Flash and Flow – zwei komplementäre motivationale Zustände

Michaela Brohm-Badry

Flash und Flow: Der Flow-Zustand wurde eingehend theoretisch konzipiert und empirisch beforscht. Er beschreibt das selbst- und zeitvergessene, ruhige Handeln. Was aber ist mit dem gegenteiligen Phänomen: Dem plötzlichen Moment der Inspiration, dem Flash, der kurz aufleuchtet, energetisiert und im Dunkel verschwindet? Der Beitrag geht den Fragen nach was Flash ist, in welchem Verhältnis er zu Flow steht und wodurch er freigesetzt wird

Um „Flash“ zu verstehen, können wir zunächst vom „Flow“ ausgehen: Man fühlt sich in diesem Zustand „optimal beansprucht“, die „Handlungsanforderungen und Rückmeldungen werden als klar“ empfunden, der Handlungsablauf „wird als glatt erlebt“, man „muss sich nicht willentlich konzentrieren, vielmehr kommt die Konzentration wie von selbst“, man vergisst die Zeit, und geht „gänzlich in der eigenen Aktivität auf“ (Rheinberg 2000). Was auf den Flowzustand folgt, ist die biochemische Reaktion des Körpers: Nach der Flow-Phase wird die Ausschüttung von Neurotransmittern gesteigert und wir sind im wahrsten Sinne des Wortes „happy“ (Brohm-Badry 2017).

Einen vollkommen davon abweichenden Motivationszustand bezeichne ich als „Flash“, weil er aufblitzt, kurz erhellt und unmittelbar wieder verschwindet – ein Phänomen, das weitgehend demjenigen entspricht, welches als „Inspiration“ bezeichnet wird. Allerdings ist dieser Terminus im europäischen Sprachgebrauch stark an religiöse Phänomene oder esoterische Erleuchtungsphantasien gebunden, so dass eine phänomenologisch-sprachliche Neufassung sinnvoll scheint. Was nun wissen wir aus der (unterforschten) Inspirationsforschung? Nähern wir uns zunächst terminologisch (1), dann phänomenologisch (2) und schließlich pragmatisch mit Blick auf die Nutzungsmöglichkeiten (3).

1. Inspiration

Der Begriff leitet sich vom lateinischen „spirare“ ab, was so viel wie „Atem schöpfen, atmen“ oder als „spiritus“ Lufthauch, Hauch, Atem, Anima (! vgl. Carl Gustav Jungs Interpretation als Archetyp der Seele) meint. Inspirare/inspiratio steht demnach für „Beseelung“ oder „Einhauchen“ oder in alltagssprachlicher Deutung für eine Eingebung, einen unerwarteten Einfall. In der antiken und mittelalterlichen Ideengeschichte war damit die Vorstellung verbunden, künstlerische Werke oder religiöse Texte seien Eingebungen Gottes – die Dichter, Maler, Musiker oder Autoren lediglich das Gefäß, durch welches das Göttliche sich materialisiert.

Aus aktueller wissenschaftlicher Perspektive meint die Inspiration einen schöpferischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Einfall, der „scheinbar unvermittelt, spontan ins Bewusstsein tritt“ (Wirtz 2016).

Brohm-Badry Flash und Flow

2. Phänomenologie der Inspiration

Thrash und Elliot (2003; 2004) konzeptualisieren den Zustand der Inspiration anhand von drei charakteristischen Merkmalen (Tripartite Conceptualization):

  • Transzendenz meint, dass das Individuum im Moment der Inspiration ein Bewusstsein für neue oder bessere Möglichkeiten gewinnt. Thrash und Elliot verweisen bei diesem Aspekt auf die Verbindung mit den metaphorischen Begriffen „Erleuchtung“, „Einsicht“, „Erkenntnis“ u. a.
  • Empfänglichkeit“ schließt ein, dass man durch etwas Spezifisches inspiriert ist und sich daher nicht, oder nicht vollständig oder direkt verantwortlich für die Inspiration fühlt.
  • Annäherungsmotivation: Im Gegensatz zur Vermeidungsmotivation (weg von) bezieht sich die Annäherungsmotivation (hin zu) auf die Motivierung und Ausrichtung von Verhalten auf den positiven Stimulus, der im Moment der Inspiration ausgelöst wurde (neue oder bessere Möglichkeiten). Inspiration enthält Annäherungsmotivation in dem Sinne, dass das Individuum sich gezwungen fühlt, die neuen Ideen oder Visionen umzusetzen (vgl. Thrash/Elliot 2004).

