Lehrerstolz und Menschen-Entwickler: Was unsere Lehrer sind oder sein könnten

Positive Psychologie und Motivation

Michaela Brohm

Komme gerade von der didacta-Bildungsmesse in Hannover. 15.000 Besucher/innen pro Tag, viele davon Lehrer/innen. Während der Podiumsdiskussion des didacta-Forums fragte mich der Moderator, Jan Hofer (WDR), warum ich denn von „Lehrerstolz“ sprechen würde – warum sollten wir auf unsere Lehrer und Lehrer auf sich selbst stolz sein? Meine Studierenden antworteten kürzlich auf die gleiche Frage mit deutlichen Ansagen:

Lehrerinnen und Lehrer gestalten Zukunft.

Lehrerinnen und Lehrer lösen Blockaden.

Lehrerinnen und Lehrer eröffnen Perspektiven.

Lehrerinnen und Lehrer begeistern für ihr Fach.

Lehrerinnen und Lehrer brechen komplexe Themen „runter“.

Lehrerinnen und Lehrer motivieren.

Lehrerinnen und Lehrer wecken kritisches und autonomes Denken.

Lehrerinnen und Lehrer nehmen Schülern Angst.

Lehrerinnen und Lehrer erziehen.

Lehrerinnen und Lehrer bilden.

Lehrerinnen und Lehrer prägen Schicksale positiv.

Und schließlich: Lehrerinnen und Lehrer legen den Grundstein für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft. Lehrerinnen und Lehrer legen den Grundstein für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft!

IMG_2868Deshalb sollten Lehrpersonen stolz auf ihre Profession sein und Abwertungen des Lehrerstandes entschieden entgegentreten.

Ehrlich gesagt finden wir allerdings auch gelegentlich die anderen Exemplare der Zunft: Diejenigen mit der klaren Kante professioneller Deformation – Kritiksucht und prophylaktische Fehlersuche, die Erniedriger, die Immer-Schlecht-Drauf-Typen, die inhumanen Misanthropen, die permanent Unvorbereiteten, die kleinkarierten Karrieristen, die Angstschürer u. a.

Und so geht der Stolz auf den Lehrberuf meines Erachtens einher mit der deutlichen Selbstverpflichtung auf einen

1. professionellen Habitus, der folgende Grundausrichtungen unumstößlich einschließt:

• Emotionsarbeit (Lernen braucht eine positive Grundhaltung: Motivation zur Vermittlung, Enthusiasmus für Schüler/innen, Lehr-Lern-Kontext und Inhalte.)

• optimistische Pädagogik (Lernen braucht hohe Wirksamkeitserwartungen der Lehrperson an sich selbst und der Lehrperson an die Schüler/innen) und

• humanistische Grundwerte.

2. Lehrerinnen und Lehrer sollten sich im Sinne dieses humanistischen Menschenbildes als ganzheitlich ausgerichtete „Menschen-Entwickler“ verstehen, die einseitigen – meist kognitiven – Fehlentwicklungen der Schüler/innen entgegenwirken und ganzheitlich kognitives, emotionales und psycho-soziales Aufblühen ermöglichen.

3. Lehrer/innen brauchen selbst Entwicklungsmöglichkeiten, sonst sind sie bald keine guten Lehrer/innen mehr.

Die erstgenannten Aspekte gehen von der Lehrperson aus, für den letztgenannten sind insbesondere strukturelle Änderungen in den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten von Lehrpersonen notwendig. Innovative Schul- und Bildungsentwicklung sozusagen; ein Such- und Strukturentwicklungsappell an die Bildungspolitik, denn Lehrerinnen und Lehrer legen den Grundstein für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft. Wir sollten stolz auf sie sein und ihnen alle Entwicklungschancen eröffnen.

 

Literatur

Brohm, Michaela/Endres, Wolfgang: Positive Psychologie in der Schule. Die „Glücksrevolution“ im Schulalltag. BELTZ 2015.

Michaela Brohm-Badry

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

6 Kommentare

  1. “… denn Lehrerinnen und Lehrer legen den Grundstein für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft.”

    Lehrer und Lehrerinnen machen auch nur den bewußtseinsbetäubten Tanz um den heißen Brei / das goldene Kalb, auf dem Grundstein der wettbewerbsbedingten Ausbeutung und Unterdrückung, für die Hierarchie von materialistischer “Absicherung” im “Recht des Stärkeren” des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung” – der Kreislauf der heuchlerisch-verlogenen Welt- und “Werteordnung” im “individualbewußten” Zeitgeist, wo längst geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein wirklich-wahrhaftig und im Sinne der Kraft des menschlichen Geistes gestalten könnte / sollte.

