Die höchste Form des Glücks – über Selbstwertgefühle und Verrücktheit

Michaela Brohm

Ganz in sich ruhen, bei sich angekommen zu sein, behaglich sein mit dem, wie man ist. Ein ‘so bin ich eben’. Die höchste Form des Glücks.

IMG_0648Leicht gesagt, denn wir sprechen hier gerade über das positive Selbstwertgefühl. Selbst-Wert. Doch so schwer getan nun auch wieder nicht, denn wir können tatsächlich was tun. Und zwar nicht mit dem einen gigantischen Schritt, sondern in vielen kleinen Schritten und mit einem gerüttelt Maß an Mut. Doch dazu später.

Sehen wir uns das mal aus der Nähe an: Menschen entwickeln auf der Grundlage ihres Selbstkonzepts und ihrer Selbstwirksamkeitserfahrungen positive oder negative Gefühle bezüglich ihrer Person. Diese “Selbstwertgefühle” entstehen durch die jeweils positiven oder negativen Bewertungen („Klar, dass ich das nicht geschafft habe, ich bin einfach saublöd!“) – im Selbstgespräch oder ausgelöst durch die Kommentare von Freund/innen, Partner/innen, Kolleg/innen…

So leicht lassen wir uns “klein machen”, dabei sollten wir alles dafür geben, unseren positiven Selbstwert zu schützen, denn er unterstützt die psychische Gesundheit und Motivationsbereitschaft des Menschen. Das Gegenteil – ein „Gefühl der Wertlosigkeit“ (Rosenberg) – untergräbt hingegen die psychische Gesundheit und Aktivitätsbereitschaft (Versagensängste, Depression u.a.). Auf gut Deutsch: Positives Selbstwertgefühl: gesünder und voll Power – negatives Selbstwertgefühl: na ja. Und dann auch noch das hier: Ein negatives Selbstwertgefühl geht häufig mit der Abwertung anderer Menschen und Verhaltensweisen einher, da das eigene Selbst durch Aufwertung und „Selbstüberschätzung“ geschützt werden soll. „Selbstüberschätzung“ oder die Abwertung anderer Menschen können daher als Kompensation eines schwachen Ichs verstanden werden.

Wollen wir unsere Schüler/innen oder Studierenden beim Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls unterstützen, kann das Konzept des US-amerikanischen Psychologen Nathaniel Branden hilfreich sein. Er erarbeitete in den neunziger Jahren die sechs „Säulen“ eines positiven Selbstwertgefühls: Bewusst leben, Selbstakzeptanz, Selbstverantwortung, Selbstbehauptung, Ausrichtung auf Ziele, persönliche Integrität.

  • Bewusst leben: Dieses meint, „wach, achtsam und bewusst der Welt begegnen, die geistigen Fähigkeiten gezielt und bewusst einsetzen und von ihnen den jeweils besten Gebrauch machen, sich anstrengen […] in der Gegenwart leben […]. Neuem gegenüber aufgeschlossen sein, eigene Fehler sehen und korrigieren wollen“. Es kommt dem sehr nahe, was in der Positiven Psychologie mit “open mindedness” beschrieben wird: offen und wach zu sein, neugierig auf Menschen und Leben.
  • Selbstakzeptanz: Selbstakzeptanz betrifft „unser Tun und Lassen im Alltag. Es bedeutet vor allem, im Denken und Handeln nicht in Gegnerschaft zu sich selbst zu stehen“. Es geht hierbei um die vollständige Akzeptanz des Selbst verbunden mit der Fähigkeit, sich selbst verzeihen zu können. „Selbstakzeptanz bedeutet aber auch, die eigenen Gefühle anzuerkennen, sie zu beobachten und aus ihnen zu lernen“. Sich selbst also die/der beste Freund/in zu sein, sich zu reflektieren und auch mal Erbarmen mit sich zu haben.
  • Selbstverantwortung: Selbstverantwortung meint, die „Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und nicht nach Ausreden zu suchen oder Schuldzuweisung“ zu praktizieren. Eingeschlossen ist hier die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren und „nicht in Selbstmitleid oder Resignation zu flüchten“. Das klingt nach dem, was der pädagogischen Psychologe Heinrich Roth schon in den 60ern forderte: mündig in der Sache, mündig mit dem Selbst und mündig im sozialen Kontext zu werden.
  • Selbstbehauptung: Es ist hier die Bereitschaft gemeint, „offen für eigene Interessen einzustehen, die eigenen Überzeugungen und Meinungen zu vertreten […] ohne dabei den Kontext und die Angemessenheit außer Acht zu lassen. Selbstbehauptung ist der praktische Ausdruck der ureigenen Wünsche und Ansprüche“. Und hier geht es tatsächlich auch mal darum, für sich einzutreten und zu gewinnen, sich also auch mal klar zu positionieren und vielleicht auch mal – wenn es wirklich richtig wichtig ist – Kopf und Kragen zu riskieren.
  • Das Leben auf Ziele ausrichten: Dieser Aspekt betont, dass es wichtig ist, die eigenen Lebensziele bewusst und aktiv anzugehen – und sie unter Einsatz „aller Kräfte” anzustreben. Der Ursprung des Selbstwertgefühls ist hier jedoch nicht durch die Zielerreichung definiert, sondern durch den permanenten Willen, sich aktiv auf die selbstgesteckten Ziele einzulassen. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich ja schon mal geschrieben, dass Ziele energetisierend wirken und Leistungsmotivation ohne Zielperspektive kaum denkbar ist.

