Lernen mit Gesten. Was die Hirnforschung verrät

In meinem letzten Blogpost habe ich eine verhaltenswissenschaftliche Studie beschrieben, die zeigte, dass Gesten beim Vokabellernen helfen. Doch als es darum ging, wie genau Lehrer dieses Mittel im Unterricht einsetzen können, stießen wir an eine Grenze. Darüber, was die gestische Unterstützung im Gehirn eigentlich genau bewirkt, gab es von Seiten der Kognitionspsychologie vier mögliche Erklärungen, die jeweils zu unterschiedlichen Empfehlungen für das Vorgehen im Unterricht führten. „Was soll nun der Lehrer tun?“, fragte ich und stellte in Aussicht, dass neurowissenschaftliche Methoden zumindest teilweise eine Antwort geben können.

Um den Effekt zu verstehen, den Gesten auf das Gedächtnis haben, führten meine Kollegen und ich ein Experiment mittels funktioneller Magnetresonanztomographie des Gehirns durch. Dafür lernten 33 Probanden 92 Vokabeln aus der Kunstsprache Vimmi.

Am sechsten Experimenttag wurden 18 zufällig gewählte Probanden einer Magnetresonanztomographie unterzogen. Bekannte Wörter aus dem Training wurden mit unbekannten Wörtern vermischt bzw. akustisch und visuell dargeboten. Die Gehirnaktivität der Probanden während der Wahrnehmung wurde mitunter auch mit der Ruheaktivität verglichen, die sie aufwiesen, wenn sie lediglich im Scanner lagen und keine Aufgaben ausführten (in den so genannten «silence»-Phasen).

Wir wollten wissen, wie Wörter, die mithilfe von Gesten gelernt wurden, im Gehirn repräsentiert sind. Unsere Annahme war, dass die Anwendung der Lernstrategie zur Bildung komplexer Netzwerke im Gehirn führt, weil sich Sprachareale mit sensomotorischen Gebieten der Gehirnrinde  verbinden. Diese komplexen Netzwerke, so die Vermutung, speichern das Wort in der Fremdsprache an verschiedenen Orten im Gehirn und machen es schneller und nachhaltiger abrufbar.

Die statistische Auswertung der Gehirnaktivität aller achtzehn Probanden bestätigte die Hypothese. Gestische Unterstützung führte zur Ausbildung eines ausgedehnten Netzwerkes, das mehrere Areale der Gehirnrinde miteinander verband, die während des Lernens beansprucht werden.

Darüber hinaus werden Gebiete der Gehirnrinde, die Bewegungsvorbereitung steuern, durch blosses Hören und Lesen aktiv. Dies zeigt, dass die ausgeführte Bewegung im Wortnetzwerk gespeichert ist: Sobald die Testperson das gelernte Wort akustisch und visuell erkennt, werden automatisch motorische Programme eingeleitet, die Bestandteile der gesamten Wortrepräsentation darstellen. In diesem komplexen Wortnetzwerk sind auch visuelle Areale involviert, die für Lesen, Gesichts- und Körpererkennung zuständig sind und während des Trainings die eingehende Information verarbeitet haben.

Ausgedehntes von Gesten bewirktes Netzwerk, das bei akustischer (Wortlaut) und visueller Präsentation (geschriebenes Wort) im Magnetresonanzexperiment aktiviert wurde (Kontrast mit Baseline/Silence)

 

Steigerung der Merkleistung durch Gesten

Die verbesserte Behaltensleistung von Vokabeln in der Fremdsprache mittels Gesten führten wir auf mehrere Faktoren zurück:
a) die Komplexität des Netzwerkes, das durch die Benutzung von Gesten entsteht,
b) die Einbindung der Motorik beim Erlernen verbaler Information und
c) die Bildhaftigkeit der verwendeten Gesten.

