Höhere Pendlerpauschale ist Unsinn

Stau im Berufsverkehr (Foto: berggeist007/Pixelio) Ich gebe es zu: Darüber, dass ich meine seltenen geschäftlichen Autofahrten nicht kostendeckend per Kilometerpauschale steuerlich geltend machen kann, ärgere ich mich jedes Mal. Aber die Pendlerpauschale hingegen hatte nie den Zweck, kostendeckend zu sein. Sie zu erhöhen, wie von einigen Politikern und Verbänden gefordert, setzt ökologisch wie sozial die falschen Anreize – so nachvollziehbar der Wunsch vieler Pendler auf den ersten Blick scheint.

Flexibilität ist das, was Arbeitgeber und auch Politiker heute von Arbeitnehmern erwarten. Das gilt für den Wechsel zwischen Standorten eines Unternehmens ebenso wie für Wechsel des Arbeitgebers. Jedes Mal umzuziehen kann man – mindestens von Familien – nicht verlangen. Auch in Haushalten, die auf zwei Einkommen angewiesen sind, funktioniert das nicht so einfach.

Aber bedeutet das, dass der Staat die Kosten des Arbeitswegs in voller Höhe übernehmen resp. steuerlich anerkennen muss? Nein!

Erstens sind da die praktischen Vorbehalte. Pkw-Modell, Fahrstil, Antriebstechnik – will der Staat da Vorgaben machen, was angemessen ist, ohne Berücksichtigung von Familiensituation oder sozialem Status? Soll das Finanzamt prüfen, ob der Arbeitnehmer wirklich so weit entfernt von seinem Arbeitsplatz leben muss? Mancher soll ja auch freiwillig in die grünen Vororte gezogen sein. Und wer glaubt allen Ernstes, dass er mit zehn Cent mehr kostendeckend Auto fahren könnte (worum es bei der Pauschale nie ging)?

Viel schwerwiegender sind neben den praktischen aber die sozialen und ökologischen Argumente. Die soziale Ungerechtigkeit hat die Süddeutsche bereits vor Tagen herausgestellt: Zunächst einmal wäre der Steuervorteil für Besserverdienende deutlich höher als für Geringverdienende. Besonders gering fällt der Vorteil für einkommensschwache Familien aus. Und gar keinen Vorteil hat, wer weniger als zehn Kilometer von seinem Arbeitsplatz wohnt und keine sonstigen Werbungskosten hat – er bleibt unterhalb der Werbekostenpauschale.

Ebenso wichtig ist aber, dass von der Pendlerpauschale durchaus ein ökologisch sinnvoller Lenkungseffekt ausgeht: Wer mit der Bahn fährt, kann höhere Kosten als die reine Pauschale absetzen. Und wer als Fahrgemeinschaft unterwegs ist, profitiert besonders: Jedes Mitglied der Fahrgemeinschaft kann die volle Pauschale anrechnen. Wenn sich da vier Kollegen zusammenfinden, verringert sich nicht nur der CO2-Ausstoß auf ein Viertel, es dürfen auch heute schon 1,20 Euro je Kilometer verfahren werden. Das dürfte selbst mit Rekordspritpreisen kaum zu schaffen sein.

Bevor jetzt wieder Stimmen laut werden, die Fälle skizzieren, in denen es partout nicht möglich ist, woanders zu wohnen und anders als allein im Sprit fressenden Auto zur Arbeit zu fahren: Sicher gibt es auch die. Aber für die wenigen Prozent kann die Antwort nicht (höhere) Pendlerpauschale lauten. Um so klarer lautet für alle anderen die Antwort: Weniger über die Spritpreise jammern und vielleicht mal über eine Verhaltensänderung nachdenken. Wie so oft lassen sich auch in diesem Fall für viele Menschen Geld sparen und Umwelt schonen, ohne nennenswerte Einbußen beim Komfort hinnehmen zu müssen.

