Der Sprung zum Niegewesenen 01: Was uns Ernst Bloch und die Positive Psychologie über ein glückliches Leben sagen

Michaela Brohm-Badry

Vortrag gehalten am 21. Juli 2021 im Ernst-Bloch-Zentrum, Ludwigshafen

Teil 01: Leitprinzip Hoffnung

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

lassen Sie uns mit einem Gedankenspiel beginnen: Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind in einem geheimen Raum. Sie sind alleine dort und fühlen sich sicher, satt und warm. Es ist zwar nicht besonders schön dort, aber Sie haben fast alles, was Sie zum Leben brauchen.

In dem Raum gibt es eine Tür. Sie wissen nicht, was dahinter ist, doch an der Tür hängt ein Schild: Wer diese Tür öffnet, muss hindurch gehen.

Bitte überlegen Sie einen kurzen Moment: Was würden Sie tun? Würden Sie bleiben, horchen oder hindurchgehen?

Heute schauen wir uns an, was Ihre Handlung in dieser Situation mit Ernst Bloch und dem Lebensglück zu tun hat.

Dazu möchte ich in diesem Vortrag drei Fragen beantworten:

  1. Warum ist Ludwig van Beethoven berühmter als Franz Schubert? (angesichts von Blochs Musikstudium können wir uns dem heiter zuwenden)
  2. Warum war Ernst Bloch glücklicher als Arthur Schopenhauer?
  3. Was können wir selbst dafür tun, eher ein frohes als ein melancholisches Dasein zu fristen?
  4. Ein Fazit über Ernst Bloch und die Positive Psychologie schließt den Vortrag ab.

Methodisch möchte ich Blochs Gedanken den empirischen – also statistisch fundierten – aktuellen Befunde aus der positiv-psychologischen Forschung gegenüberstellen und wir werden sehen: Wir kommen zu spannenden Erkenntnissen …

 

1. Ludwig van Beethoven und Franz Schubert

Zur ersten Frage: Warum ist Ludwig van Beethoven berühmter als Franz Schubert?

Der Mensch im ersten Raum – nennen wir ihn Beethoven-Raum – hört die Klänge schon von Ferne und öffnet die Tür. Er betritt den Raum und hört Geigen und Bratschen, Celli, Kontrabässe, Bläser und Pauken – und schließlich den jubelnden Chor:

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt.
Alle Menschen werden Brüder, wo dein Sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!

Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen, die des Sehers Rohr nicht kennt.

Die Sehnsucht nach Freude, nach Menschen, nach Musik, Spiel und Tanz hat diesen Menschen ermutigt, die Tür zu öffnen – und er wurde reich belohnt.

In dem Nebenraum – dem Schubert-Raum – sitzt ein anderer Mensch:

Er hört das Schubert-Lied Der Wanderer:

Ich komme vom Gebirge her,
Es dampft das Tal, es braust das Meer.
Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: wo?

Die Sonne dünkt mich hier so kalt,
Die Blüte welk, das Leben alt,
Und was sie reden, leerer Schall,
Ich bin ein Fremdling überall.

(…)


Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: wo?
Im Geisterhauch tönt’s mir zurück:
„Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!“

Dort, wo du NICHT bist, dort ist das Glück! Und er bleibt sitzen, voller romantischer Selbstbespiegelung in melancholischer Nicht-Vollendung: Das Glück ist woanders. Es ist da, wo du nicht bist. (Wir treffen Beethoven und Schubert später wieder).

 

2. Warum war Ernst Bloch glücklicher als Schopenhauer

Ernst Bloch (1885-1977) verweist in seinen Spuren auf eben dieses Schubert-Lied „wo du nicht bist …“ (Bloch, Spuren 1910-1929, S. 33f).

Bloch thematisiert anhand dieses Liedes die Nichtvollendung von Utopien und Wünschen. Es geht ihm schon in diesem frühen Werk um eine Hinwendung zu Utopien durch eine Abkehr vom Lamento des Wanderers, um eine Abkehr von der Inaktivität. „Was sehr seßhaft, frißt nicht, was es nicht kennt (…) Der Sprung zum Niegewesenen ist wichtig vor allem eben zum völlig bisher Fremden“ (ebda.)

