Zeit, Evolution und Glaube im Zentrum für islamische Theologie (ZIT) Münster – Vortragsskript

Als mich die Einladung zu einem Vortrag zu “Zeit, Evolution und Glauben” im Zentrum für islamische Theologie (ZIT) Münster erreichte, freute ich mich sehr. Denn zum einen kennen und schätzen Prof. Mouhanad Khorchide und ich uns schon lange und sehr und es war mir eine Ehre, ihm in den Debatten um sein viel beachtetes “Islam ist Barmherzigkeit” (Herder 2013) kollegial den Rücken zu stärken. Zum anderen machte diese Einladung nach denen in das jüdische Schabbaton Frankfurt und diverse christliche Einrichtungen ein persönliches, “abrahamitisches Jahr” voll – alle größeren Religionen in Deutschland beschäftigen sich inzwischen konstruktiv mit den Fragen von Evolution und Wissenschaft!

Die Veranstaltung gestern Abend verlief dann trotz eines deutlich verspäteten Zuges hervorragend – das Interesse auch muslimischer Akademikerinnen und Akademiker und auch vieler nichtmuslimischer Interessenten am Thema war groß und konstruktiv, vielen Dank! Ich habe wirklich Hoffnung, dass es dieser Generation gelingen kann, wieder an Zeiten anzuknüpfen, an denen gerade auch die islamische Welt viel zu Wissen(schaften) und ziviler Kultur beitrug!

Hier also wie versprochen auch das Vortragsskript zum freien Download:

“Zeit, Evolution und Glaube”
von Dr. Michael Blume
zur Ringvorlesung “Was sind Raum und Zeit? Was ist die Schöpfung?”
am 08.05.2013
im Zentrum für islamische Theologie (ZIT) Münster
(pdf, knapp 900 KB)

Dass sich Münster inzwischen zu einem sehr spannenden Ort auch der innerislamischen Forschung und Lehre entwickelt hat, spricht sich ja erfreulicherweise sehr herum.

Übrigens: Als ich dieses Video aus YouTube heraus suchte, fiel mir auf, dass verschiedene salafistisch-fundamentalistische Videos – etwa von Pierre Vogel – unter dem Namen von Mouhanad Khorchide eingestellt worden waren. Der Zweck ist klar: Die Radikalen fürchten, dass sich Muslime über die in Münster aufgeschlossene Lehre des Islam informieren und versuchen, Suchende stattdessen auf ihre engen und finsteren Botschaften zu lenken. Dass sich solche selbsternannten Gottesstreiter dabei auch mieser Tricks wie Namensklaus bedienen, sagt doch schon viel über ihre angebliche Moral und Glaubwürdigkeit aus…

(Zumal es doch ohnehin bemerkenswert ist, dass Salafisten einerseits die Errungenschaften moderner Wissenschaften wie Internet, Satellitenkommunikation etc. täglich verwenden – und andererseits praktisch die Arbeit aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verhöhnen… Wer da nicht ins Grübeln kommt…)

Mouhanad, die Furcht und Tricks einiger innerislamisch-fundamentalistischer Kontrahenten dürfen Du und Deine Mitarbeitenden und Studierenden als großes Kompliment und als Ermutigung auffassen! Ihr macht Eure Arbeit offensichtlich mehr als gut! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mohammed Arkoun @Michael Blume

    Dein Appell an die islamische Vernunft ließ mich an den (inzwischen verstorbenen) algerischen Philosophen und Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun denken, der sich in seinen Büchern für eine schonungslose Auseinandersetzung mit den autoritativen Schriften des Islam einsetzte. Er lehrte fast dreißig Jahre als Professor für muslimische Ideengeschichte an der Pariser Sorbonne und setzte sich für einen interdisziplinären Denkansatz ein. Offensichtlich waren seine Schriften aber zu intellektuell und zu kritisch, denn seine Bücher wurden kaum in andere Sprachen übersetzt. Ich finde das schade, denn vielerorts wird ja kritisiert, dass es im Islam keine Aufklärung und von daher auch keine gescheiten Philosophen gab. Dabei gibt es sie, aber anscheinend werden sie nicht gehört, denn dann würde es solche Umfrageergebnisse kaum geben.
    http://www.welt.de/…uns-keine-Heimat-findet.html