Die Kriterien deutet darauf hin, dass man durch etwas (1. und 2.) oder um zu (3.) inspiriert sein kann. Thrash, Maruskin et al. (2014) kommen daher zu dem Schluss, dass Inspiration einem passiv-aktiv-Paradoxon enthält, letztendlich die Annäherung aber zur Funktion der Inspiration führt: Wir sind inspiriert, um einen inneren Wert zu realisieren (Transmissionseffekt).

3. Inspiration freisetzen

Inspiration wird durch äußere Reize und innere Haltungen freigesetzt:

  1. Texte, Gespräche (Energetisierer/Musen), Bilder, Alltagsgenstände, Musikstücke oder anderes wirken unterstützend. Inspirierende Umgebungen sind durch solche Elemente geprägt.
  2. Das „inspiriert werden“ erfordert ein spezifisches – nämlich offenes – Bewusstsein: „Openness to experience and approach temperament“ so Thrash, Maruskin et al. in ihrem Forschungsreview (2014) „are prone to experiencing the full inspiration process, becoming more open and approach oriented“. Verstärkend würden demnach wirken eine Offenheit für neue Erfahrungen (vgl. Big Five) sowie eine Annäherungs- statt Vermeidungshaltung (s.o.).
  3. Das Mehr an Erfahrungen stellt sich jedoch erst ein, wenn wir der Erfahrung ermöglichen, sich einzustellen, oder schlicht mit dem Komponisten Max Reger: „Die Inspiration kommt zu dem, der sie ruft!“ Einfach mit etwas anzufangen, ist ein vielversprechender Weg, inspiriert zu werden; es ist eine Form der aktiven Inspiration. Ähnlich dem ersten Newtonschen Gesetz bleibt ein sich bewegender Körper in Bewegung. Der Anfang ist somit der schwierigste Punkt – danach können wir auf Inspiration hoffen.
  4. Wollen wir Inspirationen locken, proklamieren Thrash, Maruskin et al. (2014) leicht pathetisch für einen Wandel der Haltung (Thrash, Maruskin et al. 2014). „Anstatt nur nach wünschenswerten Enden zu suchen (oder unerwünschte Ziele zu vermeiden), schaue auch nach Gelegenheiten, die das Selbst überschreiten – Gelegenheiten um Licht zu übertragen. Sei wachsam für flüchtige Einblicke in die Wahrheit, Schönheit, Güte und Heiligkeit. Sobald du eine Idee hast, die es wert ist darüber zu schreiben, schreibe; sobald du ein Ziel hast, das es wert ist, verfolgt zu werden, verfolge es, bevor das Licht schwach wird“ (Thrash, Maruskin et al. 2014).

Es geht also um das „sobald“! Denn der kurze Moment des Flashs ist flüchtig und verdunkelt sich, sobald wir ihn nicht mehr beachten. Zentral wäre demnach, die kleinen Momente der Inspiration wahrzunehmen und umzusetzen, sobald wir sie wahrnehmen – sogleich sollten wir den Flash-Moment „beherzt beim Schopfe fassen“ – er wirkt dann weiter, weil er muss.

In der zeitlichen Achse liegt der Flash logischerweise häufig vor dem Flow und wir können plausibel annehmen, dass wahrgenommene Flash-Momente leicht in den Flow führen, wenn sie unmittelbar in Handeln umgesetzt werden, sobald sie sich einstellen. Dazu werden wir in nächster Zeit forschen. Die Achtsamkeit für diese kleinen, heftigen motivationalen Zustände befeuert aller Voraussicht nach die Motivation.

Literatur

Brohm-Badry, M. (2017): So aktivieren wir unser Belohnungssystem. WirtschaftsWoche.

Rheinberg, Falko (2000): Motivation. 3. Auflage. Stuttgart.

Thrash T. M., Elliot A. J. (2003). Inspiration as a psychological construct. J. Pers. Soc. Psychol. 84, 871–889 10.1037/0022-3514.84.4.871.

