Unverpackt ist bei Verbraucher*innen Trumpf

Unverpacktes Gemüse

Viele Menschen wollen beim Lebensmitteleinkauf Verpackungen insbesondere aus Kunststoff vermeiden. Deutlich vorne bei der Nachhaltigkeitsbewertung möglicher Alternativen liegen dabei – wen wundert’s – Waren, die ganz ohne Verpackung auskommen. Doch deren Anteil ist noch verschwindend gering.

Verpackungen aus Kunststoff sind Segen und Fluch zugleich: Sie schützen das Produkt und machen seinen massenhaften Verkauf überhaupt erst möglich. Herstellung und Distribution der Plastikverpackungen benötigen aber viele Ressourcen, die auf der Welt knapper werden, und auch die Entsorgung ist in vielerlei Hinsicht noch verbesserungswürdig. Mehrere Projekte im BMBF-Forschungsschwerpunkt Plastik in der Umwelt haben näher beleuchtet, welche Alternativen zu Kunststoffverpackungen es gibt und wie diese zu bewerten sind. Im Webinar „Nachhaltige Plastikverpackungen: Sortieren, Verändern, Vermeiden – was geht?“, das am 8. November 2021 stattfand, haben die Forschenden verschiedene Lösungsansätze vorgestellt sowie auch eine Studie, die das Verhalten von Verbraucher*innen untersucht.

Die Möglichkeiten, weniger Kunststoffverpackungen zu verursachen, sind zahlreich: Unternehmen können dünneres Verpackungsmaterial verwenden oder Kunststoffe substituieren (z.B. durch Pappe), Mehrwegsysteme nutzen, neuartige Verpackungen entwickeln oder ganz darauf verzichten. „Unsere Interviews mit Händlern haben jedoch gezeigt, dass die Suche nach der ‚besten‘ Verpackung komplex ist“, berichtete Eva Wiesemann, Forschende im Projekt Innoredux, bei dem Webinar. So sollten Alternativen möglichst einen vergleichbaren Produktschutz liefern wie Verpackungen aus Kunststoff, aber gleichzeitig nicht mehr kosten und zudem eine gute Ökobilanz aufweisen. Mit der Methode der Ökobilanzierung (englisch: Life Cycle Analysis, LCA) lassen sich verschiedene Produkte auf ihre Umweltwirkungen hin untersuchen und dann auch hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit bewerten.

Um zu ermitteln, wie nachhaltig bereits genutzte Verpackungsalternativen tatsächlich sind, hat das Innoredux-Team Verpackungslösungen für insgesamt acht Produkte bewertet, zwei davon – Mandeln und Waschmittel – wurden bei dem Webinar vorgestellt. Bei Mandeln analysierten die Forschenden vier Alternativen: die herkömmlichen Kunststofftütchen, das Mehrwegglas und zwei Unverpackt-Lösungen, die sich bei der Lieferung in den Laden unterschieden – Einweg-Papiersack versus Mehrweg-Plastikeimer. Die beiden Unverpackt-Systeme schnitten in der Ökobilanz-Bewertung mit Abstand am besten ab, am schlechtesten kam das Mehrwegglas weg: „Der Deckel ist ein Einwegprodukt, das bereits schwerer ist als das Kunststofftütchen, außerdem schneidet das Glas aufgrund seines Gewichts beim Transport schlecht ab“, erklärte Innoredux-Forscherin Carola Bick. Diese schlechte Bilanz gelte für ganze Mandeln, weil das Füllvolumen im Glas nicht optimal genutzt werden kann. Bei Passata beispielsweise könne ein Mehrwegglas hingegen sinnvoll sein. Auch bei den Waschmitteln waren die Unverpackt-Lösungen am nachhaltigsten. Die untersuchten Verpackungen für Waschpulver (Karton und Folienbeutel) schlugen bei der Ökobilanz Flüssigwaschmittel in der Recyclingflasche, mit Abstand die schlechteste Ökobilanz hatte die Variante Flüssigwaschmittel in der Primärkunststoffflasche.

