Nordseewinde ersetzen 135 Atomkraftwerke

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Offshore-Windpark Alpha Ventus (Foto: DOTI/J.Oelker) Große Hoffnungen für die Energiewende ruhen – vor allem hinsichtlich der deutschen Stromversorgung – auf der Offshore-Windenergie. Die aber steht oft im Konflikt mit Naturschutzgebieten und Vogelflugrouten und muss außerdem vernünftig ins Stromnetz integriert werden können. Ein internationales Forschungsprojekt hat die besten Standorte und die dort geeigneten Technologien identifiziert. 135 Gigawatt Leistung ließen sich demnach in der Nordsee bis 2030 ökologisch wie ökonomisch sinnvoll installieren.

Alpha Ventus war der viel beachtete erste deutsche Offshore-Windpark in der Nordsee, und er war auch viel diskutiert, weil mancher Vogelschützer jedem Windrad mit Sorge begegnet, und weil der Anschluss an das kontinentale Stromnetz ein größeres Unterfangen war. Dass damit der richtige Weg beschritten worden ist, belegt nun die Roadmap des Projekts „Windspeed“ (PDF), deren Vorstellung leider in meine Elternzeit im August fiel, weshalb ich erst jetzt darauf hinweise.

Unter Federführung des Niederländischen Energieforschungszentrums und mit Beteiligung unter anderem des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ist eine detaillierte Analyse der widerstreitenden Nutzungs- und Umweltinteressen in der Nordsee entstanden. Auf dieser Grundlage haben die Forscher Gebiete identifiziert, die sinnvoll für Windkraftwerke genutzt werden können. Und nicht nur das: Die Roadmap berücksichtigt ebenso, dass die Standorte möglichst kostengünstig an die europäischen Stromnetze angeschlossen werden müssen, und sie informiert darüber, welche Technologien an welchen Standorten besonders geeignet sind.

32 Gigawatt könnten demnach schon bis 2020 am Netz sein, 103 Gigawatt könnten im folgenden Jahrzehnt hinzu kommen. „Ehrgeizig, aber realistisch“ nennen die Autoren ihre Kalkulation – die größte Hürde ist weniger eine ökonomische als die Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit, um ein Offshore-Stromnetz in der Nordsee zu installieren. Außerdem muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen, die Unternehmen Planungssicherheit geben – beispielsweise hinsichtlich der Einspeisevergütung und Durchleitungsgebühren. Sogar die Kosten für Windkraftwerke an den jeweiligen Standorten sollen Unternehmen anhand der erhobenen Daten errechnen können.

Gegenwärtig sind rund 1,8 Gigawatt Offshore-Windkraftwerke in der Nordsee installiert. Fast die gleiche Leistung ist vor Großbritanniens Küsten im Bau und soll nächstes Jahr ans Netz gehen. In Deutschland befinden sich 6,5 Gigawatt in der Planung. Das zeigt deutlich, dass die Technologie gerade die Erprobungsphase verlässt und sich etabliert. 32 Gigawatt planen die Anrainerstaaten der Nordsee bis 2020 laut ihrer nationalen Aktionspläne für erneuerbare Energien – und da ist Norwegen noch außen vor. Während die Projekte in diesem Jahrzehnt noch auf Subventionen angewiesen sind (je nach Land zwischen 9 und 15 Cent Einspeisevergütung je KWh), zeigt die erwartete Entwicklung auch, dass Erfahrung und Produktionskapazität im nächsten Jahrzehnt die Offshore-Windkraft in die eigenständige Wirtschaftlichkeit führen dürfte.

Und noch etwas zeigt die Studie somit: Die Klimaschutzziele der EU wie auch der Bundesregierung sind trotz des Atomausstiegs zu erreichen, selbst wenn Pessimisten das gerne anders sehen.