  2. Nachtrag zum Vortragsskript

    Die Einlassungen über Raum und Zeit fand ich recht interessant. Mich stört allerdings immer wieder die radikale Gegenüberstellung von Gläubigen und Atheisten. Manchmal liest sich das so, als würde es nur diese zwei Spezies auf der Welt geben, die noch dazu in Konkurrenz zueinander stehen. Die meisten modernen Menschen sind jedoch keine Fundamentalisten, die strikt der einen oder anderen Richtung anhängen. Zudem sehe ich es nicht als Vorteil an, dass sich die Strenggläubigen in der Regel stärker vermehren als alle anderen. Auch Mohammed Arkoun, den ich oben erwähnte, spricht sich für eine Bekämpfung des Bevölkerungswachstums aus, “das nach Arkoun einhergehe mit politischer Romantik und Gesetzen, die Arbeitslosigkeit, Frustration, Armut und die Entstehung sozialer Randgruppen begünstigten.”

    Quelle: http://de.qantara.de/wcsite.php?wc_c=3307

  3. Es gibt keine islamische Autorität

    Der Islam hat je nach Land und kulturellem Hintergrund sehr unterschiedliche Ausprägungen und es gibt eben gerade keine allgemein anerkannte islamische Autorität und auch keine verbindliche Exegese des Korans, was seine Umsetzung ins täglche Leben angeht. Eine Paradox insoweit als der Islam – wie er ja auch vom Propheten vorgelebt wurde – jeden Lebensbereich berührt und keine Gewaltenteilung zwischen Politik, Recht und Zivilgesellschaft kennt. Ein Paradox weil unterschiedliche Interpretationen unvermeidlich sind. Diese unterschiedlichen Interpretationen werden jedoch innerhalb der islamischen Gemeinschaft kaum thematisiert. Zumal die Rezeption des Korans in Form von auswendig aufsagbaren Versen in der islamischen Welt hochangesehen ist (Hafise sind diese in Medressen geschulten Koran-Papageie).

    Die fehlende letzte Autorität bietet aber auch die Chance auf die Interpretation des Islams Einfluss zu nehmen. So etwas wie einen Euro-Islam, einen mit dem westlichen Leben kompatiblen Islam, kann es also tatsächlich geben. Die Frage ist gar nicht ob es das geben kann – es ist offensichtlich dass das innerhalb der islamischen Kultur möglich ist – die Frage ist vielmehr wie man die muslimischen Menschen damit erreichen kann. Antiwestliche Islaminterpretationen sind eben gerade darum attraktiv für viele im Westen oder unter einer westlichen Kultur lebenden Muslime, weil sie mit ihrem Leben nicht zufrieden sind und weil sie die Unzufriedenheit mit der westlichen Kultur in Zusammenhang bringen.

    Wenn ein Muslim den Westen als im Wesen nichtislamisch oder gar antiislamisch erlebt so wird er mit dem Begriff Dr al-$arb (Haus des Krieges) aus der nach-mohammedanischen islamischen Kultur bestens bedient: So bezeichneten und bezeichnen islamische Rechtsgelehrte alle nichtmuslimischen Gebiete. Für die $arb+s (also uns), gelten keine rechtliche Bestimmungen – sie sind quasi vogelfrei. Der Begriff Haus des Krieges für nichtislamische Gebiete geht zwar nicht auf den Koran zurück, wurde aber bereits im frühen 8. Jahrhundert vom islamischen Rechtsgelehrten Abu Hanifa geprägt. Solange dieser Begriff in den meisten muslimischen Köpfen fest verankert ist, lebt man in nichtislamischen Gebieten, die “eroberbar” sind gefährlich. Zitat Wikipedia: “Kriegszüge gegen die Dr al-Harb werden aus traditioneller Sicht des Islam nicht als Kriege betrachtet und deshalb auch nicht als Kriege, sondern als „Öffnungen“ (A*H-‘* Futuhat) bezeichnet. Nach traditioneller islamischer Auffassung kann es keinen Salm („Frieden“) mit der Dr al-Harb geben, sondern nur eine zeitlich begrenzte Hudna („Waffenstillstand“). Kriege gegen die Dr al-Harb werden traditionell als Dschihad bezeichnet.”

