Keine Zeigefinger, Sektorabkommen und die Klima-Apartheit

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Greening the Economy Logo (Foto: Böll-Stiftung)

Die Great-Transformation-Konferenz hat begonnen (übrigens mit Livestream). Was die Teilnehmer in der ersten Session geboten bekamen, war ein Überblick, wie Vertreter aus Europa, den USA und Afrika die Situation nach Kopenhagen bewerten – global wie in ihrer jeweiligen Region. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die große Transformation zu einer grünen Wirtschaft kein Problem wäre – ginge es überall in der Welt nach den Vorstellungen der Referenten.

Ölpest könnte zynischerweise Klimaschutz in den USA befördern

Andrew Light vom Center for American Progress machte eingangs deutlich, dass die im internationalen Vergleich marginale Zielsetzung von 17 Prozent weniger CO2 gegenüber 2005 bis 2020 in den USA schon einen harten Kampf bedeuten. Trotzdem ist er optimistisch, dass sein Land in diesem Sommer die Klimaverordnungen verabschieden wird. Dafür spreche, dass auf Erfolg meist ein Erfolg folge – er spielt an auf die Revolution im Gesundheitswesen der USA. Dass Präsident Obama sich ebenso sehr für den Klimaschutz einbringen werde, halte er für wahrscheinlich. In die Hände spiele den amerikanischen Klimaschützern zynischerweise die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Mit ihr sinke der Zuspruch zur Ölförderung vor den Küsten und damit schwinde die Option, an der alten Energiewirtschaft festzuhalten.

Heutige Krise wäre durch Beschlüsse in Kopenhagen schneller zu überwinden gewesen

Teresa Ribera Rodriguez, spanische Staatssekretärin für den Klimawandel gewann Kopenhagen weniger Positives ab, sie gab sich sogar überzeugt, dass wir heute besser aus der Krise kämen, wenn es früher bindende Beschlüsse gegeben hätte. Denn dass die große, grüne Transformation gleichermaßen Umwelt und Wirtschaft nutzt, daran herrscht hier nirgendwo Zweifel. Ebensowenig, wie dass man noch vorne sehen müsse und es nichts helfe, auf andere mit dem Zeigefinger zu zeigen und Schuld zu diskutieren.

Afrika braucht eine eigene Wirtschaft mit Technologien für erneuerbaren Energien

Stephen Mutimba, Manager des kenianischen Unternehmens Camco und Berater für Erneuerbare Energien, kritisierte auch die innerafrikanische Situation. Größere Projekte regenerativer Energien könnten in Afrika nur wenige Einzelpersonen stemmen, doch der Staat investiere vor allem in bewährte, fossile Techniken. Dabei seien die Ressourcen Sonne und Wind im Übermaß vorhanden. Damit Afrika davon profitieren könne, müsse jedoch auch die Produktion der Technik in Afrika erfolgen – sonst fühlten sich viele Menschen ausgebeutet, weil ihr Geld (für grünen Strom) vor allem an Länder wie China fließe.

Verhalten der Industriestaaten beim Klimawandel vergleichbar mit Apartheit

Renate Künast griff gar zum Vergleich mit der Apartheit. Industrieländer verursachten einen Klimawandel, der zunächst vor allem die Entwicklungsländer trifft, ohne bereit zu sein, dafür Verantwortung zu tragen. Es könne nicht sein, dass der Präsident der Malediven Steuergelder dafür ausgeben müsse, von Sri Lanka Land zu kaufen, weil ihm die Insel absäuft.

So richtig optimistisch, dass es in absehbarer Zeit internationale, wirkungsvolle Abkommen geben werde, zeigte sich niemand. Künast forderte deshalb, die Wirtschaft müsse selbst die Veränderungen in die Hand nehmen und so die Politik zum Handeln zwingen. Light empfahl Sektorvereinbarungen für Einzelbereiche wie regenerative Energien, Effizienzvorgaben, Waldwirtschaft und mehr – und vor allem zwischen den 17 größten CO2-Emittenten. Nicht, weil dadurch weniger Konflikte in der Runde wären, sondern weil 17 Parteien sich eher einigen können als die Vereinten Nationen.

Viele vernünftige Forderungen, zwei interessante Vorschläge (Druck aus der Industrie (nicht nur der „grünen Industrie“, sondern jeder Industrie, weil Effizienz überall ein Thema ist), Sektorvereinbarungen ergänzend zur Arbeit am großen Gesamtpaket). Doch was fehlt, sind überzeugende Argumente, wie man diese große Transformation anschieben kann, sie mehr ist als ein träger, unvermeidlicher Prozess. Oder wie es ein Teilnehmer formulierte: Hier wird von Prozenten und kleinen Verbesserungen geredet, wo bleibt der Systemwandel aus dem Konferenztitel? Vielleicht hören wir gleich mehr dazu.

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

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