Heiße Leistung – kalte Leistung: Warum wir Leistung neu denken sollten

Michaela Brohm, Auszug aus der Keynote zur Konferenz der DGPPF

Wertvoller Zustand: Wir sind wach, selbstaufmerksam, nehmen andere Menschen wahr und denken über die Auswirkungen unseres Verhaltens nach. Reflexion meint genau dieses Nachdenken über das Selbst, die eigenen Handlungen und Handlungskonsequenzen.

Und dafür braucht es Zeit. Eine ruhige Zeit des Denkens. Erstaunlich ist, dass das Maß der Reflexion mit der Leistungsstärke zusammenhängt: In einer aktuellen Studie untersuchten wir den Einfluss der Reflexionsfähigkeit auf die Leistungsmotivation und fanden bedeutsame Zusammenhänge: Von der Grundschule bis hin zum Abitur (N=654) zeigten Mehrebenenanalysen an Schülerdaten starke, signifikante Assoziationen zwischen Reflexibilität und Leistungsmotivation (p < 0.001, 0.27). Zudem war Flow-Erleben signifikant mit hohem Leistungsstreben (p < 0.001, 0.35) und hohen Werten für Ausdauer und Fleiß assoziiert (Brohm/Vogt im Druck).

Die zunehmende Verdichtung von Lernzeit und Arbeitszeit in auf Wettbewerb ausgerichteten Leistungsstrukturen verknappt genau diese zur Reflexion notwendige Zeit, denn im Alltagsverständnis, wie auch physikalisch, beschreibt Leistung lediglich die in einer Zeiteinheit verrichtete Arbeit. Leistung ist Arbeit durch Zeit (L = A/t). Gemessen wird sie anhand ihrer Effektivität und Effizienz.

Dieses Leistungsverständnis führt zu einer zunehmenden Verdichtung von Lern- und Arbeitszeit und hin zu auf Wettbewerb ausgerichtete Leistungsstrukturen; es bleibt kein Raum mehr für ruhige, tiefe, menschengerechte Entwicklung, denn maximale Leistung = maximaler Arbeitsoutput bei minimalem Zeiteinsatz. Mehr in weniger Zeit. Es geht also hier um ein kaltes Verständnis von Leistung. „Kalte Leistung“ sozusagen.

Und das hat Folgen auf gesellschaftlicher, organisationaler und Individualebene:

Sieben Milliarden Menschen bevölkern derzeit die Erde. Noch vor 50 Jahren waren es drei Milliarden. 10 Milliarden werden es zu Lebzeiten unserer Kindeskinder sein. Und all diese wollen essen, trinken und viele davon konsumieren. Diese rasant wachsende Weltbevölkerung verhält sich rasant gnadenlos gegen Wasser, Erde, Wald, Klima, Arten, Kosmos und den rivalisierenden Menschen selbst (vgl. Emmott 2015).

Beschränkt kommt auch die Reflexionsfähigkeit eines Teils unserer „Leistungs-Eliten“ daher. Mit Blick auf die eigenen Handlungsfolgen bezüglich des Wohlergehens von Menschen gar morbide beschränkt: Angesichts tugendloser Führungskräfte die kompetitive Leistungsorientierung befeuern, Abteilungen oder ganze Unternehmen mit Lug und Trug überziehen, Vertrauen zersetzen und Existenzen gefährden (z.B. VW-Betrug, Gammelfleisch, belastete Babynahrung, Mogelpackungen, Plagiate, „bereinigte“ Daten, Panamapapiere, Sommermärchen) können wir plausibel annehmen, dass die „Pseudo-Eliten“ dabei sind, die Reflexionsfähigkeit hinsichtlich ihrer Handlungskonsequenzen zu verlieren (Brohm 2016; Brohm, im Druck).

Gleiches gilt im Kontext der Zunahme an verhaltens- und emotionalen Störungen (oft Dissozialität!) bei Kindern und Jugendlichen (Statistisches Bundesamt 2015).

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Krankenhausaufenthalt (Stat. Bundesamt)

Gleichzeitig steigen die Burnout-, Depressions- und Psychopharmakaraten rasant.

