Willensfreiheit? Gibt es! – Ein persönlicher Artikel zu 25 Jahren Mauerfall

Natur des Glaubens

Menschen haben nicht nur Gehirne, sondern auch Geist. Und so gibt es jede Menge Entitäten, die nicht a la Russels Teekanne in einem materiellen Sinne existieren, aber beobachtbare Auswirkungen auf unser Erleben und Leben haben – zum Beispiel Menschenrechte, Liebe, Recht, Gott, Wissenschaft oder (Willens-)Freiheit. Von deren Nichtexistenz wollen uns ja auch viele kluge Köpfe überzeugen, gerne mit Berufung auf ein nur halb verstandenes Zitat von Arthur Schopenhauer (1788 – 1860):

Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Immer wieder kommt es dann zu vollmundigen Ankündigungen von Forschern, beispielsweise von Gerhard Roth in der Oktober-Ausgabe 2008 von Spektrum der Wissenschaft:

Ich glaube, spätestens in zehn Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es Freiheit etwa im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt.

Nun, ich werde im folgenden Blogpost (wie z.B. auch Prof. Wolfgang Achtner) dafür den Kopf hinhalten, dass es Willensfreiheit gibt!

Michaelgekoepft2002

Kann es ein freies Leben vor dem Tod geben – oder ist letztlich alles egal?

Foto aus den Babelsberger Filmpark, Potsdam 2002

Fünf Argumente, warum es Willensfreiheit gibt

1. Freiheit kann man fühlen und sie kann vermisst werden, wo sie fehlt!

Wie “die Liebe” wird auch “die Freiheit” erfahren – meistens, aber durchaus nicht immer positiv. Zum Liebesrausch gehört der Liebesschmerz und neben dem erhebenden Freiheitsgefühl, viele Möglichkeiten im Leben zu haben, gibt es auch die Sorge, von den vielen Optionen überfordert (“wie gelähmt”) zu sein. Deswegen kämpfen manche Menschen für ihre Freiheiten – und stürzten zum Beispiel vor 25 Jahren die Berliner Mauer – und andere geben ihre Freiheiten an Drogen oder verführerisch einfache Weltbilder des politischen oder religiösen Extremismus auf. Freiheitsbestreitende müssten also erklären, warum die Evolution uns mit solchen Erfahrungen ausgestattet haben sollte, wenn diese doch “nur Illusionen” seien.

Ich erinnere mich noch an den Schauer, ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall, als meine Frau – deren Eltern aus der Türkei zugewandert waren – und ich genau den Grenzübergang (Checkpoint Charlie) überschritten, den meine Eltern und Großeltern nicht hatten übertreten dürfen. Freiheit kann man erleben, fühlen, gerade auch in Berlin. Zugespitzt: Wer die Existenz von Freiheit leugnet, leugnet auch die Existenz von Liebe.

2. Freiheit kann nicht mehr nur dualistisch verstanden werden, sondern auch naturalistisch-emergent!

Noch Schopenhauer kämpfte gegen die (z.B. cartesianische) Vorstellung, dass eine von der Welt getrennte Seele ihren Willen in die Welt geben würde. Geschenkt. Heute können auch Naturalisten einräumen, dass Systeme immer neue Eigenschaften hervorbringen (Emergenz): Quarks haben zum Beispiel noch keine einklagbaren “Rechte”, Menschen in einem Rechtstaat dagegen schon. Wer dagegen meint, mit den Mitteln der Physik juristische Sachverhalte bewerten zu können, begeht einfach einen peinlichen Kategorienfehler (über den die meisten Juristinnen und Juristen nur noch gelangweilt schmunzeln können).

Physikalische Objekte haben (noch) keine unterscheidbare Individualität, sie sind gegeneinander völlig austauschbar. Erst indem sie immer komplexere Systeme (Zellen, Nervensysteme, Wissenschaftlerinnen usw.) bilden, entwickeln sie zunehmend individuelle Eigenschaften.

3. Das Universum ist nicht vollständig determiniert!

Sicher: Ohne Regelhaftigkeit gäbe es keine lebenserhaltende Ordnung. Aber der Glaube an ein “völlig determiniertes” Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.

Natürlich haben Freiheitsbestreitende später versucht, dieses ungehörige Verhalten der Quarks wieder abzudichten. Das dafür derzeit gängige Lieblingsargument lautet – beispielsweise bei dem Philosophen Bernulf Kanitscheider – die Quanteneffekte „mittelten“ sich eben wieder aus und spielten schon auf Ebene von Gehirnprozessen keinerlei Rolle mehr. Physiker wie Winfried Schmitt widersprechen im Hinblick auf grundlegende Prozesse der Exocytose (Signalübertragung). Noch gewichtiger erscheint mir jedoch der Einwand, dass menschliche Gehirne nicht isoliert von der Umwelt bestehen. Wenn teilweise indeterminierte Quanteneffekte an der Planetenentstehung oder dem Gewitter beteiligt waren, das den jungen Martin Luther zum Mönchsgelübde führte, dann waren dessen Gedanken, Lebensweg und Auswirkungen eben nicht mehr schon vom Urknall her völlig determiniert.

BundesNetzwerkIntegrationmitAngie2014
Welcher Großdenker hätte vor 30 Jahren solche Entwicklungen der Freiheit vorhersagen können?
Die neu- und altdeutschen Mitglieder des Bundesnetzwerkes Integration der CDU Deutschlands um ihre aus der ehemaligen DDR stammende Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin, die Physikerin Dr. Angela Merkel, Berlin 2014

  4. Freiheit ist aber auch mehr als Zufall!

In einem völlig determinierten Universum gäbe es keine “echte” Freiheit, in einem völlig chaotischen Universum ebensowenig.

Tatsächlich sprechen wir ja sogar Menschen den eigenen Willen ab, die von einem völligen Kontrollverlust – etwa durch einen epileptischen Anfall oder den Konsum von Rauschmitteln – betroffen sind. Eigen ist mir ein Willen nicht durch konturlosen Zufall, sondern erst dann, wenn er Gründe in mir selbst hat.

Das Universum, in dem wir leben, bietet eine Mischung aus Regelhaftigkeit und Unbestimmtheit, die individuelle Freiheit ermöglicht!

5. Willensfreiheit besteht dann, wenn der Wille im Betreffenden selbst begründet ist!

Schopenhauers Argument – das in der Auseinandersetzung mit dem damaligen Dualismus seine Berechtigung hatte – besteht ja darin, dass “der Wille” sich nicht selbst schöpfen könnte. Das ist aber nach heutigem Kenntnisstand ebenso wahr wie banal: Auch Sie selbst sind entstanden, weil sich Mutter und Vater vereinigt haben – nicht, weil Sie selbst sich schufen. Daraus zu schließen, es gäbe Sie gar nicht, wäre offenkundig Schwachsinn – ebenso, wie sich aus der Tatsache Ihrer Zeugung nicht ableiten lässt, dass Sie ein Leben lang nur von Ihren Eltern beherrscht werden. Sie sind eine unreduzierbare und unwiederbringliche Person – mit einem eigenen, nicht einmal von Ihnen selbst völlig vorhersagbaren Willen!

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind schon genetisch „einzigartig“ (und sogar von möglichen Zwillingsgeschwistern durch Mutationen und epigenetische Effekte geringfügig unterschieden) und werden noch mehr durch Ihren ebenfalls einzigartigen Lebensweg zu einem völlig individuellen Wesen. Dass Sie mit allen anderen Menschen engstens und mit Tieren etwas weiter verwandt sind und nicht zuletzt auf dieser Basis versuchen, Ihren eigenen Willen zu verstehen, zu formen und zu begründen, unterstreicht nur, dass Sie genau Sie sind – und eben kein replizierbarer Roboter oder nur chaotischer Zufall. Es ist in der maximal überhaupt denkbaren Form genau „Ihr“ von Ihrem körperlichen und historischen Werden unablösbarer Wille, da es Sie nur einmal gibt und geben wird – auch wenn Sie selbst, ebenso wie jeder andere innerweltliche Beobachtende, nie alle Einflussfaktoren dieses Willens werden bewusst überblicken können.

Fazit

Ich denke, dass die Freiheitsbestreitenden Unrecht haben – Willensfreiheit “gibt” es ebenso, wie es Liebe, Recht und Wissenschaft gibt – nicht schon auf der Ebene der Physik, aber sehr wohl auf den Ebenen menschlichen Erlebens und beobachtbarer Auswirkungen. Und ich gehe gerne jede Wette ein, dass auch Gerhard Roths eingangs zitierte Vorhersage daneben gehen wird – und die allermeisten Menschen auch noch 2019 an Freiheit, Verantwortungs- und Schuldfähigkeit glauben werden. Zu Recht.

Wir stellen also schon hier fest, dass das Bestreiten von Individualität durch „die Wissenschaften“ auf veralteter Physik, auf Ignoranz gegenüber Evolutionsprozessen und auf plumpen Kategorienfehlern beruht.

Alle Zitate dieses Blogposts stammen aus:

Blume, M. (2014): Freiheit: Gibt es sie? Persönliche Gedanken zum Mauerfall. In: Freies Christentum, November 2014, S. 143 – 150

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

81 Kommentare

  1. Kommt halt darauf an, was man unter Willensfreiheit versteht. Im Sinne Schopenhauers ist es die Freiheit vom Willen, der Wille, der ja für ihn ein vernunftloser Drang war. Einer, der diese Freiheit erreicht, ist reines schauendes Auge -also tiefster Asket, der nicht mehr vom Willen durch die Welt der Sehnsüchte gehetzt wird. Dieses asketische Ideal ist dann von Nietzsche kritisiert worden, da es letztlich der Wille zum Nichts ist, denn der Mensch kann ja nicht “nicht wollen”. Heute scheint mir alles durcheinander zu gehen. Handlungs -und Willensfreiheit werden, so scheint mir, in einen Topf geworfen.

