Augen zu und gegen die Wand

BLOG: Öko-Logisch?

Umwelt sind Du und ich
Öko-Logisch?

Fußabdruck (Foto: hagir25/Pixelio)

Die Menschheit verbraucht ein Drittel mehr Ressourcen als die Erde nachhaltig bereitstellen kann. Im Jahr 2035 könnten es sogar doppelt so viele sein, warnt der WWF in seiner Studie „Living Planet Report“. Bekannt ist das Problem spätestens seit der Club of Rome in den 70ern „Die Grenzen des Wachstums“ publiziert hat. Ein Blick auf dreieinhalb Jahrzehnte Galopp mit Scheuklappen.

1972 stieß „Die Grenzen des Wachstums“ eine große Debatte über die Zukunft der Menschheit an, weil die Studie simuliert hatte, wo eben jene Grenzen für Wirtschaft und Bevölkerungsgröße liegen, bevor das System zwangsläufig zusammenbrechen muss. Das war vor meiner Zeit. Ich bekam zuerst die 20 Jahre später publizierten „neuen Grenzen des Wachstums“ zu lesen. Der gleiche inhaltliche Ansatz mit genaueren Modellen, aktualisierten Zahlen und besserer Rechenleistung. In deren Vorwort heißt es:

1971 sah es so aus, als werde man erst nach einigen Jahrzehnten die materiellen Grenzen für die Nutzung vieler Rohstoffe und der Energie erreichen. 1991 aber zeigten die Computerläufe und die Neubewertung der Daten, dass die Nutzung zahlreicher Ressourcen und die Akkumulation von Umweltgiften bereits die Grenzen des langfristig Zuträglichen überschritten haben – trotz verbesserter Technologien, trotz des mittlerweile gewachsenen ökologischen Bewusstseins und trotz strenger Umweltgesetze.

Anders gesagt: Bereits 1991, vor 17 Jahren, hatte die Menschheit die Grenzen der Nachhaltigkeit überschritten und dies schriftlich bekommen – obwohl sie 20 Jahre vorher gewarnt worden war. Die Studie beschreibt verschiedene mögliche Szenarios, abhängig davon, wann welche Maßnahmen ergriffen werden. Wären die notwendigen Maßnahmen zur Steuerung des Wachstum in Bereichen wie Wirtschaft, Bevölkerungsgröße und Umweltverschmutzung noch 1995 ergriffen worden, hätte sich die Erde in einen nachhaltig stabilen Zustand entwickeln können. Würden diese Maßnahmen erst 2015 umgesetzt – und das scheint mir heute leider schon zu optimistisch – wäre ein globaler Kollaps unvermeidlich, der sich allerdings mit viel Kosten und Entbehrungen bis zur Jahrhundertwende noch einmal beheben ließe.

Was ist es, das uns Menschen wissentlich unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören lässt? Ist es blinder Wachstumsglaube, die Annahme, dass immer mehr Wirtschaftskraft bei immer größerem technischen Fortschritt alle Probleme lösen kann? Genau das wurde in den Grenzen des Wachstums ja untersucht – es geht nicht, weil wir an einen Punkt kommen, an dem der fruchtbare Boden nicht ausreicht, die Weltbevölkerung zu ernähren, an dem Folgekosten der Umweltzerstörung jedes wirtschaftliche Wachstum auffressen.

Ist es Angst davor, dass ein Null-Wachstum unseren Lebensstandard senken würde? Das muss nicht sein. Qualität würde Quantität ersetzen (statt jedes Jahr ein Paar Schuhe für 20 Euro, das am Jahresende kaputt ist, einmal ein Paar Schuhe für 100 Euro, die fünf Jahre und länger halten), Dienstleistung würde Produktion ersetzen (die fünf Jahre alten Schuhe werden vom Schuster für weitere fünf Jahre fit gemacht). Ist es Lebensqualität, sich alle drei Jahre einen größeren Fernseher kaufen zu können, oder ist es Lebensqualität, wenn die Lebenserwartung steigt, weil Umweltgifte aus Luft und Wasser verschwinden ,man im Sommer in Großstädten sogar in den Flüssen baden darf, und die Welt keine Ressourcenkriege führt?

Es sind nicht Öko-Spinner sondern verantwortungsbewusste Wirtschaftsexperten, die seit vielen Jahren Vorschlag um Vorschlag entwickeln, wie wir auf diesem Planeten gesund, glücklich, wohlhabend und nachhaltig leben können. Nur mit jedem Jahr, das wir diese Menschen ignorieren, schwinden unsere Chancen, dieses Ziel noch ohne Katastrophe zu verwirklichen. Vielleicht sollten wir alle Bigfoot spielen und unseren ökologischen Fußabdruck kräftig vergrößern, damit die unausweichliche Katastrophe früher und die Menschheit dadurch schneller zur Besinnung kommt. Was meinen Sie? Glauben Sie auch lieber an Panikmache, bis Handeln zu spät ist?