Und dieses Hinwenden zur regen Lebensgestaltung durchzieht seine Schriften und findet einen suchenden Beginn 1918 in seinem Werk „Geist der Utopie“: „Wir leben und wissen nicht wozu. Wir sterben und wissen nicht wohin. Leicht ist zu sagen, was man jetzt und nachher will. Aber niemand kann angeben, was er überhaupt will in diesem doch so zweckhaften Dasein. Mich wundert, dass ich fröhlich bin – sagt ein alter Türspruch (…) Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.“ (Bloch, 1918, S. 1, S. 9)

Rund vierzig Jahre (1959) später formuliert er dann den kumulativen Höhepunkt der Gestaltungskraft im menschlichen Leben in seinem Hauptwerk: In „Das Prinzip Hoffnung“ fordert Bloch in drei Bänden und auf über 1600 Seiten dazu auf, der Hoffnung Raum zu geben, um sich aufzumachen, der eigenen Utopie zu folgen. Und zwar wegen zweier anvisierter Zustände:

  1. der Selbstvollendung des Individuums in freier Entfaltung, die
  2. in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung im marxistischen Sinne mündet.

Die Hoffnung sei eine „konkreten Utopie“ und es gelte, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. In unserem Kontext scheint zentral zu sein, dass Bloch sowohl auf die individuelle, als auch die gesellschaftsbezogene Verwirklichung utopischer Vorstellungen abzielt.

Menschen haben das Wissen, dass sie ein Potenzial zu einem besseren Leben haben und sollten sich bewusstwerden, dass sie Möglichkeiten im Leben haben, die sie noch nicht realisiert haben. Auf deren Realisierung hoffen sie ab der Bewusstwerdung. Menschen leben bis dato in einem Zustand des „Noch-Nicht-Bewussten“. „Das Noch-Nicht-Bewußte, Noch-Nicht-Gewordene, obwohl es den Sinn aller Menschen und den Horizont alles Seins erfüllt, ist nicht einmal als Wort, geschweige als Begriff durchgedrungen. Dies blühende Fragengebiet liegt in der bisherigen Philosophie fast sprachlos da. Träumen nach vorwärts, wie Lenin sagt, wurde nicht reflektiert, wurde nur mehr sporadisch gestreift, kam nicht zu dem ihm angemessenen Begriff. (…) Das ungeheure utopische Vorkommen in der Welt ist explizite fast unerhellt.“ (Bloch, 1959, S. 4).

Die Hoffnung eines Menschen zeigt sich, so Bloch, in Wünschen und Fantasien, insbesondere in dessen Tagträumen. Die dort ausgedrückten Hoffnungen leiten das Handeln, weil sie der Antrieb des Menschen sind – die motivationale Kraftquelle, um das eigene und gesellschaftsbezogene Leben zu gestalten. Wünsche, Fantasien und Tagträume zeigen den Menschen, welche Zukunft sie sich wünschen und führen zum Realisieren konkreter Lebensträume und gesellschaftlicher Verbesserungen. „Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.“ (ebda. S. 21)“ „Vieles schmeckt nach mehr“ ist das folgende Kapitel überschrieben.

Hoffnung sei somit ein vitaler Trieb, der auf den menschlichen Intellekt verweist, da dieser die Zukunft visionieren, darüber nachdenken, und sie gestalten könne. Der Tagtraum greift dieser Zukunftsgestaltung lediglich vor und die menschliche Existenz sei stets im Zustand der Veränderung – des Zubewegens auf ein „Noch-Nicht-Seiendes“. Menschen streben danach, sich zu vollenden. Und die Triebkraft für diese Vollendung ist eben die Hoffnung auf ein besseres Zukünftiges. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt“ (Bloch 1959, S.1). Bloch formuliert damit eine selbstermächtigende, das Leben rege gestalten wollende, optimistische anthropologische Perspektive.

Welch kontrastierende philosophische Perspektive bietet uns da beispielsweise der rund ein Jahrhundert vor Bloch geborene Arthur Schopenhauer (1788-1860)? Zwar sieht auch er ein rastloses Sehnen des Menschen, interpretiert dieses jedoch nicht als vorwärtstreibende, motivationale Kraft, sondern als durch Mangel verursachtes andauerndes Leid, wodurch die Welt ein Jammertal wird, voller Illusion, negativer Lust und Unzufriedenheit. Für ihn ist das Leben gleich „einem Pendel, das zwischen Schmerz und Langeweile hin- und herschwingt“ (Schopenhauer 1997, § 56). Wir leben in „der schlechtesten aller möglichen Welten“. Er verschrieb sich der pessimistischen Philosophie.