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Depressive Episoden bei 15-20 jährigen mit Krankenhausaufenthalt (Stat. Bundesamt)

Da wundert es nicht, dass 85 % der deutschen Arbeitnehmer/innen tendenziell negativ gegenüber ihrer Arbeit und/oder dem Arbeitgeber eingestellt sind (Nink 2015 in der Gallup-Studie), unzureichende, mangelhafte bzw. destruktive Ergebnisse liefern, ihre Kolleg/innen damit negativ anstecken und hohe Krankheits-, und Fluktuationskosten verursachen durch erneute Stellenausschreibungen, Einarbeitungszeiten, Wissenstransferkosten, Know-How-Verlust usw.

Mit Blick auf all das steht unser derzeitiges Leistungsparadigma ganz schön blöde da. Wollen wir die Leistungsfähigkeit erhalten, wollen wir ein menschengerechtes Leben führen, brauchen wir ein neues Leistungsparadigma, nämlich eines, welches das Wohlbefinden einschließt: Denn es geht um das Wohlergehen der wachsenden Weltbevölkerung, es geht darum, die anstehenden Herausforderungen der Weltgesellschaft, der Organisationen und Individuen mit einer reflektierten, philanthropischen Grundhaltung zu meistern. Es gilt, humanistisch zu leisten. Leistung ist Arbeit x Wohlbefinden durch Zeit (L = (A x W)/t). Es geht um „Heiße Leistung“, sozusagen.

 

Literatur

Brohm, M./Vogt, D. (in Druck). Leistungsmotivation: der Einfluss von Flowerleben und Reflexionsfähigkeit. In G. E. Dlugosch, J. Fluck & C. Marquardt (Hrsg.), Gesundheit und Bildung: Schülergesundheit (Empirische Pädagogik, 30 (2), Themenheft). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Brohm, Michaela
Werte, Sinn und Tugenden als Steuerungsgrößen in Organisationen. Für Fach- und Führungskräfte (essentials). Wiesbaden, Springer (im Druck).

Brohm, Michaela
Positive Psychologie in Bildungseinrichtungen (2016). Für Führungskräfte (essentials). Wiesbaden, Springer.

Emmott, S.,(2015). 10 Milliarden. Suhrkamp Taschenbuch.

Nink, M. Engagement Index (2015). Die neuesten Daten und Erkenntnisse aus 13 Jahren Gallup-Studie. München. Redline.

Statistisches Bundesamt. (2015). Gesundheitsberichtserstattung des Bundes. http://www.gbe-bund.de/gbe10/ abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=93557518&p_sprache=D&p_knoten=TR200 (Zugriff: 24.11.15).

 

Dieser Ansatz wurde erstmals von der Autorin auf der Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF) in Trier (Mai 2016) vorgestellt. In englischer Sprache kommentierte Nico Rose den Ansatz in seinem Blog mappalicious.

Website Brohm

 

 

 

 

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hat das Zeug zum Kettenbrief. Respekt für diese wissenschaftliche Herangehensweise, sollte jeder Mensch in unserer Gesellschaft beherzigen. Vieles wäre einfacher. Angefangen vom eigenen Glücksgefühl etwas geleistet zu haben bis hin zu mehr positiver Leistung ohne diesem Kranken Druck.

  2. Liebe Frau Brohm-Badry!

    Ich bin sehr dankbar, Sie live beim Kongress in Berlin erlebt zu haben und bin noch immer sehr geflasht. Sie untermauern damit so wissenschaftlich meine Ansätze, die ich in meiner Arbeit seit Jahren irgendwie so rein “intuitiv” aufgreife. 🙂 Vielen herzlichen Dank, ich bin ein richtiger Fan von Ihnen geworden! 😉
    Bitte mehr davon!!