Foto: DOTI/J.Oelker

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www.buero32.de

Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

17 Kommentare

  1. 135 GW bis 2030

    135 GW bis 2030 bedeutet 27.000 Windenergieanlagen der 5MW-Klasse. Das bedeutet 1350 Anlagen pro Jahr, wenn wir sofort anfangen. Das ganze Offshore, bei ungewissen Wetterbedingungen. Allein mir fehlt der Glaube!

  2. Wie viel ist viel?

    Immerhin entspricht allein die Kapazität, die UK in 2012 neu ans Netz bringen will, 350 5-MW-Anlagen. Mit mehr Planungssicherheit, mehr technischer Erfahrung und besserem, weil schon begonnenem Netzzugang sind auf alle Nordseestaaten betrachtet 1350 Windräder pro Jahr gar nicht so abwegig. Enorm klingt es natürlich trotzdem – es ist ja auch das “anspruchsvolle, aber realistisch mögliche” Szenario, nicht das Worst-Case-Szenario. Das läge übrigens für 2030 nur geringfügig über dem, was erklärter politischer Wille für 2020 ist.

    Und noch ein Hinweis, bevor sich jemand fragt, wo die ganzen Windräder stehen sollen: 27.000 Windräder würden bedeuten: Eines auf 17 Quadratkilometer (bei gleichmäßiger Verteilung; durch Windparks bleiben die Abstände ohne irgendein Windrad natürlich größer). Zum Vergleich: 11 Prozent der Nordsee sind für Erdöl und Erdgas ausgewiesene Flächen, 14 Prozent militärisches Sperrgebiet.

  3. 135GW OffshoreWind-Strom==65GW AKW-Strom

    135 GW installierte Offshorewindleistung entspricht vom produzierten Strom her ungefähr 65GW AKW-Leistung,
    denn der Auslastungsfaktor (capacity factor) von Alpha Ventus als Modellbeispiel einer Nordseewindfarm ist 42%, der Auslastungsfaktor von US-AKW’s ist aber 91.7%.

    Der zweite wichtige Punkt sind die Kosten von Offshore-Wind. Die sogenannten Levelized Cost of Energy (LCOE), also die nötigen Kilowattstundenpreise um alle Kosten (Bau,Installation,Wartung,Netzanschluss etc) abzudecken sind nach mehreren Quellen für Offshore-Wind ungefähr 2 bis 3 Mal so hoch wie für Onshore-Wind. Der Boston-Consulting-Group-Report What’s Next for Alternative Energy? schätzt die Offshore-Wind Levelized Cost of Energy auf 0.15 bis 0.16 Dollar por Kilowattstunde und erwartet, dass diese Kosten bis 2020 auf 0.12 bis 0.13 Dollar pro Kilowattstunde sinken. Im Vergleich dazu erwartet die Boston Consulting Group, dass die LCOE für Photovoltaik in sonnigen Regionen bis 2020 auf 0.09 bis 0.10 Dollar pro Kilowattstunde sinken. Es wäre also nach BCG für Deutschland günstiger Sonnenstrom aus Spanien zu beziehen anstatt Windstrom aus der Nordsee, zumal das noch den Vorteil hätte, dass die ohnehin für EU-weite Erneuerbare Energien nötigen Hochspannungsleitungen vom Norden in den Süden gebaut werden müssten. Die Kostenüberschreitungen bei Alpha-Ventus und der hohe Wartungsbedarf deuten übrigens darauf hin, dass die LCOE für Offshore-Wind noch höher sein könnten, als jetzt beispielsweise von der EIA (Energy Information Agency, US) eingeschätzt. Allerdings ist Alpha-Ventus ein Vorprojekt und die Nachfolgeprojekte sollten(?) zu deutlich günstigeren Kosten erstellt werden.
    Fazit:
    1) 135GW Offshorewindstrom sind ungefähr 65 GW AKW-Strom
    2) Offshore-Wind ist jetzt viel teurer als Onshore-Wind und wird in den nächsten 10 Jahren nur wenig billiger werden, während Photovoltaikstrom voraussichtlich im Jahre 2020 billiger sein wird als Offshore-Windstrom.