Zu a): Es ist eine funktionelle Eigenschaft des Gehirns, komplexe Netzwerke zu bauen, die Information verarbeiten und speichern. Die Gesten helfen, ein komplexes Netzwerk zu bilden, das mehrere Sinnesmodalitäten und die Motorik involviert. Im Erstspracherwerb kann man das gut beobachten. Das Kind hört ein Wort, z.B. «Zitrone» und erlebt jede Menge erfahrungsbezogene Sinnesreize,  spürt mitunter den Drang, mit der Zitrone motorisch zu interagieren, sie anzugreifen, sie fallen zu lassen, usw. In der Tat hat die Neurowissenschaft in den letzten Jahren durch zahlreiche Experimente belegt, dass Wörter im Gehirn als komplexe, erfahrungsabhängige Netzwerke dargestellt sind (s. die vielen Publikationen von Friedemann Pulvermüller und seiner Gruppe).

Komplexität im Wortnetzwerk macht Informationen stabil sowie schneller und längerfristig abrufbar. Gedächtnistheorien, wie Klimeschs Konnektivitätstheorie (Klimesch 1994) erklären dies anschaulich: Informationen werden im Langzeitgedächtnis nicht isoliert, sondern vernetzt gespeichert. Je komplexer die Vernetzung, umso effizienter ist das Abrufen. Auch die Geschwindigkeit der Suche steigt, je mehr Netzwerkkomponenten aktiviert werden (können). Schnellere Suchprozesse aufgrund der Komplexität des Netzwerks erklären mitunter die Überlegenheit der Gesten-Vokabeln gegenüber audiovisuell gelernten Wörtern in den oben beschriebenen Experimenten.

Zu b) Wenn ein Wort mit einer dazu passenden Bewegung während des Lernens gekoppelt wird, wird es besser abgerufen als ein Wort, das nur gehört, gelesen, oder gehört und gelesen wurde. Diese Erkenntnis stand experimentell bereits Anfang der achtziger Jahre zur Verfügung (Engelkamp 1980), drang jedoch nie in Bereiche wie die Fachdidaktik der Fremdsprachen vor. Am Institut für Psychologie der Universität Saarbrücken und in anderen Forschungszentren weltweit wurde die Wirkung von Bewegung auf das verbale Gedächtnis durch zahlreiche Experimente belegt. Man sprach vom «enactment effect» (Cohen 1989): Die Wissenschaftler führten ihn auf eine motorische Gedächtnisspur zurück, die durch die Ausführung von Bewegungen in die Wortrepräsentation «eingebaut» würde. Diese motorische Gedächtnisspur wurde erst 2006 neurowissenschaftlich belegt: für Wörter in der Muttersprache in einer Studie mit Magnetenzephalographie von Masumoto (Masumoto et al. 2006) und für Fremdsprachen von Angela Friederici, Karsten Müller und und mir in dem bereits oben erwähnten Experiment mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie 

c) Kritiker der Enactment-Theorie behaupteten, dass der Effekt von Gesten auf das Gedächtnis nicht in der motorischen Komponente liege, sondern in der Bildhaftigkeit der Geste an sich. Tatsächlich haben neurowissenschaftliche Untersuchungen belegt, dass eine Inkongruenz zwischen Wortlaut und Geste im Gehirn wahrgenommen wird (Kelly/Ozyurek/Maris 2010). Wir konnten in diesem Experiment zeigen, dass nicht jede Art von Gesten das Lernen von Vokabeln in der Fremdsprache unterstützt: Gesten, die die Wortsemantik illustrieren, führen zu signifikant besseren Resultaten als Gesten, die von der Wortsemantik entkoppelt sind. Also reicht nicht irgendeine Bewegung, um das Gedächtnis für die verbale Information zu unterstützen. Es müssen «sinnvolle» Gesten sein.

