Plastik – ein Stoff, aus dem Geschichten gemacht werden können

Thementag Plastik in der Umwelt

Mikroplastik nimmt einen der vorderen Plätze jener forschungsbezogenen Themen ein, über die in den vergangenen Jahren in den Medien intensiv berichtet wurde. Der Thementag „Plastik in der Umwelt“ in Berlin zeigte, wie fantasievoll, spannend und zielsicher die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Plastik kommuniziert werden kann.

„Mein Name ist Elastomer.“ Auf der Bühne im Spreespeicher in Berlin steht eine junge Frau, raspelkurze Haare, Brille, sie schaut ihrem Publikum ruhig und konzentriert in die Augen. Die Wortkünstlerin und Slam-Poetin Ella Anschein ist in die Rolle eines Plastikpartikels geschlüpft und beschreibt seinen Weg vom Autoreifen über den Schrottplatz und den Strand bis hinein ins Meer: „Und wenn ihr alle schon nicht mehr seid, schwimme ich noch umher. Wie viele wie ich noch kommen und bleiben, liegt an eurem Willen und in eurer Hand.“

Ella Anschein beim Thementag “Plastik in der Umwelt”

Diese poetische Annäherung an den Lebenszyklus eines immer kleiner werdenden Plastikteils, das als funktionaler Konsumartikel begann, hat auf den ersten Blick wenig mit Wissenschaft zu tun. Doch Ella Anschein verpackt in ihrem Beitrag über das Elastomer viele Aspekte, mit denen sich Forscher*innen in ihren Arbeiten zu (Mikro-)Plastik ebenfalls befassen: Abnutzung, Mobilität, Langlebigkeit, menschlicher Konsum, Verantwortung. Diese und viele weitere Themengebiete standen auch im Mittelpunkt des Thementags „Plastik in der Umwelt – Wissen.Forschung.Innovation.“ (6. Mai 2022), bei dem Ella Anschein ihren Auftritt hatte. Die 20 Projekte des Forschungsschwerpunkts „Plastik in der Umwelt“ informierten vielseitig und anschaulich über ihre Ergebnisse, an Ausstellungsständen hatten die Besucherinnen und Besucher zudem Gelegenheit, Fragen zu stellen, zu experimentieren oder mit den Forschenden zu diskutieren. Der Thementag markierte dabei den Abschluss dieser Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: Fünf Jahre lang hatten sich kluge Menschen aus den verschiedensten Blickwinkeln die Köpfe darüber zerbrochen, welches Wissen nötig ist und welche Wege beschritten werden sollten, um zu erreichen, dass weniger Kunststoffe in die Umwelt gelangen. Die Einsichten waren dabei vielfältig und umfangreich, aber eine zentrale Erkenntnis lautete: Das Thema ist komplex. Zum Beispiel, was die Analyse betrifft: Mikroplastik in Gewässern exakt nachzuweisen, ist enorm schwierig und zeitaufwendig.

Das liegt unter anderem an der Größenstreuung der Partikel, wie Stefan Dittmar mit einem Vergleich klarmachte: „Zu Mikroplastik zählen Partikel im Bereich zwischen einem Millimeter und einem Nanometer, also einem Tausendstel Millimeter. Hochgerechnet wäre das so, als wollte man einen im Wasser schwimmenden Apfel mit einer ganzen Blauwalfamilie in einem Netz fangen.“ Der Wissenschaftler vom „Plastik in der Umwelt“-Projekt RUSEKU eröffnete mit seinem Auftritt den Science Slam des Thementags, bei dem Forschende in fünf Teams miteinander wetteiferten, wer wissenschaftliche Erkenntnisse am spannendsten präsentieren kann. Stefan Dittmar, der seine Ausführungen mit liebevoll gezeichneten Mikroplastikpartikeln untermalte, berichtete, dass neben der Größe auch Absink- und Strömungsverhalten der Partikel unterschiedlich sind. Diese werden unter anderem davon beeinflusst, ob die Plastikteile mit einem Biofilm bewachsen sind oder sich mit anderen Partikeln im Wasser zusammentun. Komplex? Ja – aber zugleich auch sehr interessant. 

Georg Dierkes beim Science Slam

Die übrigen Science-Slammer erklärten, warum das Abwasser die DNA unserer Lebensweise enthält (Phillip Lau/Projekt REPLAWA), wie man eingesammeltes Mikroplastik charakterisiert und zählt (Robin Lenz/MicroCatch_Balt) und wie man Wäsche so wäscht, dass dabei weniger Mikroplastik ins Abwasser gelangt (Ramona Jasny & Dominik Kaczmarek/TextileMission). Dem Publikum am besten gefallen hat der Beitrag von Georg Dierkes (MicBin), der den Arbeitsalltag eines analytischen Chemikers vorstellte. Dabei, berichtete der Forscher, hantiert man mit lauter coolen, komplexen Geräten, die tolle Namen haben und oft sogar schick beleuchtet sind. Eine typische Aufgabe des analytischen Chemikers: Methoden zu entwickeln, um beispielsweise Polyethylen zu untersuchen. In der Theorie scheint zunächst alles zu funktionieren. „Doch bei realen Proben entsteht Chaos – und dann will die Chefin auch noch, dass darin enthaltene Schadstoffe nachgewiesen werden…“, erzählte Georg Dierkes, der mit viel Witz und illustriert von selbst entworfenen Figuren durch seine Performance führte.