Foto: berggeist007/Pixelio

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, zur höheren Pendlerpauschale

    “Weniger über die Spritpreise jammern und vielleicht mal über eine Verhaltensänderung nachdenken.”

    Ja genau, ich überlege mir ob sich dann mein Weg zur Arbeit von 170 km täglich noch lohnt oder ob ich nicht eine andere Lösung finde? Umziehen geht nicht, mein Haus in der brandenburgischen Provinz will niemand haben, für den Preis, den ich bekommen würde, kann ich mir keine Bleibe im Berliner Umland leisten.
    Mir fällt da noch eine Lösung ein, die heist früher in Rente gehen oder noch eine Runde in die Arbeitslosigkeit gehen vorher … aber wenn das alle betroffenen machen würde, wäre damit auch kein Staat zu machen.
    Wer meint eine höhrer Pendlerpauschale würde nicht bringen, braucht entweder das Auto nicht, oder wohnt in der Stadt und hat echtet alternativen im ÖPNV. Ich habe diese nicht. Eine höhere Penderpauschale würde die entlasten, die sich trotz Widrigerentfernungsumstände morgens aus dem Bettquälen und zur Arbeit gehen und den Laden am Laufen halten.
    Es ist schon ziemlich arrogant, zu behaupten, dass für die wenigen Prozent die auf das Pendeln angewiesen sind, nicht die Antwort eine höhere Pendlerpauschale sein kann. Gerade für die muss die Antwort eine höher Pendlerpauschale sein. Wenn ich nur 10 km fahren muss, ist es mir egal wie hoch die Pauschale ist, da könnte ich auf drauf verzichten, bei meinen 170 km nicht!

  2. Es wurde schon alles gesagt

    aber noch nicht alles geblogt.

    Das Bundesverfassungsgericht hat – wenn ich mich da richtig erinnere – 2008 festgestellt, dass immer noch das sog.

    http://de.wikipedia.org/…inzip_%28Steuerrecht%29

    gilt. Vor vier Jahren ist damit einer der größten Einzelposten aus dem sog. Koch-Steinbrück-Papier (2003) gekippt worden.

    Die Schlappe vor Gericht war eine mit Ansage, weil man das o.g. Prinzip nicht vorher beseitigt hat. Besser kann man gar nicht zeigen, dass „es“ man es eben nicht kann.

    Ein schöner historischer Abriss findet sich in der WP:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Entfernungspauschale

    “Als notwendig wurden bei einem normalen Arbeitnehmer in der Regel nur die Kosten für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erachtet.”

    Es sei der Hinweis gestattet, dass der Arbeitgeber, der mit dem Dienst-Porsche zu seinem Kunden fährt, natürlich die vollen Kosten als Betriebsausgaben absetzt.

  3. GENAU!

    Von Politikbonzen (wer gibt denen eigentlich das Recht, über Politik zu entscheiden?) und Blockwarten der ökofaschistischen Weltverschwörung lass ich mir gar nix befehlen. Deshalb heiz ich bei offenem Fenster und mach den Ölwechsel im Wald. Einfach nur, um das Gegenteil zu machen. Ganz undogmatisch und ideologiefrei…

    …mein Gott ist das arm.

  4. Mobilität

    “Weniger über die Spritpreise jammern und vielleicht mal über eine Verhaltensänderung nachdenken.”

    Das ist meist leichter gesagt, als getan. Es wird auf der einen Seite immer mehr Mobilität von Arbeitnehmern gefordert, während eben diese Mobilität auf der anderen Seite immer teurer wird. Wenn ich mir die Preise beispielsweise der Bahn so anschaue, würde auch hier nicht unbedingt viel (für mich) zu sparen sein, im Gegenzug dazu aber mein Wochenende mit Familie erst Sonnabend Mittag beginnen, und Sonntag Mittag schon wieder vorbei sein. da fällt einem eine “Verhaltensänderung” naturgemäß etwas schwer.

    Es kann eben nicht jeder in einer Großstadt wohnen und in einer Großstadt (möglichst der selben)arbeiten.