  4. vernachlässigbar wenig

    Die 135GW, die in Wirklichkeit bei einem Wirkungsgrad von 42% nur eine gemittelten Leistung von 57GW ergeben, reichen nicht einmal aus um den prognostizierten Zuwachs beim Strombedarf in Europa bis 2030 zu decken. Selbst bei moderateren Prognosen für den Strombedarf wird dieses optimistischte Windkraftzuwachsszenario nur wenig mehr als den erwarteten Zuwachs decken. Nachdem gleichzeitig Atomkraftwerke vom Netz gehen werden, sehe ich schwarz für den CO2-Ausstoss.

  5. Nordseewinde ersetzen…

    …kein einziges Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerk! Wenn in der Nordsee tatsächlich Windkraftwerke mit insgesamt 135 Gigawatt (GW) Leistung errichtet werden, kann kein einziges konventionelles Kraftwerk vom Netz genommen werden, weil für jedes Gigawatt Windkraft ein Gigawatt zuverlässige Reservekapazität bereitstehen muß. 135 GW installierte Leistung bedeutet ja nicht, daß ständig 135 GW erzeugt werden; die Leistungsabgabe schwankt ziemlich unberechenbar zwischen 0 und ca. 100 GW; die volle Leistung von 135 GW wird nur sehr selten erreicht. Aber für 135 GW wertlosen und unberechenbaren Flackerstrom 27.000 Windmühlen á 5 MW in der Nordsee zu errichten und damit ein ganzes riesiges Meeresgebiet in einen Industriepark zu verwandeln ist schon abenteuerlich! Das soll „ökologisch“ sein? Nein das ist Landschaftsverbrauch – und Umweltzerstörung im Riesenmaßstab! Auch im Bereich der Nordsee gibt es immer wieder tagelange Flauten – kein Lüftchen rührt sich – und auch dann muß Strom erzeugt werden. Eine Speicherung solcher Strommengen auch nur für wenige Stunden ist völlig utopisch, deshalb ist die entsprechende Reservekapazität zwingend erforderlich und absolut unumgänglich.

  6. Landschaftsverbrauch: 1x Neuseeland!

    “Armin Quentmeier Nordseewinde ersetzen…
    02.11.2011, 21:36
    […]

    Aber für 135 GW wertlosen und unberechenbaren Flackerstrom 27.000 Windmühlen á 5 MW in der Nordsee zu errichten und damit ein ganzes riesiges Meeresgebiet in einen Industriepark zu verwandeln ist schon abenteuerlich! Das soll „ökologisch“ sein? Nein das ist Landschaftsverbrauch – und Umweltzerstörung im Riesenmaßstab!”

    Quark! Strom ist Strom und ein wertvolles Gut. Warum soll DIESER Strom aus der Nordsee plötzlich wertlos sein? Bloß weil man zu dämlich ist, richtig damit umzugehen?

    Kohleverbrennung, Ölverbrennung und Atomkraft sind Umweltvernichter schlimmster Sorte.

  7. Auslastungsfaktor und Verfügbarkeit

    @Armin Quentmeier:” Nordseewinde ersetzen … kein einziges Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerk! Wenn in der Nordsee tatsächlich Windkraftwerke mit insgesamt 135 Gigawatt (GW) Leistung errichtet werden, kann kein einziges konventionelles Kraftwerk vom Netz genommen werden, weil für jedes Gigawatt Windkraft ein Gigawatt zuverlässige Reservekapazität bereitstehen muß. “

    Gibt es zu dieser Annahme auch einen Beleg?
    Auch ein Atomkraftwerk oder Steinkohlekraftwerk kann ja mal unerwartet ausfallen. Das ist letztlich eine Frage wie hoch man die Versorgungssicherheit ansetzt.
    Nach einer Analyse der Deutschen Energieagentur DENA [ http://www.dena.de/…tudie1/dena-Netzstudie_l.pdf ] kann man von ca. 6% gesicherter Leistung (capacity credit) zur Zeit der Jahreshöchstlast ausgehen. 6% von 135 GW sind etwa 8 GW also in etwa 8 Atomkraftwerke (siehe Abbildung 12-5 im DENA Report).

