Beethoven Brohm-Badry

Diesen Kuss der ganzen Welt: Warum wir gerade in dieser Zeit Beethoven hören sollten

Michaela Brohm-Badry

Neunte Symphonien unterliegen einem gewaltigen Bann. Gestern Abend kam dieser im Konzert auch über uns: Gustav Mahlers Zehnte. Mahler übersprang die “Neunte” und schrieb stattdessen lieber zweimal eine “Zehnte”. Denn Beethoven hatte die ultimative Neunte schon geschrieben: Ein Manifest der Aufrechten. Zeitlos – eine schmetternde Antwort für alle, die uns weltpolitisch bedrücken. Wie wir gerade aus diesem Urmenschlichen Kraft tanken können, davon handelt dieser Beitrag.

Mahlers zweite Zehnte blieb ein Torso, denn Mahler starb während der Arbeiten an dem Werk. “Es scheint”, so Arnold Schönberg, “die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden könnte, was wir noch nicht wissen sollen, wofür wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nah” (Schönberg 1912). Beethovens Neunte sollte nicht überschrieben werden. Und so sind wir bei der Frage nach dem Warum. Warum ist Beethovens Neunte quasi unantastbar?

Kompositorische Tabubrüche
Musikwissenschaftlich ist das leicht zu beantworten, denn sie brach kompositorisch gleich zwei Tabus: Sie war mit rund 70 Minuten (je nach Spieltempo) die bei Weitem längste bis dahin aufgeführte Symphonie und sie setze sich darüber hinweg, dass Symphonien per Definition gefälligst Orchesterwerke zu sein hatten: Beethoven komponierte in den sensationellen vierten Satz menschliche Gesangsstimmen ein: Solostimmen und einen Chorsatz zu Schillers “Ode an die Freude”.

Was der Text sagt
Es geht um die Freude in ihren verschiedenen Erscheinungsformen:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt’gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Freude, schöner Götterfunken, Götterfunken.

Die Freude wird direkt angesprochen (1. Strophe) und mit Bezug auf das Elysion der griechischen Mythologie – also der Insel der Seligen – vergöttlicht. Die Zauber der Freude verbindet die Menschen (“deine Zauber binden wieder”).

Der große Wurf der Freude ist es “Eines Freundes Freund zu sein” oder ein “holdes Weib” zu erringen (2. Strophe) – die sozialen Bindungen, das Zwischenmenschliche ist die größte Freude menschlicher Existenz – sie geht auf im “Erdenrund” – dem Bund aller Menschen.

Es folgt in den nächsten Strophen die Freude an der Natur: “Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur”, an Sonne und Reben, am Sternenzelt und der Größe der Schöpfung und des Schöpfers. Die Natur ist hier Triebkraft der Freude, der Welt. Beethoven_Brohm-Badry

Und all das, der Zauber der Freude, die Freundschaft, die Liebe, die Natur einen die Menschheit in den umschlungenen Millionen, dem “Kuss der ganzen Welt”.

Weckruf gegen Rückschritt
Schillers “Ode an die Freude” ist ein humanistischer Weckruf und Beethoven setzt diesen Text inmitten in die Zeit politischer Restauration nach der reaktionären Neuordnung Europas. Fürst von Metternich hatte die deutschen Staaten nach dem Wiener Kongress 1815 mit einem perfiden Unterdrückungssystem (Metternich’sches System mit Karlsbader Beschlüssen) überzogen, das sich gegen die freie Presse (!), gegen demokratische Tendenzen (!), gegen Meinungs- und Versammlungsfreiheit (!) richtete. Journalisten, Freidenker und Wissenschaftler wurden als “Demagogen” verfolgt (!).

“Nach all dem politischen Wirrwarr und den Schrecknissen der Zeit”, so der Komponist Aribert Reimann, “ist dieses Werk am Ende ein Appell, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Kriege und Zerstörung” (Reimann 2012).

Musik gegen die Apokalypse
Beethoven vertont hier eine Erlösung, die er in den vorangehenden Sätzen durch starke Dissonanzen und fragmentarisches Suchen heraufbeschwört. Die Raserei der dissonanten Blechbläser klingt wütend, verzweifelt bisweilen. Die tiefen Streicher halten dagegen, dann immer wieder Fragmente aus früheren Sätzen, das Neue bahnt sich nach und nach ruhig seinen Weg.