  5. Der Staat als Übermutti (aka Angie)

    Was mich am meisten verblüfft beim Beitrag des Autors und einigen der Kommentare ist der Konsens unter Bundesdeutschen (oder muss man jetzt sagen Gesamtdeutschen), dass der Staat für Ausgleich und Gerechtigkeit sorgen muss und das bis ins letzte Detail.

    Es wird doch immer jemand geben, der zu kurz kommt und dem nicht volle Gerechtigkeit gewährt wird. Da kann man an der Pendlerpauschale noch so viel rumdrehen.

    Zum anderen zeigt der Glaube an die segensreiche Wirkung der Pendlerpauschale, dass viele nicht zu Ende denken.

    Nur schon die Idee, wer pendle, trage prinzipiell eine Zusatzlast, die abgegolten werden müsse ist doch grundfalsch. Wer in München wohnt , nur schon in einem Vorort zahlt doch ein Mehrfaches an zusätzlichem Mietzins im Vergleich zur Pendlerpauschale, die die Agglobewohner kriegen.

    Zudem ist das Argument des Autors dieses Beitrags, dass ein Wegfall der Pendlerpauschale einen ökologisch sinnvollen Lenkungseffekt auslöse, mit Sicherheit richtig. Wer aufs Pendeln mit dem Auto angewiesen ist, kann sich doch eines kaufen, das sehr wenig Sprit verbraucht. Das spart dem Pendler und dem Staat Geld: Der Pendler kommt mit gleich viel Benzin weiter und der Staat kann mit dem eingesparten Geld beginnen, seine Schulden zurückzuzahlen.

  6. @ Martin

    nein, ich erwarte mitnichten, dass der Staat einen Ausgleich herstellt. Ich staune nur über einen Staat, der auf der einen Seite Mobilität fordert, sie aber auf der anderen Seite verteuert.

    Dass die Spritpreise steigen, habe ich schon bei meinem Autokauf vor nunmehr 16 Jahren durchaus mit einbezogen und werde es, wenn denn nun mein Gefährt sein Höchstalter erreicht, auch wieder tun.

    Mir geht es dabei weniger um die Pendlerpauschale, als um die prinzipielle Entwicklung. Und die Meinung, jeder könne auf Autos verzichten, ohne größere Komforteinbußen. Die Wirklichkeit sieht leider oft sehr viel trüber aus.

  7. Es wurde auch schon alles Falsche gesagt

    aber eben nur noch nicht in einem Kommentar.

    Nur schon die Idee, wer pendle, trage prinzipiell eine Zusatzlast, die abgegolten werden müsse ist doch grundfalsch.

    Sie haben das Nettoprinzip nicht verstanden.

    Wer in München wohnt , nur schon in einem Vorort zahlt doch ein Mehrfaches an zusätzlichem Mietzins im Vergleich zur Pendlerpauschale, die die Agglobewohner kriegen.

    Es gibt keinen Gleichbehandlungsgrundsatz, dessen Inhalt die Gleichbehandlung ungleicher Sachverhalte ist.

    Zudem ist das Argument des Autors dieses Beitrags, dass ein Wegfall der Pendlerpauschale einen ökologisch sinnvollen Lenkungseffekt auslöse, mit Sicherheit richtig.

    Aber deshalb noch lange nicht auch erforderlich.

  8. @ Martin

    Mit Ihrer Argumentation gehe ich auch mit. Ich erwarte nicht, dass der Staat etwas gibt. Ich habe lediglich versucht gegen die Thesen im Artikel von Björn Lohmann zu argumentieren.
    Meinetwegen kann er die Pendlerpauschale auch ganz streichen UND im entsprechenden Volumen die Steuern senken. Das ist dann auch eine klare Linie, die ich sehr unterstütze.