Und schließlich:

  • Persönliche Integrität: Diese umschreibt Branden mit der Fähigkeit, die inneren Werte zu leben und dafür einzustehen. „Worte und Taten müssen einander entsprechen, die Praxis einer ‚Doppelmoral‘ unterminiert die Selbstachtung“. Unrealistisch hohe Wertmaßstäbe jedoch ziehen ein Scheitern – und damit den allmählichen Verlust der Selbstachtung – nach sich (vgl. Branden 1994, o. S.). Im Einklang mit seinen Werten Leben, dafür einzustehen – wie schwer ist das oft, und wie wichtig doch.

Alles in allem ein gewagtes Unterfangen, denn wäre das alles risikofrei und simpel, würden wir uns dadurch wohl kaum gut fühlen. Aber als Maxime des eigenen Handelns gedeutet wird klar, dass die Verteidigung des Selbstwerts auch ein gutes Stück weit damit zu tun hat, sich den Strömungen zu widersetzen: Offen, bewusst leben, sich selbst zu verantworten, sich durchzusetzen – wenn es wirklich wichtig ist, Ziele zu haben und im Einklang mit seinen Werten zu leben – klingt absonderlich in Zeiten der möglichst reibungsarmen “Verdichtung von Arbeit”. Wer leistet sich schon solch selbststärkende Mätzchen in Zeiten von Effektivitäts- und Effizienzsteuerung? Und so kommen wir ganz unumwundenen zu Erasmus von Rotterdam, dem schlauen Theologen, Philosophen und Humanisten. Er wusste schon um 1500: “Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit”. Let’s go crazy.

 

Literatur

Branden, N.: Die sechs Säulen der Selbstachtung. www.sinnwaerts.ch/LifeCoaching/Selbst
achtung.pdf (Abruf 12.03.2011).

Brohm, M. (2012) : Motivation lernen. Das Trainingsprogramm für die Schule. Weinheim/Basel. Beltz

Website Brohm

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit. (Erasmus)

    Vgl :
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/Lob_der_Torheit (‘Laus stultitiae’)
    -> http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/stupere

    Weil die ‘Verrücktheit’ oder der Wahnsinn seinerzeit nicht verstanden oder gar anerkannt worden sind, müsste Erasmus von Rotterdam im besten Vulgärlatein die Dumm- oder Doofheit gemeint haben, die zum Glück anleiten könnte. [1] [2]

    Gelegentlich dumm oder doof zu sein, ist in der Tat erstrebenswert,

    MFG
    Dr. W

    [1] ‘dumm’ meint, die bekannte Etymologie betreffend, die Unfähigkeit sich sprachlich auszudrücken, ‘doof’ die Unfähigkeit zu hören – wobei im übertragenden Sinne dbzgl. weiter aufgesetzt worden ist, loge

    [2] Ihr Kommentatorenfreund hat hier ca. 30 Minuten recherchiert, es könnte also vermutlich besser beigebracht werden, was Desiderius Erasmus seinerzeit genau gemeint hat,

  2. Dr. W., danke für den spannenden Hinweis! Falls Sie mal das Originalzitat finden, wäre ich für die Übermittlung dankbar. Schön auch Ihr Hinweis, gelegentlich dumm oder doof zu sein, sei in der Tat erstrebenswert ;-))
    Lg mb

    • @ Frau Michaela Brohm :

      Falls Sie mal das Originalzitat finden, wäre ich für die Übermittlung dankbar.

      Dies gelang leider bisher nicht; es würde sich hier weitergehende Recherche lohnen, korrekt.

      LG + schönen Nikolaus & schöne Weihnachten schon einmal,
      Dr. W

  3. “Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit”.

    Ein sehr treffender Satz. Folgerichtig geht es immer dann abwärts , wenn sich zuviele Menschen einem ausufernden Konformismus unterwerfen.

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