    @Armin Quentmeier:”…die Leistungsabgabe schwankt ziemlich unberechenbar zwischen 0 und ca. 100 GW; die volle Leistung von 135 GW wird nur sehr selten erreicht.”

    Richtig, aber im Mittel lag für Windenergieanlagen die Auslastung (load factor) in Deutschland im Jahr 2003 bei knapp 20% und wird auf knapp 25% im Jahr 2015 prognostiziert (Abbildung 11-3 im DENA Report).

  8. @Stefan Hippler: Versorgungssicherheit

    Die Versorgungssicherheit wegen den Erneuerbaren Energie aufs Spiel zu setzen, Zitat “Auch ein Atomkraftwerk oder Steinkohlekraftwerk kann ja mal unerwartet ausfallen. Das ist letztlich eine Frage wie hoch man die Versorgungssicherheit ansetzt.” will wohl kein Industriebetrieb und keine Stadt. Ein einziger Blackout in ganz Deutschland verursacht übrigens einen Schaden, der in die hunderte von Millionen Euro geht.

    Sie argumentieren mit einem völlig inadäquaten Vergleich: der Ausfall eines Kraftwerks (sei es nun ein AKW oder Kohlekraftwerk) kann überhaupt nicht mit einer Flaute entlang der ganzen Nordsee- und Antlantikküste verglichen werden, denn dann fallen gleich dutzende von Gigawatt Windstrom weg.

    Die Lösung für die unregelmässig einspeisenden Wind-und Sonnenkraftwerke sind Speicher und/oder ein europaweites Hochspannungsnetz. Erneuerbare Energien müssen in ein ganzes Energiesystem eingebettet sein, das für sie ausgelegt ist. Das Speicherproblem ist für Deutschland allerdings schwerlich über die heute effizienteste Art, nämlich Pumpspeicher, zu lösen. Dafür gibt es zuwenig Wasserkraft in D. Eine Lösung wäre die Erzeugung von Wasserstoff und Methan mit überschüssigem Strom, denn diese Gase können in die Erdgaspipelines eingespiesen werden und es gibt grosse Erdgasspeicher in D (siehe Energiewende dank Wasserstoff: Wind im Tank

  9. Zahlen

    Der Strombedarf in der EU wird bis 2030 um ca. 100 GW steigen (Folie 6):
    http://www2.ier.uni-stuttgart.de/…ld_2010_11.pdf
    Wie ich oben bereits geschrieben habe, reichen die 135 GW Maximalleistung (entsprechen 57 GW Durchschnittsleistung – vorausgesetzt es gibt keine Umwandlungsverluste bei einer eventuellen Speicherung) nicht einmal um den Zuwachs beim europäischen Strombedarf zu decken. Womit gedenken also die Optimisten die Lücke zu schliessen um wenigstens einen positiven CO2-Einspareffekt bei der Stromerzeugung zu erreichen? Mit Kohlestrom?
    Nur zur Erinnerung – alleine in Deutschland sind für die nächsten 4(!) Jahre bereits 20 GW Kohlestrom in Planung:
    http://de.wikipedia.org/…aftwerke_in_Deutschland
    Skaliert man das unzulässigerweise auf 2030 und auf die gesamte EU hoch – nur um die Grössenordnungen zu verleichen -, so wären das grob 1000 GW (die geplanten Gaskraftwerke noch gar nicht mitgerechnet).

    Es ist doch immer das gleiche Spiel: Wie kann man dem dummen Leser absolute Zahlen so gross wie möglich erscheinen lassen und sich gleichzeitig um einen Vergleich mit relevanten Grössen drücken?

  10. Versorgungssicherheit

    “Sie argumentieren mit einem völlig inadäquaten Vergleich: der Ausfall eines Kraftwerks (sei es nun ein AKW oder Kohlekraftwerk) kann überhaupt nicht mit einer Flaute entlang der ganzen Nordsee- und Antlantikküste verglichen werden, denn dann fallen gleich dutzende von Gigawatt Windstrom weg.”

