Wo steht eigentlich die Evolutionäre Psychologie? Web-Interview mit Dr. Benjamin Lange

Als ich neulich mal wieder im hervorragenden Lehrbuch “Psychologie” von Detlef Fetchenhauer blätterte, fiel mir auf, welche großen Fortschritte die Evolutionsforschung zur menschlichen Psyche gemacht hatte – und wie schnell sich die evolutionäre Perspektive auch in diesem wichtigen Feld durchsetzt. Andererseits gab und gibt es an der “klassischen” Evolutionspsychologie auch massive Kritik – die ich (nur) teilweise berechtigt finde.

Höchste Zeit also, mal wieder einen Kollegen aus dem Forschungsfeld zu kontaktieren und zu einem Web-Interview einzuladen! Dr. Benjamin P. Lange studierte Sprach- und Literaturwissenschaften sowie Psychologie, in der er auch promovierte. Wissenschaftlich übt(e) er Lehr- und Forschungstätigkeiten an den Universitäten Kassel, Frankfurt am Main und Göttingen aus. Benjamin ist Ko-Betreiber des interdisziplinären Wissenschaftsnetzwerkes “Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive” (MVE-Liste; www.mve-liste.de), über deren Tagung(en) wir uns auch kennenlernten und betreibt die Homepage: http://www.benjaminplange.de. Interessant ist auch seine Publikationsliste.
Lange_3

1. Benjamin, Du hast bei dem auch von mir sehr geschätzten Prof. Harald Euler promoviert. Allerdings sind Ansätze evolutionärer Psychologie in den letzten Jahren auch massiv als “Just-so-Stories” kritisiert worden, die in einem weitgehend fiktiven Urzustand modelliert würden. Hat sich die evolutionäre Psychologie da weiter entwickelt, ist zum Beispiel der Austausch mit anderen Disziplinen verstärkt worden?

Michael, vielen Dank für diese Frage oder besser gesagt für diesen Fragenkomplex, der einen wirklich wichtigen Punkt anspricht. Die Kritik an der evolutionären Psychologie (Just-so-Stories, evolutionary story-telling usw.) ist bestimmt noch vorhanden, aber nach meiner Einschätzung ist sie in den letzten Jahren so gering geworden, wie sie vermutlich nie zuvor war.

Das Standard-Lehrbuch der Psychologie des bekannten amerikanischen Psychologen Zimbardo zählt die evolutionäre Psychologie schon seit Langem zu den großen Perspektiven der zeitgenössischen Psychologie. Dazu passend scheinen es besonders die englischsprachigen Gefilde (also vor allem USA und England) zu sein, in denen die evolutionäre Psychologie als anerkannt gilt. In Deutschland ist man aber, glaube ich, auch auf einem guten Weg, vorurteilsfreier mit diesen neuen Denkweisen in den Verhaltenswissenschaften umzugehen.

Und ich denke, es ist ein besonderes Verdienst des von dir angesprochenen Harald Eulers, dass wir an diesem Punkt angekommen sind. Gerade junge Wissenschaftler sind diesem Paradigma gegenüber vergleichsweise aufgeschlossen, scheint mir, was mir keine andere Wahl lässt, als das Bild von den alten Zöpfen zu provozieren. Vor einiger Zeit las ich das Themenheft „Verwandtschaft“ in der Psychologischen Rundschau, wobei Evolution ein wichtiger Bezugspunkt war (Harald Euler hat ja auch zur Evolution von Familienbeziehungen geforscht und forscht noch weiter dazu), und in einem Kommentar hieß es dort am Rande dann, die evolutionäre Psychologie sei im Mainstream der Psychologie angekommen. Ich glaube, das trifft es ganz gut.