    • @Dietmar Hilsebein

      Ich denke, dass die Debatte viel zu lange unnötig verkompliziert wurde – weil Spar- und Pop-Philosophen “im Namen der Wissenschaft” reduktionistisch auftrumpfen wollten.

      M.E. ist Willensfreiheit dann gegeben, wenn 1. der handlingsleitende Wille eindeutig und nur dem Subjekt zuzuschreiben ist und 2. sein Inhalt weder völlig determiniert noch völlig zufällig ist.

      Dann ist es “Ihr (freier) Wille” über den außer Ihnen niemand anderes in dieser Welt völlig verfügen kann.

      • Ja nun. Wenn ich mal in den Mokassins eines Deterministen gehe, so sage ich: Sie unterliegen da einer Täuschung. Sie wähnen sich frei, denn das, was Sie auch als Subjekt tun, verdanken Sie ihrem Spiel der Neuronen. Freilich kann man hier einwenden, daß das Hirn einem Muskel vergleichbar ist. Der Muskel befähigt uns den Arm zu beugen und das Beugen des Armes baut wiederum den Muskel auf. So ist eben das Hirn ein “geöffnetes System”. (W.Singer)
        Auf psychologischer Ebene wurde ja durchaus die Diskussion nach Nietzsche weitergeführt. So einfach scheint es dann ja nicht zu sein, den ” handlungsleitenden Willen eindeutig dem Subjekt zuzuschreiben”, da das Subjekt schon durch Erziehung verschüttet sein kann.

        • @Dietmar Hilsebein

          Wie Sie ja auch dem Deterministen in die Schuhe schreiben: Es ist das Spiel “meiner“ Neurone, aus deren Prozessen “mein“ Wille entsteht. 🙂

          Hinzu kommt noch, dass ein völliger Determinismus (quanten-)physikalisch gar nicht mehr darstellbar ist…

  2. Die Diskussionen um “echte” Willensfreiheit sind doch nur Scheingefechte in denen es in typischer postaufklärerischer Philosophenmanier darum geht endlos über Scheinprobleme zu diskutieren, wobei es im Kern um Missverständnisse geht, um Missverständnisse, die man möglichst lang am Köcheln halten will, weil man sonst die Diskussion beenden müsste. Ohne solche Scheinprobleme würden ganze Heerscharen von Philosophen arbeitslos werden.

    Es fällt ja auch auf, dass kaum je über Handlungsfreiheit diskutiert wird – einfach weil kaum jemand bestreiten wird, dass es Handlungsfreiheit, also die Freiheit so zu handeln wie man handeln möchte, unter gewissen Umständen entweder gibt oder eben nicht gibt und dass man die Umstände so ändern kann, dass es mehr Handlungsfreiheit gibt.

    Wenn Willensfreiheit die Freiheit ist, zu wollen was man will, dann hat man in der Tat ein Problem genauso wie ein Depressiver ein Problem hat, wenn ihm die betreuende Psychiaterin sagt, er soll doch einfach nicht mehr depressiv sein, dann sei alles gut. Es hat auch Ähnlichkeit mit dem Mann der in den Spiegel schauen will um den Mann im Spiegel zu sehen, der sich im Spiegel anschauen will …und so weiter.

    Wenn jemand sagt, “Ich glaube, spätestens in zehn Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es Freiheit etwa im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt.” und damit bekunden will, dass er den mindestens einige tausend Jahre alten Begriff einer schuldhaften Handlung nun auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeben will, dann gibt es nicht ein Problem mit dem Begriff der schuldhaften Handlung, sondern ein Interpretationsproblem. Die falsche Interpretation die hier vorliegt will Schuldfähigkeit nur noch dann sehen, wenn die Person, die schuldhaft gehandelt hat, eine Person wäre, die die Freiheit hat aus ihrer eigenen Haut zu schlüpfen. Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Es gilt vielmehr, dass nur eine Person, die eben nicht einfach aus ihrer Haut schlüpfen kann überhaupt Schuld auf sich laden kann. Ein Bekenntnis zur Schuldhaftigkeit ist die Anerkennung eines persönlichen Scheiterns, eines persönlichen Fehlverhaltens, auch dann und gerade dann, wenn die Schuld etwas mit der Individualität und Einzigartigkeit der schuldhaften Person zu tun hat und diese Person bis zu einem gewissen Grad so handeln musste wie sie handelte, so handeln musste weil sie eine durch ihre eigene Persönlichketi determinierte Person ist.

    • Diesmal kann ich Ihnen nur zustimmen, @Martin Holzherr. Aber Sie müssen zugeben: Es ist doch beeindruckend, wie viele auch kluger Köpfe sich in die Bestreitung von Willens- und Handlungsfreiheit verstricken ließen – und lassen…

    • Entschuldigung, aber ich muss hier doch heftig widersprechen!

      “Die Diskussionen um “echte” Willensfreiheit sind doch nur Scheingefechte in denen es in typischer postaufklärerischer Philosophenmanier darum geht endlos über Scheinprobleme zu diskutieren, wobei es im Kern um Missverständnisse geht, um Missverständnisse, die man möglichst lang am Köcheln halten will, weil man sonst die Diskussion beenden müsste.”

      Ich musste bei “postaufklärerische Philosophenmanier” schon heftig grinsen. Man mag sich zugegebenermaßen Fragen, was denn die Philosophie je für die Aufklärung getan hat, eine ähnliche Frage kann man sich ggf. auch für jede einzelne Wissenschaft stellen, aber dass es die Aufgabe der Philosophie ist, für Aufklärung zu sorgen?

      Der Verdacht, dass manches Scheinproblem auftrecht erhalten wird, besteht…

      “Wenn jemand sagt,[…] und damit bekunden will, dass er den mindestens einige tausend Jahre alten Begriff einer schuldhaften Handlung nun auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeben will, dann gibt es nicht ein Problem mit dem Begriff der schuldhaften Handlung, sondern ein Interpretationsproblem.”

      Einspruch!
      Wenn eine Person, die z. B. durch einen verrückten Wissenschaftler ferngesteuert wurde, für ihre Handlungen nichts kann, wieso sollten sich dann Leute, die durch z. B. eine verrückte Erziehung oder ähnliches zum Handeln veranlasst wurden schuldhaft verantworten müssen?
      Wenn man bei einem Gewalttäter z. B. aus hormonellen Gründen mildernde Umstände geltend macht, wieso kann man dann bei einem anderen nicht auch, mit den Argument, seine neurologische Konstitution lasse gar kein anderes Handeln zu, auch auf solche plädieren?

      Die Begriffe von “Schuld”, “Verantwortung” usw. wurden vor langer Zeit entwickelt von einer Kultur, der die meisten heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse fremd waren. Man kann jetzt sehr wohl der Ansicht sein, dass im Lichte heutiger Erkenntnisse diese Begriffe so nicht mehr haltbar sind.

      Die relevante Frage ist doch, ob das System, das sich dadurch entwickelt, besser und menschlicher (humaner) ist als das gegenwärtige. 😉

      Natürlich kann man auch sagen “wir interpretieren jede neue Erkenntnis so, dass einige traditionelle Konzepte und Begriffe [wie eben Schuld usw.] nicht angetastet werden”. Das ist natprluch durchführbar. Dennoch kann man neue Erkenntnisse natürlich auch anders interpretieren.

      “Die falsche Interpretation die hier vorliegt will Schuldfähigkeit nur noch dann sehen, wenn die Person, die schuldhaft gehandelt hat, eine Person wäre, die die Freiheit hat aus ihrer eigenen Haut zu schlüpfen. Das ist ein grundlegendes Missverständnis.”

      Die Formulierung scheint mir sehr missverständlich zu sein.

      Der gegenwärtige Begriff von Schuld geht davon aus, dass nur dann jemand schuldig ist, wenn er auch hätte anders handeln können.

  3. “Menschen haben nicht nur Gehirne, sondern auch Geist. Und so gibt es jede Menge Entitäten, die nicht a la Russels Teekanne in einem materiellen Sinne existieren, aber beobachtbare Auswirkungen auf unser Erleben und Leben haben – zum Beispiel Menschenrechte, Liebe, Recht, Gott, Wissenschaft oder (Willens-)Freiheit.”

    Der Glaube an Gott hat Auswirkungen auf unser Erleben und Leben. Gott nur dann, würde er existieren.

  4. Der Satz von Gerhard Roth ist mir schon damals als ziemlich tollkühn und falsch aufgefallen. Denkt man ihn zu Ende, würde es ja bedeuten, dass ein über die Illusion des freien Willens “aufgeklärter” Mensch wahrnimmt, wie sein Ich oder sein Wille von einer anderen, internen Instanz fremdgesteuert wird. So etwas stuft man aber doch eher psychische Störung ein, und nicht als Durchschauen einer Illusion. Und insofern Menschen fähig sind, das Konzept Verantwortung zu begreifen, haben sie auch einen Willen.
    Bei diesen endlosen Diskussionen geht es dann auch meisten um Entscheidungen, die kurz bevorstehen, mache ich das Licht an oder nicht, hebe ich das Trinkglas oder nicht. Meines Erachtens ist unser Geist aber dazu da, Entscheidungen in der Zukunft vorwegnehmend zu reflektieren, wodurch man Handlungsfreiheit gewinnt, wenn die Situation da ist. Alltagssituationen sind dagegen stark automatisiert.