Gesten stellen eine in der Praxis bewährte und wissenschaftlich gut untersuchte Lernstrategie dar. Sie verbinden Sprache mit dem Körper. Ihre Anwendung wurde im Unterricht an Erwachsenen (Macedonia, 1999) und auch an Kindern (Tellier, 2008) erprobt. Ihre Verwendung ist aufgrund des intrinsisch intuitiven Gehaltes auch für Menschen mit niedriger Alphabetisierung und geringen Kenntnissen der Zielsprache empfohlen und kann in Integrationssprachkursen (zum Beispiel Deutsch als Fremdsprache) eingesetzt werden.

Ihr Effekt auf das Gedächtnis ist durch die Komplexität der neuronalen Netzwerke zu begründen, die sie bilden, aber auch durch die motorische und die bildhafte Komponente der Bewegung. Dieses und anderes Wissen, das Folgen für die praktische Einbindung der Gesten in den Unterricht hat, ermöglichte uns der Einsatz von Verfahren der Hirnforschung.

 

Referenzen

Cohen, R. L. (1989). “Memory for action events: The power of enactment.” Educational Psychology Review, 1, 57-80.

Engelkamp, J., Krumnacker, H. . (1980). “Imaginale und motorische Prozesse beim Behalten verbalen Materials.” Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie(27), 511-533.

Kelly, S. D., Ozyurek, A., and Maris, E. (2010). “Two sides of the same coin: speech and gesture mutually interact to enhance comprehension.” Psychol Sci, 21(2), 260-7.

Klimesch, W. (1994). The structure of long-term memory : a connectivity model of semantic processing, Hillsdale, N.J. [u.a.]: Erlbaum.

Macedonia, M. (1999). Sinn-voll Fremdsprachen unterrichten, Linz: Veritas-Cornelsen.

Macedonia, M., Muller, K., and Friederici, A. D. (2010). “The impact of iconic gestures on foreign language word learning and its neural substrate.” Hum Brain Mapp.

Masumoto, K., Yamaguchi, M., Sutani, K., Tsuneto, S., Fujita, A., and Tonoike, M. (2006). “Reactivation of physical motor information in the memory of action events.” Brain Res, 1101(1), 102-9.

Pulvermüller, F. (2002): The neuroscience of language: on brain circuits of words and serial order. Cambridge, New York: Cambridge University Press.

 

Veröffentlicht von

Dr. Manuela Macedonia erforscht seit vielen Jahren neue Strategien, um das Erlernen von Fremdsprachen effizienter zu gestalten. Die gebürtige Italienerin studierte allgemeine Sprachwissenschaft, Germanistik und Kognitivpsychologie in Turin und an der Universität Salzburg, wo sie 2003 mit einer Arbeit über Fremdsprachenlernen und Gedächtnis promovierte. Derzeit untersucht sie in der Max-Planck-Forschungsgruppe "Neuronale Mechanismen zwischenmenschlicher Kommunikation" den Effekt, den multisensorische Anreicherung auf Gedächtnisprozesse bei jungen Erwachsenen während des Sprachenlernens hat. Im Jahr 2010 gründete sie "Neuroscience for you" ein Institut für Wissenstransfer aus den Neurowissenschaften. http://www.das-gehirn.com/

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Tag.

    Ich hab’s nur überflogen, aber das alles scheint mir doch ein Hinweis auf das, was der gesunde Menschenverstand schon sagt, nachdem er hingeschaut hat: “Der optimale Spracherwerb geschieht situativ.” — Ich plädiere also unter Anderem für mehr interaction.

    Plus sinnvolle Merkhilfen, die das ganze lektionsbetreffende Regelwerk mit einem Mal offenlegen (Zur Vermeidung späterer Interferenzen). Wenn das nach und nach in die Didaktik sickert, wäre m. E. so Einiges gewonnen.

    Guten Tag.

  2. evolutionspsychologisches Relikt?

    Danke für den interessanten und detailierten Bericht, eine explizite Schilderung der Annahmen und Methodiken würd ich mir öfter wünschen bei wiss. Blogs.