Manche Kritik an der evolutionären Psychologie ist allerdings bestimmt nicht völlig unbegründet, aber sicher nicht berechtigter als die Kritik an anderen Paradigmen auch. Der Glaube an die Allmacht von Erziehung, Sozialisation, Förderung und dergleichen ist jedenfalls mindestens ein ebenso großes Märchen wie die Annahme, dass die formenden Kräfte der Vergangenheit in Form des Kampfes um Überleben und Reproduktion eine wichtige Rolle für die Entstehung der menschlichen Psyche gespielt haben. Vielfach, das muss man eben auch sagen, gründet sich manche Kritik an der evolutionären Psychologie oder gar manch abfälliger Kommentar eher in Unwissenheit und Voreingenommenheit.

Der Austausch mit anderen Disziplinen funktioniert im Prinzip. Die evolutionäre Logik lässt sich ja auf alle möglichen Gegenstandsbereiche anwenden und, was ganz wichtig ist, empirisch testen. Neben den klassischen Themen der Psychologie finden sich evolutionäre Überlegungen ja auch in den klassischen Gebieten der Geisteswissenschaften, von Sprache und Literatur über Religion bis hin zur Pädagogik. Der von dir so genannte Urzustand („environment of evolutionary adaptedness“) ist aus meiner Sicht gar nicht so wichtig. Wir alle stammen von Menschen ab, die lange genug überlebt haben, um mindestens einen Nachkommen zu zeugen. Alle Merkmale, die dafür relevant sind bzw. waren, müssen die Nachkommen dieser Menschen in sich tragen, jedenfalls wenn genetische Transmission im Spiel ist, was bei allen möglichen Merkmalen aber unstrittig ist. Wie weit wir in dieser Ahnenreihe zurückgehen, ist oft gar nicht so wichtig. Wir brauchen jedenfalls nicht zu warten, bis die Zeitmaschine erfunden ist, um dann damit in die Steinzeit zu reisen.

Langetalk

2. Ein Schwerpunkt Deiner Arbeiten bildet ja die Evolution von Sprache und sogar Schriftlichkeit. Kannst Du uns wesentliche Befunde zusammen fassen?

Ja, das ist einer meiner Schwerpunkte, wobei ich statt Schriftlichkeit lieber einfach Literatur sagen würde. Den größeren Rahmen würde ich als Evolution von Kultur, Kommunikation und Medien definieren, wobei aber eben Sprache und Literatur bisher die Hauptrolle in meiner Forschung gespielt haben. Theoretischer Hintergrund war dabei vorrangig Darwins Theorie der sexuellen Selektion in der Form, wie sie in der modernen Evolutionstheorie vertreten wird. Danach haben sich Merkmale eben nicht nur herausgebildet, weil sie dem Überleben, sondern auch der Reproduktion dienlich waren.

Meine Überlegungen hier sind deinen bezüglich der Evolution der Religiosität hier und da recht ähnlich. Hier spielen so Dinge wie das Handicap-Prinzip, für das das bunte Pfauengefieder das meistangeführte Beispiel ist, eine wichtige Rolle. Sexuelle Selektion bringt eben aufwändige, gar luxuriöse Merkmale hervor, und das eher bei dem Geschlecht, das weniger in den Nachwuchs investiert. Ganz grob gesagt habe ich Annahmen wie diese auf Sprache und Literatur angewendet und experimentell sowie historiometrisch überprüft. Bezüglich Sprache war der wichtigste Befund meiner experimentellen Forschung, dass sprachliche Gewandtheit eine wichtige Rolle für Attraktivität und Partnerwahl und damit potentiell eben auch für Reproduktion spielt, aber dass Männer, wie aus evolutionärer Perspektive zu erwarten war, stärker von hoher sprachlicher Gewandtheit profitieren als Frauen. Frauen haben eben höhere Kosten bei allem, was potentiell mit Reproduktion zu tun hat, und sind daher oft wählerischer bei der Partnerwahl. Und dann achten sie eben auch auf die sprachliche Gewandtheit eines Mannes als potentiellen Partner.