    • @ Paul Stefan 8. November 2014 20:54

      Zitat:
      “So etwas stuft man aber doch eher psychische Störung ein, und nicht als Durchschauen einer Illusion.”

      -> Das ist ja das subtile an der Kulturtechnik. Der Marionette einzureden/Glauben zu machen, sie sei Fadenfrei. Der Krankheitsbegriff ist doch mehr noch politisch, als wirklich gesundheitlich “determiniert” – auch, wenn so manche psychische Störung ganz konkrete Probleme für den Betroffenen erzeugen. Im Zweifel am meisten aber für die Gemeinschaft in komplexen, sensiblen Organisationstrukturen. Die Indizien sind eindeutig: ein auffälliger psychisch Gestörter wird in jedem Falle zwangsweise Therapiert – oder andersartig aus der Welt geschafft (da gibts auch noch allerhand Möglichkeiten).

      Einen “Willen” haben Menschen auch ohne die Kenntnis vom Verantwortungsprinzip.

      Meine Erfahrungen mit dem Szenario sind da eindeutig. Diese “Willensfreiheit” existiert nicht. Das soll uns im Normalfall aber nicht weiter stören, denn es ist dabei eine natürliche Grundbedingung der Funktion unseres Gehirns, die uns einschränkt. Und uns ist im Normalfall kein aufdringlich zwingender Grund aufgefallen, sich an der “Unfreiheit” zu stören – wir sind diesen Normalfall gewohnt. Die “Illosion” also im Normalfall nicht existiert. Aber es gibt eben einerseits allgemeine Freiheitsgradbereiche und Extremfälle ausserhalb derer – welche derzeit über die psychiatrische Disziplin geregelt werden. Konkret aber gehörten diese Fälle neurologisch erfasst und therapiert. Nur da gibt es noch keine erfolgversprechenden Strategien und Methoden – scheinbar.

      Und ich bin sicher, dass dieser Bereich des Freiheitsgrades manipulierbar ist – verschiebbar, unmerklich. Und vor allem individuel variierbar – woraus sich ergibt, dass gewisse Herarchien erzeugt werden können. Schon die Manipulation von Empfindungen erzeugen weitreichende Wirkungen in uns. Und angesichts wirds dann unheimlich…

    • @ Paul Stefan: Mit dem Begriff ´reflektieren´ (Reflexion= Nachdenken) verweisen Sie ganz zu Recht auf eine wichtige Grundlage für Willensfreiheit: Wir müssen nicht die erste Reaktion unseres Gehirns automatisch/zwangsweise ausführen, sondern haben die Möglichkeit, mehrere Alternativen abzuwägen – bevor wir handeln.

      • @KRichard & @Paul Stefan

        Ganz Recht! Und wir können das Nachdenken, Vorplanen etc. auch willentlich einleiten & spüren.

        Interessant auch Situationen, in denen wir z.B. nachts “grübeln“, obwohl wir eigentlich schlafen “wollen“…

        Kurz: Wir haben ein reiches, subjektiv erfahrbares Innenleben mit erheblichen Auswirkungen auf unser beobachtbares Verhalten. Dies lässt sich nicht als “bloße Illusion“ abtun…

        • Der Satz von Roth war immer schon fragwürdig – da er Menschen und ihre Handlungsweise mit zweierlei Maß betrachtet: Wer einem Täter eine neurologisch bedingte Schuldunfähigkeit zuspricht – der müsste eigentlich davon ausgehen, dass andere Menschen neurologisch bedingte Gesetzgeber, Polizisten, Juristen und Gefängnisaufseher werden – weil sie auch nicht anders handeln können. Diese Sichtweise taucht bei Roth nicht auf.
          Unsere Gesetze sind da schon weiter – denn bei der Beurteilung von Vergehen wird geprüft, ob Mensch über ein bestimmtes Vorwissen verfügt und zum Zeitpunkt einer Tat verantwortlich handeln konnte.

          • Sehr richtig, KRichard, wenn Täter grundsätzlich wegen mangelnder Willensfreiheit nicht verantwortlich und damit nicht schuldfähig sind, dann ist niemand für irgend etwas verantwortlich, denn allen Menschen fehlt in Roths Sicht die nötige Willensfreiheit.
            Das ist der entscheidende Punkt. Wenn man diese Konsequenz nicht sieht, dann besteht die Gefahr, dass man den Begriff Schuld durch etwas noch Schlimmeres ersetzt, zum Beispiel durch den Begriff Fehlverhalten wegen “Verstoss gegen ein Gesetz, das von mir oder einer autorisierten Behörde erlassen wurde” mit der Idee dahinter, dass dann willkürliche Normsetztung genauso gut ist wie Normsetzung entlang von ethischen Grundsätzen.Zudem könnte man auf die Idee kommen, Fehlverhalten durch einen neurologischen Eingriff (EInbau eines Hirnschrittmachers) zu korrigieren, denn da ja kein Wille existiert kann man sich auf keinen Willen verlassen, auch nicht auf den bekundeten Willen des sich Fehlverhaltenden sich zu bessern. In dieser Sicht vertraut man besser der Technik als dem Menschen.

          • Über die Willensfreiheit und das gesetzliche Schuldstrafrecht gab es schon öfters eine Debatte. Hier das Fazit, welches die Autorin des unten verlinkten Artikels zieht: “Weder aus dem Gesetz noch aus der Verfassung lässt sich ein auf Willensfreiheit aufbauendes Schuldstrafrecht begründen. Ganz im Gegenteil sprechen Gesetzgebungsgeschichte und Grundgesetz gegen eine indeterministische Begründung von Schuld. Auch der Schuldunfähigkeitsparagraf an sich legt seinem Wortlaut nach eine Schuld nicht nach Willensfreiheitsgesichtspunkten fest. Damit ist der neurowissenschaftlichen Debatte die Grundlage entzogen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unser Strafrecht zu ändern, nur weil es keine Willensfreiheit des Menschen gibt. Die Frage, ob die Entscheidungen eines Menschen determiniert sind oder nicht, muss aus strafrechtlicher Sicht nicht geklärt werden. Schuld haben und Verantwortung übernehmen kann ein Mensch, auch wenn er keinen freien Willen hat. Auf einem ganz anderen Blatt steht hingegen die Frage, ob die gesetzliche Normierung des Merkmalskatalogs des § 20 StGB ein richtiges und gutes Instrument ist, die Determiniertheit des Täters aufgrund eines solchen Merkmals zu erkennen, festzustellen und seine Schuld und Verantwortlichkeit auszuschließen.”

            Entnommen von hier (letzter Absatz):
            http://www.zjs-online.com/dat/artikel/2012_6_645.pdf

  5. Auf neurologischer bzw. psychologischer Basis die Willensfreiheit zu widerlegen, halte ich für eine Zumutung. Dafür versteht die dafür zuständige Wissenschaft möglicherweise bei Weitem noch nicht mal die Funktionsweise unseres Gehirns – wenn dieses Organ in dem Fall überhaupt tatsächlich als einzigste Komponente im Falle der Willensfreiheit in Frage käme.

    Selbst eine gründliche, über viele Jahre hinweg erfolgte Untersuchung an einem Fadenwurm namens “Caenorhabditis elegans”, dessen Gehirn 300 miteinander verknüpfte Nervenzellen enthält, weist für die Wissenschaft weiterhin Rätsel auf, da schlicht und ergreifend weiterhin nicht klar ist, wie das Gehirn dieses Lebewesens tatsächlich funktioniert. Was da für eine Mammutaufgabe für die Wissenschaft vorliegen muss, wenn man im Vergleich dazu bedenkt, dass der Mensch 100 Milliarden Nervenzellen vorweist, unter denen wiederum tausende Nervenzellen miteinander verknüpft sind, muss ich sicherlich nicht näher erläutern. Folglich sollte man meiner Meinung nach in Mainstream-Medien veröffentlichte “Tatsachen” zur Willensfreiheit niemals vollständigen Glauben schenken, sondern weiterhin skeptisch bleiben – egal, ob jene Aussagen von Materialisten, Deterministen, Philosophen etc. getroffen wurden.

    Hinsichtlich des Themas Willensfreiheit besitze ich eine agnostisch ausgerichtete Sichtweise. Es ist, wenn wir den menschlich überaus komplex zusammengestellten Organismus betrachten, nicht auszuschließen, dass die Willensfreiheit in der klassischen Form tatsächlich nicht existiert. Aber der Mensch ordnet sich ja nicht nur biologisch-chemischen Prozessen unter, sondern auch physikalischen. Und viele physikalische Prozesse, an denen unser Gehirn ebenfalls signifikant gekoppelt sein kann, laufen laut heutiger Meinung der meisten Physiker nicht deterministisch ab.