    Mein Beitrag bezog sich einzig auf die Versorgungssicherheit von Windkraftanlagen; dabei habe ich mich auf eine Analyse der DENA bezogen.

    Zu “Die Lösung für die unregelmässig einspeisenden Wind-und Sonnenkraftwerke sind …” kann ich nur zustimmen.

    Die von Ihnen unbelegte Aussage, dass WKAs kein einziges konventionelles Kraftwerk ersetzen, wurde im DENA Report nachvollziehbar widerlegt.

  11. Versorgungssicherheit

    @Stefan Hippler:
    Naja, 6% liegt jedenfalls sehr viel näher bei Null als bei 100% (oder 93%, die im DENA-Report wohlwollend auf 100% aufgerundet werden). Insofern ist Martin Holzherrs Einschätzung in erster Näherung richtig. Übrigens nimmt die zugesicherte Leistung mit zunehmender installierter Leistung ab. Die von Ihnen angegebenen 6% gelten für die derzeitige Situation. Um 2030 wird die zugesicherte Leistung von Windkraftanlagen laut DENA-Report also deutlich unter 6% liegen (denn laut der Abbildung auf die Sie sich beziehen nimmt dieser Wert um ca. 2 Prozentpunkte innerhalb von 10 Jahren ab)- zumindest bei einem so ambitionierten Ausbau der Windenergie. Und nachdem AKWs (insbesondere moderne)etwas mehr als 1GW Strom erzeugen, wird man 2030 vielleicht gerade mal 3 AKWs durch Windstrom ersetzen können – verteilt auf ganz Europa wohlgemerkt. Wie vorausschauend, dass man den Blick auf ganz Europa gerichtet hat – wenn man nur die Zahlen für Deutschland betrachtet hätte, hätte man womöglich nicht mal ein ganzes AKW ersetzen können…

  12. @Stefan Hippler: DENA 2005 veraltet

    Sie unterstellen mir eine Aussage, die nicht von mir, sondern von Herrn Quentmeier stammt und schreiben: Die von Ihnen unbelegte Aussage, dass WKAs kein einziges konventionelles Kraftwerk ersetzen, wurde im DENA Report nachvollziehbar widerlegt.
    Im Gegenteil dazu sage ich, dass WKAs bei guter Netzanbindung und zusammen mit Speichern unter Umständern durchaus konventionelle Kraftwerke ersetzen. Allerdings wird das recht teuer.

    Im übrigen ändert das nichts daran, dass die von ihnen verlinkte DENA-Netzstudie aus dem Jahre 2005 den Hauptfokus zu stark auf die Versorgungssicherheit und die notwendigen, aber zum Teil wegen Widerständen der Bevölkerung nicht realisierten Netzausbauten legt. Doch die Aussage, dass 6% der installierten Windleistung auch bei Flaute zur Verfügung ständen betrachte ich als falsch verschriebene Beruhigungspille und nicht als überzeugende Problemlösung.

    Neben der Netzanbindung braucht es auch Speicher für überschüssigen Windstrom. Je schlechter die Netzanbindung aber ist, umso mehr Speicher sind nötig. Da in Deutschland der Pumpspeicherbau keine guten Voraussetzungen hat, muss man andere Speicherformen suchen, beispielsweise für die kurzfristige Speicherung adiabatische Druckluftspeicher (erst im Experimentalstadium) oder aber die Einspeisung von Strom als synthetisierten Wasserstoff oder syntehtisiertes Methan ( EE-Gas), denn Deutschland hat Erdgasspeicher hoher Kapazität. Allerdings ist der Wirkungsgrad dieser Art der Stromspeicherung schlecht (60% Wirkungsgrad für die Umwandlung von Strom zu Erdgas im günstigsten Fall).