    Fazit: Einen Euroislam und damit eine auch religiöse Integration von Muslimen in die westliche Gesellschaft kann es durchaus geben. Zur eigenen Sicherheit sollte man aber sicherstellen, dass man nicht in einem vom Islam eroberbaren Gebiet lebt.

  4. @Mona

    Mich beeindruckte nicht zuletzt auch das Gespräch mit einem Doktoranten und einer Postdoktorantin hier, die an tollen, zukunftsweisenden Projekten arbeiten. Münster hat mE die Chance, mehr als eine noch so gute One-Man-Show zu werden.

    Und Kritik übe ich ausdrücklich an den Extremen beider Seiten. Den Agnostiker Darwin lobe ich ja sehr. 😉

  5. Paradox

    “Zumal es doch ohnehin bemerkenswert ist, dass Salafisten einerseits die Errungenschaften moderner Wissenschaften wie Internet, Satellitenkommunikation etc. täglich verwenden – und andererseits praktisch die Arbeit aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verhöhnen… Wer da nicht ins Grübeln kommt…)”

    Das ist in der Tat interessant , ein Phänomen , daß allen reaktionären Bewegungen zu eigen ist , ob politisch , religiös oder sonstwie , und das womöglich auch immer wieder zu ihrem Untergang beiträgt.

  6. Religionsbuch @Michael Blume

    “Mich beeindruckte nicht zuletzt auch das Gespräch mit einem Doktoranten und einer Postdoktorantin hier, die an tollen, zukunftsweisenden Projekten arbeiten. Münster hat mE die Chance, mehr als eine noch so gute One-Man-Show zu werden.”

    Man kann nur hoffen, dass die Projekte auch praxistauglich sind. In dem eingestellten Video war zu hören, dass der muslimische Religionspädagoge Mouhanad Khorchide ein Lehrbuch für den Islamunterricht verfasst hätte. Es handelt sich vermutlich um dieses Religionsbuch, das man sich hier näher anschauen kann:
    http://www.klett.de/produkt/isbn/3-12-006030-5

    Bei dem Buch handelt es sich um eine kindgerechte Anleitung zum Islam. Einen Erziehungsauftrag, der über den Islam hinausging, konnte ich nicht ausmachen. Das Kapitel über andere Religionen (ab Seite 81) beschränkt sich lediglich auf die abrahamitischen Religionen, deren Vertreter natürlich auch alle fleißig zu Gott beten. Weitere Religionen kommen in dem Buch nicht vor und auch keine Kinder aus anderen Nationen, als den islamisch geprägten. Das wurde in älteren christlichen Religionsbüchern für die Grundschule aber so ähnlich gehandhabt. Allerdings fassen neuere Bücher den Religionsbegriff etwas weiter, da heutzutage ein fächerübergreifender Unterricht stattfinden soll. Leider fand ich im Internet keine inhaltliche Beschreibung eines solchen Religionsbuches, sondern nur eine Arbeitshilfe, die sich an Religionslehrer wendet, aber dort kann man die Themen auch ersehen.

    Mich interessierte was die Muslime selbst zu dem Buch sagen. Gemäßigte fanden es natürlich überwiegend gut und lobten es mehrheitlich.
    http://de.qantara.de/…rderung/19670c20945i1p498/

    Allerdings wird der Autor, Mouhanad Khorchide, vielerorts von fanatischen Glaubensbrüdern stark angegriffen. Die sich beispielsweise beschweren, dass in dem Buch auch Weihnachten und Ostern anhand von Bildern angesprochen wird. Leider scheinen diese Leute vergessen zu haben, dass diese Feste fast überall in der westlichen Welt gefeiert werden und auch muslimische Kinder sie kennen sollten. Nicht um sie zum Christentum zu bekehren, sondern aus Gründen der Allgemeinbildung.
    Ich verlinke unten mal eine entsprechende Seite, in sich auch der Autor des Buches in einem Kommentar äußert.
    http://dawa-news.net/…-fur-den-islam-unterricht/