Auch das Projekt VerPlaPoS hat sich mit der Ökobilanzierung (Life Cycle Analysis, LCA) von Produktverpackungen im Lebensmittelhandel beschäftigt. Dabei wird die gesamte Verpackungsmenge berücksichtigt, die während des „Lebenswegs“ bestimmter Produkte anfällt, vom Anbau über Ernte und Logistik bis zum Verkaufsort, dem Point of Sale (PoS). Die Forschenden bewerteten folgende Produkte: Tomaten, Käse, Salami, Brot und Äpfel, die im Einzelhandel verpackt in Bechern, Schalen oder Einschlagpapier angeboten oder von den Verbraucher*innen selbst in Stoffbeutel und Mehrwegnetzen eingepackt werden. Bei Snacktomaten, die verpackt sein sollen, gilt: Ist die Einwegverpackung aus Pappe, schneidet diese bei einmaliger Benutzung am besten ab; ein Mehrwegnetz gilt als nachhaltigste Lösung, sobald es mindestens acht Mal genutzt wurde. Wer sein Brot mit dem Stoffbeutel beim Bäcker abholt, muss diesen 10 mal nutzen, damit der Umweltfußabdruck geringer ist als wenn das Verkaufspersonal das Backwerk in mit biobasiertem Polyethylen beschichtetes Papier einschlägt.

Um die Nachhaltigkeit von Verpackungen zu bewerten, ist die LCA-Methode nur bedingt geeignet, wie Manuel Lorenz von VerPlaPoS bei dem Webinar erklärte. So würde bei LCAs bislang das so genannte Littering nicht berücksichtigt, also die Wahrscheinlichkeit, dass Verpackungsmüll in der Umwelt landet. Außerdem gebe es einen erheblichen Datenmangel im Bereich Logistik. Deswegen hatte das VerPlaPoS-Team gemeinsam mit den Praxispartnern drei Lieferkettenszenarien entworfen, diese analysiert und in die Ökobilanzierung eingebunden. Das Fazit der Untersuchung: „Bestehende Verpackungslösungen sind erfahrungsgemäß gut optimiert. Neuentwicklungen haben meist Vor- und Nachteile, etwa wenn zwar die CO2-Bilanz einer Verpackung geringer, aber dafür ihr Landverbrauch höher ist“, sagte der Wissenschaftler.

Auch die Konsumseite hat das Projekt näher beleuchtet. VerPlaPoS-Projektleiter Thomas Decker berichtete im Webinar von einer Tagebuchstudie zum Entsorgungsverhalten bei Lebensmittelverpackungen: 299 Teilnehmende sammelten alle in ihrem Haushalt anfallenden Leichtverpackungen, die nach zwei Wochen an das Projektteam geschickt und ausgewertet wurden. Parallel dokumentierten die Teilnehmenden in einem Tagebuch, welche Verpackungen in ihrem Haushalt speziell bei den “VerPlaPoS“-Produkten (Tomaten, Käse, Salami, Brot, Chips und Äpfel) anfielen. Außerdem fragten die Forschenden die Einstellungen zum Thema Verpackungsvermeidung ab. „Auffällig fanden wir, dass den meisten Teilnehmenden vor allem im Lebensmittelbereich möglichst wenig verpackte Waren wichtig sind. Das führen wir vor allem auf die breite öffentliche Diskussion zurück – für dieses Thema ist einfach ein großes Bewusstsein vorhanden. Unsere Analyse des tatsächlichen Verbrauchs zeigte aber, dass nur rund zwei Prozent der gekauften Lebensmittel tatsächlich unverpackt waren“, berichtete Thomas Decker. Die Verbraucher*innen seien zwar sehr umweltbewusst eingestellt, es gebe aber zahlreiche Barrieren – vom Mangel an Alternativen über den Preis bis hin zu Zielkonflikten, etwa wenn die regional angebaute Gurke in Plastik eingeschweißt, die aus Spanien aber unverpackt verkauft wird. Um Konsument*innen einen besseren Überblick über die bestehenden Alternativen zu bieten, haben die Forschenden von Innoredux Infografiken entwickelt, die kurz und bündig über die im Projekt betrachteten Verpackungslösungen informieren. Solche Grafiken funktionieren am besten direkt am PoS, wie Eva Wiesemann berichtete. Dafür fehlen im Supermarkt-Alltag allerdings meist die erforderlichen Flächen und Beratungskapazitäten. Dennoch setzen einige der Partner die Erfahrungen aus der Projektmitarbeit bereits um: Beispielsweise hat die Bio-Supermarktkette Alnatura, Praxispartner von Innoredux, im eigenen Kundenmagazin sogenannte Verpackungsmythen aufgedeckt – und entwickelt seine Verpackungen auf Basis der Ökobilanzergebnisse kontinuierlich weiter.

