Überraschungen aus dem Pressespiegel

von Peter Zekert – Wenn unser Institut eine Pressemeldung herausgibt, versuche ich ungefähr abzuschätzen, was die Zielgruppe Nummer 1, die Wissenschafts- und Medizinjournalisten, mit dem jeweiligem Thema wohl machen wird. Welche Fragen sie stellen könnten, welches Material man ihnen liefern muss, welche Missverständnisse man gleich ausschließen sollte und in welche Zusammenhänge sie das jeweilige Forschungsergebnis einordnen werden. Natürlich klappt das nicht immer, aber eine gewisse Kenntnis der „Szene“ stellt sich nach einiger Zeit schon ein.

Unerwartete Interpretationen tauchen oft dann auf, wenn Journalisten aus anderen Ressorts über eine Studie stolpern und Grundlagenforschung aus dem Kognitionslabor plötzlich in Wirtschafts- oder Politikartikel eingebaut wird. Etwa, wenn ein Autor der Leipziger Online-Lokalzeitung l-iz.de aus dem hiesigen Amt für Statistik und Wahlen zurückkommt und sich einen netten Einstieg für seinen Artikel über den Quartalsbericht der Zensus-Erhebungsstelle überlegt:

Kann man Glück messen? Die Forscher aus dem Leipziger Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften würden wahrscheinlich mit breiter Brust sagen: “Ja!” Da leuchten ganze Regionen im Gehirn auf. Der Kreislauf kommt in Schwung. Die elektrische Spannung an den Messpunkten steigt. Aber wie ist das mit ganzen Städten? Kann man deren Glück auch messen?

Mal abgesehen davon, wie das für die MPI-Forscher tatsächlich mit der Glücksmessung aussieht (dazu vielleicht ein andern Mal) finde ich es schön, wenn das Wissenschaftsressort keinen zeitungsinternen Elfenbeinturm bildet, sondern die Forschung so anschlussfähig und präsent ist, dass sie auch Politik- Wirtschafts- oder Feuilletonjournalisten als Inspiration, Argumentationshilfe oder einfach für einen hübschen Textanfang dienen kann. Für Scilogs habe ich einige besonders interessante Beispiele aus unserem täglichen Pressespiegel gefischt. Sie bewegen sich zwischen merkwürdig und bemerkenswert, sind aber in jedem Fall eine interessante Abwechslung, weil sie ins vergleichsweise unbekannte Terrain von Politik und Finanzwirtschaft führen.

1. Gene, Dopamin und Politik

Die MPI-Wissenschaftler Tilmann A. Klein und Markus Ullsperger haben Ende 2007 gezeigt, dass die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, von der genetischen Variation des Dopamin D2-Rezeptors im Gehirn abhängt. Versuchspersonen, bei denen die Rezeptordichte für diesen Botenstoff verringert war, nutzten negatives Feedback weniger häufig zum Lernen, als Versuchspersonen mit höherer Rezeptordichte. (Link)

Dopaminrezeptoren und Fehlerverarbeitung

 

 

 

 

(© Science/MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig)

 

Was heißt das? Klarer Fall, meinten viele Politikblogs zu Beginn des US-Wahlkampfjahres 2008:

Scientists continue research into what the fuck is wrong with Republicans

New evidence reveals Republicans are Mutants!! (unten) 

Dailykos.com, mit nach eigenen Angaben 2 Milllionen monatlichen Lesern einer der größten politischen Blogs der USA,  veröffentlichte gleich zwei verschiedene Artikel mit folgenden Einlassungen: „It would seem … that the die-hard Republicans just can’t help themselves. Oh, they would LIKE to fit in and understand how other people manage to adapt their thinking to find new solutions …but they just can’t! (Link) „Their brain isn’t as evolved or as capable as everyone else’s.“ (Link)

So einfach kann man sich das also machen. Warum nur Unterstützer der Demokraten diese Studie für ihre Attacken auf die Gegenseite benutzt haben, weiß ich nicht. (Vielleicht holen sich Konservative ihre Munition einfach weniger gerne aus den Naturwissenschaften.)

2. Jazz, Gehirn und Börsenkurse

Zugegeben, wenn ein Finanzkolumnist wie Gianni Hirschmüller sich auf das Thema “Behavioral Finance” spezialisiert und dann auch noch Direktor einer Firma namens Cognitrend ist, überrascht es nicht so sehr, dass unser Institut mal in einem seiner Texte auftaucht.