  7. Dieser Beitrag scheint ein Wink des Himmels zu sein… 🙂
    Auch wenn ich das Vortragsskript noch nicht gelesen habe, so ist es aber doch mal wieder gut zu sehen, das der (ökumenische) Dialog funktioniert. Im Gegensatz dazu hat man es bei Florian Freistetter im Blog gerade mit einem christlichen Fanatiker zu tun, der dort seit einigen Tagen negativ auffällt, etwa hier(klick).
    Und dort hat man es als “einfacher Christ” unter lauter Atheisten sowieso nicht leicht. (Aber zum Glück handeln die nach der Devise “leben und leben lassen”, da sie sich als Humanisten sehen.) Dennoch würde es mich interessieren, wie man innerhalb des Christentums mit solchen Leuten wie jenem “Toni” umgehen sollte? – Insbesondere hab ich das Gefühl, das der mit seinen Thesen ziemlich daneben liegt, kann sie aber auch nicht wiederlegen, da ich dafür zu wenig über den Islam weis. :-/

  8. der Islam ist barmherzig ?

    In London wurde ein Mensch auf offener Strasse von zwei Moslems mit Heckmesser angegriffen und zerstückelt.
    Wieder einer von tausenden von Einzelfällen?
    Es vergeht keine Woche wo nicht irgentwo Menschen im Namen von Allah getötet werden .
    Keine Kritik von der Gutmenschenfraktion.Nix.Gar Nix.
    Nur nicht anecken.
    Klar man will ja nicht auf die Einladungen
    vom ZIT usw. verzichten.
    Übrigens auch Prof. Mouhanad Khorchide muss sich an die Worte des Korans halten,
    díe wie Sie wissen unveränderlich sind,da die Worte angeblich direkt von Allah gekommen sind.

  9. Zum Mordaufruf gegen Hamed Abdel-Samed

    Hamed Abdel-Samed ist mir nicht nur persönlich gut bekannt, er war auch schon zu Gast bei uns zuhause. Wenn ich auch in manchem nicht mit ihm einer Meinung bin, so empört mich der Mordaufruf ägyptischer Extremisten gegen ihn. Dem Protest der Bundesregierung dagegen schließe ich mich an – und stelle hier auch gerne die Stellungnahme von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide dazu ein, die dieser (auch) per Facebook verteilt(e):

    “Das Zentrum für Islamische Theologie Münster steht für einen weltoffenen Islam und vertritt sowohl in der Lehre als auch in der Forschung einen Islam, der sowohl den Menschen als auch die Gesellschaft bereichern soll. Dazu gehört nicht nur der spirituelle Beitrag von Religion, sondern auch der gesellschaftliche, bei dem in erster Linie die Entfaltung von Friedenspotenzialen des Islam steht, um für eine plurale Gesellschaft zu sorgen, in der die Würde eines jeden Menschen sowie sein physischer und mentaler Schutz als unantastbares göttliches Gut gelten. Daher verurteilen wir die jüngsten Morddrohungen gegen Herrn Hamed Abdel-Samad, die u.a. von einem Dozenten an der Al-Azhar Universität, Herrn Mahmoud Shabaan, ausgingen, aufs Schärfste. Die Leitung der Al-Azhar hat uns garantiert, dass diese menschenverachtende Drohung nicht die Haltung der Al-Azhar wiederspiegle und sie sich auf das Schärfste von diesem Aufruf distanziere. Inzwischen läuft auch ein gerichtliches Verfahren gegen Herrn Mahmoud Schabaan. Die Al-Azhar Universität erhofft sich durch die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Islamische Theologie Münster fruchtbare Ergebnisse als Beitrag zur Etablierung eines aufgeklärten islamischen Diskurses. Das geplante Projekt des ZIT mit Dar-ul-Ulum und der Al-Azhar Universität „Gegenwärtige Transformationsprozesse im Islamischen Denken“, das vom DAAD gefördert wird, soll den dialogbereiten Kräften an verschiedenen islamisch-theologischen Fakultäten in Ägypten und Tunesien eine Plattform zum fachlichen Austausch bieten, um positive Kräfte zu stärken und derartigen Hasspredigern konstruktive Inhalte entgegen zu setzen.”

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