  9. Bedarf Einzelner

    Mit der Aussagen, die Pendlerpauschale könne nicht die Lösung für einige wenige Prozent sein, für die es keine Alternative zu ihrer Situation gibt, meinte ich nicht, dass der Staat grundsätzlich diese Menschen nicht unterstützen darf. Ich meinte damit, dass die allgemeine Pendlerpauschale für alle Berufstätigen dafür nicht das geeignete Mittel ist.

    Die Kosten des Pendelns sind per se für die am problematischsten, die knapp bei Kasse sind. Wer mehr Spritkosten hat, weil er sich einen dicken Wagen leistet/in einen schicken Vorort gezogen ist/für einen besseren Job einen weiteren Weg in Kauf nimmt, der kann als Schattenseite seiner Vorteile auch die Spritpreise wegstecken. Warum aber sollte der Staat wirklich Bedürftige nicht ähnlich wie bei der Wohnung auch beim Weg zur Arbeit mit einem Zuschuss unterstützen? Das sehe ich aber losgelöst von der Pendlerpauschale.

    Und auch wenn ich Gunnars konkrete Situation nicht kenne: Ich glaube, viele Menschen, die Wochenendpendler sind, wären mit einer Kombination aus Bahn und Taxi/privatem Abholer ähnlich schnell oder schneller zu Hause. Das ist zumindest mein Eindruck von den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich im Berufsverkehr freitags oder montags mit dem Auto unterwegs war. Vielleicht bedeutet das auch, Montag bis Donnerstag eine Stunde länger zu arbeiten, um Freitag früher aufhören und Montag später anfangen zu können. Und nochmal: Ja, nicht für jeden wird sich eine zufriedenstellende Lösung finden lassen. Aber es wäre der Umwelt schon geholfen, wenn die es täten, die die Möglichkeit hätten. Ich glaube, das wäre die Mehrheit.

  10. Schwere Abwägung & Verweis auf Vorschlag

    Die Abwägung zwischen privaten und Gemeinschaftsinteressen ist gerade im Bereich der Pendlerpauschale durchaus schwierig.

    Allerdings muss man die politischen Argumente von den rechtlichen scheiden.
    @Martin Holzherr & @Ano Nym – Politisch fühle ich mit Ersterem, denn tatsächlich kann man sich über die Pendlerpauschale teils sogar das Heim im Grünen finanzieren lassen – insbesondere weil die in der Innnenstadt höheren Mieten steuerechtlich nicht abzugsfähig sind. Rechtlich stimmt leider noch die zweite Ansicht, denn das Nettoprinzip lässt nur den Abzug von steuerlich relevanten Zusatzaufwendungen zu und geht (implizit) davon aus, dass der Wohnort vorgegeben ist – was gerade heute oft nicht mehr der Realität entspricht.

    Ob das Nettoprinzip noch politisch (und ggf. verfassungmäßig) haltbar ist, darf bezweifelt werden – wobei die Zweifel nicht nur auf die Pendlerpauschale beschränkt sind. Letztlich dürften die derzeitigen Regelungen weit überwiegend nur aus der Historie zu erklären sein, von wirklicher Gerechtigkeit ist dort nur noch wenig geblieben – gerade wenn man daran denkt, dass selbst die meisten Finanzämter das Steuerrecht nicht beherrschen…

    Zur Pendlerpauschale gibt es aber hier einen aus meiner Sicht sehr vernünftigen Vorschlag, der die Individual- und Gemeinschaftsinteressen zusammenführt – auch wenn das für @Justus wohl den Wegfall der Steuererleichterung ur Folge hätte (was ich aber prinzipiell gerecht finde – denn Immobilienverluste sind wie alle Anlageverluste kein von der Allgemeinheit auszugleichendes Schicksal, auch wenn individuell durchaus ein schweres Schicksal).

  11. “Pendlerpauschale”

    Die sogenannte Pendlerpauschale ist problematisch, weil den Staat die Arbeitsortnähe der Arbeitskraft nichts angeht. Jedenfalls nicht i.p. Subvention.

    Ökologische bis ökologistische Überlegungen scheinen hier eher nachrangig.

    MFG
    Dr. Webbaer

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