Die Arbeit von Forscher*innen mag komplex sein und auf den ersten Blick oft undurchschaubar wirken. Sie trägt jedoch häufig dazu bei, drängende Probleme unseres Lebens sichtbar zu machen und Lösungen vorzuschlagen: zum Beispiel die zunehmende Belastung unseres Planeten durch Kunststoffe. Der Thementag „Plastik in der Umwelt“ hat gezeigt, wie wichtig und vielfältig das Thema ist – und welch spannende Geschichten man davon erzählen kann.

Alle Fotos: Stephan Röhl

Veröffentlicht von

Wiebke Peters ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Frühere Stationen der Wahlberlinerin waren die Leibniz-Gemeinschaft, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung sowie die Frauenzeitschrift BRIGITTE. Am Thema Plastik fasziniert sie dessen Vielfalt und Komplexität – und dass eine Sache unverzichtbar und unheilvoll zugleich sein kann.

5 Kommentare

  1. Gemäss Wikipedia ist fast 2/3 des in Deutschland in die Umwelt freigesetzten Plastiks Mikroplastik. Zitat:

    Nach einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von 2018[9] werden in Deutschland jährlich insgesamt rund 446.000 Tonnen Kunststoff in die Umwelt freigesetzt; dabei machen mit etwa 330.000 Tonnen die Plastikpartikel unter 5 mm rund das Dreifache der übrigen Plastikteile (über 5 mm, Makroplastik) aus.

    Mir scheint, mindestens das Mikroplastik, welches ins industrielle und Haushaltsabwasser gelangt, sollte von heute wünschenswerten Kläranlagen zurückgehalten werden.
    Der Abrieb von Autoreifen, der den grössten Teil des Mikroplastiks ausmacht, kann wohl nur schwer reduziert werden. Vielleicht sollte man hier fordern, dass Reifenabrieb bestimmte chemische Stoffe/Partikel nicht enthalten darf.

    • Lieber Martin Holzherr,

      eines der Projekte in unserem Forschungsschwerpunkt “Plastik in der Umwelt” hat sich mit Mikroplastik in Abwässern beschäftigt und die Rückhaltefähigkeit von Kläranlagen untersucht. Erkenntnis: Zum größten Teil wird das Mikroplastik bereits zurückgehalten und endet im Klärschlamm. Wichtig ist dann, dass dieser fachgerecht entsorgt wird uns kein kunststoffhaltiger Klärschlamm auf landwirtschaftlichen Feldern ausgebracht wird. Kurz und anschaulich zusammengefasst sind die Erkenntnisse hier: https://bmbf-plastik.de/sites/default/files/2021-06/FactSheet_PLASTRAT_11.pdf

      Auch mit dem Thema Reifenabrieb hat sich der Forschungsschwerpunkt intensiv befasst. Und verschiedene Wege erprobt, um den Reifenabrieb zu reduzieren. Der offensichtlichste Lösungsansatz – und sehr angemessen in Zeiten von teurer Energie und Klimakrise – ist, weniger Autofahrten. Was die Forscher*innen zudem untersucht haben: An welchen Stellen fällt besonders gehäuft Reifenabrieb an? Das sind z.B. Kurven und Ampeln. Hier wäre ein Lösungsansatz, dass sich die Straßenreinigung auf solche “Hotspots” besonders konzentriert. Auch spezielle Filter an den Gullys in der Nähe solcher Hotspots wären eine Möglichkeit.
      Mehr Infos dazu hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/kampf-gegen-mikroplastik-fegen-fuer-die-forschung-100.html

  2. Dr. Webbaer hat bereits in einer Zeit gelebt, als “Plastik” noch nicht so-o vollkommen, auch brüchig war, Plastik galt einigen damals als Material “für die Anderen”.

    Für Dr. W allerdings nicht, er verweist gerne an dieser Stelle auch so :
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Plastic_Man_(song)
    -> ‘Ben, I want to say one word to you, just one word: plastics.’ [Quelle]


    Dr. W weiß natürlich auch, dass derartige Verbindung ein Problem für die Umwelt sein kann, wünscht sich, dass so gemeinte Verbindungen, ausgesetzt der Natur, die Plastiktüte, die kompostierbar zu sein scheint, eingeschlossen, beizeiten in ihrer Verbindung brechen können, nach nicht langer Zeit, aber für den Gebrauch ausreichend.

    An sich ist Plastik “cool”, nicht wahr?
    Es gibt wohl mittlerweile “besseres”, naturkonformeres Plastik.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  3. Können Ökosysteme die Zersetzung der Kunststoffe selbst bewältigen? Zur biologischen Degradation fähige Organismen wie Pilze, Bakterien, Enzyme, Mikroben und Insekten werden in letzter Zeit intensiver erforscht: https://sensiblochamaeleon.blogspot.com/2022/06/pilze-bakterien-enzyme-mikroben-und.html .
    Dennoch sollte das Vermeiden der Herstellung unnötiger Produkte im Sinne einer degrowth-Strategie zur Gesundschrumpfung der Wirtschaft wichtigste Handlungsrichtlinie in der Agenda der Nachhaltigkeit sein.

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