Foto: hagir25/Pixelio

Veröffentlicht von

www.buero32.de

Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

7 Kommentare

  1. Eine literarische Antwort

    > Was ist es, das uns Menschen wissentlich unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören lässt?

    Eine tiefsinnige Antwort auf diese Frage gibt Max Frisch in seiner ursprünglich als Hörspiel konzipierten Burleske “Biedermann und die Brandstifter”: Der Kleinbürger Gottlieb Biedermann lässt einen Hausierer und dessen Kumpanen auf seinen Dachboden, wissend, dass sie dort Feuer legen werden, ganz so, wie sie es explizit ankündigen. Anstatt die Brandstifter mutig aus seinem Haus zu werfen, hilft er ihnen vor dem Brand – der auf die ganze Stadt übergreift – sogar höchstselbst beim Auslegen der Lunte. Warum? Weil er sich durch Lobhudeleien und Schmeicheleinheiten der Brandstifter verblenden lässt. Hinzu kommen Kurzsichtigkeit und Feigheit. Den Abgrund vor sich sehend, glaubt Gottlieb Biedermann bis zum Ende nicht daran, dass ihn das drohende Schicksal tatsächlich treffen könnte, welches er durch sein Handeln selbst heraufbeschwört. Der Mensch, für den Gottlieb Biedermann symbolisch steht, denkt linear, lässt sich leicht verblenden und glaubt nicht daran, dass sein Handeln Konsequenzen in der Zukunft haben könnte, weil er sie nicht sehen will – wider besseren Wissens. Beispiel Raucher: Kein Raucher glaubt ernsthaft daran, mit großer Wahrscheinlichkeit einmal an Lungenkrebs dahinsiechen zu müssen.

    Max Frisch hat seinem Werk übrigens den Untertitel hinzugefügt: “Lehrstück ohne Lehre”.

  2. Klar hinterlässt intelligentes und organisiertes Leben einen ökologischen Fußabdruck auf dem Planeten, aber was schadet es? Wahrscheinlich kommen auf jeden Planeten mit intelligentem Leben Millionen andere, die im ökologischen Frieden dahin vegetieren, so dass die Summe des ökologischen Frieden im Universum eher konstant bleibt. Auch die Erde hat bereits schlimmere ökologische Krisen überstanden, z.B. als das Leben nach der Erfindung der Photosynthese die Atmosphäre mit Sauerstoff vergiftete. Wahrscheinlich sind 80% der biologischen Lebensdauer der Erde bereits verstrichen u8nd wir sind der letzte Schuß.

  3. Teurer Spaß

    Ich glaube, 5 Jahre mit den gleichen Latschen herumlaufen zu müssen macht nicht mal Männer froh, schon gar nicht Frauen (wobei ich die Schuhgeschichte nicht nachvollziehen kann. Ich laufe fast nur in Turnschuhen rum. Die Schuhe trage ich ziemlich lang. Mir geht es tatsächlich um den Zweck, nämlich dass ich gut damit gehen kann, und dass sie lange halten.)

    Das Deprimierende daran ist: ich habe kein Auto, gehe sehr viel zu fuß (nicht mal Öffis), fliege nicht auf Urlaub, ernähre mich fast ausschließlich vegetarisch (ein bisschen Milch für den Bio-TransFair-Kaffee, man gönnt sich ja sonst nichts), kaufe Gemüse aus der Region (und ich ernähre mich hauptsächlich von Gemüse), trage meine Kleidung bis sie auseinanderfällt, verzichte weitgehend auf “Consumer Electronics” und andere energieintensive Geräte, kaufe keine Möbel und so weiter, und trotzdem muss ich den Preis genauso bezahlen wie alle anderen.

    Vielleicht preifen deshalb die meisten Leute darauf, irgendetwas zu tun. Weil sie wissen, den Preis bezahlen alle, auch die, die umweltbewusst leben.

    Nachsatz: hätte ich bloß keine Kinder bekommen.

  4. Krise der Automobilindustrie

    PS: und was bricht jetzt aus, angesichts der Wirtschaftskrise: Lautes Jammern über den Rückgang des Autokaufs.

    Statt dass mal jemand froh wäre darüber. In allen Städten Europas hat sich die Anzahl der Autos vervielfacht. Wär das schön, wenns mal wieder weniger würden.

