Kleinkinder imitieren weniger vernunftgeleitet als gedacht

von Peter Zekert Forscher unseres Instituts haben kürzlich eine vielzitierte Nature-Studie aus der Entwicklungspsychologie überprüft. Das damalige Ergebnis, 14 Monate alte Kinder würden rational auswählen, ob sie eine Handlung imitieren, konnten sie nicht bestätigen. Unterschiede im Imitationsverhalten kamen offenbar schlicht durch Ablenkungen während des Experimentes zustande.

Im Moment wird in der Psychologie ja häufiger über Replikation gesprochen. Etwa im “Observer” der amerikanischen Association for Psychological Science oder hier bei Scilogs im Blog von Thomas Grüter. Es scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass es an Studien mangelt, die frühere Ergebnisse auf den Prüfstand stellen. Ich will den Blog eigentlich nicht dazu verwenden, Pressemitteilungen zu verbreiten. Aber als Beitrag zur aktuell laufenden Debatte scheint es mir diesmal sinnvoll, die Meldung auch hier und bei Scilogs.eu einzustellen.

Kleinkinder imitieren weniger vernunftgeleitet als gedacht

„Kinder sind klüger als wir denken“, zu diesem Schluss kam vor zehn Jahren eine seitdem vielzitierte entwicklungspsychologische Studie. Beobachteten 14 Monate alte Kleinkinder eine ungewöhnliche Handlung, ahmten sie diese seltener nach, wenn sie aus den Handlungsumständen erklärbar war. Diese selektive Imitation gilt seitdem als Beleg für frühes rationales Denken. Doch wie Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften nun nachweisen, hat man die Kinder damit offenbar überschätzt. Eine Überprüfung zeigte, dass die Unterschiede im Imitationsverhalten durch Ablenkungen während des Experimentes zustande kamen. Die Studie „Rethinking ‘Rational Imitation’ in 14-Month-Old Infants: A Perceptual Distraction Approach“ ist bei PloS ONE erschienen.

Schon seit langem erforscht die Entwicklungspsychologie das Imitationsverhalten im Kleinkindalter, um daraus Rückschlüsse auf das frühe Handlungsverständnis zu ziehen. Eine Studie, die im Fachjournal Nature veröffentlicht wurde, schien 2002 beeindruckende kognitive Fähigkeiten zu offenbaren. Im Experiment saßen Kleinkinder einer Person gegenüber, die eine eigentümliche Handlung vormachte: Sie beugte sich herunter und drückte, obwohl ihre Hände frei waren, mit dem Kopf auf eine vor ihr liegende Lampe, die daraufhin aufleuchtete. Wurde den Kindern die Lampe später vorgesetzt, kopierten zwei Drittel der Kinder dieses Verhalten.

Dagegen imitierten es nur etwa 20 Prozent der Kinder, wenn die Hände der Person während der „Kopfbewegung“ nicht frei waren. Die Person hielt in diesem Fall eine um den Oberkörper gewickelte Decke fest, die ihr sonst nur lose über den Schultern lag. Scheinbar wählten die Kinder sehr bewusst aus, was sie imitierten. Nach bisheriger Interpretation erkannten sie das Ziel der Handlung und nahmen an, dass der Einsatz des Kopfes im ersten Fall einen Vorteil haben müsse, während er im zweiten Fall nur eingesetzt wurde, weil die Hände der Person nicht frei waren.

Mitarbeiter der Forschungsgruppe „Entwicklung von Kognition und Handlung“ prüften nun eine einfachere Erklärung: „Mit der farbigen, um den Körper geschlungenen Decke hatte die zweite Versuchsbedingung ein auffälliges Element“, sagt Miriam Beisert, die Erstautorin der Replikationsstudie. „Der ungewohnte Anblick könnte von der eigentlichen Handlung abgelenkt haben.“

Um den Einfluss von Ablenkungsreizen zu testen, wiederholte die Forscherin das Experiment und fügte zwei zusätzliche Bedingungen hinzu, die sich in Details unterschieden. In der einen Bedingung wurde den Kindern Zeit gegeben, sich an den Anblick der in die Decke gewickelten Person zu gewöhnen. Erst dann machte ihnen die Person die Kopfbewegung vor. Nun imitierten etwa 70 Prozent der Kinder die Handlung. Dass die Hände der Person bei der Handlungsausführung nicht frei waren, spielte also offensichtlich keine Rolle. Wie wichtig dagegen der Einfluss ablenkender Reize war, zeigte sich, als die Forscher in der ursprünglichen “Hände frei”-Bedingung einige auffällige rote Smileys auf den Tisch platzierten. Dadurch sank die Imitationsrate deutlich.

“Der Ansatz des rationalen Imitierens ist damit nicht mehr haltbar”, sagt Forschungsgruppenleiter und Mitautor Moritz Daum. Derzeitige Annahmen über kindliches Imitationsverhalten müssten nun neu überdacht werden, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Originalveröffentlichung: Miriam Beisert, Norbert Zmyj, Roman Liepelt, Franziska Jung, Wolfgang Prinz, Moritz M. Daum: Rethinking ‘Rational Imitation’ in 14-Month-Old Infants: A Perceptual Distraction Approach. PloS ONE, 15. März 2012.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Geht es um die Lampe oder die Imitation?

    Ob die Kinder “vernunftgeleitet” imitieren oder dies nicht tun, lässt sich doch eigentlich nur dann feststellen, wenn es die Aufgabe ist, die Lampe anzustellen (um dann eine Belohnung zu bekommen).
    Es scheint nun aber so gewesen zu sein, dass hier gar nicht um das Anstellen der Lampe, sondern nur um die Frage ging, ob die Kinder überhaupt irgendwie imitieren. Und in dem Fall liegt es eigentlich nahe, dass die Kinder sich eher weniger mit der Lampe beschäftigen, wenn es noch andere interessante Dinge gibt(z.B. Smilies). Auch wenn sie in der Lage wären, vernunftgeleitet zu imitieren, so zeigen sie dies wohl nicht unbedingt, wenn sie sich vom Anschalten der Lampe nichts versprechen.

    Gruß

  2. Kinder, die unbekannten Wesen

    Das hier beschriebene Experiment könnte ähnlich oder fast gleich auch mit Schimpansen als Versuchsobjekten stattgefunden haben.

    Und die Analogie geht noch weiter. Wir wissen über die Denk- und Vorstellungsfähigkeiten von Babys und kleinen Kindern scheinbar genauso wenig wie über Schimpansen.

    Vielleicht kann man das sogar noch weitertreiben und behaupten: Wir wissen auch über die mentalen Zustände selbst Erwachsener sehr wenig und können nur erahnen wie beispielsweise Lernvorgänge ablaufen.

    Das scheinbar Bekannte also im Schattenreich des Unwissens.

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