    Herzliche Grüße aus Hamburg,
    Christin Prizelius

  3. Wenn das Kind zur Schule kommt, sind die grössten Chancen bereits verpasst. Soziale Fähigkeiten müssen vo/m von der KinderbetreuerIn VORGELEBT werden. Daher beginnt Bildung sozialer Fähigkeiten bei dem betreuenden Elternteil, der dafür ein BetreuerIn einkommen mit Versicherung und regelmässige BetreuungsberatungsPflicht bis zum 18. Lj. Des Kindes (auch für die familiäre Betreuung von Kranken, Alten, Behinderten). Hoffe auf die dringenden Massnahmen:
    Menschenrechte der EU Bürger werden von einer Brachialkultur des 7. Jh. mit Füssen getreten. Ende weiterer Zuwanderung KEIN GELD mehr. Wirksamste Integrationsmassnahme für die bereits Aufgenommenen und EU Bürger.
    Integration durch Früh-und Weiter-Bildung SOZIALER Fähigkeiten:
    Eltern-Kind-Pass-Betreuungsberatungsteams ( Ärzte, Psychologen, Pädagogen f Deutsch, PsychotherapeutIn f. Traumatisierte). Arbeitsplatz Kinder-AltenbetreuerIn durch regelmässige BetreuungsBeratung, mit Kind bis zum 18. Lj. VERPFLICHTEND ansonsten Verlust aller staatlichen Leistungen.
    Gesundheitsministerin, FrauenministerIn, Familienministerin & Nachfolger, BildungsministerIn, überlasst die Betreuung, Bildung nicht länger den radikalisierenden Koranschulen und Kindergärten der totalitären Staaten Türkei, Iran, Saudiarabien. Ende der Sozialleiistungen für Geldempfänger autokratischer Regierungen. Entzug aller österreichischern staatlichen Leistungen.
    Neuer Arbeitsplatz ELTERLICHE Kinder-AltenbetreuerInnen: Verpflichtend regelmässige Eltern-Kind-Pass-Betreuungsberatung bis zum 18. Lj. dafür Mindesteikommen mit Versicherung anstelle Mindestsicherung ohne Pflichten.
    Wertekurse:
    Achtung und Respekt für die Menschenrechte aller EU- Bürger und deren Kultur.
    1.Wir legen Wert auf die als unsere Verfassung säkularisierten christlichen Werte; Nächstenliebe, Toleranz und Feindesliebe.
    Totalitäre Strömungen durch Gelder aus neonationalen autokratischen Regierungen ( Türkei, Iran, Saudiarabien) sind in Österreich verfassungswidrig und verboten. So auch die islamische Unterdrückung von Frauen und Ächtung von Nichtmuslima als Huren.
    Der Islam, der die Tötung aller Nichtmuslime zum Ziel, hat in Österreich laut Verfassung keinen Religionsstatus solange Kinder in Koranschulen beten lernen: “Allah lass alle Christen sterben bis zum letzten Ungläubigen, damit die Muslime in Frieden leben können. ”
    2. demokratische Bildung von den Eltern mit Kleinkind an durch regelmässige Eltern-Kind-Pass – Beratung als Bedingung für alle staatlichen Leistungen. Bei Aussetzen der Beratung mit Kind Entzug aller Geld-und Transferleistungen.
    3. Ausbildung aller Jugendlichen
    4. Arbeit ausüben ohne Entgelt, Volontieren, Zivildienst, Pflegehilfdienst.
    Erst nach Befähigung Arbeitsplatz
    5. Gründung einer Existenzgrundlage durch Arbeit.
    6. Erst dann EINE Frau (Polygamieverbot)
    7. Erst dann Familiengründung mit nur so vielen Kindern als man ernähren kann. Verbot von Kindern als Geiselkinder zum kurzfristigen Gelderwerb, die nach 3 Jahren verwahrlosen, weil sie kein Betreuungsgeld mehr bringen.
    Kinder sind die Zukunft und haben laut Verfassung bis 18 Jahre ein Recht auf elterliche Betreuung und Aufsicht in einem geordneten Zuhause durch eine stabile Bezugsperson SOZIALE, demokratische FÄHIGKEITEN zu erwerben. Die zunehmende Verwahrlosung Jugendlicher überlastet unser Sozialsystem und innere Sicherheit.
    Mit der Bitte um Kenntnisnahme und wohlwollende Umsetzung.

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