Schnell und schlau sollen sie sein – Schule in Zeiten der Globalisierung

BLOG: Positive Psychologie und Motivation

Kognitives, affektives und psychosoziales Aufblühen in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung
Positive Psychologie und Motivation

Was bis jetzt war: “Demnach scheint das derzeitige Schulsystem strukturelle und psychosoziale Implikationen zu bergen, welche Motivation, Emotion und Kognition von Schüler/innen und Lehrpersonen auf mannigfache Weise beeinträchtigen”. Das schrieb ich im letzten Blog und wollte dann heute nach dem suchen, was Hoffnung macht. Aber das geht so nicht.

Einige Kommentare zeigten deutlich, dass eine Frage drängender ist: Warum? Und man ist in Versuchung, an van Feen zu denken, der seinen in eine Kirche verirrten Gott fragen lässt: “Aha … wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge, warum blühen hier dann keine Blumen, warum strömt dann hier kein Wasser und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen?”. Warum sind die Schulen also nicht unbedingt lichtdurchflutete Lernorte des tiefen geistigen und seelischen Wachstums? Des ruhigen, tiefen geistigen und seelischen Wachstums? Oder meinetwegen auch: Warum sind sie so selten Orte von feierwütigen Lernverrückten?

Strukturell werden im Wissenschaftsdiskurs federführend die Dreigliedrigkeit, geringe Durchlässigkeit und die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Schuljahre angeführt (G8), psychosozial auf sich wandelnde gesellschaftliche Werte und familiäre Konstellationen sowie den erhöhten Leistungsdruck verwiesen.

Abgesehen von der Dreigliedrigkeit stehen die genannten Gründe primär im Kontext des aus ökonomischen Erwägungen entstammenden Effektivitäts- und Effizienzparadigmas, welches das deutsche Schulsystem angesichts der „Neuen Steuerung“ im Bildungswesen ergriffen hat. Denn die  Existenzbedingungen der Nationalstaaten innerhalb der globalisierten Weltrisikogesellschaft sind mit exzessiver Wettbewerbsideologie und den verschärften internationalen Konkurrenzbedingungen eng verbunden:

  • Internationale Konzerne wirken über Standort-, Steuer- und Subventionsdruck auf die Nationalstaaten ein.
  • Das erhöht den Druck auf die Nationalstaaten, welche die Märkte zunehmend deregulieren und soziale Sicherungssysteme abbauen.
  • Der erhöhte Konkurrenzdruck wirkt auf alle Organisationen, da Zeit und Wissen die wesentlichen Wettbewerbsvorteile darstellen. Schnell und schlau muss man sein.
  • Und so stehen auch die Bildungseinrichtungen – bis hinunter zu der einzelnen Schule –  unter steigendem Leistungsdruck.

Die Folgen sind Bildungsstandards, Qualitätsmanagement, Evaluation, Schulleistungstests, Akkreditierung, G8 und anderes mehr. Und so rückten vor einigen Jahren plötzlich (PISA, PISA!) Evaluation, Qualitätsmanagement, Standardisierung der Outputs, Bildungsmonitoring, zentralisierte Systeme der Rechenschaftslegung u. a. in den Fokus der auf der Makroebene des Schulsystems ansetzenden Bildungsforschung.

Die Durchdringung der Gesellschaft – und damit auch des Schulsystems – mit ökonomisch orientierten Effektivitäts- und Effizienzparadigmen führt zu wachsenden Anforderungen an das Individuum:

  • Der „flexible Mensch“ (Richard Sennett) sollen mehr wissen, anpassungsfähig sein, lebenslang lernen, kooperationsfähig, selbstgesteuert und leistungsmotiviert sein – und das möglichst permanent, wobei der anhaltende Erwartungsdruck zu einer wachsenden Sachorientierung gekoppelt an Egoismus, also weg von der Personenorientierung, führt.
  • Biographische Brüche, Brüche im Ego, permanenter Anpassungsdruck und regressive Tendenzen durch den anhaltenden Druck sind empirisch nachweisbar (ausführlich in: Brohm 2009).