Auch daran sieht man, dass man sich den Blick in die Steinzeit im Grunde oft auch sparen kann. Aus fundamentalen biologischen Gründen hatten und haben Frauen potentiell höhere Kosten bei sexueller Aktivität. Und daraus ergeben sich klare Hypothesen, was die Partnerwahl von Mann und Frau angeht. Bezüglich Literatur habe ich gefunden, wie andere vor mir, dass die meisten Bücher von jungen Männern geschrieben werden, genau wie evolutionär erwartbar, wobei man hier auch diverse „kulturelle“ Faktoren im Hinterkopf haben sollte. Aber auch für Religionsgründer findet sich ja das gleiche soziodemographische Muster. Ein neuer Befund meiner Forschung war: Je erfolgreicher ein männlicher Schriftsteller war, desto mehr vor- und außereheliche Beziehungen hatte er. Die Befunde zur Zahl der Nachkommen allerdings waren uneinheitlich.

BenjaminLange2013

3. Auch über den Spracherwerb von Migranten und Mehrsprachigkeit hast Du geforscht, geschrieben und vorgetragen. Zumal ich das ja auch in der eigenen Familie habe – was ist denn der Stand dazu?

Spracherwerb ist seit Jahren schon eines meiner Themen. Und ich arbeitete und arbeite in diversen Projekten dazu. Aus dieser eigenen Arbeit kann ich bestätigen, was eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein sollte: Je früher der Kontakt zur Zielsprache Deutsch stattfindet und je intensiver dieser ist, desto besser verläuft die sprachliche Entwicklung. Im Kindergarten werden viele Migrantenkinder ja erstmals systematisch mit der deutschen Sprache konfrontiert.

Aber auch und gerade die Zeit außerhalb der Kita scheint bedeutsam zu sein: Wie viel spielt ein Migrantenkind mit deutschen Kindern? Besucht es einen Verein oder Klub oder Ähnliches, in dem Deutsch gesprochen wird? Bleiben die Migrantenkinder vor allem „unter sich“, auch das lässt sich, wenigstens indirekt, aus den Daten ableiten, dann werden die deutschsprachigen Kompetenzen nicht gefördert. Wie auch?

Eigentlich kann man auch hier, jedenfalls grundsätzlich, ganz gut mit Evolution argumentieren: Die Fähigkeit, Sprache zu erwerben, ist Teil des Genotyps und scheint eine biologische Anpassung zu sein, doch die konkrete Interaktion mit der jeweiligen Zielsprache bestimmt (neben natürlich weiteren individuellen, einschließlich genetischen Faktoren), wie die Sprachkompetenz am Ende, also sozusagen der sprachliche Phänotyp, aussehen wird. Daran sieht man eigentlich ganz schön, dass Evolution eben keinen genetischen Determinismus vertritt.

Speziell zu Mehrsprachigkeit kann man sagen, dass am Ende mehrere Sprachen gleichzeitig vergleichsweise problemlos erworben werden können, sofern dies innerhalb des kritischen Zeitfensters (d.h. weit vor der Pubertät) geschieht und die verschiedenen Sprachen in ausreichendem Maße in der täglichen verbalen Interaktion vorkommen. Dort, wo es Probleme mit den deutschsprachigen Kompetenzen von Migrantenkindern und mit Mehrsprachigkeit gibt, ist in den meisten Fällen ein ungenügender deutschsprachiger Input der Hauptgrund.

4. Eine Anfrage z.B. von Joan Roughgarden an die Forschungsperspektive der sexuellen Selektion lautet, dass sie die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit vorschnell auf die Natur übertragen, obgleich wir bei Pflanzen, Tieren und Menschen ein sehr viel größeres Spektrum an Sexualitätsformen – bis hin zum Geschlechtswechsel – finden. Was meinst Du dazu?