Ernst Bloch war jeglicher naiver, passiv abwartender Optimismus ein Graus, heftiger aber noch wandte er sich gegen manifesten Pessimismus, den Nihilismus im Sinne Schopenhauers, da dieser in passive Untätigkeit führe:

„Wogegen Menschen; die überhaupt an kein happy-end glauben, die Weltveränderung fast ebenso hemmen wie die süßen Schwindler, die Heiratsschwindler, die Charlatane der Apotheose. Bedingungsloser Pessimismus also befördert nicht viel weniger die Geschäfte der Reaktion als künstlich bedingter Optimismus; letzterer ist immerhin nicht so dumm, daß er an gar nichts glaubt. Er verewigt nicht das Geschleppe des kleinen Lebens, gibt der Menschheit nicht das Gesicht eines chloroformierten Grabsteins. Er gibt der Welt nicht den todtraurigen Hintergrund, vor dem sich überhaupt nichts zu tun lohnt. Zum Unterschied von einem Pessimismus, der selber zur Fäulnis gehört und ihr dienen mag, verneint ein geprüfter Optimismus, wenn die Schuppen von den Augen fallen, nicht den Zielglauben überhaupt (…)

Also ist der Pessimismus die Lähmung schlechthin, während selbst der verrottetste Optimismus noch die Betäubung sein kann, aus der es ein Aufwachen gibt.“ (Bloch 1959, S. 517).

Im Gegensatz zu naivem Optimismus ist Blochs Theorie der Hoffnung stets an jene, die Hoffnung verwirklichende Handlung gebunden. (Wir treffen Bloch und Schopenhauer später wieder).

(Weiter bei Teil 02)

 

Literatur

Abuhamdeh, S., Csikszentmihalyi, M., Jalal, B. (2014). Enjoying the possibility of defeat: Outcome uncertainty, suspense, and intrinsic motivation. Motivation and Emotion, 39 (1), 1-10. Zugriff 06.09.2016 unter: http://link.springer.com/article/10.1007/s11031-014-9425-2

Bloch, Ernst (1918). Geist der Utopie, Frankfurt a. M., Suhrkamp 1964.

Bloch, Ernst, Werkausgabe Band 1 (1985). Spuren (1910-1929), Frankfurt a. M., Suhrkamp.

Bloch, Ernst (1959, 4. Aufl. 1977). Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a. M., Suhrkamp.

Brohm-Badry, Michaela (2019). Das gute Glück. Wie wir es finden

und behalten können, Salzburg, Ecowin.

Brohm-Badry, Michaela (2017): Warum wir Leistung neu denken sollten: Weckruf für ein humanistisches Leistungsparadigma. In: M. Brohm-Badry, C. Peifer & J. M. Greve (Hrsg.), Positiv-Psycho- logische Forschung im deutschsprachigen Raum – State of the Art (S. 8–17). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Brohm-Badry, Michaela (2021). Aufbrechen. Die Freiheit zur Selbstentfaltung gewinnen, Weinheim/Basel, Beltz.

Cohn, Michael. A., Fredrickson, Barbara (2011). Positive Emotions. In: C. R. Snyder und Shane J. Lopez (Hrsg.), Handbook of Positive Psychology (2. Aufl., S. 13–24). New York, Sage.

Fredrickson, Barbara L. (2005): The broaden-and-build theory of positive emotions. In: F. Huppert, N. Baylis&B. Kevern (Eds.), The Science of Well-being. S. 217–238), New York, Oxford University Press.

Hasse, Sandra (2009). DDR-Philosoph Ernst Bloch wieder aktuelle? Tagung zur Metaphysik der Hoffnung. Zugriff 30.08.2021 unter https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/ddr-philosoph-ernst-bloch-wieder-aktuell-tagung-zur-metaphysik-der-hoffnung-2009-09-24/

Ruch, Willibald., Proyer, R. T., Harzer, C., Park, N., Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2010). Adaptation and Validation of the German Version of the Values in Action Inventory of Strengths (VIA-IS) and the Development of a Peer-Rating Form. Journal of Individual Differences, 31, 138-149.

Ryan, Richard M., & Deci, Edward L. (2017, Paperback 2018): Self- determination theory. Basic psychological needs in motivation, development, and wellness. New York: Guilford Press.

Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, Köln 1997, § 56

Seligman, Martin (2012): Flourish – Wie Menschen aufblühen. Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens. München: Kösel- Verlag.

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Website Brohm-Badry

Website Brohm-Badry Universität Trier

Website Deutsches Institut für Motivation (DIM)

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Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Neurowissenschaftlerin für Lehr- Lernforschung, Autorin und Keynote Speaker. Sie ist Professorin an der Universität Trier für Lernforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie und Persönlichkeitswachstum. Sie ist Präsidentin der „Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung“ (DGPPF). Brohm-Badry zählt zu den bekanntesten deutschen Motivationsforschern (ARD).

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