    Fazit: Bei vorwiegend auf Erneuerbaren Energien basierender Stromversorgung braucht es neben Windrädern und Solarpanel Speicher und den notwendigen Netzanschluss. Man kann also Windräder nie direkt mit Gaskombikraftwerken oder Kohlekraftwerken vergleichen, denn Windräder sind nur ein Teil einer ganz neuen Infrastruktur die es zu erstellen gilt, damit Erneuerbare funktionieren. Ich schätze, dass der Preis für die Windräder allein nicht einmal die Hälfte der Gesamtkosten ausmacht, die es braucht um den so erzeugten Strom in das Netz zu integrieren. Dass die Probleme der Energiewende in den nächsten 10 bis 20 Jahren wohl kaum gelöst sein werden wird sehr gut im Artikel von Thomas Grüter Wunschdenken – die ausgeblendeten Probleme der Energiewende belegt.

  13. Absichtliche Falschaussage?

    Etwas spät, aber ich hatte diesen Artikel erst jetzt gesehen, sodass mir nun und nicht bereits letzten Oktober der Unterkiefer runterklappte.

    In der Überschrift geht’s gleich los …

    Nordseewinde ersetzen 135 Atomkraftwerke

    … und der Rest wird nicht besser.

    Da staune ich wirklich. Kennen Sie tatsächlich nicht den Unterschied zwischen installierter Leistung (so steht’s auch im verlinkten “Windspeed”-Report, aber Quellen prüft ja eh keiner) und tatsächlich erbrachter mittlerer Leistung? Oder verwischen Sie absichtlich diesen wesentlichen Sachverhalt?

    Martin Holzherr hat einen Faktor 2 angenommen. da war er vielleicht noch sehr großzügig. Bei den in Deutschland installierten Anlagen ist die erzielte Auslastung im Mittel deutlich unter 20%, Tendenz keineswegs steigend.

    Na, auf dem offenen Meer wird’s etwas besser aussehen. Aber so nassforsch 100% anzusetzen und dann auch noch Rentabilititätsbehauptungen aufzustellen und links und rechts Seitenhiebe gegen die “Pessimisten” auszuteilen (notabene: “Pessimist” im Kontext von politischen Wunschszenarien ist der, der mal was nachrechnet und feststellt, dass das nicht hinhauen kann), das hat schon was.

    Also. 135 GW installierter Leistung ersetzen nicht 135 Kernkraftwerke. Nicht einmal annähernd. Ich weiß, das interessiert keinen. Zahlen sind eh langweilig, und im Wettbewerb der Sztenarien zählt allein die Behauptung. Aber ich sag’s trotzdem.

  14. @Khan: mittlere Leistung

    Installierte Leistung von Windkraft und Kernenergie in der Überschrift gleichzusetzen, ist in der Tat etwas pauschal (um nicht zu sagen gewagt), das gebe ich zu. Ich glaube aber, dass die Bilanz nicht so sehr daneben liegt:
    – Die mittlere Verfügbarkeit der deutschen AKW liegt zwischen 58 und 94 Prozent, weicht also teilweise auch stark von der Nennleistung ab.
    – Windkraftwerke wurde in den Anfangsjahren der Subventionierung an völlig bekloppten Standorten errichtet.
    – Windkraftwerke mussten – und müssen – regelmäßig zugunsten von AKWs abgeschaltet werden, um die Netze nicht zu überlasten.
    – Moderne Windkraftwerke arbeiten bei einer größeren Bandbreite an Windgeschwindigkeiten.
    – Auf dem Meer sind gleichmäßigere und höhere Windenergien zu erwarten.

    Auch wenn also die (im Text ja nicht weiter verfolgte) Gleichung aus der Überschrift zu positiv ausfällt: Der ökologisch und ökonomisch nachhaltig mögliche Anteil der Windenergie am europäischen Strommix ist dennoch groß genug, die Klimaschutzziele der EU zu ermöglichen – und das sollte das wesentliche Fazit des Eintrags sein.