Thrash T. M., Elliot A. J. (2004). Inspiration: core characteristics, component processes, antecedents and function. J. Pers. Soc. Psychol. 87, 957–973 10.1037/0022-3514.87.6.957.

Thrash, T.; Maruskin, L. Oleynick, V. C.: The Psychology of Inspiration. Social and Personality Psychology Compass 8(9) · September 2014 DOI: 10.1111/spc3.12127.

Wirtz, M.A. (Hg.): Dorsch – Lexikon der Psychologie. 17. überarb. Auflage. Bern, 2014.

Der Beitrag wurde als Keynote auf der Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF) am 10.Juni 2017 in der Universität Trier gehalten.

Foto: ©Shotshop.com

Website Brohm-Badry

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine Erfahrung besteht aus Körper-/Sinnes-/Immun-Reaktion und zugehöriger Emotion.
    Wenn wir einen neuen Reiz wahrnehmen, RE-AKTIVIERT das Gehirn als erste Reaktion sofort vergleichbare Erfahrungen aus unserem Gedächtnis. Diese werden/wird dabei zu der von uns wahr genommenen Realität. Diese Vorgehensweise soll eine sofortige, schnelle Reaktion auf einen neuen Reiz ermöglichen. Das ist eine Überlebensfunktion – Schnelligkeit geht vor Genauigkeit. (beim Internet würde man sagen: ein LINK wird aktiviert. Wenn man einen Link anclickt, steht das gesamte Wissen sofort zur Verfügung.)

    Werden als Reaktion auf den Reiz ABCD die Erfahrungen ABef und CDfg reaktiviert – dann ist das in der Summe ABCDeffg. Gibt man jeder Komponente den Wert 1, dann kommt ´f´doppelt vor und hat somit den Wert 2. D.h. als Aktivitätsmuster im Gehirn ist ´f´ nun besonders intensiv. Und diese Intensität kann man als Flash, Aha-Moment, Heureka oder Ursprung von Kreativität bezeichnen.
    Wird der reaktivierte Reiz ABCDeffg nun wiederum als Ausgangsreiz für weitere Denkaktivitäten benutzt, dann kann man damit neben Kreativität auch das Phänomen ´Tagtraum(mind wandering)´ erkären.

    (Wir können bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz verarbeitet. Damit lässt sich ´Denken/Kreativität´ als ein Ergebnis von Mustervergleichsaktivität mit 3 einfachen Regeln beschreiben. Quelle: per Google-suche [www.nderf.org/German/denken_nte.pdf] (ganzen Link suchen) oder [Kinseher nderf denken_nte]. Der Begriff ´zustandsabhängiges Erinnern´ erklärt, wie ALTE Erfahrungen in NEUES Wissen umgewandelt werden.)

    • Nachtrag: Flash/Kreativität wird durch eine vielfältige Reizgrundlage unterstützt.

      Sei es das kreative Chaos, sei es eine vielfältige Allgemeinbildung (Wissen, das beim Reaktivieren neu kombiniert werden kann), sei es eine offene Denkweise (Zugewandt zu anderen Menschen, Kulturen) oder sei es nur ein einfacher Spaziergang (Wechsel von Umgebungsreizen)
      Wo viele unterschiedliche Reize vorhanden sind, steigt die Wahrscheinlichkeit einer kreativen Neukombination.

  2. Flashmomente,
    Schachspieler haben die häufig. Wenn man sich eine Stunde lang mit höchster Konzentration mit einem Problem beschäftigt hat, gibt es einen Moment, wo schlagartig die Lösung vor Augen erscheint.
    Die Lösung kann auch später erfolgen. Mitten in der Nacht. Man wacht auf, und hat die Lösung.
    Das Bedeutet unser Denken führt ein Eigenleben.
    „Es“ denkt, ohne das wir wach sein müssen.

  3. Mit meinem kleinen Verstand habe ich im Laufe der Jahre festgestellt:
    Der Mensch (Geist bzw. Geistwesen) wohnt in einer – inzwischen perpönten – Seele.
    Diese befindet sich lt. Fachliteratur (Bibel) im Blut. Bekanntlich durchfließt dieses
    auch das Gehirn und damit bildlich gesprochen die im Körper (Materie) installierte,
    genial und universal erschaffene Festplatte.