    Und was keiner bedenkt: ein Auto frisst schon jede Menge Ressourcen, bevor es auch nur einen Kilometer weit gefahren ist.

  5. @adenosine u. Maria

    @adenosine: Ich stimme zu, dass es dem Kosmos und wohl auch der Erde relativ egal ist, welche Lebensbedingungen hier für wie lange herrschen. Persönlich schätze ich aber Rahmenbedingungen, die mir ein glückliches und gesundes Leben ermöglichen, höher als ein weiteres Prozent Wirtschaftswachstum und zehn Cent mehr Dividende. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass unsere Nachfahren es befürworten würden, wenn noch ein paar mehr Menschen so denken.

    @Maria: An dieser Stelle wird es wirklich philosophisch. Sicher sind manche Menschen nicht bereit, die Kosten für den verantwortungslosen Lebenswandel anderer zu tragen. Aber viele traurige Ereignisse der Vergangenheit hätten vermieden oder abgeschwächt werden können, hätte es weniger Dulder und Mitläufer gegeben.
    Ein anderes Argument, das mich immer aufregt, ist die These, der Einzelne könne ja nichts bewirken. Mal abgesehen davon, dass viele Einzelne keine Einzelnen mehr sind, sind es fast immer Einzelne, die für große Veränderungen sorgen – nicht ganz alleine, aber als Motor.
    Als problembewusster Mensch keine Kinder in die Welt zu setzen, hielte ich übrigens für den falschen Weg. Damit überließe man die Zukunft ja allein den Verantwortungslosen. 😉

    Noch kurz zum Auto: Dessen Nachfrage hat sich schon vor einem Jahr so stark halbiert, dass die Hersteller rund die Hälfte der Neuwagen auf sich selbst zugelassen haben, um die Zahlen retten – daher die Schwemme billiger Jahreswagen. Als ob gerade bei den Kunden des Premiumsegments keine Neuwagen gekauft würden, weil plötzlich – wie alle 10-15 Jahre einmal – ein paar Geldanlagen stark an Wert verloren haben. Für die Belegschaft der Hersteller ist das natürlich trotzdem hart. Aber auch das ist nichts Neues: Immer wieder ändern sich gesellschaftliche und technische Rahmenbedingungen und bewirken in der einen Branche den Verlust von Arbeitsplätzen, in einer anderen dafür rasantes Wachstum. Es ist lediglich unseren Politikern anzukreiden, dass sie das Wachstum in Märkten wie den Umwelttechnologien nicht stärker forcieren. Umwelt und Wirtschaft sind richtig angepackt längst zwei Seiten einer Medaille.

  6. Maria

    Die Landwirtschaft ist seit Jahrzehnten in der Krise, Bauern kriegen für die Arbeit, die sie leisten kaum was bezahlt, und keinen kümmerts. Das Stöhnen über die Situation der Arbeiter in der Automobilindustrie ist meiner Meinung nach Jammern auf hohem Niveau…

    Ja, ich würde mir wünschen, die Arbeiskraft dieser Leute sinnvoller zu nützen… man kann auch andere Dinge produzieren, neue Dinge auf den Markt bringen.

    Meine Schwester und mein Schwager (Bauern) rüstet nun um auf Bio-Tierhaltung. Inzwischen zahlt es sich aus. Die Nachfrage kann kaum gedeckt werden, Tiere werden zu früh geschlachtet, weil einfach zu wenige da sind. Und man kriegt nebenher auch noch zwar immer noch wenig, aber besser bezahlt dafür.

    Das müsste doch in der Mobilität und Energiewirtschaft auch zu schaffen sein! (Photovoltaik etc.)

  7. Traurig, dabei sind doch Alternativen da

    Traurig und unglaublich. Zumal anderes Handeln doch schon längst möglich ist:

    Umweltbewusstes Leben heißt nicht mehr Verzicht und auch nicht mehr Mehrkosten. Siehe Ökostrom, Energiesparhäuser, energieeffiziente Lampen und Haushaltsgeräte, Biolebensmittel und nun die ersten Plug-In Hybridautos. Oder so einfache Verhaltensänderungen wie nicht bei angestellter Heizung das Fenster zu öffnen oder das Licht hinter sich auszumachen, wenn man aus dem Raum geht — bei all diesen Produkten und Verhaltensweisen spart man direkt oder nach relativ kurzer Zeit, verzichtet weder auf Luxus noch auf Lebensqualität und verbessert seinen ökologischen Fußabdruck massiv.

    Doch immer noch warten Politik, viele Industrien und vor allem die Verbraucher auf ein Wunder, anstatt bei sich selbst – beim eigenen Konsumverhalten – anzufangen.

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