Zweifelhafte Studie der Bundesregierung zur Laufzeit von Atomkraftwerken

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Atomkraftwerk Brunsbüttel(Foto: Papenbrook/Wikipedia)Sie soll die Grundlage des Energiekonzepts der Bundesregierung bilden und damit auf Jahrzehnte die deutsche Energiewirtschaft bestimmen: die Studie zur zukünftigen Energieversorgung und damit auch zu Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke, erstellt vom Energiewirtschaftlichen Institut (EWI), vom Prognos-Institut und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung. Doch sowohl die Vorgaben der Bundesregierung als auch die wirtschaftlichen Verflechtungen des EWI lassen Zweifel an der Aussagekraft der Studie aufkommen.

Fünf Szenarien hat die Bundesregierung in Auftrag gegeben: Ausstieg von von Rot-Grün und den Atomenergiekonzernen vor zehn Jahren vertraglich vereinbart sowie Verlängerungen der Laufzeit um vier, zwölf, 20 und 28 Jahre. Allein das wirft viele Fragen auf, denn das Referenzszenario – Beibehaltung des Status Quo – behandelt die Studie unverhältnismäßig knapp. Optionen wie einen Ausbau der Gaskraftwerke (als echte Brückentechnologie anstelle der Atomenergie) werden erst gar nicht betrachtet. Nach dem Szenario eines vorgezogenen Ausstiegs sucht man erst recht vergebens. Zugegeben, der Gedanke entspräche auch nicht dem Koalitionsvertrag, aber ich bin ja immer wieder so naiv zu denken, dass eine Regierung unvoreingenommen nach der besten Lösung für die Bevölkerung suchen sollte.

Doch es sind nicht nur die Vorgaben der Bundesregierung, die stören. Es sind auch die Autoren: Das EWI wird maßgeblich von RWE und E.on finanziert (je vier Millionen Euro über fünf Jahre). Zwei von sieben Mitgliedern des Verwaltungsrats stellen die beiden Konzerne. Mitautor und EWI-Chef Bettzüge hat zudem an der Uni Köln einen Lehrstuhl inne, der unter anderem von RWE, E.on, Vattenfall und RAG finanziert wird. Bis 2007 arbeitete Bettzüge für die BCG als Berater des Topmanagements europäischer Energiekonzerne. Ein Schelm, wer angesichts dieser Umstände Böses denkt.

Noch erstaunlicher allerdings als die Vorgaben und die Wahl der Institute erscheint die Methodik der Studie. So steigt im Szenario mit zwölf Jahren Laufzeitverlängerung die Energieeffizienz in den Annahmen um 2,3 bis 2,5 Prozent jährlich. Ohne Laufzeitverlängerung seien es nur 1,7 bis 1,9 Prozent. Aha? Der Stromverbrauch mit AKWs sinkt also bis 2050 fast doppelt so stark wie im Falle eines planmäßigen Atomausstiegs (26 statt 15 Prozent). Weil die Bevölkerung dann extra Strom spart, um wenig Atommüll zu erzeugen?

Am erstaunlichsten ist vermutlich die Einschätzung zum Fortschritt der Erneuerbaren Energien: Mit dem beschlossenen Atomausstieg steige deren Anteil bis 2050 auf 34,4 Prozent. Laufen die AKWs länger, würden es 52,2 Prozent. Weil ein von Atomstrom blockiertes Netz den Ausbau der Erneuerbaren wirtschaftlich so verlockend macht? Oder eher deswegen, weil die Erneuerbaren so gerne mit abgeschriebenen AKW um den günstigeren Strompreis konkurrieren? Und überhaupt: Wo ist die Untersuchung der Machbarkeit von 100 Prozent Erneuerbaren Energien? Ach so, nicht gewünscht. Verstehe.

Vieles an der Studie ist mindestens rätselhaft, wenn nicht unseriös. Weniger rätselhaft erscheint es natürlich vor den genannten Hintergründen. Zweifelhaft bleibt in jedem Fall, wie die Regierung damit demnächst nicht nur ein plausibles, sondern auch noch das für Deutschland beste Energieszenario für die nächsten Jahrzehnte entwickeln will.