  15. Politik oder Wissenschaft?

    Installierte Leistung von Windkraft und Kernenergie in der Überschrift gleichzusetzen, ist in der Tat etwas pauschal (um nicht zu sagen gewagt), das gebe ich zu.

    Was gefällt Ihnen am Wort “falsch” nicht?

    – Die mittlere Verfügbarkeit der deutschen AKW liegt zwischen 58 und 94 Prozent, weicht also teilweise auch stark von der Nennleistung ab.

    Na und? Was sagt eine solche Zahl schon aus. Ein altes Kraftwerk ist wie jede alte Maschine nun einmal wartungsanfälliger. Gerade in Deutschland ist is in den letzten Jahrzehnten dazu gekommen, dass wir alles nur noch auf Verschleiß fahren – nicht nur Kraftwerke. Das ist aber im gegebenen Kontext irrelevant, denn es geht um neu zu installierende Wiindkraftwerke, und die sollte man ja schon reellerweise mit neu zu installierenden konventionellen und nuklearen Kraftwerken vergleichen – zumindest dann, wenn man wirklich belastbare Zahlen finden und nicht nur eine politische Aussage treffen will.

    Auch konventionelle oder nukleare Kraftwerke müssen mal für Wartungszwecke vom Netz, das stimmt, Aber der Betreiber kann sich aussuchen, wann das passiert. Deswegen ist deren Auslastung auch nie 100%, sondern bei einigermaßen aktuellen Anlagen irgendwo um die 95%. Bei Windkraftwerken ist das anders, und zwar prinzipbedingt.

    – Windkraftwerke wurde in den Anfangsjahren der Subventionierung an völlig bekloppten Standorten errichtet.

    Auch da sehe ich keine Relevanz zu Ihrer These. Die ersten Windkraftwerke waren vorwiegend kleine Anlagen. Die können ja wohl kaum die Bilanz von heute verhageln.

    Was hat das damit zu tun, dass die Auslastung der landgebundenen Windkraftwerke seit Jahren auf niedrigem Niveau stagniert? Das liegt wohl eher daran, dass die guten und politisch durchsetzungsfähigen Standorte mittlerweile besetzt sind.

    – Windkraftwerke mussten – und müssen – regelmäßig zugunsten von AKWs abgeschaltet werden, um die Netze nicht zu überlasten.

    Ein gutes Indiz dafür, dass es mit der Grundlastfähigkeit von Windkraftwerken nicht weit her ist.

    – Moderne Windkraftwerke arbeiten bei einer größeren Bandbreite an Windgeschwindigkeiten.

    Was sich allerdings keineswegs in einem höheren Auslastungsgrad niedergeschlagen hat, denn der stagniert.

    – Auf dem Meer sind gleichmäßigere und höhere Windenergien zu erwarten.

    Na, das will ich aber hoffen! (Abgesehen davon habe ich es ausdrücklich gesagt). Eine Auslastung von unter 20% wie bei den landgebundenen ist wohl eher lächerlich.

    Haben Sie eigentlich auch mal Zahlen zu Ihren Behauptungen? Der von Ihnen zitierte Windspeed-Report hält sich ziemlich bedeckt, was den tatsächlichen Ertrag angeht. Noch nicht einmal unter “key findings” steht etwas Konkretes. Sicher nicht ohne Grund. Das finde ich außerordentlich verdächtig. Sie anscheinend nicht, sonst hätten Sie den Bericht nicht so kritiklos angepriesen.

    Auch wenn also die (im Text ja nicht weiter verfolgte) Gleichung aus der Überschrift zu positiv ausfällt:

    Sie ist schlicht falsch. Nicht nur wegen der Gleichsetzung von installierter Leistung mit tatsächlich erzielter Durchschnittsleistung – Werte, bei denen im Mittel der landgestützten Windkraftwerke immerhin ein Faktor von mehr als 5 liegt.

