihm auch nicht langweilig. Er lechzt nach der nächsten Stunde, wenn die Biolehrerin ihr süßes Kaninchen mitbringt.
Was kann uns jetzt noch beglücken ?
…….die Amerikaner sind der übrigen Welt voraus, dort gibt es sogar den Walk of Fame, wo die größten Angeber, die schönsten Superwomen eben die Leute zu finden sind, bei deren Namensnennung man schon aufhorcht.
Pause…….Pausen sind genauso wichtig wie die Höhepunkte !
Lernen und Wissen sind Gegensätze, die einander ausschließen und doch nicht ohne einander können.
Quantenphysik des Alltags: Der Beobachter verändert das Beobachtete. Lehrerin dreht sich zur Tafel, die Klasse zerfällt in tuschelnde Schüler, Lehrerin schaut die Schüler an, die Klasse entsteht. Der Boss kommt ins Büro, alle arbeiten angestrengter, er geht wieder raus, schon ist wieder Dienst nach Vorschrift. Auch die Nationalautisten der EU sind nur zu gemeinsamen Handlungen fähig, wenn sie den Kaiser in Washington dazu bewegen können, sie dazu zu peitschen.
Planeten kreisen um Sterne, Eisen dreht sich zu Magneten, Blümchen zur Sonne, der Kuhfladen zieht die Fliegen an, die Mächtigen die Menschen. Die Welt besteht aus Machtquellen, Energiequellen – Göttern, die für niedere Götter Welten erschaffen. Gott sein ist also relativ und das Ausmaß der Göttlichkeit hängt vom Energiegefälle ab.
Auch Menschen existieren nur um Machtzentren herum, die eine Art Magnetfeld erschaffen – die Hypnose der Macht, die gemeinsames Denken, Fühlen, Kooperieren ermöglicht, die uns ein Stück weit unser Ich raubt und durch ein kollektives Ich unterordnet.
Aufmerksamkeit, die Bündelung von Energie zu einer Kraftquelle, verschiebt also die Dominanz innerhalb verschiedener Ebenen des Fraktals, sie ändert die Machthierarchie: Solange der Boss da ist, sind Sie Firma und das Individuum verschleißt. Wenn er das Büro verlässt, ist nur noch ein Echo der Firma da, Sie sind ein Individuum, machen Dienst nach Vorschrift, doch je mehr das Echo verhallt, desto mehr widmen Sie sich dem Verschleißen, Auffressen der Firma. Nach Feierabend kollabiert das Magnetfeld, die Firma geht ins Bettchen, damit sich alle ihren individuellen Leben widmen können, erholen, den Verschleiß reparieren.
Wenn ich ein Prinzip sehe, das alles im Universum bestimmt, wenn auch das Gehirn die dazu passende Symptomatik zeigt, nehme ich erst mal Ockhams Rasiermesser und an, dass es nach dem gleichen Schema F funktioniert, bis zum Beweis des Gegenteils.
Innerhalb der Firma ändert sich das System die ganze Zeit, doch es dauert länger, ein ganzes Bürohaus umzubauen. Auch hier sehen wir im Hirn nur Schema F.
Das Gehirn wird von Dauerschleifen beherrscht, seinem eigenen Klerus, dem inneren Schweinehund, der immer wieder die gleichen Lehren im Kreis wiederholt. Das reicht für Dienst nach Vorschrift, jeder weiß, die Firma ist da, die Kirche nährt mich, ich werde dann aktiv, wenn ich Futter will, und wenn ich mich nach der Kraftquelle ausrichte, damit füttere ich auch sie, baue die Macht bestimmter Netzwerke auf, indem ich wie eine Ameise Futter hole, in der Kraftquelle sammele, die es dann umverteilt.
Dieser Mechanismus wirkt also der Plastizität entgegen, ersetzt das Gehirn durch einen starren Mechanismus, in dem alle Netzwerke und Regeln und Zahnräder in Kalk gemeißelt sind, nur noch fressen und wachsen können, sie werden stärker, doch dafür opfern sie Anpassungsfähigkeit – sie sind nicht biegsam, sondern brüchig, können sich nicht mehr verändern, nur zerlegt und neu zusammengesetzt werden: Entwicklung ist nur noch durch Tod und Wiedergeburt möglich, und das macht die Natur ja auch so – das Alte, das zu perfekt und mächtig geworden ist, um sich zu bewegen, sich Neues zu merken, allein aufs Klo zu gehen, wird einfach an neue, lernfähige Modelle verfüttert, die fast nur aus flüssigem, noch relativ formlosen Potenzial bestehen, mit einem starren Grundgerüst, der ihr Wachstum vorzeichnet, wie es der Gärtner für Efeu errichtet.