Den Gedanken der reinen Arbeitsmarktorientierung schulischer Prozesse setzt die Positive Psychologie des Lernens das Konzept des „flourish“ (Aufblühen des ganzen Menschen) entgegen (siehe letzter Blog).  

Und dann vielleicht noch: Warum versuche ich Lösungen auf Individualebene anzudenken und nicht auf struktureller („das System, das System …“)? Weil (1.) Struktur nicht einfach ist. Sie wird von Menschen kreiert, erhalten oder geändert. Bewusstsein bestimmt also auch strukturelles Sein. Weil (2.) der Ansatz aus empirischer Sicht eine Chance bietet, die Schüler/innen in ihr Persönlichkeitsentwicklung – hin zu psychosozialer Widerstandsfähigkeit und Resilienz – also Rückgrat – so zu stärken, dass sie Struktur verändern könnten.

Und (3.) schließlich will ich dahin gehen, wo ich wirklich wirksam sein könnte. „Das Bildungssystem“ ist mir da echt eine zu große Nummer.

 

Literatur

In diesem Band habe ich mich ausführlich mit den o. g. gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und deren psychosozialen Folgen befasst:

Brohm, Michaela (2009): Sozialkompetenz und Schule. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde zu Gelingensbedingungen sozialbezogener Interventionen. Weinheim/München. Juventa.

 

Michaela Brohm-Badry

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

6 Kommentare

  1. Sie beschreiben ein rein an externen Zielen orientiertes Schulsystem, also eine Fabrik für erfolgreiche, kompetitive Berufsleute in einem Land, das den Bildungserfolg seines Schulsystems über die erreichte Pisa-Punktzahl misst.
    Wenn so ein System funktionieren würde und der Schüler mit einem Berufstätigen vergleichbar wäre, dessen Leben nur zu einem Teil durch den Beruf bestimmt ist, dann wäre nichts dagegen einzuwenden. Wie wir alle wissen ist das aber nicht so.
    Und für Kinder und Jugendliche kann es auch nicht so sein, denn es sind nicht ausgeformte Menschen sondern Menschen, die sich in einem Wachstums- und Reifungsprozess befinden.

    Doch was ich hier bis jetzt geschrieben habe ist eine Selbstverständlichkeit, von der man meinen müsste, sie sollte jedem klar sein. Auch eine positive Psychologie braucht es zu dieser Erkenntnis nicht. Die Folgerungen aus dieser Selbstverständlichkeit sind aber bereits schwieriger umzusetzen. Wenn Schule ein Reife- und Wachstumsprozess ist, dann ist Schule zwangsläufig ein Erziehungsprozess und Lehrer sind dann auch Erzieher. Damit wird aber die Ausbildung und Persönlichkeit des Lehrer sehr wichtig. Tatsächlich zeigen viele Studien aber auch gerade populär gewordene Bücher über die Schule wie das von Hattie Visible Learning: A Synthesis of Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement , dass der Lehrer eine entscheidende Figur ist und mehr über den Lernerfolg entscheidet als das meiste andere. Es lässt sich sogar feststellen, dass die Länder mit den höchsten PISA-Punkten fast alle sehr gut ausgebildete Leherer haben und in Ländern unterrichten, bei denen die Bildung einen hohen Stellenwert besitzt. Allerdings sind in diesen Top-Pisa-Ländern vor allem die fachlichen Qualitäten der Lehrer gross und die übrigen Aspekte des Schul- und Erziehungsprozesses fallen meist unter den Tisch.
    Damit Deutschland bessere Schulen bekommt müsste es wohl bessere Lehrer bekommen. Und das ist nicht einfach. Vor allem dann nicht, wenn der Beruf Lehrer an Attraktivität verliert und die eigentlich am besten Qualifizierten sich lieber nach anderen Berufen umsehen.