Hier würde ich die Gegenfrage nach der praktischen Relevanz dieser Kritik stellen. Ja, es gibt in gewisser Hinsicht mehr als nur zwei Geschlechter beim Menschen. Jedenfalls gibt es ja Bestrebungen, Menschen, die weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich sind, mit einer eigenen Kategorie zu „versorgen“. Den Begriff des dritten Geschlechts gibt es ja schon recht lange. Aber das alles sind, jedenfalls beim Menschen (und anderen Säugetieren), Phänomene äußerster statistischer Seltenheit. Widerlegen Ausnahmen einfach so die Regel, in dem Fall die Regel der Zweigeschlechtlichkeit? Also welche praktische Relevanz habe diese Überlegungen, wenn man mal ganz ehrlich ist?

Evolution (beim Menschen) funktioniert nur mit Zweigeschlechtlichkeit, weil sich Evolution eben letztlich als differentielle Reproduktion definiert, und das setzt zwei Geschlechter voraus. Dieses große Spektrum, was Sexualität angeht, ist unbestreitbar und legitim, aber Teile davon sind evolutionär nicht wirklich relevant. Der Geschlechtswechsel als Argument gegen einen vermeintlich leichtfertigen Umgang mit der Zweigeschlechtlichkeit geht doch selbst auffallend deutlich, wenn auch nur implizit, von Zweigeschlechtlichkeit aus, oder nicht? Beißt sich die Katze da nicht irgendwie selbst in den Schwanz? Man kann Roughgarden verstehen, wenn man ihre Biografie berücksichtigt. Aber ihre Ansichten sind doch eher gewöhnungsbedürftig und ernteten meines Wissens auch entsprechend viel Kritik von diversen Fachleuten.

5. Benjamin, ich trage mich mit dem Gedanken, 2014 die nun schon jahrelangen Forschungen zu Religion & Demografie mit einer Bilanz abzuschließen. Welchen Aspekt sollte ich Deiner Meinung nach auf keinen Fall vergessen?

Michael, ich muss zunächst sagen, wie wichtig ich es finde, dass evolutionsbiologische Forschung zu Religiosität betrieben wird, wobei du da ein wirklich prominenter Vertreter bist. Für die Evolution der Religiosität spielen die natürliche Selektion aber natürlich auch viele nicht-biologische Faktoren eine Rolle. Aber gerade die sexuelle Selektion entfaltet doch auch hier ihre Erklärungskraft, ganz ähnlich wie in meiner Forschung zum Partnermarkterfolg von Schriftstellern, womit wir ja mitten im Thema Demografie wären. Die Daten, die du präsentierst (ich erinnere mich zum Beispiel an deinen Vortrag auf der von Nils Seethaler und mir 2010 in Berlin veranstalteten MVE-Tagung), sind da beeindruckend: Es ist schwer zu leugnen, dass Religiosität die Reproduktion befördert.

Das lässt vermuten, dass Religiosität ein auch (aber natürlich nicht nur) sexuell selektiertes Merkmal im Laufe der Anthropogenese gewesen sein könnte. Ich persönlich würde sogar vermuten, dass es genau so war. Kritiker könnten natürlich einwerfen, dass die besagten Daten aus der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit stammen und damit nicht zwingend etwas über den gesamten Zeitraum der Menschwerdung aussagen. Damit wären wir dann aber wieder irgendwie bei der Zeitmaschine. Ich denke dennoch, je weiter verlässliche Daten zurückreichen, desto robuster wird hier die Aussage. Ganz naiv könnte dich der / die eine oder andere auch fragen, wie lange es wohl dauern wird, bis es nur noch religiöse Menschen gibt.

Aber im Ernst: Aus meiner eigenen Forschung heraus würde ich mir die konsequente Integration der Forschung zur Reproduktionsdienlichkeit der Religiosität in eine größere Perspektive wünschen. Was für Religiosität zu gelten scheint, gerade was Reproduktion, aber auch Geschlechterunterschiede angeht, trifft ja auf viele Phänomene zu (wie eben z.B. Literatur), die allzu oft leichtfertig einfach als „kulturell“ und damit als nicht-biologischen Ursprungs abgestempelt werden. Ein konsequenter evolutionspsychologischer Blick auf menschliche Kultur und auf Religiosität als einen Teil davon dürfte lohnend sein.

Lange2013_2

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...