Das heißt, wenn Sie vom Wissen in sein Gegenteil, das Lernen, umschwenken wollen, sind Sie Luther. Sie brauchen Gott auf Ihrer Seite – eine unglaubliche Energiemenge, die Sie lenken können, um Ihren inneren Söder, der sich im Paradies wähnt, vom Gottesthron zu stoßen. Sie sind Luzifer, der nur Erfolg hat, wenn der alte Körper-Gott versagt hat, wenn die Neuronen hungern und rebellieren, wenn die Umwelt Stress erzeugt, der sich auf Ihren Körper und Ihr Gehirn überträgt, wenn das Ganze aus dem Takt gerät.
Sie brauchen also einen eigenen Magnetismus. Sie müssen Widerstände überwinden. Sie müssen einen Affenzirkus aufziehen, die die Aufmerksamkeit vom alten Gott abzieht, dafür sorgen, dass das Futter durch andere Nervenbahnen kommt, selbst zur Dauerschleife werden, die zuverlässig Botschaft und Futter ausschüttet und dem alten Gott die Show stiehlt. Sie werden zum Symbol und bündeln selbst die widersprüchlichsten Kräfte.
Und wenn alle Ressourcen des Gehirns gleichzeitig präsent sind, wenn sie alle für dieselbe Firma arbeiten, demselben Boss dienen, um dieselbe Sonne kreisen, ihr all ihre Macht verleihen und von dieser Macht leben – nennt man das Bewusstsein. Aus vielen Ichs wird ein Wir wird ein Ich.
Es gibt Dauerschleifen, die können Sie kaum ändern. Wenn Ihnen Ihre Kindheit einen Papst eingebaut hat, der zu Frühstück, Mittag und Abendessen die Botschaft „Ich bin wertlos“ serviert, ist alles, das später gewachsen ist, auf ihm gewachsen, von ihm abhängig wie der Baum vom Boden. Sie können das Futter umleiten, um eine Dämpfungsschicht aufzubauen, sodass Sie ihn nicht hören, doch er wird immer da sein und es in Ihrem Unterbewusstsein flüstern, Sie werden immer Situationen suchen, die Sie niedermachen, und wenn Sie Ihre kindlichen Schuldgefühle überwinden, wird er dafür sorgen, dass Sie sich neue, diesmal richtige, Gründe für Schuldgefühle anschaffen.
Wenn Sie Altes nicht mehr abbauen, sondern nur noch unterdrücken und überschreiben können, wenn Sie es füttern müssen und ständig Machtkämpfe ausfechten, geht das enorm auf die Ressourcen – das System arbeitet ineffizient. Es ist auch viel zu kompliziert geworden, um es noch umbauen zu können, Sie ziehen hier eine Lasche, Ihnen fällt ein Kamel auf den Kopf, Sie führen es in den Stall, der Stall verwandelt sich in einen Fliegenschwarm und das Kamel spielt Geige, niemand hat mehr Ahnung oder Kontrolle, was wieso passiert, die Dominosteine sind zum Zufallsgenerator geworden.
Also hat die Natur es so konzipiert, dass es mit einer festen Nutzungsdauer arbeitet: Irgendwann darf der innere Söder so übermächtig werden, es so verknöchern lassen, dass es sich an sich selbst zerreibt und explodiert, dann geht’s ab zum Friedhof zum Recycling, Dünger, Gras, Kuh, Milch fürs Baby. Doch auch bei solchen Prozessen spielen Kraftquellen eine Rolle, wie Sie an der Krebsrate bei den Alten oder an der gegenwärtigen Inflation der Antichristen in der Leiche der Welt sehen. Weltuntergänge sind Routine, der Tod ist ein Beamter, der Mensch sein Büro.
Der Mensch ist ein Gott wie jeder andere auch: Erst baut er sich eine Welt, dann muss er darin leben. Und für Unsterblichkeit sind unsere Welten noch längst nicht gut genug.
@Hauptartikel
Sicher interessant, wie man Aufmerksamkeit bekommt. Aber was so erklären, dass es wirklich gut verstanden wird, hilft auch. Und überhaupt Vorträge über Themen, die wirklich interessieren, die dürften leichter umzusetzen sein.
Was man dann manchmal als echt inspirierend empfindet. Und nicht irgendwelche halbgaren Mutmaßungen, die einfach nur kompliziert sind, und eigentlich nirgendswohin führen. Da hilft dann auch gutes Entertainment nicht soo viel.
“Unser Gehirn entwickelt sich lernend plastisch weiter, wenn es optimale Bedingungen findet: Wir sind aufmerksam für etwas, weil es uns wichtig ist und wir annehmen, die Aufgabe bewältigen können.”
Auch wenn die Bedingungen nicht optimal sind, lernen die Menschen positive und/oder negative Auswirkungen der Erfahrungen, meist allerdings ist Bewusstseinsbetäubung die Folge, die aus uns wahnsinnige Fachidioten und/oder stumpf- wie blödsinnige Konsum- und Profitautisten macht, für das stets gleichbleibende wettbewerbsbedingt-konfuse Verhältnis von 1:5 (Wohlstand : Tittytainment) der Weltbevölkerung.