    Zum Artikel: Was würde man jetzt spekulativ darauf schliessen? Ist der Aufbau eines Vokabulars/Sprache bei “sportlichen” Aktivitäten der Urmenschen warscheinlich aufgetreten (Handzeichen z.B. bei der Jagd verknüpft mit Lauten). So wich ich c) verstehe ist die sensomotorische Verknüpfung ja unterstützend, aber nicht notwendig oder hinreichend für ein mentales Lexikon. Ich hab früher noch Latein-Vokabeln gelernt indem ich sie mehrmals hintereinander geschrieben habe und man kann sie sich so besser merken als wenn man sie heute auf dem Smartphone in einer App einfach liest, weil die Wörter mit einem motorischen Schriftzug verknüpft sind.

    Wenn man aber c) zu Ende denkt, würde das doch bedeuten das blinde Menschen es schwerer haben ein mentales Lexikon zu bilden, weil sie diese Bildhaftigkeit nicht erleben können?

    Ein weiterer Extremfall sind Savants wie Kim Peek, der Buchseiten scannen und erinnern kann, dabei scheint aber keinerlei motorisches Lernen involviert zu sein. Während Ottonormal Vokabel lernen muss und netzwerktechnisch verknüpfen, können manche Savants scheinbar einfach Begriffe speichern.

  3. Wirklich schöne Daten, aber …

    Ich finde Ihre fMRI-Studie sehr interessant, spannende Daten!

    Aber im letzten Satz schreiben Sie: “Dieses und anderes Wissen, das Folgen für die praktische Einbindung der Gesten in den Unterricht hat, ermöglichte uns der Einsatz von Verfahren der Hirnforschung.” – Nun, ich finde, die fMRI-Studie zeigt vor allem Mechanismen auf; jede praktische Schlussfolgerung daraus, müsste ggf. nochmals im Verhalten validiert werden. Für den reinen Anwender ergibt sich daher m.E. kein Nutzen aus der fMRI-Studie.

    Ganz allgemein zur Thematik: Wäre es nicht sinnvoll, den Fremdsprachenerwerb insofern an den Muttersprachenerwerb anzugleichen, als dass man überhaupt nicht mehr den Umweg über die Muttersprache geht und übersetzen übt (Stichwort: Vokabel lernen), sondern direkt an den Objekten, Eigenschaften und Ereignissen selbst die neue Sprache lernt? (Dabei würde man unter anderem selbstverständlich semantisch sinnvolle Gesten einsetzen.) Ich glaube, die Rosetta Stone Sprachkurse arbeiten mehr oder weniger so. Was halten Sie von dieser Strategie?

  4. Eine Antwort

    @Christian Hoppe

    Das wird nicht funktionieren. Die Regeln müssen reingeschliffen werden. Im Alter von zwei Jahren hat ein muttersprachliches Kind schon 2 Mio Worte in regelbasierten Konstellationen (Sätze) gehört und daraus automatisch grundlegegene Zusammenhänge erkannt. Diese Regeln werden von Grammatiken gefasst und jene müssen Sie erst einmal pauken — quasi als Nachbildung der N Mio Sprachkontakte…

    Und ja, leider auch Vokabeln, wobei man da mit Sicherheit Strategien der Erleichterung einführen kann: Nicht bekannte Merkhilfen a la Visualisierung — sondern Angebot eines alltagstauglichen Vokabulars samt Umschreibungsstrategien für Nichtgelerntes, Häufigkeitshinweise, Hinweise auf störende Ähnlichkeiten, häufig vorkommende Wortbildungsregeln…

    Das sind m. E. weitere wichtige Ansatzpunkte!

    Ich weiß, die Frage war nicht an mich gerichtet; ich hoffe die Antwort inspiriert Sie trotzdem.

    Ach ja, und das Hirn eines jugendlichen Sprachenlerners ist ja auch semantisch bereits viel weiter als das muttersprachliche (Klein)kind.

  5. @Michael Ruttor

    Zitat:
    “Ich hab früher noch Latein-Vokabeln gelernt indem ich sie mehrmals hintereinander geschrieben habe und man kann sie sich so besser merken als wenn man sie heute auf dem Smartphone in einer App einfach liest, weil die Wörter mit einem motorischen Schriftzug verknüpft sind.”