  2. Zumindest in Deutschland gibt es so eine Tendenz , den Lehrer wahlweise zu bashen oder als Weltenretter in Anspruch zu nehmen .
    Weder sind Lehrer faul oder wasauchimmer da so durch den Raum geistert , noch sind sie in der Lage , den Problemmüll zu beseitigen , den das Versagen anderer Institutionen – wie die Familie – so produziert.
    Bei den Aussagen der Studierenden fragt sich , wie weit sich Leute mit negativen Erfahrungen überhaupt zu Wort melden , mit solchen Aussagen kann man sich auch mal ins Abseits schießen , die “Positiven” haben in solchen Fällen wohl eine deutlich höhere Mitteilungsbereitschaft.

  3. Als Musiker und Lehrer muss ich sagen: Gott sei Dank habe ich keine Schüler, die mir in einem Aufsatz so ein Kompendium an Klischees und öden, tausend mal gehörten hohlen und abstrakten Phrasen um die Ohren hauen würden! Als Lehrer brauchen wir niemanden weniger als angepasste Phrasendrescher, die genau das von sich geben, was an gewissen Stellen erwartet wird. Eigentlich geht es nicht um den Inhalt dieser Aussagen – dass “Lehrerinnen und Lehrer bilden”, habe ich mir ja ungefähr so vorgestellt. Es ist letztlich ein Signal, das bedeutet: Wir synchronisieren uns im Duktus und im Tonfall mit der letzten Sonntagsrede des Herrn Kultusministers, wir machen alles mit, wir machen keinen Ärger und passen uns an. Ja, “kritisches und autonomes Denken”, das wäre schon schön. Ich sehe hier das Gegenteil.

  4. Hier hätten sie die Chance gehabt, das generische Femininum zu verwenden: Lehrerinnen gestalten Zukunft anstatt Lehrerinnen und Lehrer gestalten die Zukunft, denn

    Im Schuljahr 2003/2004 waren 67 Prozent der vollzeit- und teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte weiblich. Betrachtet man jedoch die einzelnen Schularten, so fallen große Unterschiede im Geschlechterverhältnis der Lehrkräfte auf (Abbildung 1.13).

    In fast allen Schularten dominieren die Lehrerinnen. Auffällig ist jedoch, dass ihre Dominanz mit dem Alter der Kinder und dem Niveau der schulischen Bildung abnimmt. Werden die Mädchen und Jungen in Schulkindergärten noch fast ausschließlich von weiblichen Lehrkräften betreut, so ist der Anteil der weiblichen und männlichen Lehrkräfte an Gymnasien schon ausgeglichen und einzig an den Abendgymnasien dominieren die männlichen Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler erleben also vor allem in den unteren Klassen eine starke weibliche Präsenz. In den höheren Klassen, in denen zunehmend die reine Wissensvermittlung dominiert, gleicht sich der Anteil der Lehrerinnen und Lehrer immer weiter an.

    Früher (vor 30 Jahren) gab es auch auf den unteren Bildungsstufen mehr Lehrer als Lehrerinnen. Dass sich dies geändert hat, nehmen viele als Hinweis, dass der Lehrerberuf auf den unteren Stufen an Attraktivität verloren hat und nun den Frauen überlassen wird.

    Sie hätten sich recht viel Schreibarbeit sparen können, wenn sie überall anstatt Lehrerinnen und Lehrer einfach nur Lehrerinnen geschrieben hätten – und es wäre der schulischen Realität sogar näher gekommen. Nun heute wollen wohl alle geschlechtergerecht sein. Der Professor sagt heute Liebe Maschineningenieurinnen und Maschineningenieure auch dann wenn es nur eine einzige Maschineningenieurin hat und liebe Kindergärtner und Kindergärtnerinnen vielleicht sogar dann, wenn es überhaupt keinen Kindergärtner hat.

    • Ist Ihrem Kommentatorenkollegen auch aufgefallen, diese Stelle im Text:

      ‘(…) warum sollten wir auf unsere Lehrer und Lehrer auf sich selbst stolz sein?

      Insofern scheint hier der Gebrauch der Generischen Genera vorzuliegen, in diesem Fall der des Generischen Maskulinums, das bekanntlich den Genus und nicht den Sexus meint.

      Markierungen [1] der Art ‘-rich’ (meint das männliche biologische Geschlecht) und ‘-in’ (meint das weibliche biologische Geschlecht) sind insofern, sofern die Generischen Genera als sprachlich einwandfrei anerkannt bleiben, nicht immer erforderlich, wenn es darum geht Inhalte zu transportieren.

      MFG
      Dr. W (der im engeren verwandschaftlichen und pers. Umfeld einige Pädagogen hatte und teilweise noch hat)

      [1] das Fachwort

      • PS:
        Beim begrifflichen Gebrauch der ‘Lehrerinnen’ liegt in der deutschen Sprache natürlich kein Generisches Femininum vor, sondern der Plural geschlechtlich feminin Markierter.
        Stattdessen könnte bspw. von ‘pädagogischen Kräften’ (diesmal idT: generisches Femininum) geschrieben worden sein.

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