    Sondern auch, weil Sie das im Indikativ schreiben, so als sei es klar und bewiesen. Selbst die Windspeed-Studie sagt aber allenfalls aus, dass dies (unter günstigen Annahmen) so kommen könnte, dass eine installierte Leistung von bis zu 135 GW bereitgestellt wird. Sie selbst verwenden danach vorsichtigerweise den konjunktiv.

    Der ökologisch und ökonomisch nachhaltig mögliche Anteil der Windenergie am europäischen Strommix ist dennoch groß genug, die Klimaschutzziele der EU zu ermöglichen – und das sollte das wesentliche Fazit des Eintrags sein.

    Das mag Ihr Fazit sein, es erscheint mir weniger plausibel als Ihnen und wird von Ihnen auch nicht belegt. Ohne konkrete Zahlen zum Energieertrag kann so eine Argumentation nie dem Anspruch gerecht werden, eine solche These zu stützen.

    Das ist eigentlich auch ein Grundübel in der Energiediskussion. Nicht nur bei Ihnen. Überall findet man schnell Behauptungen zuhauf, aber nur schwer belastbare Zahlen und Fakten. Diese Behauptungen aber werden sofort weiterzitiert und entwickeln schnell eine ungeahnte Eigendynamik – weil ja eh keiner kritisch nachliest, was den den Behauptungen nun wirklich zugrundeliegt. Den Allermeisten reicht es halt, mal wieder einen Text zu finden, der einem sagt, was man hören will. Das wirkt so schön beruhigend.

    Ich würde mir von einem wissenschaftlichen Blog allerdings wünschen, dass der Behauptungen, Annahmen und Studien kritisch (und das bedeutet nicht “ablehnend” oder “negativ”) durchleuchtet. Dann kann man ja immer noch zum Schluss kommen, dass die Sache stimmt, falls sich herausstellt, dass es so ist. Das Thema ist doch nun wirklich wichtig genug.

  16. Harte Zahlen gibt es kaum

    Lieber Michael Khan,

    einigen wir uns zunächst mal, dass die Überschrift unsachgemäß verkürzt ist. Die dort verglichene Größe ist die Nennleistung, und daraus folgt natürlich nicht, dass auch die erbrachte Leistung entsprechend ist.

    Darüber hinaus gilt dennoch, dass die landgebundene Windkraft immer noch erheblich von Parks beeinflusst wird, die aufgrund nicht gesteuerter Subventionen am erstbesten Platz gebaut wurden und deren Technik veraltet ist. Je leistungsfähiger ein Windpark ist, desto häufiger musste er allerdings in den letzten Jahren zugunsten von AKW gedrosselt werden, um das Netz nicht zu überlasten. Ich bin daher überzeugt, dass wir in acht Jahren an Land und noch viel mehr auf See deutlich höhere tatsächliche Leistungen finden werden.

    Jetzt habe ich wieder keine Zahl genannt. Und das hat einen Grund: Die gibt es für Offshore-Windparks nicht belastbar – zumindest sind mir keine bekannt. Es gibt Erhebungen über das Windaufkommen, es gibt technische Daten der Windräder, aber jeder Park, der gebaut wird, ist praktisch eine neue Technologie, deren reales Verhalten sich empirisch beweisen muss. Sicher ist dabei, dass die Hersteller überzeugt genug sind, dass ihre Kalkulationen stimmen, um die Parks zu bauen. Die rechnen mit knapp doppelt so viel Volllaststunden wie im Binnenland (und damit mehr als 50 Prozent mehr als bei den ersten Offshore-Parks).

    Die für mich wesentliche Botschaft der Studie ist somit, dass sich beträchtliche Mengen Offshore-Windenergie zeitnah und wirtschaftlich installieren lassen, ohne mit anderen Nutzungsinteressen oder ökologischen Kriterien in Konflikt zu geraten. Ob das de facto 135 oder 60 fossile/nukleare Großkraftwerke ersetzt, ist sicher nicht irrelevant, aber steht für mich hier nicht im Vordergrund – vielleicht bin ich deshalb damit auch so leichtfertig umgegangen.

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