    Bei dem durch Gesten unterstützten Lernen geht es wohl vor Allem darum, für jede Vokabel eine spezifische Geste zu assozieren und so letztlich ein für diese Vokabel spezifisches neuronales Netzwerk aufzubauen, welches nun nicht nur durch visuelle (lesen) und auditive Reize aktiviert werden kann, sondern auch durch spezifische motorische Reize. Es geht also um den Bezug von Geste zu ausschließlich einer Vokabel.
    Wenn eine Geste nicht spezifisch mit einer Vokabel assoziert wird, wie es bei der Touchscreen-Daumenbewegung der Fall ist, so entsteht auch keine so direkte Verknüpfung zwischen der Daumenbewegung und dem Wort, oder eben dem Wortpaar. Hier brächte man die geste wohl eher mit der Benutzung des Smartphones an sich in Verbindung.

    mehrmaliges Lesen einer Vokabel, also das Wiederholen des Lernstoffes, feührt wohl eher weniger zu einer Vergrößerung des neuronalen netzwerks. Hier sind die reize schließlich immer die gleichen (nur visuell und evtl. auditiv), wodurch dann lediglich Nervenverbindungen gefestigt, nicht aber neue gebildet werden dürften.

    Einen ähnlichen Effekt wie das Lernen mit gesten hat wohl auch das reflektieren eines Inhalts (z.B. eines sachtexts) um diesen besser in Erinnerung zu halten. Bei nachdenken über das behandelte Thema bringt man dieses schließlich mit eigenen Erfahrungen in Verbindung und stellt so wie auch bei dem lernen mit Gesten ein größeres neuronales Netzwerk her, welches einen direkten Bezug zu eben dem text herstellt, den man sich einzuprägen versucht.

    Zitat:
    “Wenn man aber c) zu Ende denkt, würde das doch bedeuten das blinde Menschen es schwerer haben ein mentales Lexikon zu bilden, weil sie diese Bildhaftigkeit nicht erleben können?”

    Auch wenn blinde menschen visuelle reize wohl nicht verarbeiten können, so so können sie das doch im falle aller anderen Sinneseindrücke (und das – soweit ich weiß – meist besser als “sehende” Menschen). Wenn es also nur um die Ausbildung eines großen neuronalen Netzwerkes geht, so ist dies zwar mit Bildhaftigkeit herbeizuführen, wohl aber auch mit anderen Sinneseindrücken. Das mag aber hypothetisch sein.

    Gruß

  6. Pawlow, Emotionen

    Das durch Gesten unterstützte Lernen von Wörtern ist nichts anderes als eine Variante der von Pawlow bekannten Konditionierungsexperimente. Beim Erinnern verknüpfter Reiz-/Reaktionsmuster reicht ein Teilreiz aus, um das ganze erlernte Muster zu reaktivieren. Wenn dabei auch motorische Area aktiv sind, dann war dies zu erwarten.

    Unterstützende Gesten beim Unterricht sind daher sicher förderlich für das Verständnis und den Lernerfolg. Allerdings ist schon länger bekannt, dass positive Emotionen den größten Lernerfolg bewirken. Daher sind diejenigen Lehrer auf dem richtigen Weg, welche schon immer Wert darauf legten, dass die Schüler am Unterricht mit Freude und Spass teilnahmen.

  7. Affigkeit

    Ihre Verwendung ist aufgrund des intrinsisch intuitiven Gehaltes auch für Menschen mit niedriger Alphabetisierung und geringen Kenntnissen der Zielsprache empfohlen und kann in Integrationssprachkursen (zum Beispiel Deutsch als Fremdsprache) eingesetzt werden.

    In der Tat ist die Affigkeit das letztlich verbindende Glied unter Menschen (vs. Bären) und die Wichtigkeit dieser Spezifität kann kaum genügend betont werden.