  2. Moderne Arbeitsplätze erfordern eine zunehmend höhere Qualifikation, speziell in den MINT Fächern, daran besteht wohl kein Zweifel.
    Diese Qualifikationen werden nicht nur in “internationalen Konzernen” gebraucht, sondern auch in vielen mittelständischen Firmen, die das eigentliche Rückgrat, speziell der deutschen Wirtschaft bilden. In einer technisch fortschreitenden Gesellschaft sehe auch ich wenig Alternativen zu einer höheren Qualifikation und lebenslangem Lernen. (Und obwohl nicht mehr der Jüngste, sehe die Notwendigkeit zu Letzterem nach wie vor als gewaltigen Vorzug meines eigenen Berufes an)
    Dass das Lernen in der Schule nicht unbedingt mit hohem, sogar krankmachendem Druck verbunden sein muss (sondern im Gegenteil motivieren wirken kann) zeigen Beispiele aus anderen Länder. Klar, höher qualifizierte Lehrer helfen wohl immer. Die Definition von Bildungszielen für Schülergruppen haben sich in Finnland und anderswo bewährt und führen ja wohl vom Egoismus weg. Sowohl die stärkeren, als auch die schwächeren Schüler profitieren. Ähnlich verhält es sich beispielsweise in einer IT Firma, in der regelmäßig neue Technologien eingesetzt werden müssen. Man erarbeitet sich das neue Wissen am besten in der Gruppe. Ein anderes Beispiel sind freie KFZ Servicebetriebe, da hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Man schickt regelmäßig geeignete, technikaffine Leute – so man welche bekommt!! – auf hochspezialisierte Schulungen und hofft so, als Betrieb auf dem Stand der Technik zu bleiben.

    Und eine Bemerkung am Rande, die scheinbar, aber nicht wirklich vom Thema wegführt.
    Wenn ich mir eine Systemänderung wünschen dürfte, die Druck von Mitarbeitern besonders in kleineren und mittleren Betrieben nähme, dann wäre es eine Verringerung der immens hohen Lohnnebenkosten. Die führen nämlich im mittelständischen Betrieb dazu, dass auch bei guter Auftragslage verständlicherweise mit Neueinstellungen gezögert, und erstmal mit Überstunden und Wochenendarbeit ausgeglichen wird. Man will die Mitarbeiter ja bei nachlassender Konjunktur nicht gleich wieder entlassen müssen. Natürlich kann das die “Unentbehrlichen” auf Dauer krank machen. Und ich weiß wovon ich spreche.
    Die Politik weiß um das Problem der hohen Lohnnebenkosten seit langem. Sie geht es aber nur sehr zögerlich an, denn in der öffentlichen Wahrnehmung spielt es kaum eine Rolle.
    Tendenziell lastet zu viel Arbeit – insbesondere zu viel hochqualifizierte Arbeit – auf zu wenigen Schultern. Einen wesentlichen Grund dafür dafür habe ich genannt. Die seit weit über 100 Jahren stattfindende ‘Globalisierung’ sehe ich nicht als ursächlich an, auch wenn sie zu ständigen strukturellen Anpassungen zwingt. Aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.

    • “Aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.”

      Da ist aber ein wesentlicher Nachteil, die gleichbleibende Ungerechtigkeit und zynisch-technokratische Menschenverachtung, der diese Globalisierung absolut zu Dreck werden läßt – Es werden nur die 1:5 Verhältnisse von reich & arm der Weltbevölkerung neu / konfusionierend unter alle gleichermaßen gemischt, so daß man nicht mehr einfach sagen kann: Hier ist die Armut der “Dritten Welt”, dort der Reichtum der Wohlstands- und Gewohnheitsmenschen.
      Alles soll bleiben wie es ist und war – Weltwirtschaftskonferenz 1996 in den USA, wo die reichen Teilnehmer den “kleinen” die Bedingungen einfach überstülpen wollten, aber damals noch gescheitert sind, weshalb sie wenigstens ein neues Wort für “Brot und Spiele” kreiert haben: TITITAINMENT = Titi für Ernährung, Tainment für das gewohnte Unterhaltungsprogramm, der gebildeten und leichtfertig kapitulierenden Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche (wobei das Suchen nun auch schon absurde Beschäftigung ist).

      Globalisierung der “Dienstleistungsgesellschaft” – schöne neue Welt der Versklavung!?