Foto: Papenbrook/Wikipedia

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

8 Kommentare

  1. Hi

    ich habe letztens doch mal länger über deinen “Atomlobbybericht” nachgedacht. Und ich muss sagen, irgendwie kannst du fast jedem Lobbyismus vorwerfen. Bei mir sogar Öko UND Atom. Mein Vater arbeitet in einem Daxkonzern, die Tante von meiner Freundin ist ne stadtbekannte Grüne… Und jetzt? Bin ich schizophren? Ich kenn dich nicht, aber ich bin mir sicher, dass man dir auch Ökolobbyistenverbindungen nachweisen könnte. Wollte dir nicht unterstellen, dass du von irgendwem bezahlt wirst, aber “Wer sucht der findet”.
    Gebe dir natürlich Recht, dass die großen Energiekonzerne “wirklich” einen Vorteil von längern Laufzeiten haben. Aber der Rest “wirklich” nicht?
    Falls du die Serie Numbers kennst: Charlie Ebbs konnte in einer Folge dem hohen FBI-Agenten der sicherlich kein Terrorist war, auch über 2/3 Ecken terroristische Verbindungen nachweisen…

  2. Zuallermindest …

    … sollte in einem solchen Artikel ein Link zum Abschlussbericht der Studie stehen, um die es geht und zu dem so allerlei Behauptungen gemacht werden.

    Sonst könnte man glatt auf den – natürlich völlig abwegigen – Gedanken kommen, der vorliegende Blog-Artikel sei tendenziös und sein Autor wolle andere diffamieren.

    Damit niemand einen solchen Eindruck gewinnt, reiche ich den Link hier nach:

    http://www.bmu.de/…pdf/energieszenarien_2010.pdf

    Nun kann jeder dort selbst nachlesen und zu seinen eigenen Schlussfolgerungen gelangen.

  3. Verschwörungs-Geschwätz

    Ich muss maxfoxim völlig Recht geben. Noch dazu ist Ihre Darstellung (die wahrscheinlich den Medien entnommen wurde) komplett falsch:
    Das EWI wird nicht maßgeblich von RWE und E.on finanziert. Bei der von Ihnen genannten Summe handelt sich um eine *zusätzliche* Förderung von Land, RWE und E.on von insgesamt 12 Mio Euro über 5 Jahre. Mit 1,6 Mio EUR pro Jahr (Anteil RWE und E.on) lässt sich kein Institut mit ca. 30 Mitarbeitern betreiben. Niemals.

    Außerdem finde ich die von Ihnen betriebene Demontage eines seriösen und wissenschaftlichen Instituts völlig daneben. Diese Art der Argumentation ist man nur von Klimawandelskeptiker und Verschwörungstheoretiker gewohnt. Wenn Sie die Unabhängigkeit der Forschung an unseren deutschen Universitäten und Instituten in Frage stellen, dann sollten Sie schon stichhaltigere Argumente bringen als dieses rumnörgeln an missliebigen Ergebnissen. Präsentieren Sie doch einfach alternative *Forschungs*ergebnisse.

  4. 2 Probleme mit der Studie

    Ich habe neulich mal eine Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zum selben Thema (Energieversorgung der Zukunft, speziell Elektrizitaet) gelesen. Da wurde aufgefuehrt, wie sich der Verbrauch entwickeln koennte, was die Techniken, Potentiale und Herausforderungen der einzelnen Energieerzeuger sind, und es wurde argumentiert, dass man Kernkraftwerke laenger laufen lassen sollte, damit man sie gleich mit erneuerbaren Energien oder CCS statt Steinkohlekraftwerken ersetzen kann etc. Ohne die Schlussfolgerungen zu diskutieren: Es wurde also _argumentiert_ und ein fundierter Ueberblick gegeben. Insofern bin ich von der hier diskutierten Studie etwas enttaeuscht, und zwar aus zwei Gruenden.

    Ersten liest sie sich ein bisschen wie ein Bilderbuch. Auf den ersten paar Seiten wird das Modell und die Eingabedaten vorgestellt, die naechsten 150 Seiten befassen sich mit den Ergebnissen der Simulationen. Die Ergebnisse sind nicht irgendwie aufbereitet, an die Realitaet angepasst oder mit Handlungsempfehlungen versehen; ich habe irgendwie den Eindruck, man hat die Ausgabedaten genommen, in Tabellen und Plots gepresst, und mit ein bisschen Text garniert. Insofern erscheint mir die Studie irgendwie wenig gehaltvoll; falls ich etwas uebersehen habe, lasse ich mich gerne korrigieren.

    Das Zweite ist das Vermischen von Zielszenarien mit Atomausstieg. Es wurde im Prinzip ein “weiter so” als Referenz genommen und vier Szenarien gegenuebergestellt. Alle vier Szenarien beinhalten zusaetzliche Klimaschutzanstrengungen _und_ eine unterschiedliche Laufzeitverlaengerung der Kernkraftwerke. Kleine Kritik an Bjoern: Diese Annahmen stehen explizit in der Studie. Allerdings ist die Studie damit nahezu ungeeignet fuer die Diskussion um laengere Laufzeiten und hinterlaesst einen unguten Eindruck. Interessanterweise ist mein Eindruck, dass saemtliche Parameterplots fuer 2050 einen Ausreisser haben (das Referenzszenario), und 4 etwa gleiche Werte (die vier Szenarien); das laesst sich dann so extrapolieren, dass der Atomausstieg keine langfristigen Auswirkungen auf irgendetwas hat, aber ich nehme an, das interpretiert dann jeder nach Gutduenken.