    @Walter:
    Persönlich halte ich derartige Aussagen für eine typisch menschlich ausgerichtete Anmaßung an Gott. Wir Menschen sind zum Überleben auf bestimmte Elemente angewiesen. Wir sind (zumindest noch nicht ) unsterblich oder allmächtig. Wir besitzen darüber hinaus -davon sollten wir meines Erachtens nach von ausgehen- einen logisch begrenzten Verstand, der möglicherweise nicht die Gesamtheit alles Seins und seinen Abläufen erfassen kann. Dazu könnte man die Frage in den Raum stellen: was ist die menschliche Logik? Handelt es sich hier nur um ein im Laufe der Menschheitsgeschichte etabliertes Konstrukt, welches nur aus unserer Sicht realistisch ist?

    Worauf ich hinaus will: Die Frage nach der Gottesexistenz ist eine sehr problematische Angelegenheit, die sich meiner Meinung nach nicht mit menschlichen Denkweisen oder Methoden beantworten lässt (auch wenn die Antwort darauf letztendlich einfach ausfallen könnte).

  6. Russells Teekanne

    O.k., z.K. genommen. Angesichts der Idee, die in “Freiheit” steckte, macht es natürlich Sinn, sich nicht an solchen Fragen über das mögliche Maß aufzuhalten. Im Falle der Teekanne ist es sicher egal, ob sie da ist oder nicht. Und bei Gott ist es subtilerweise auch egal. Nur anders. Weil eben die Schöpfung der Schöpfer sei, haben wir es in der Hand, was uns Gott möglich macht. In der Psychologie kennt man das als “selbsterfüllene Prophezeiung”.
    Und sonst ist es ganz banal “Schönrederei”, was der Blume da oben schreibt. In jeden dritten Satz die Aussagen über das mögliche hinaus.
    Aber das macht ja nix, weil s. P. eben.

    Mal angenommen, die Teekanne ist ein Planet, der mit gegenwärtigen Mitteln nicht sichtbar gemacht werden kann – was denn dann? (Das Problem ist kein unbekanntes in der Astronomie/physik).
    Dann wird nämlich über komplizierte Strategien zu ermitteln versucht, ob er existiert. Gesehen hat ihn dann noch immer keiner – aber niemand lehnt dieserart “belegte” Existenzen ab. Ganz im Gegenteil zu den Belegen der Gottesexistenz.

    Anyway, ich habe es ja inzwischen geschaft, die “Gottesexistenz” zu beweisen. Und die “Belege” sind allen Menschen überdeutlich vor Augen – aber nochimmer scheint man die Existenz nicht akzeptieren zu wollen. Frühlich sublimierend erkennt man tausend wilde Alternativerklärungen für “plausibler”. Es ist unglaublich. Es ist aber auch ein Problem, wenn man ein selbstreferentielles System versucht sinnvoll in einen modernen, irdischen Kontext zu bringen. Da sind dann Technologie und Zufall die “schöneren” Erkärungen.

    • Hallo chris,
      an Deinem Gottesbeweis bin ich sehr interessiert und würde ihn gerne kennenlernen. Kannst Du ihn hier kurz darlegen oder fallst Du es woanders bereits getan hast, mir einen
      weiterführenden Hinweis bzw. Link geben?

      p.s.: Danke für Deine mit uns geteilten Gedanken. – Gruß

    • @ Chris :

      Anyway, ich habe es ja inzwischen geschaft, die “Gottesexistenz” zu beweisen.

      Sehr gut, Richtung Pantheismus geht da was, korrekt?

      MFG
      Dr. W

        • “Gott” fordert idR schon alles zu sein, insofern ist der Pantheismus, Spinoza und Einstein sollen hier name-dropping genannt werden, schon interessant.
          Hauptsächlich wohl für Atheische, korrekt.

          MFG
          Dr. W

  7. Hallo Herr Blume,

    Zum Intro:
    Inwiefern wurde Schopenhauers Zitat “nur halb verstanden”? Ich habe in Ihrem Artikel keinen mir erkennbaren Bezug zu dieser Aussage gefunden.

    Zu 1.:
    Die hier von Ihnen gewählte Formulierung: “warum die Evolution uns mit solchen Erfahrungen ausgestattet haben sollte”, scheint mir aus wissenschaftlicher Perspektive nicht angemessen und auch populärwissenschaftlich als ungeeignet, da Evolution m.W. als ungerichteter Prozeß (nicht teleologisch) abläuft.
    Ich möchte Ihnen folgende Formulierung anbieten: “warum die Evolution solche Art von
    Erfahrungen hervorgebracht haben sollte”.

    Auch die daran anschließende, rhetorisch fragend formulierte “Begründung” scheint mir untauglich.

    Wie verhält es sich mit optischen Täuschungen o.ä.? Sind diese nicht eher soetwas wie ‘Nebenbeiprodukte’ der Evolution die durch die Art und Weise der Sinnesverarbeitung auch _möglich_, wenn auch in natürlicher Umgebung nicht nützlich sind?

    Als weiteres ‘Nebenbeiprodukt’ – ich finde gerade kein ähnlich treffliches – gibt es z.B. den Analverkehr, der zwar von einigen Primaten ausgeführt wird um andere Gruppenmitlieder zu beherrschen (dominieren), von anderen jedoch für ihr spezielles Lustempfinden. (Gibt es letzteres auch im Tierreich? Prof. Wiki gibt unter diesem Stichwort dazu nichts her.)

    Mit Interesse an Ihrer Antwort grüßt Sie – ein Interessierter

    • @Interessierter

      Danke für die Nachfragen, auf die ich gerne eingehe. 🙂

      Schopenhauers Zitat halte ich insofern für nur “halb verstanden”, als es in einem spezifischen Kontext stand. Schopenhauer ging von einem alles durchwaltenden Ur-Willen aus, von dem sich der Erleuchtete lösen sollte. Seine Gegner waren v.a. cartesianische Dualisten, die sich Seele außerhalb der Welt und “Naturgesetze” vorstellten. Noch Einstein zitiert Schopenhauer als Weisheitslehrer, der ihn mit den Menschen “versöhnt” – was ihn nicht davon abhält, für Freiheitsrechte einzutreten! Eine Ent-Schuldung von Übeltätern hatten sie nicht im Sinn.

      Zur Evolution-Nebenprodukt-These: Klar, nur wird ein Nebenprodukt umso unwahrscheinlicher, umso kostspieliger (und also schädlicher!) es wird. Deswegen kann man es sich m.E. nicht so einfach machen, ohne auf positive Effekte wenigstens überprüft zu haben. (Das Gleiche gilt ja für Religion, mein Haupt-Forschungsgebiet.)

      Beste Grüße!

      • Optische Täuschungen als Nebenbeiprodukt zu betrachten ist eventuell ein falscher Ansatz, wie eine kürzlich veröffentlichte Arbeit zeigt: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-18110-2014-10-13.html [Gehirn gaukelt scharfes Sehen vor]; DOI: 10.1037/a0036781. Demnach besteht der größte Teil unserer wahrgenommenen Seheindrücke nicht aus wirklich gesehenen Reizen, sondern aus Erinnertem – und unsere optische Wahrnehmung wäre demnach teilweise/ganz eine optische Täuschung

      • Hallo Herr Blume,

        vielen Dank für Ihre umgehende Antwort mit dem Gedankenfutter. Das war ja fix.*

        Ups, ich sehe gerade, daß ich Ihre rhetorisch fragend formulierte “Begründung” zu sehr auf die Illusionen i.S.v.: Illusionen _als solche_, die die Evolution als Art von Erfahrungen hervorgebracht hat, verstanden habe und nicht wie von Ihnen intendiert spezifisch auf “die Liebe” und “die Freiheit”. Ich bitte Sie das daraus folgend von mir gewählte “untauglich” als unangemessen und zu scharf zu entschuldigen. Wie wär’s mit “unscharf”? 😉

        Interessant Ihr Hinweis auf Schopenhauers Idee eines ‘alles durchwaltenden Ur-Willens’; das scheint einer weiteren Betrachtung wert.
        Sehr knapp formuliert, sehe ich die Entstehung der Welt als einen Prozeß des Besetzens,
        Haltens und Erweiterns von bereits eröffneten, bestehenden und vergehenden
        Möglichkeitsräumen. Finden sich diesbezüglich bei Schopenhauer weiterführende Gedanken?

        herzliche Grüße

        * p.s.: Auch auf die Gefahr hin, daß ich auf Ihre Antwort länger warten muß, – gönnen Sie
        sich doch noch etwas Zeit vom WE.

        • @Interessierter

          Ich bringe gerade den Hund raus, habe also gerne einen Moment der Muße. 🙂 (Aber danke, dass Sie an den Blogger denken!)

          Zu den “weiterführenden Gedanken” im Sinne von “Möglichkeitsräumen” fiele mir die Prozesstheologie ein, die dies erkundet. Auch “Gott” wäre demnach kein eingreifender Handwerker, sondern Schöpfer einer evolvierenden Welt aus wachsenden Potentialen – die wir in zunehmender Freiheit ausfüllen, verfehlen oder gar zerstören können.

          Ich bin (bewusst) kein Theologe, aber dieser Denkansatz sagt mir zu.

    • Die hier von Ihnen gewählte Formulierung: “warum die Evolution uns mit solchen Erfahrungen ausgestattet haben sollte”, scheint mir aus wissenschaftlicher Perspektive nicht angemessen und auch populärwissenschaftlich als ungeeignet, da Evolution m.W. als ungerichteter Prozeß (nicht teleologisch) abläuft.

      Die metaphorische Formulierung “die Evolution hat der Spezies X die Eigenschaft Y gegeben” oder ähnliches ist nun mal verbreitet.