      “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  3. Und dann vielleicht noch: Warum versuche ich Lösungen auf Individualebene anzudenken und nicht auf struktureller („das System, das System …“)? Weil (1.) Struktur nicht einfach ist. Sie wird von Menschen kreiert, erhalten oder geändert. Bewusstsein bestimmt also auch strukturelles Sein. Weil (2.) der Ansatz aus empirischer Sicht eine Chance bietet, die Schüler/innen in ihr Persönlichkeitsentwicklung – hin zu psychosozialer Widerstandsfähigkeit und Resilienz – also Rückgrat – so zu stärken, dass sie Struktur verändern könnten.

    Klingt schlau.

    Und (3.) schließlich will ich dahin gehen, wo ich wirklich wirksam sein könnte. „Das Bildungssystem“ ist mir da echt eine zu große Nummer.

    Wohin gilt es ansonsten zu gehen? Der Schreiber dieser Zeilen würde hier schon beim Top-Down-Ansatz verweilen und das Bottom-Up außerhalb der staatlichen Bildungssysteme (die ohnehin mehr und mehr dazu neigen jeden zur Hochschulreife zu bringen und auch in der Folge Studiengänge bereitstellen, die von jedem zu meistern scheinen) angesiedelt sehen wollen, die neuen Medien (gemeint immer: das Internet) bieten geeignete Möglichkeiten für interessierte Lernende.

    MFG
    Dr. W

  4. Nun, ich habe keine Lust auf noch eine konfusionierende Diskussion zur Befriedigung von egozentriert-bewußtseinsbetäubter …, wo die herkömmlich-gewohnte KAPITULATION vor dem menschenUNwürdigen System als unabänderlich und basta-natürlich dargestellt wird, bzw. wo die bewußtseinsschwache Symptomatik / Struktur im geistigen Stillstand auf dem Rücken / im Rückgrat der kommenden Generationen ver-/endgelagert werden soll 🙁

  5. „Das Bildungssystem ist in der Tat eine Nummer zu groß“, und bei aller berechtigter Grundsatzdiskussion offenbar auch nicht der entscheidende Faktor für Lernerfolg. Anders kann ich mir nicht erklären, dass bei den “PISA-Siegern” ganz unterschiedliche Schul-Strukturen zu finden sind.
    Einer der wichtigsten Faktoren sind die Lehrenden, und genau dort setzt die Positive Psychologie an. (Das Bildungssystem darf die Lehrkräfte nur nicht so sehr ärgern, dass sie jegliche Lust verlieren – was in unserem Bildungssystem allerdings doch ziemlich oft der Fall ist.)
    Den immer noch unterschätzten Einfluss der Lehrpersonen zeigen nicht nur die von Frau Brohm oft zitierten empirischen Studien, sondern auch die neueren Ergebnisse der Hirnforschung. (Und hier meine ich die seriöse Hirnforschung, nicht die Marktschreier, die den Wandel der (Erkenntnis-)Welt in 10 Jahren versprochen haben.) Unser Gehirn entscheidet bei jeder Information, ob es sich lohnt, sie aufzunehmen. Dabei “schätzt das limbische System motivierte und glaubhafte Lehrende. Je desinteressierter der Lehrende erscheint, desto eher schließt das Limbische System, dass der Wissensbestand ohne wirkliche Relevanz ist. […] Erscheint der Lehrende motiviert, geht der Lernende unbewusst davon aus, dass das Wissen sinnvoll und auch emotional gewinnbringend ist.” (Marion Grein)
    Wenn ein Lehrender zynisch, unmotiviert oder gelangweilt wirkt, ist es völlig egal, ob er eine hohe Fachkompetenz besitzt, denn er unterrichtet vor abgeschalteten Gehirnen. Andersherum: Begeisterte Lehrende können Lernende dazu bringen, fast unbegrenzt viel zu lernen. Je mehr Lehrkräfte von sich aus oder mit Hilfe der positiven Psychologie ihr Augenmerk darauf richten, ihre Schüler zu be-geistern, desto besser. Das würde sicher auch Hermann van Veen gefallen 😉

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