Foto: Konstantin Volke/Unsplash

Veröffentlicht von

Wiebke Peters ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Frühere Stationen der Wahlberlinerin waren die Leibniz-Gemeinschaft, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung sowie die Frauenzeitschrift BRIGITTE. Am Thema Plastik fasziniert sie dessen Vielfalt und Komplexität – und dass eine Sache unverzichtbar und unheilvoll zugleich sein kann.

3 Kommentare

  1. Unverpackt ist bei Verbraucher*innen Trumpf gilt wohl, wenn man die Verbraucher*innen danach fragt, nicht unbedingt aber, wenn man auflistet, was sie kaufen.
    Schaut man sich die Website Lebensmittelverpackung der Zukunft an, erhält man einen guten Eindruck von der Tendenz beispielsweise zu kleinen Portionen. Nicht verwunderlich wenn die Zahl der Single-Haushalte zunimmt. Doch kleinere Portionen bedeuten in der Summe meist mehr Verpackung. Auch die Vielfalt (Diversität?) der Produkte führt dazu, dass der durchschnittliche Haushalt heute mehr Verpackungen verbraucht. Dazu empfehle ich in Gedanken den typischen Einkauf vor 40 Jahren und heute zu vergleichen. Vor 40 Jahren etwa kaufte die Hausfrau für ihre 4-köpfige Familie vielleicht einmal pro Woche Kartoffeln, ein paar Liter Milch und weitere Grundnahrungsmittel. Heute aber, im Zeitalter des Convenience-Food sind es vielleicht Pizzas, Kartoffelpüree, verschiedene Käsesorten, Yoghurts, Kirschtomaten, diverse Käsesorten, alle einzeln verpackt, und und und. Es gibt eine viel grössere Vielfalt und viel mehr Kleinpackungen. Eine Teillösung des Verpackungsproblems wäre es also zurückzugehen zu den früheren Grossportionen und der kleineren Auswahl an Produkten. Doch das scheint unrealistisch.

  2. Die Verpackung wurde unentbehrlich mit der Einführung der Selbstbedienungsläden. Die Automatisierung geht noch weiter, wenn bargeldlose Kassen eingeführt werden und Kassen ohne Personal, wo die Ware elektronisch erfasst wird. Das geht nur über Verpackung mit einem Scan-Code.
    Die Bio-Variante mit unverpackten Kartoffeln gehört in die Kategorie Bio-Romantik.

    Bei teuren Produkten wird noch ein Diebstahlschutz hinzugefügt, das geht auch nicht ohne Verpackung. Man denke an die USB-Sticks, die kann man nur mit Blisterpackung anbieten, sonst würden sie unbemerkt in der Hosentasche verschwinden.

    Und die Zukunft mit online Bestellung, die verlangt auch eine Verpackung. Also, man lügt sich selbst in die Tasche, wenn man glaubt der Plastikverpackung Herr zu werden.

    Fazit: So unglaublich es klingt, wenn man Verpackung einsparen will, muss man auf die Tante-Emma-Läden zurückgreifen mit viel Personal, und das wird teuer.

  3. Ich befürchte auch, dass Unverpackt ist bei Verbraucher*innen Trumpf nur die “mit dem SUV zum Biomarkt-Fahrenden” gilt .
    Wenn in einer Familie mit Kindern beide berufstätig sind und der Einkauf auf dem Nachhauseweg mit dem öffentlichen Nahverkehr erledigt wird, wird es ziemlich unpraktisch, den ganzen Tag leere Verpackungsdosen herumzuschleppen.

    Ich denke auch, dass bei den Untersuchungen der Verlust im Haushalt unterschätzt wird. Wenn der Haushalt nur nebenbei erledigt werden muß, sind verpackte Lebensmittel stressreduzierend.
    Meine Oma (Jg. 1895) kellerte unsere selbstgepflanzten Kartoffeln mit einer ordentlichen Schicht Keimverhinderer ein und auf die eigene Marmelade kam Zellophan mit einem weißen Pulver gegen Schimmel. Wenn doch etwas schlecht wurde bekam es das Schwein, wie alle Lebensmittelreste.
    Und vom Schwein wurde nichts nach China verkauft. Was nicht in die Wurst kam, wurde als Stippgrütze/Knipp eingekocht.
    Garten und Haushalt konnte aber nicht von einer Vollzeit-Person erledigt werden, die restliche Familie musste mithelfen.
    Zugekauft wurde nur Mehl, Zucker, Milch, Eier, Tomaten, Pfeffer, Salz und zum Wursten und Einmachen weitere Gewürze.

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