      Wie verhält es sich mit optischen Täuschungen o.ä.? Sind diese nicht eher soetwas wie ‘Nebenbeiprodukte’ der Evolution die durch die Art und Weise der Sinnesverarbeitung auch _möglich_, wenn auch in natürlicher Umgebung nicht nützlich sind?

      Optische Täuschungen liegen teils auch in der Natur der Sache begründet!

  8. Freiheitsbestreitende müssten also erklären, warum die Evolution uns mit solchen Erfahrungen ausgestattet haben sollte, wenn diese doch “nur Illusionen” seien.

    Ein Angehöriger einer “animistischen” Kultur könnte vielleicht fragen: “Wieso hat uns die Natur mit der Fähigkeit zu träumen ausgestattet, wenn nicht deshalb, damit unsere Seele unseren Körper verlassen kann”. (Abgesehen davon, dass unseren Animisten das Konzept davon, dass die Natur jemanden mit etwas ausstattet usw. völlig fremd wäre).

    Natürlich wird ein Gegner der Willensfreiheit argumentieren, dass dieses Gefühl des Mangels von Freiheit eigentlich etwas anderes ist als das Gefühl des Mangels der Freiheit im Sinne der Anhänger der Willensfreiheit.
    Das kann zum Beispiel sein, dass sich jemand in seinen Möglichkeiten eingeschränkt fühlt und deshalb Angst hat, wie ein Tier, dem die Fluchtmöglichkeiten geraubt werden und das sich ohnmächtig als Beute von Raubtieren fühlt.
    Oder es bezieht sich eigentlich auf etwas ganz anderes, was eigentlich mit Freiheit nichts zu tun hat, wir haben nur gelernt, dieses Gefühl fälschlich damit in Verbindung zu bringen. Übrigens hat Nietzsche – bei ihn bezogen auf “moralische Gefühle” – genauso argumentiert. Ich sauge mir das also nicht aus den Fingern.
    Es gibt einige Philosophen, die so wohl auch in Bezug auf die Willensfreiheit argumentieren.

    Heute können auch Naturalisten einräumen, dass Systeme immer neue Eigenschaften hervorbringen (Emergenz): Quarks haben zum Beispiel noch keine einklagbaren “Rechte”, Menschen in einem Rechtstaat dagegen schon. Wer dagegen meint, mit den Mitteln der Physik juristische Sachverhalte bewerten zu können, begeht einfach einen peinlichen Kategorienfehler (über den die meisten Juristinnen und Juristen nur noch gelangweilt schmunzeln können).

    1. Sie können einräumen. 😉 Es gibt durchaus Naturalisten, die mit den Konzept von Emergenz nichts zu tun haben wollen.
    2. Das der Freie Wille sowas wie “Rechte” noch dazu im juristischen Sinne sein soll, engt die Diskussion doch sehr ein. Ein Naturalist wird juristische Rechte (wahrscheinlich) als eine Form von menschlicher, gesellschaftlicher Konvention auffassen. (Man muss hier insbesondere feststellen, dass man ggf. zwischen Rechten im moralischen und im juristischen Sinne zu differenzieren hat.) Er wird ihnen jedenfalls nicht die selbe Form von Existenz zusprechen wie man sie dem Bildschirm, vor dem wir grade sitzen, zusprechen würde.

    Aber der Glaube an ein “völlig determiniertes” Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.

    Das sagt man jedenfalls so. Darin müsste ich mich echt mal einarbeiten.

    Schopenhauers Argument – das in der Auseinandersetzung mit dem damaligen Dualismus seine Berechtigung hatte – besteht ja darin, dass “der Wille” sich nicht selbst schöpfen könnte.

    Eine kleine Anmerkung: Schopenhauers Ansicht ist wohl komplexer und entwickelte sich u. a. in Auseinandersetzung zur Ansicht von Kant. Für diese gab es eine Art “intelligiblen Charakter”, der sich in gewisser Weise (gefährliches Halbwissen meinerseits) sein normales Subjekt ausgesucht hat. Diesen intelligiblen Charakter gab es meines Wissens auch bei Schopenhauer.

    Das Zitat von Schopenhauer – das so übrigens von Einstein in “Mein Weltbild” zitiert wurde, ich gehe davon aus, dass es der Blogautor @Blume wahrscheinlich daher kennt 😉 – spiegelt somit nicht seine vollständige Meinung wider.
    Okay, das ist jetzt schon etwas nerdig oder “elfenbeintürmern”. Spielt hier keine Rolle.

    • @Skeptiker

      Klar, ein Animist müsste keine empirischen Argumente akzeptieren – da der Animismus, im Gegensatz zur Evolutionstheorie, keine wissenschaftliche These, sondern eine religiöse Weltanschauung ist. Das zu unterscheiden hatte ich in der Tat vorausgesetzt… 😉

      Und, ja, Überraschung (?): Es gibt kein “naturalistisches Lehramt”, also selbstverständlich auch zur Emergenz verschiedene, naturalistische Positionen. Dass sich über die Emergenz für viele Naturalistinnen ein Weg ergab, Phänomene als Systemeigenschaften zu erfassen, ist aber m.E. unstrittig.

      Und zu Schopenhauer: Der ist als “der” frühe, deutschsprachige Buddhismus-Vermittler natürlich Bestandteil jedes religionswissenschaftlichen Studiums. Die (auch m.E. wie geschrieben verkürzte) Willensfreiheits-Rezeption fand (s)ich bei Michael Schmidt-Salomon und ja – auch im verlinkten Artikel beschrieben – bei Einstein.

      Enjoy! 🙂

      • Klar, ein Animist müsste keine empirischen Argumente akzeptieren – da der Animismus, im Gegensatz zur Evolutionstheorie, keine wissenschaftliche These, sondern eine religiöse Weltanschauung ist. Das zu unterscheiden hatte ich in der Tat vorausgesetzt…

        Da scheine ich wohl eine Bildungslücke zu haben. Also: Worin unterscheidet sich die “Vor-wissenschaftliche Sicht” eines Anministen von der “verwissenschaftlichten Sicht” eines Anhängers der Willensfreiheit?
        Etwa dadurch, dass die Willensfreiheit im Gegensatz zu Seelenreisen in unserer Kultur verankert ist?

        Und, ja, Überraschung (?): Es gibt kein “naturalistisches Lehramt”, also selbstverständlich auch zur Emergenz verschiedene, naturalistische Positionen.

        Für mich ist das keine Überraschung, ich weise nur gerne darauf hin, um meinen Nick alle Ehre zu machen.
        Natürlich gibt es verschiedene Ansichten zur Emergenz, auch von Naturalisten. Die Frage ist nun: Welche Position ist aus naturalistischer Sicht die richtige?
        Solange es diesbezüglich einen Dissenz gibt, muss man sich entscheiden, welche Position man für die Richtige hält (sonst könnte man einfach die Position der Mehrheit übernehmen…) und sofern man sich als Rationalist sieht, sollte man diese Position anhand von überlegenen Argumenten wählen.

        Mir ist bisher ehrlich gesagt kein Argument begegnet, das so dermaßen überlegen wäre, dass ich den Streit für beendet halten würde. Allein dass die Mehrheit ein Argument häufig wiederholt macht es nicht stärker, in meinen Augen…

        Der ist als “der” frühe, deutschsprachige Buddhismus-Vermittler natürlich Bestandteil jedes religionswissenschaftlichen Studiums. Die (auch m.E. wie geschrieben verkürzte) Willensfreiheits-Rezeption fand (s)ich bei Michael Schmidt-Salomon und ja – auch im verlinkten Artikel beschrieben – bei Einstein.

        Das dürfte ungefähr auch die Quellen sein, aus denen ich mit Schopenhauer in Verbindung kam.
        @Buddhismus: hat Schopenhauer den nicht auch ein wenig verzerrt dargstellt?

        • @Skeptiker

          Ja, Schopenhauer hat eine bestimmte Buddhismus-Interpretation vorgenommen und verbreitet, die mit dem gelebten Buddhismus wenig zu tun hatte, aber bis heute vor allem in Deutschland sehr wirkmächtig geblieben ist. Ob man das nun gut oder schlecht findet – es ist halt so gelaufen.

          Den Animismus habe ich bewusst ausdrücklich nicht als “vor-wissenschaftlich“ bezeichnet, sondern als religiöse Weltanschauung. An ein Stufenmodell im Sinne von Magie – Religion – Wissenschaft glaube ich schon deshalb nicht, weil wissenschaftliche und religiöse Narrative ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen und nebeneinander bestehen können. Entsprechend müssen in religiösen Kontexten empirische Argumente nicht gelten und umgekehrt – Animismus und Evolutionsforschung argumentieren je in ihren eigenen Horizonten.

  9. “1. Freiheit kann man fühlen und sie kann vermisst werden, wo sie fehlt!”

    Unsere gefühlsmäßige und somit wenig bewußtseinsbedingte Emotionalität ist in dieser systematisch-bedingten “Individualbewußtheit” der fatalste Fehler für Mensch / Menschheit! 🙂

    Für Mensch mit Verstand von wirklich-wahrhaftiger Vernunft, ist es immerwieder ein lustiges und auch trauriges Fest, wenn gerade die, die sich in der “Sicherheit” von Bildung zu materialistischer Bewußtseinsbetäubung / Intelligenz wiegen und somit selbst verschaukeln, von Glaube, Freiheit und … FANTASIEREN 😉 Ich denke gerade diese Lebensphilosophie wird ein schlechtes Karma und somit schlechteres Schicksal im nächsten Leben bewirken.

