Heimat und Identität: Der Wandel des Ruhrgebiets

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Logo Heimat und Identität Das Ruhrgebiet steht für Kohle- und Schwerindustrie, Arbeitersiedlungen und Umweltbelastungen. Köttelbach hießen hier viele Flüsse und Bäche, mancherorts nach dem örtlichen Wort für kleine Kinder, die dort badeten, anderenorts, weil in die Flüsse, allen voran in die Emscher, Abwässer eingeleitet wurden. Seit Jahrzehnten ist dieses Bild im Umbruch, immer mehr steht der Ruhrpott für moderne Industriezweige und Dienstleister, und dennoch prägt seine Geschichte Diskussionen und Ereignisse der Gegenwart.

Einst arbeitete fast eine halbe Million Menschen in den Zechen des Ruhrgebiets. Heute sind nur vier dieser Zechen noch aktiv, eine davon soll Ende des Monats geschlossen werden. Obwohl noch immer viele Bergbauzulieferer ihren Sitz im Ruhrgebiet haben und von dort die Bergwerke der Welt beliefern, könnte man mit Fug und Recht sagen, dass die Kohle in der Wirtschaft und im Alltag der Region keine nennenswerte Rolle mehr spielt.

Weit gefehlt. Die Veranstaltungen rund um die Kulturhauptstadt Essen zeigen ein anderes Bild. Als die Schachtzeichen aufstiegen, große gelbe Ballons über jeder alten Zeche, kamen sie aus ihren Löchern, die Kumpel des Ruhrpotts. Zu Dutzenden standen sie bei den Ballons und schwelgten in Erinnerungen an die alten Tage unter Tage. Oder der Day of Song: 600 Chöre sangen dort mit 22 800 Sängern gleichzeitig im ganzen Ruhrgebiet das Steigerlied, die Hymne aller Bergleute.

Wie sehr die Geschichte ihrer Heimat die Identität der Menschen im Ruhrgebiet prägt, wird auch in der Politik deutlich: Dass der Steinkohlebergbau in Deutschland keine Zukunft hat, wissen nicht nur Ökonomen seit langem. Doch wann immer es darum ging, ein Ende der Subventionen zu beschließen, kämpften Politiker von SPD und CDU in NRW gleichermaßen darum, den Tag hinauszuzögern. Was gab es unlängst für schnelle und heftige Reaktionen, als die EU befand, das beschlossene Jahr 2018 sei zu spät!

Viele Menschen, die heute im Ruhrgebiet leben, haben selbst unter Tage gearbeitet, und wenn nicht sie, dann ihr Mann, ihr Bruder, ihr Vater oder ihr Großvater. Ähnliches gilt für die Schwerindustrie. Ich selbst erinnere mich noch gut, dass ich als Kind bei jeder Heimfahrt aus dem Urlaub erkennen konnte, wann wir die Grenze zum Ruhrgebiet überquerten: wenn der Himmel auch an schönen Tagen grau wurde.

Trotz des Wandels hat das Ruhrgebiet seine Geschichte nicht einfach abgeworfen wie einen hässlichen alten Mantel. Es hat Gasometer zu Ausstellungsorten gemacht, Zechen zu Museen, und den Landschaftspark Duisburg, das alte Hüttenwerk, zu einem Ort für Konzerte, Kletterer und Freizeitaktivitäten aller Art.

Ganz so idyllisch, wie es klingt, ist es allerdings nicht. Es gibt einen latenten Interessenkonflikt zwischen Bewahrern und Erneuerern: Viele der jüngeren Menschen im Ruhrgebiet wünschen sich eine lebenswertere Umwelt, als es sie zur Hochzeit der Kohleindustrie hier hab. Sie wünschen sich zukunftssichere, moderne Arbeitsplätze. Der Kampf der Kommunen und Bürgerinitiativen gegen den Neubau von Kohlekraftwerken ist ein Beispiel dafür.

Doch wer sind die Bewahrer? Hört man sich auf den Straßen des Reviers um, gibt es kaum jemanden, der den Wandel der Region nicht begrüßt. Die Identität ihrer Heimat zu bewahren ist dabei kein Widerspruch. Das Ruhrgebiet hat mit den genannten Beispielen vorgemacht, wie man Geschichte lebendig in den Alltag hinüber rettet, ohne an überholten Strukturen festzuhalten. Es sind – wie so oft, wenn eine Industrie ausstirbt – die alten Konzerne, die noch möglichst viele Euro retten wollen. Dabei haben die Konzerne von damals längst neue Geschäftsfelder erschlossen.

Die Gefahr besteht deshalb darin, zu spät zu akzeptieren, dass ein Teil der Identität nun Vergangenheit ist; nicht weniger wichtig, aber eben nicht die Zukunft. Die Folgen des Bergbaus waren schon vor Jahren kaum zu bezahlen. Allein die regelmäßig auftretenden Bergbauschäden an Häusern. Und wo auf der Welt fließen Flüsse bergauf? Im Ruhrgebiet schon, weil die Landschaft absackt und die Flüsse mit Pumpen in ihrem Lauf gehalten werden. Allein in Walsum werden jährlich 20 Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt, weil der Ort infolge des Bergbaus unterhalb des Grundwasserspiegels liegt.

Wenn im Ruhrgebiet mal wieder die Erde mit 3 oder 4 auf der Richterskala bebt, steht hier niemand auf. Das ist Teil der Heimat, Teil der Identität, gehört dazu wie die Ewigkeitskosten des Bergbaus. Wichtig ist, daraus zu lernen. Niemand sollte besser wissen als der Ruhrgebietler, wie wichtig nachhaltiges Wirtschaften ist – denn Kohle und Schwerindustrie waren alles andere als nachhaltig. Die Narben sieht man noch an vielen Orten im Revier, die Rechnung kriegen die klammen Kommunen regelmäßig präsentiert. Das Ruhrgebiet muss seine Identität bewahren, aber nicht länger auf Kosten der Heimat.

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

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