Amygdala-Aktivierung bei Jazzmusikern während des Hörens einer ImprovisationDass es aber gerade eine Studie aus dem Musiklabor sein würde, lag nicht gerade nahe. Forschungsgruppenleiter Peter Keller und seine Mitarbeiterin Annerose Engel hatten an Jazzpianisten erforscht, wie das Gehirn spontane musikalische Improvisationen von eingeübtem Spiel unterscheidet. Dabei kommt es, wie sich zeigte, besonders auf die Aktivität der sogenannten Amygdala an. (Einige Improvisations-Mitschnitte aus dem Labor gibt es hier)

Hirschmüller inspirierte dieses Ergebnis (und eine weitere Studie) dazu, für wallstreet-online.de einen interessanten kleinen Text darüber zu schreiben, Was Daytrader und Musiker gemeinsam haben:

„Leichte Nuancen in der Spielweise, die eine minimale Abweichung der üblichen Vorgehensweise darstellten, reichte den Experten, um improvisierte Stücke herauszuhören. … Die Unterscheidung bekannter und unbekannter Muster ist auch eine Domäne, die im Finanzmarkt die Spreu vom Weizen trennt. … Ich kenne persönlich nur eine Handvoll Händler, die eine solche Gabe besitzen. Sie erkennen Musterabweichungen entweder anhand der Art der Quotierung, der Aufteilung des Orderbuchs oder der Handels-Frequenz.”

Sind die im Gehirn eines Jazzpianisten ablaufenden Prozesse vergleichbar mit dem, was sich bei bei Börsianern tut, wenn sie Kursschwankungen verfolgen? Eine spannende Idee, die Ökonomen und Hirnforscher durchaus vertiefen könnten.

3. Babys, Entwicklungspsychologie und das iPad

Abbildung GreifenMoritz Daum und seine Forschungsgruppe Entwicklung von Kognition und Handlung erforschen, wann Babys und Kleinkinder lernen, Handlungen als zielgerichtet zu verstehen. Zum Beispiel das Zeigen oder das Greifen. Siehe dazu etwa hier.

Von Seiten der Presse hat ihm das interessanterweise eine Reihe Anfragen über das iPad eingebracht. Sollen kleine Kinder schon mit dem Tablet-Computer spielen? Verstehen sie, wie der Touchscreen funktioniert? Oder bringt das vielleicht ihre kognitive Entwicklung durcheinander? Fragen, mit denen sich zuerst der Spiegel und in den Monaten darauf noch verschiedene andere Medien an den Forscher wandten. Er gab in diesen Interviews im wesentlichen Entwarnung, solange die Eltern das Kind nicht allein lassen und die Tabletzeit beschränkt ist. Wenn ein Zweijähriger sich das Ipad schnappt, bestehe die Gefahr eher fürs Gerät als für das Kleinkind. (Spiegel: Das Patschpäd)

Zum Schluss:

Die Liste habe ich hauptsächlich zum Vergnügen gemacht. Kann man trotzdem etwas aus diesen Beispielen folgern? Hier ein kleines Fazit.

Was Journalisten ausserhalb der Wissenschaftsmedien aus einer Studie herauslesen und welche Ideen ihnen dabei kommen, lässt sich für Forschungskommunikatoren oft nur schwer abschätzen und steuern. Auf keifende Politikblogs, egal ob von links oder rechts, könnte ich verzichten. Und die Forscher sind bei allzu weitreichenden oder leichtfertigen Deutungen von Studienergebnissen meist skeptisch. Für Institute der Max-Planck-Gesellschaft gilt das besonders, da sie der Grundlagenforschung verschrieben sind.

Artikel wie die hier gelisteten können aber spannend sein, weil sie Forschung auch zu denen tragen, die um Wissenschaftsseiten in der Zeitung, Forschungsmagazine oder gar wissenschaftliche Blogs normalerweise einen Bogen machen. Mit ihren ungewohnten und zwangsläufig interdisziplinären Blickwinkeln können sie ein Forschungsergebnis in Zusammenhänge einordnen, an die der Fachmann im Labor noch nicht denkt.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Zustimmung

    Im Grundsatz würde ich es auch so sehen: Wenn weitere Bereiche Wissenschaftsmeldungen aufgreifen, kommen zwar oft grausige, bisweilen aber auch unterhaltsame Verkürzungen dabei heraus. Letztlich trägt dies aber dazu bei, dass auch ernsthafteres Interesse an Wissenschaft geweckt wird und seine Relevanz ins Bewußtsein der Öffentlichkeit sickert.

    Wenn also eines Tages die bunten Meldungen der Stars und Sternchen mit Hinweisen aus den Evolutions-, Neuro- und Kognitionswissenschaften bestückt sein sollten, so sollte uns das nur Recht sein! 🙂

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