    • Aber der Glaube an ein “völlig determiniertes” Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.”

      Der “Einzelne” hat (wie manch “freie” Quanten …) die Freiheit Bewußtsein zu entwickeln, auch wenn dies die schmerzliche Erkenntnis bedeutet, daß er es nicht automatisch zur Überwindung des Schicksals von Mensch einsetzen kann!

    • “… somit schlechteres Schicksal im …”

      Schlechtere Bedingungen für ein (gottgefälliges / menschlicheres) Selbstbewußtsein muß es besser lauten.

  10. Alle religiösen, mit Liebe verbundenen oder aus Freiheitsstreben motivierten Handlungen haben eine materielle Dimension: menschliche Leiber, Zungen und Stimmbänder oder Artefakte (z.B. Waffen) werden bewegt usw.

    Betrachte einmal – wie durch ein Mikroskop – die gesamte Welt ausschließlich in ihrer materiellen (physischen) Dimension: eine gigantische Wolke von “Elementarteilchen”. Alle auf diese Weise zu beobachtenden Vorgänge unterliegen nach heutiger Kenntnis der Determination oder dem Zufall (der sich in Determination auf einer stochastischen Ebene übersetzen lässt). Jede Art von Veränderung (einschließlich Ortsveränderungen/Bewegungen) unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten und es scheint keinerlei Ausnahme von dieser Regel zu geben. Es gibt einfach keine Hinweise darauf, dass irgendetwas von außerhalb dieser materiellen Vorgänge eingreift und die Abläufe absichtsvoll manipuliert – alles regelt sich innerhalb dieser physischen Ebene wie von selbst, komplett im Rahmen naturgesetzlicher Beschreibbarkeit und natürlich unterschiedslos für Vorgänge innerhalb und außerhalb bestimmter Organismen.

    Natürlich fehlt dieser naturwissenschaftlichen Betrachtungsform jegliche beurteilende Perspektive (z.B. “gut”/”böse”), man kommt vom Sein nicht zum Sollen, von materiellen Fakten nicht zu evaluativen Urteilen (Humes Gesetz). Sämtliche Begriffe der Alltagswelt und Alltagspsychologie finden infolgedessen in einer rein materiellen Welt kein Pendant – was auch gar nicht überraschend ist.

    Niemand bestreitet, dass Begriffen der Alltagswelt – z.B. Freiheit, Gott, Liebe usw. – eine epistemische Funktion in dem Sinne zukommen könnte, dass diese Begriffe komplexe Phänomene in einer zusammenfassenden Weise effektiv und verständlich beschreiben. Aber es ist auch gleich klar, dass es Freiheit oder Liebe nicht so gibt wie meine Kaffeetasse. Es handelt sich hierbei nicht um materielle Fakten, sondern diese Begriffe sind immer nur verständlich als eine Verbindung von bestimmten gedanklichen Vorstellungen und Wahrnehmungen materiell-realer Vorgänge. Klammert man entsprechend der naturwissenschaftlichen Methode die begleitenden gedanklichen Vorstellungen aus, dann verlieren diese Begriffe sogleich ihre Bedeutung.

    Lässt sich nun – unter Anerkennung der durchgängigen und ausnahmslosen naturgesetzlichen Beschreibbarkeit auf der materiellen Ebene (die auf Notwendigkeit und Zufall basiert und unseres Wissens kein Einfallstor für “immaterielle Einflussnahmen” besitzt) – ein Freiheitsbegriff formulieren, der die diesen Begriff begleitenden Vorstellungen als sinnvoll, d.h. als nicht illusionär aufweist?

    Aus der Beobachtungstatsache, dass wir im Laufe eines Tages praktisch all unsere Intentionen in die Tat umsetzen können und wir insbesondere keine unkontrollierten Bewegungen ausführen, die unseren Intentionen zuwider laufen (wie etwa bei einem epileptischen Anfall), können wir den Begriff der Handlungsfreiheit formulieren: er beschreibt gut die erstaunliche Korrespondenz von Vorstellungen (nämlich Intentionen) und faktisch-materiellen Handlungen. (Mit Handlungsfreiheit wäre auch die politische Bedeutung des Freiheitsbegriffs gut erfasst, und Dein Blog-Beitrag, lieber Michael, handelt von dieser Freiheit.)

    Aber können wir auch unseren handlungsleitenden Willen frei bestimmen? Kürzer gefragt: Können wir uns selbst in diesem Moment aus dem Nichts neu erfinden? Falls ja – wer wäre da der Erfinder bzw. der Bestimmer? Hätte er (oder sie) eine Kontinuität zu unserem vorherigen Ich, sodass es überhaupt wir selbst wären, die sich da selbst neu erfinden? Dass meine Handlungen durch mich bestimmt und in diesem Sinne frei sind, heißt sinnvollerweise, dass sie meinen Intentionen entsprechen. Aber es wäre ziemlich unklar, was es bedeuten sollte, dass ich auch meine Intentionen nochmals frei bestimmen können soll: Aufgrund welcher bzw. wessen Intentionen sollte ich das denn tun? Wie könnte diese absolut ursprüngliche Bestimmung meines Selbst (Genitivus objectivus) eine Bestimmung durch mich selbst sein (Genitivus subjectivus), wenn es mich im Moment der Selbsterfindung doch gar nicht gibt? Mir scheint aufgrund dieser Unklarheiten ein Begriff von Freiheit als “Willensfreiheit” fragwürdig.

    Freiheit als Handlungsfreiheit und Fähigkeit zur Selbstbestimmung meint also, dass meine Handlungen durch mich bestimmt sind – und das verlangt notwendig, dass sie in der Kontinuität meines Werdens ablaufen, weil mein “Selbst” letztlich die materielle und geistige Summe all dessen ist, was mir bis zu diesem Zeitpunkt widerfahren ist und was ich getan habe (materialisiert in der Struktur meines eigenen Gehirns).

    Im Hinblick auf die materielle Ebene scheint es für die Behauptung der Willensfreiheit unausweichlich, die Möglichkeit eines geistigen Eingreifens zu postulieren – also dualistisch angelegt zu sein -, was manche unattraktiv finden werden, was aber kein so starkes Gegenargument darstellt wie die obige Begriffsanalyse.

    Für Handlungsfreiheit müsste ich dagegen “nur” die durchaus erstaunliche Korrespondenz zwischen den hochkomplexen materiellen Vorgängen in meinem Gehirn und damit verknüpften Bewegungen meines materiellen Körpers einerseits und meinen begleitenden, mehr oder weniger bewussten Vorstellungen (Pläne, Absichten usw.) andererseits zu konstatieren. Diese Korrespondenz bildet die Grundlage dafür, dass ich Bewegungen an mir überhaupt als meine eigenen Handlungen identifizieren kann (im Unterschied zu Zuckungen, epileptischen Entäußerungen usw.).

    Ganz ähnliche Überlegungen wie in Bezug auf die Freiheit gelten interessanterweise auch für die von Michael erwähnte Liebe; denn das Besondere daran ist ja, dass man sich gerade nicht frei – also aus dem Nichts – selbst zur Liebe bestimmt und entscheidet, dass man sich nun liebt, sondern dass die Liebe einen “findet”, “trifft”, “umhaut”, “zu einem kommt” usw. und dass bestimmte unkontrollierbare Zufälle beim Kennenlernen und sich Verlieben für diese Art von Verbindung wesentlich sind. Sicherlich spielen viele kleine Entscheidungen und Handlungen hierbei eine wichtige Rolle und man kann sich sicherlich auch zur Liebe noch einmal verhalten – z.B. sich gegen eine Liebesbeziehung entscheiden -, aber Liebe setzt meines Erachtens keine Freiheit im Sinne einer Fähigkeit voraus, mein Wollen selbst zu bestimmen und Liebe kontrolliert aus dem Nichts herzustellen.

    • Lieber @Christian,

      danke für den sehr poetischen Kommentar! 🙂 Erlaube mir, auf einige Aspekte einzugehen.

      Betrachte einmal – wie durch ein Mikroskop – die gesamte Welt ausschließlich in ihrer materiellen (physischen) Dimension: eine gigantische Wolke von “Elementarteilchen”. Alle auf diese Weise zu beobachtenden Vorgänge unterliegen nach heutiger Kenntnis der Determination oder dem Zufall (der sich in Determination auf einer stochastischen Ebene übersetzen lässt). Jede Art von Veränderung (einschließlich Ortsveränderungen/Bewegungen) unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten und es scheint keinerlei Ausnahme von dieser Regel zu geben. Es gibt einfach keine Hinweise darauf, dass irgendetwas von außerhalb dieser materiellen Vorgänge eingreift und die Abläufe absichtsvoll manipuliert – alles regelt sich innerhalb dieser physischen Ebene wie von selbst, komplett im Rahmen naturgesetzlicher Beschreibbarkeit und natürlich unterschiedslos für Vorgänge innerhalb und außerhalb bestimmter Organismen.

      Ist das so? Ein Stift fällt von meinem Tisch – er gehorcht nur den Gesetzen der Physik. Auch meine Finger bewegen sich im Rahmen der physikalischen Gesetze, doch sie fallen nicht einfach – sie werden willentlich bewegt, um Symbole hervorzurufen, die wiederum in Deinem Bewußtsein ankommen und Dich zum Nachdenken anregen sollen. Könnte man behaupten, das Fallen des Stiftes und die Bewegungen meiner Finger wären unterschiedslos determiniert oder zufällig? Ich meine: Nein – das Stiftefallen erfolgt willenlos, die Bewegung meiner Finger aufgrund meiner Willens- und Handlungsfreiheit.