    Bedauerlicherweise ist die Philosophie nach dem 1. Weltkrieg lehrmäßig zu einer
    Existenz-Philosophie degeneriert, daran zu erkennen, dass gewissermaßen nur
    die materielle Seite des Daseins kommentiert wird. (sh. Blog Schleim und Hoppe)
    Hintergrund: Was nicht Sein darf kann nicht sein, oder wie jemand einmal sagte:
    Ich glaube nur das, was ich sehe. Demnach, eine Seele sieht man nicht, also kann man
    darauf verzichten. Dem Schöpfer-Gott (Geist) ergeht es ebenso, dafür ist der Mensch
    inzwischen das Maß aller Dinge.

    Meine persönliche Erfahrung: Materie kann kein Selbstwertgefühl haben, logischerweise
    muss es der unsichtbare Geist (Person – Geistwesen) in mir sein.
    Als solcher fühle ich mich als ein Pünktchen in der mich umgebenden Geisteswelt, die,
    weil unsichtbar, nicht existieren darf.
    Wenn von Inspiration (teils Geistesblitze) die Rede ist, muss ich bekennen, dass diese
    nicht aus meinem kleinen Gehirn stammen, sondern tatsächlich vom obersten Chef der
    unsichtbaren Geisteswelt (nicht Luzifer). Selbst gute Gedanken kommen aus dieser
    Richtung. Eigene Bemühungen bleiben einem aber nicht erspart, man muss schon
    wollen und aktiv werden. Als Ergebnis entstand bei mir eine Artikelserie unter:
    http://www.4-e-inigkeit.info
    Man muss nicht der gleichen Meinung sein, jeder hat einen freien Willen.

    • Das Blut fließt nicht durch das Hirn, es gibt eine Blut-Hirn-Schranke! Sonst würde außer Alkohol, Drogen und Fakenews auch noch der Alltagsmüll das Hirn versauen.

      Manche Geistesblitze sind nur kurze Unterbrechungen der Finsternis.

      • Danke für Ihre Information!

        Lexikon der Neurowissenschaft
        Blut-Hirn-Schranke
        Das Hirngewebe ist von einem dichten Netz von Blutgefäßen durchzogen. Ein > unkontrollierter < Austausch von Substanzen zwischen Blut und extrazellulärer Flüssigkeit des Gehirns wird durch die tight junctions zwischen den die Gefäße auskleidenden Endothelzellen verhindert. Die Astrocyten leiten die mittels kontrolliertem Transport durch die Gefäßwände gelangten Nährstoffe den Nervenzellen zu.

  4. wi-bue2,
    ……Selbstwertgefühl,
    das war der entscheidende Hinweis. ein Japaner macht Harakiri, wenn er sein Gesicht verloren hat.
    Nach der gängigen Theorie dürfte es das Selbstwertgefühl gar nicht geben.

    • Zitat Bote 17:
      Nach der gängigen Theorie dürfte es das Selbstwertgefühl gar nicht geben.
      =
      > Das könnte die Frucht der reinen Existenz-Philosophie sein, die inzwischen so
      ziemlich die ganze Geisteswissenschaft erfasst hat, auch die Theologie.
      Unabhängig davon ist es interessant, das Wort “Selbst -Wert- Gefühl“ einer
      persönlichen Analyse zu unterziehen..
      > Aus dem Wirkungsbereich von Frau Brohm-Brady kann man schließen – vor
      allen Dingen jungen Menschen (heutzutage mehrfach orientierungslos) –
      mit positiver Inspiration und entsprechenden Gedanken zu positiven Handlungen
      zu motivieren, – oft eine undankbare Arbeit.
      =
      Zitat Brohm-Brady:
      In der zeitlichen Achse liegt der Flash logischerweise häufig vor dem Flow und wir können plausibel annehmen, dass wahrgenommene Flash-Momente leicht in den Flow führen, wenn sie unmittelbar in Handeln umgesetzt werden, sobald sie sich einstellen. Dazu werden wir in nächster Zeit forschen. Die Achtsamkeit für diese kleinen, heftigen motivationalen Zustände befeuert aller Voraussicht nach die Motivation.
      > Super

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