    MFG
    Dr. Webbaer (der nicht nur für diesen Artikel, sondern auch für die Kommentatorik dankt)

  8. esperantoelemente als gesten lernen

    wortelemente mit klar umrissener bedeutung (vor-, nachsilben, endungen) sind besonders gut als gesten geeignet. so lassen sich worte intensiv erleben. da dies bei esperanto gut möglich ist wie auch der propädeutische wert erwiesen ist, wünsche ich mir eine ernsthafte untersuchung des projekts
    –sprache lernen mit bewegung (beispiel esperanto) | bewegtes lernen – esperantogrammatik als bewegungsübung–
    an eine begleitung wäre ich interessiert. steffen eitner
    http://www.steffen-eitner.homepage.t-online.de/movlern.htm bei http://www.steffen-eitner.homepage.t-online.de

  9. Situativ?

    Ob der optimale Spracherwerb situativ geschieht?

    Wir müssen immer zwischen Spracherwerb und Sprachenlernen:

    Erstes geschieht in der Kindheit, braucht kein formales Regelwerk, also keine Instruktion und die “proficiency” ist 100%. Sprachenlernen erfolgt hingegen nach der Kindheit.

    Wenn man eine gewisse Genauigkeit des Ausdruckes und eine gewisse Flüssigkeit im Sprechen beim Sprachenlernen erreichen will, muss man nach der Kindheit tatsächlich zu Mitteln greifen, die uns dabei helfen, das Ziel zu erreichen: Grammatik, Übungen (Syntax, Morphologie, usw.). Natürlich kann man all diese Parameter beliebig variieren: Der eine plappert lieber völlig agrammatikalisch und ist zufrieden damit, der andere will im Sinne der Perfektion nur 100% korrekte Sätze verwenden.
    Dennoch: Im Erwachsenenalter, wenn wir uns der Kompetenz eines Muttersprachlers nähern wollen, können wir es einfach nicht mit “total immersion” machen. Manche ja, vielleicht, die meisten nicht.

    Betrachten Sie die Sprache vieler Migranten, die seit Jahren in “full immersion” leben, jedoch es nicht schaffen, sich zu artikulieren. Würde es situativ gehen, würden sie alle fließend sprechen. Oder fahren Sie 3 Monate nach Spanien und lernen Sie in Interaktion mit Menschen auf der Straße: Sie werden mit einigen Brocken zurück kommen. Machen Sie drei Monate einen Intensivkurs, werden Sie bereits ein bisschen sprechen. Warum? Weil es “situativ”, also nur in Gesprächssituationen für den Erwachsenen Menschen nicht so einfach geht, wie beim Kind.

    Dabei möchte ich anmerken, dass es auch ein Mythos ist, das Kind würde ohne Anstrengung seine Muttersprache lernen. Diesbezüglich äußert sich Michael Tomasello mitunter in seinem brillanten Buch “Constructing a language” (1) sehr eindeutig. Das Kind braucht Jahre und Jahre intensiven Inputs, mehrstündiger Interaktion am Tag mit Bezugspersonen, mit “Korrekturen”, usw., um seine Muttersprache zu erwerben. Gewisse Strukturen wie Passivsätze werden erst sehr spät tatsächlich erst verstanden und noch später verwendet. So einfach, wie Chomsky in frühen Jahren behauptet hatte (poverty of stimulus) geht es auch im Erstspracherwerb nicht.

    Daher halte ich die Vorstellung das Erlernen von Fremdsprachen am Mutterspracherwerb anzugleichen für unrealisierbar, zumal auch die gleichen Bedingungen geschafft werden müssten, die das Kind hat: Permanente Interaktion mit muttersprachlichen Bezugspersonen, zu denen auch noch eine emotionale Bindung besteht, die den Lernprozess moduliert.
    Wäre wunderschön aber ist aber angesichts der Realität leider eine Utopie.