      Ganz empirisch argumentiert: Der Fallweg des Stiftes lässt sich mit einfachen physikalischen Formeln berechnen. Für die Bewegungen meiner Finger und die dadurch folgenden Symbole gilt das nicht, sie sind emergent viel mehr als nur Physik und nicht alleine auf diese reduzierbar.

      Aber können wir auch unseren handlungsleitenden Willen frei bestimmen? Kürzer gefragt: Können wir uns selbst in diesem Moment aus dem Nichts neu erfinden? Falls ja – wer wäre da der Erfinder bzw. der Bestimmer? Hätte er (oder sie) eine Kontinuität zu unserem vorherigen Ich, sodass es überhaupt wir selbst wären, die sich da selbst neu erfinden? Dass meine Handlungen durch mich bestimmt und in diesem Sinne frei sind, heißt sinnvollerweise, dass sie meinen Intentionen entsprechen. Aber es wäre ziemlich unklar, was es bedeuten sollte, dass ich auch meine Intentionen nochmals frei bestimmen können soll: Aufgrund welcher bzw. wessen Intentionen sollte ich das denn tun? Wie könnte diese absolut ursprüngliche Bestimmung meines Selbst (Genitivus objectivus) eine Bestimmung durch mich selbst sein (Genitivus subjectivus), wenn es mich im Moment der Selbsterfindung doch gar nicht gibt? Mir scheint aufgrund dieser Unklarheiten ein Begriff von Freiheit als “Willensfreiheit” fragwürdig.

      Klar, mit diesem hohen Anspruch landest Du beim Dualismus. Aber warum sollten wir so hoch greifen? Du hast auch Deine eigene Existenz nicht “frei bestimmt”, sondern bist aufgrund des Verhaltens Deiner Eltern auf die Welt gekommen. Dennoch existierst Du – und bist als inzwischen Erwachsener auch nicht mehr völlig abhängig von ihnen, sondern in Graden frei. Nicht einmal Deinen Namen hast Du selbst bestimmt – und wärest doch inzwischen frei, ihn zu ändern (wenn Du – wolltest!). Willensfreiheit ist m.E. keine Frage des Erschaffens aus dem Nichts, sondern des verursachten Werdens – wie doch andere Aspekte Deines Gehirns und Geistes auch! Und es ist dann eben Dein Name, Dein Gehirn, Dein Geist, Dein Wille und Dein Blog – nicht der jemand oder jedes anderen.

      Im Hinblick auf die materielle Ebene scheint es für die Behauptung der Willensfreiheit unausweichlich, die Möglichkeit eines geistigen Eingreifens zu postulieren – also dualistisch angelegt zu sein -, was manche unattraktiv finden werden, was aber kein so starkes Gegenargument darstellt wie die obige Begriffsanalyse.

      Nein. Wir können ja auch die Existenz Deines Körpers und Schmerzempfindens anerkennen, ohne zu verlangen, diese müssten aus einer anderen Welt heraus verursacht worden sein. Sie wurden, wie Du wurdest – und wie Dein (genau: Dein) Wille wurde.

      Ganz ähnliche Überlegungen wie in Bezug auf die Freiheit gelten interessanterweise auch für die von Michael erwähnte Liebe; denn das Besondere daran ist ja, dass man sich gerade nicht frei – also aus dem Nichts – selbst zur Liebe bestimmt und entscheidet, dass man sich nun liebt, sondern dass die Liebe einen “findet”, “trifft”, “umhaut”, “zu einem kommt” usw. und dass bestimmte unkontrollierbare Zufälle beim Kennenlernen und sich Verlieben für diese Art von Verbindung wesentlich sind. Sicherlich spielen viele kleine Entscheidungen und Handlungen hierbei eine wichtige Rolle und man kann sich sicherlich auch zur Liebe noch einmal verhalten – z.B. sich gegen eine Liebesbeziehung entscheiden -, aber Liebe setzt meines Erachtens keine Freiheit im Sinne einer Fähigkeit voraus, mein Wollen selbst zu bestimmen und Liebe kontrolliert aus dem Nichts herzustellen.

      Dass Du versuchen (!) kannst, Dich für oder “gegen eine Liebesbeziehung zu entscheiden” reicht m.E. für die Feststellung von Willensfreiheit bereits aus. Denn wer außer Dir könnte diese konkrete Liebe erfahren und versuchen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden? Nicht zufällig lautet dann ja auch die Frage am Traualtar: “Willst Du..?”

      • “das Stiftefallen erfolgt willenlos, die Bewegung meiner Finger aufgrund meiner Willens- und Handlungsfreiheit”

        Ha! Du bist Dualist, Michael. Genau genommen vertrittst Du einen emergentistischen Dualismus mit der Möglichkeit der backward causation. Dies entspricht auch Deiner Grundeinstellung zum Leben, auch Deinem Interesse an Religion. Dem geistigen Bereich kommt eine Eigenständigkeit und Wirkmächtigkeit zu – das lässt Du Dir einfach nicht ausreden.

        Du hältst es für möglich, dass Freiheit zur Ursache einer physischen Bewegung wird – damit gehst Du sogar weiter als die meisten Philosophen, die die Freiheit im “Reich der Gründe” ansiedeln und nicht bestreiten, dass man für die Bewegung des Fingers eine vollständige, rein materielle Erklärung im “Reich der Ursachen” nennen kann.

        Mindestens aber hast Du bei Deiner Erwiderung den Rahmen des von mir an der entsprechenden Stelle vorgeschlagenen Gedankenexperiments verlassen, nämlich einmal ausschließlich auf die materiellen Vorgänge zu achten, also einmal durch die Brille des Naturwissenschaftlers nur mehr oder weniger dichte “Wolken” von Elementarteilchen zu sehen. Du scheinst davon auszugehen, dass eine Fingerbewegung in dieser naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise irgendwie mysteriös wäre – ist sie aber nicht. (Auch der meinem Kommentar nachfolgende Kommentar muss keinesfalls nur durch “Schwerkraft” entstanden sein – da sind ja noch einige andere Kräfte und Mechanismen am Start, welche aber im Prinzip allesamt naturgesetzlich beschreibbar sind.) Die Biochemie und Hirnphysiologie wird jedenfalls an keiner Stelle außer Kraft gesetzt, wenn Du irgendetwas entsprechend Deiner Wahrnehmung willentlich tust. Du magst gerade den größten “Bruch” in einem Entscheidungsprozess oder in Deiner Biographie erleben, alles ändert sich, Du wirst ein neuer Mensch – aber Deine Hirnphysiologie läuft die ganze Zeit absolut kontinuierlich und bruchlos ab.

        Der Wille ist in unserer Selbstwahrnehmung der letztliche, nicht weiter begründbare Grund unseres Handelns. In gewisser Weise betont der Hinweis auf meinen Willen, dass diese Handlung wirklich meine Handlung ist – also in vollständiger Übereinstimmung mit meinen entsprechenden Vorstellungen steht (Absichten, Plänen usw.). Eine entsprechend meinem Willen vollzogene Handlung ist Ausdruck meiner Selbst. In dem was ich will und was ich nicht will, erfahre ich mich selbst in besonderer Weise. Mich kennen lernen, heißt ganz wesentlich: herausfinden was ich will und was ich nicht will (und es abzugrenzen von dem, was man soll oder nicht soll). Selbstbestimmtes Handeln und durch meinen Willen bestimmtes Handeln sind damit äquivalent.

        Der Wille wäre frei, wenn er frei gewählt werden könnte – aber mit welchem bzw. wessen Willen, würde ich denn diesen Willen wollen und wählen? Was ich hingegen frei wählen kann, das sind meine Handlungen – und ich wähle sie aufgrund meines Willens (z.B. entscheide ich mich für eine Namensänderung), damit es sinnvolle Handlungen sind, die meinen Vorstellungen entsprechen.

        Du stimmst mir in diesem Punkt im Grunde ja auch zu, da Du auch das Werden einer Person betonst: nur im Kontext meiner ganzen leibhaftigen Geschichte macht meine Handlung ja überhaupt Sinn und ist sie überhaupt erst meine eigene Handlung – das gilt auch für eine überraschende Kehrtwende im Leben o.ä. (Ich will ja Freiheit für mein überlegtes Handeln beanspruchen und nicht die sinnlose Fähigkeit demonstrieren, dass ich eine absolut zufällige, vermeintlich unbedingte – “freie” – Bewegung erzeugen kann.)

        Wir verstehen bisher leider zu wenig von Psychologie, aber vermutlich wäre es möglich, auch auf einer psychologischen Ebene eine lückenlose, festen Gesetzmäßigkeiten folgende Abfolge von Gedanken, Empfindungen usw. darzustellen, die uns z.B. zu einer überraschenden Entscheidung führen – in enger Verbindung mit der ebenfalls bruchlos ablaufenden Hirnphysiologie. Unsere eigenen Einsichten oder die Beobachtungen außenstehender Dritter bleiben hier aber meist recht spekulativ und unvollständig: wir verstehen uns nie so wirklich ganz.