Die Unerträglichkeit des vertonten Weltuntergangsszenarios löst sich durch den Einsatz des Baritons:  “O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere. Freude! Freude!”. “Man darf den Schlusssatz der Neunten nicht isoliert und losgelöst von den vorangegangenen Sätzen sehen”, so Reimann. “Im gesamten Aufbau dieser ungeheuren Symphonie erscheint dieser Chor als eine Befreiung nach all dem Apokalyptischen, das Beethoven im Vorausgegangenen aufgebaut hat. Erst nach einer Zerstörung, im sich Wiederfinden des Überlebens können sich wirklicher Jubel und Freude einstellen. Es gibt kaum ein Werk in der Musikgeschichte, das seine Hörer am Ende mit einer so großen Hoffnung entlässt” (Reimann 2012).

Darum sollten wir Beethoven hören
Beethoven dirigierte das Werk am 07. Mai 1824 in Wien. Da war er bereits völlig taub und las die Gesangstexte von den Lippen der Sänger ab. Was für ein Manifest der Hoffnung: Freude schöner Götterfunken! Seid umschlungen, Millionen! Die Zuhörer jubelten frenetisch. Das Zentrum des Urmenschlichen hatte sie erreicht.

Die 9. Symphonie ist das Hoffnungswerk schlechthin, die “Ode an die Freude” ist seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union. Sie ist ein Pamphlet für Menschlichkeit, menschliche Nähe, Friedfertigkeit und die Liebe zur Natur. Sie ist vertontes Glaubensbekenntnis aller Aufrechten. Diesen Kuss der ganzen Welt! Darum sollten wir Beethoven hören. Gerade jetzt! Mehr und lauter denn je. Und irgendwann werden wir dann reif sein für eine zehnte Symphonie.

Literatur
Reimann, Aribert: Freude schöner Götterfunken – Beethoven und Reimann (2012). Wiener Konzerthaus. https://konzerthaus.at/news/entryid/209 (Aufruf: 03.06.2017)

Schönberg, Arnold: Mahler – Rede am 25. März 1912 in Prag

Foto: ©shotshop.com

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hätte Ludwig van doch bloß auf den Schlußchor verzichtet … Die Neunte ist sicher das größte klassische Werk, aber ebenso sicher ist der vulgäre Schlußchor der größte Fehler Beethovens.

  2. Also grausam, was hier an Kommentaren abgelassen wird. Kann doch nicht so schwer sein, einfach mal den Mund zu halten, wenn man keine Ahnung hat.

  3. Wenn Europa gerade jetzt Beethovens Neunte (einer Zitat “Musik gegen die Apokalypse” braucht, dann steht es wohl nicht zum Besten für Europa.

  4. Ich bin immer wieder dankbar dafür, an Beethoven erinnert zu werden (so leicht es ja auch ist, inzwischen, über Spotify Aufnahmen zu vergleichen).

    Aber für Papa Haydn mit seinen über 100 Sinfonien war die 9 ja ein Klacks …

    • “Aber für Papa Haydn mit seinen über 100 Sinfonien war die 9 ja ein Klacks …”

      Das war die Gnade der frühen Geburt, er musste sich nicht mit Beethoven messen.

  5. “Wie wir gerade aus diesem Urmenschlichen Kraft tanken können, davon handelt dieser Beitrag.”

    Was soll das denn sein, das “Urmenschliche” ? So etwas wie die “Urliebe” oder die “Urkraft”?
    Und wann entstand es auf dem langen Weg zum h. sapiens sapiens?
    Im homo erectus? Oder schon davor, im Australopithecus ?

    “Wollust ward dem Wurm gegeben” , na denn … .

      • “keine Frage der Evolution, sondern der Anthropologie.”

        Sie glauben, Anthropologie – die Wissenschaft vom Menschen – lässt sich unter Ausklammerung der Evolution betreiben? Das dürfte wohl kaum möglich sein.
        Aber was ist denn nun das ‘Urmenschliche’ ?
        Die Annahme, dass es so etwas geben könnte, ist doch nichts weiter als eine nützliche, da komplexitätsreduzierende Illusion.

  6. “„Aber für Papa Haydn mit seinen über 100 Sinfonien war die 9 ja ein Klacks …“
    Das war die Gnade der frühen Geburt, er musste sich nicht mit Beethoven messen.”

    Beethoven schrieb auch “Wellingtons Sieg oderdie Schlacht von Vittoria” – was er später bedauerte -, ganz abgesehen davon, dass es Unsinn ist, die Größe eines Genies an der Zahl der von ihm geschaffenen Werke messen zu wollen und Egon Flaig zeigt in der “Niederlage der politischen Vernunft”, wie wir gerade dabei sind, die Errungenschaften der Aufklärung zu verspielen, denn uns bescherte die Gnade der späten Geburt die “neue Weltordnung”, da es – wenn auch mit neuem Vorzeichen – Deutschlands Beruf zu sein scheint, dafür zu sorgen, dass am deutschen Wesen Europa und die Welt genesen.

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