  5. rätselhaft oder unverstanden?

    “Vieles an der Studie ist mindestens rätselhaft, wenn nicht unseriös.”
    Diese Studie ist – nach einem ersten überfliegen – nicht zu vergleichen mit z.B. den recht allgemeinen Empfehlungen der DPG, denn dieser Studie liegen sehr konkrete Zielvorgaben zugrunde. Offensichtlich verwechselt Björn Lohmann die Ergebnisse der Studie mit den Zielvorgaben oder Annahmen.

  6. Antworten

    @maxfoxim: Es ist ja eine Sache, eine Meinung zu haben und zu äußern. Es ist auch legitim, dass Energiekonzerne zunächst auf ihre monetären Interessen schauen. Aber es ist eine andere, wenn eine Milliarden schwere Lobby mit diesem Geld die Politik beeinflussen kann. ALG-2-Empfänger hätten auch so manchen Wunsch, aber weil sie das Geld für die Lobbyarbeit nicht haben, ignoriert die Politik sie. Ähnliches gilt für die Bedürfnisse von Kindern und einkommensschwachen Familien.

    @Michael Khan: Danke für den Link. Als ich den Artikel geschrieben habe, hatte ich noch keine Nicht-Journalisten zugängliche Quelle gefunden.

    @Physiker: Es mag Sie erschüttern, aber mit 1,6 Millionen pro Jahr kann man zwei Direktoren, fünf Assistenten und 20 wissenschaftliche Mitarbeiter sehr gut bezahlen, da bleibt sogar noch was für Betriebskosten übrig. Vor allem, da das Institut die Strukturen der Uni Köln nutzt. Wie seriös das EWI ansonsten arbeitet, kann und will ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass es an einer methodisch unseriösen Studie beteiligt war, deren Ergebnis seine Hauptsponsoren begünstigt. Dass an diesem Ergebnis auch die Fragestellung und die Zielvorgaben der Regierung maßgeblich beteiligt sind, habe ich geschrieben.
    Übrigens interessant, dass Ihnen unliebe Berichterstattungen der Medien (die keinerlei wirtschaftliche Interessen an der Frage des Atomausstiegs haben) mehr Anlass zum Zweifeln geben als die Fragen rund ums EWI.

    @Ulf Lorenz: “Keine Auswirkungen auf irgendwas” trifft es vermutlich ganz gut. Größere und seriösere Studien zeigen ja ähnliches, nämlich dass die Details auf dem Weg zu 80 oder 100 Prozent Erneuerbarer Energieversorgung letztlich zum gleichen Ergebnis führen: Es gibt keine Stromausfälle und die Kosten sind für alle Szenarien vergleichbar. Insofern ist es in der Tat eine politische Entscheidung, was man will: Kleinen und mittelständischen Unternehmen den Zugang zum Energiemarkt ermöglichen, Technologieführer auf dem EE-Weltmarkt sein und sich nicht mit den Risiken der Atomenergie rumärgern müssen, oder die Macht von vier Konzernen zementieren.

  7. Kosten

    “Es mag Sie erschüttern, aber mit 1,6 Millionen pro Jahr kann man zwei Direktoren, fünf Assistenten und 20 wissenschaftliche Mitarbeiter sehr gut bezahlen, da bleibt sogar noch was für Betriebskosten übrig.”

    Selbst bei einer knappen Kalkulation wird das sehr schwer. Selbst wenn alle nur das geringste anzunehmende Grundgehalt erhalten, würden allein die Gehälter schon etwas über eine Million Euro verschlingen (und wenn ich mir die Qualifikationen der Mitarbeiter ansehe, bezweifle ich, dass irgendeiner von denen für ein Grundgehalt arbeiten würde — ich würde die Gehaltskosten eher mit knapp 1,4 Millionen ansetzen). Da sind noch keine Reisekosten, Bibliotheksmittel, Infrastrukturkosten (Telefon, Internet, Computerausstattung, etc.) oder Mieten enthalten.

  8. @Rechenmeister

    Ich stimme zu, dass nicht viel übrig bleibt (vermutlich sogar nichts aufgrund der Lohnnebenkosten), aber da die Infrastruktur von der Uni bereit gestellt wird, habe ich Zweifel, ob die übrigen Kosten (immerhin reden wir von rein theoretischen Wirtschaftsstudien, nicht von quantenphysikalischen Experimenten) höher sind als 1,6 Millionen. Denn erst dann fände ich “maßgeblich” für den Finanzierungsanteil von RWE und E.on unangemessen. Und mit theoretischen Studien 1,6 Millionen pro Jahr an Arbeitsmitteln und Reisekosten zu verbrauchen, fände ich schon eine Leistung.

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