    Was wir aber machen können: Im Kindergarten sollte flächendeckend eine Zweitsprache eingeführt werden: Eine Stunde Spielen und Alltag auf z.B. Englisch. In der Schule würde man dies bereits merken.

    Es scheint mir fast einen unausgesprochenen Wunsch zu geben: Lernen ohne Grammatik, ohne formales Regelwerk, so wie es das Kind tut, denn man verbindet auch damit die Vorstellung, dass es weniger anstrengend wäre als man vielleicht erlebt hat.
    Gesten mögen zu diesem trügerischen Schluss führen: Wenn “action” im Spiel, dann keine Grammatik? Nein, so ist es nicht! Gesten stellen eine Strategie dar, die eine Steigerung der Merkleistung bewirkt. Das ersetzt aber keine Grammatik.

    @Tom@Michael Ruttor: Danke Tom, das ist schön interpretiert und erklärt. Genauso sehe ich es. Vokabeln schreiben ist eine Möglichkeit der motorischen Anreicherung: Das ist aber eben nur Motorik und enthält nicht die Bildhaftigkeit und mehrere andere Komponenten, die in der Geste vorhanden sind. Mit Gesten lernt man schneller und es hält länger.

    @Michael Ruttor
    Gesten und Sprache sind evolutionär sehr eng miteinander verbunden. Tomasello sieht in seinem lesenswerten Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation (2)sogar den Ursprung der Sprache in den Gesten. Aus vielen Gründen teile ich im Großen und Ganzen seine Meinung.

    1) http://www.amazon.de/Constructing-Language-Usage-Based-Theory-Acquisition/dp/0674017641

    2) http://www.suhrkamp.de/buecher/die_urspruenge_der_menschlichen_kommunikation-michael_tomasello_58538.html

  10. @Christian Hoppe

    @ Christian Hoppe
    Zitat: “Nun, ich finde, die fMRI-Studie zeigt vor allem Mechanismen auf; jede praktische Schlussfolgerung daraus, müsste ggf. nochmals im Verhalten validiert werden. Für den reinen Anwender ergibt sich daher m.E. kein Nutzen aus der fMRI-Studie.”

    Ich habe meine Experimente immer mit Verhaltenstests begonnen. Dann habe ich die Mechanismen im Gehirn gesucht. Was man jetzt tatsächlich machen müsste, wären weitere Verhaltensexperimente, damit man die gesamte Thematik durchleuchtet und die Erkenntnisse der Praxis zur Verfügung stellen kann. Zu gewissen Verhaltensexperimenten gehören dann aber wiederum Verifizierungen in der Zeitkomponente oder Lokalisierung im Gehirn. Die Hirnforschung soll die Verhaltenstests ja nicht ersetzen, aber sie hilft uns an bestimmten Stellen weiter, an denen es mit reinen Behavioralstudien schwierig wird – und davon profitieren auch Anwender.

  11. grammatik in gesten

    Kinder sind, wenn man so will, Menschen einer anderen Art. Alle Erwachsenen durchliefen diese Phasen und doch sind sie ihnen fremd. Das Erlernen der Muttersprache ist eng mit der Identitätsfindung verbunden. Es ist sicher nicht ratsam, eine als besonders wichtig geltende fremde National-Muttersprache in großem Umfang früh neben den originalen Mutterspracherwerb zu stellen. In der Konsequenz führt die parallel erworbene Fremdnationalsprache zu einer überproportionalen Identifikation mit der jeweiligen begünstigten Nationalkultur. Dagegen hilft ein Erlernen einer übersichtlichen Sprache vor weiteren Nationalsprachen (Propädeutik). Nach Nutzung der Sprache Esperanto geschieht weiteres Sprachenlernen zügiger. Zudem bietet Esperanto die Möglichkeit, Gramatik direkt als Gesten darzustellen. Dazu dienen die Wort-Elemente. So kann geschrieben, gelesen, gehört aber auch mittels Gesten gezeigt und verinnerlicht werden, was hinter dem Wort steht.

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