        Die Liebe dürfte in westlichen Ländern in der Regel schon da sein, wenn es ans Heiraten geht – daher wird hier nicht die Liebe gewählt, sondern das eigene Wollen ist bereits durch Liebe bestimmt und sucht sich nun z.B. in der Ehe den gemäßen Handlungsraum. In anderen Kulturen wird erst geheiratet und man hofft, dass die Liebe dann schon kommen wird – aber auch dies ist kein Automatismus, welchen man allein durch eigenes Wollen herstellen könnte. Liebe hat ein passives, ein Widerfahrnis-Element, sie ist auch schicksalshaft (sonst ist sie imho gar keine Liebe, sondern ein bürgerliches Arrangement, ein Konkubinat). Das gilt, wenn die Liebe kommt, leider aber auch, wenn sie wieder geht.

        Du brauchst für Deine Anliegen also “nur” Handlungsfreiheit zu fordern – und die kann ohne Leib-Seele-Dualismus und ohne Widerspruch zu Erkenntnissen in den Naturwissenschaften plausibel gemacht werden. Ausgehend von dem, was wir jetzt sind, können wir im Rahmen der Handlungsfreiheit sogar in Grenzen wählen, was wir vermittels unserer zukünftigen Handlungen in Zukunft sein wollen. Willensfreiheit ist dagegen bereits rein begrifflich ein obskures, vermutlich selbstwidersprüchliches Konzept – d.h. ich würde bestreiten, dass es Sinn macht, selbst wenn der Dualismus zuträfe.

        • @Christian Hoppe

          Ich bin kein Dualist, erkenne aber backward causation. So kommunizieren wir beide gerade symbolisch – mithilfe kulturell erlernter Traditionen (Sprache) und verschiedener Technologien (Schrift, Computer). Und dass sich mein willentlich verfasster Kommentar z.B. wiederum auf die Bewegungen Deiner Augen auswirkt, kannst selbst Du nicht ernsthaft leugnen. 😀

          Selbstverständlich hat all dies auch physikalische Grundlagen – es ist aber mehr als Physik! Und das “glaube“ ich nicht nur, sondern weise ganz empirisch darauf hin, dass sich das entsprechende Verhalten z.B. eines fallenden Stiftes und eines Online-Dialoges nicht mit den gleichen Formeln darstellen lassen. Der so schneidige Reduktionismus konnte nie liefern und auch in Deinem Kommentar wimmelte es ja wieder von “vielleicht“ und “könnte“. Der reduktionistische Physikalismus ist bislang immer gescheitert und wirkt zunehmend lächerlich – Deal with it. 🙂

          • backward causation – aber mit welchen Kräften, mit welcher Energie wirkt denn das Geistige, Kulturelle etc. auf die materiellen Vorgänge zurück? Bisher kennen wir nur vier Kräfte und “glauben” zudem an Energieerhaltung auf der materiellen Ebene (also kein Energieeintrag von außen).

            Du bist zwar kein Substanzendualist (“Geist existiert nicht aus sich selbst heraus”) – hatte ich auch nicht behauptet -, aber Dein Emergentismus ist dualistisch, weil Du der emergierenden “geistigen” Eigenschaft eine kausale Rolle für die materiellen Vorgänge (z.B. Bewegungen von Fingern oder Stimmbändern) zuschreibst.

            Mein Gedankenexperiment hast Du leider wieder nicht mitgemacht: Du magst die Welt nicht physikalisch betrachten, nicht einmal probeweise.

            Was immer jeweils noch hinzukommen mag: die Biologie tritt nie in Widerspruch zur Chemie, und die Chemie tritt nie in Widerspruch zur Physik. Die These ist: Auch Soziologie und Psychologie treten niemals in Widerspruch zu Biologie, Chemie und Physik. Mentale backward causation von Hirnprozessen (etc.) liefe m.W. aber auf einen Widerspruch zur physikalischen Energieerhaltung heraus.

            Willensfreiheit setzt backward causation voraus: Im materiellen Substrat kann geistig – materiell betrachtet also “aus dem Nichts” – eine neue physische/physiologische Kausalkette angestoßen werden. Ich glaube nicht, dass das möglich ist – und Du glaubst es eben doch.

            Der Punkt unseres Dissenses ist jetzt aber sehr schön klar geworden.

          • @Christian Hoppe

            Ja, das ist in der Tat hilfreich. So kann ich über Dein Gedankenexperiment ehrlich gesagt nur schmunzeln: Du magst die Welt nicht physikalisch betrachten, nicht einmal probeweise.

            Dazu der Hinweis: Das Betrachten selbst ist schon eine geistige, über-physikalische Tätigkeit! Quanten “betrachten” nicht – aber wir Menschen können das (und uns sogar paradoxe Gedankenexperimente vorstellen!). Sehr schön auch probeweise – mit dem Du ja einräumst, dass wir uns innere Vorstellungen machen, diese ausprobieren und dann annehmen oder verwerfen können! Können Atome das? Nein? Dann ist das physikalische Modell offensichtlich nicht ausreichend, um die Welt der beobachtbaren Phänomene zu beschreiben.

            Ich denke tatsächlich, dass hier zwei Betrachtungs(!)weisen aufeinandertreffen: 1. Du scheinst die Auffassung zu vertreten, wonach das, was bestehende, physikalische Modelle nicht erklären können, nicht existiert (z.B. backward causation): Wenn die Wirklichkeit nicht zu den Thesen passt, Pech für die Wirklichkeit.

            Ich vertrete 2. den empirischen Ansatz, nach dem intersubjektiv beobachtbare Phänomene durch immer vorläufige, empirische Thesen zu erklären sind. Wenn die Wirklichkeit nicht zu den Thesen passt, Pech für die Thesen.

            Dass alle Wissenschaftsbereiche hier an Grenzen stoßen und das sich der Grad der Formalisierbarkeit entlang eines Zeitpfeils verändert halte ich dabei für wertvolle Hinweise, wo es weiterzudenken und weiterzuforschen gilt.
            https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/harte-vs-weiche-wissenschaften-warum-die-blogosph-re-emergenz-verstehen-sollte/

            Beste Grüße, danke für die gute Debatte! 🙂

          • Du liest, das muss ich leider sagen, sehr ungenau, Michael … ich hatte ja nie behauptet, dass es Gedanken, Vorstellungen usw. – kurz: das Geistige – gar nicht gib. Dein Argument verfehlt leider komplett meinen Einspruch bzw. meine Rückfragen zu Deiner mit großer Geste vertretenen Überzeugung, dass es Willensfreiheit gibt. Zur von mir erläuterten Selbstwidersprüchlichkeit des Begriffs “Willensfreiheit” – also völlig unabhängig von Reduktionismus, Emergentismus, usw. – hast Du Dich leider gar nicht geäußert. Aber wir kommen hier wohl nicht mehr weiter, schade.

          • Lieber Christian,

            habe ich im Deinem letzten Kommentar etwa Vorwürfe gelesen? Wie kann das sein? Nach der von Dir vertretenen Auffassung habe ich doch gar keine Willensfreiheit, es war alles determiniert!

            Auch rätsele ich sehr über Deinen Eingangsaussage, “…muss aber leider sagen…”. Inwiefern ist dieses Müssen anders determiniert als jedes andere Sagen von Dir? Und warum “leider”, wo wir beide doch gar keine willentlichen Alternativen hätten? Oder nimmst Du etwa heimlich doch an, Dein Diskussionspartner hätte einen teilweise freien und ansprechbaren Willen??? 😉

          • Wir haben doch nicht telepathisch kommuniziert, sondern auf materieller Basis. Alles was dabei materiell passierte – drinnen und draußen, im Organismus, im Gehirn -, folgte Naturgesetzen. Ohne diese Vorgänge – keine Kommunikation.

            Dein Kommunikationsmodell ist: materielle Basis einer Nachricht (z.B. Pixel auf dem Monitor) – Wahrnehmung = Übergang in die geistige Ebene – dort: Willensbildung – und dann von dort zurück ans Hirn (backward causation) und – z.B. – in die Tastatur getippt oder ausgesprochen.

            Das ist interaktionistischer Dualismus. Und der funktioniert – nach derzeitigem Wissen – physikalisch nicht (Energieerhaltung).

            Deine Reaktion spielt wieder darauf an, dass ich Deiner Meinung nach die Existenz geistig-seelischer Phänomene leugne; das ist aber nicht der Fall. Insofern hilft das hier nicht weiter.

          • Übrigens – ganz ohne Benjamin Libets umstrittene Experimente zeigt bereits das Bereitschaftspotential als solches (Lüder & Deecke, 1966), dass das interaktionistisch-dualistische Modell einer Willkürhandlung nicht stimmen kann: Willensentschluss in einer immateriellen Seele, dann Auslösung von Hirnaktivität und schließlich die sichtbare materielle Bewegung des Arms. Denn der zeitliche Abstand zwischen dem Einsetzen spezifischer Hirnaktivität und der Ausführung der Bewegung ist mit 600-800 ms einfach viel zu lang, als dass der Willensentschluss noch zeitlich davor liegen könnte: Es dauert keinesfalls fast 1 Sekunde, bis ich meinen Arm willentlich bewegen kann.

            Viel plausibler ist daher die Annahme, dass das einsetzende Bereitschaftspotential Korrelat des sich bildenden Entschlusses zu einer willentlichen Handbewegung ist – bei unwillentlichen Handbewegungen kommt es ja interessanterweise nicht zum Bereitschaftspotential!

            Ich würde mal schätzen, dass ich vom Entschluss bis zur Ausführung einer Armbewegung vielleicht so etwa 200 ms oder weniger brauche – dann würde die “Bewusstseinsschwelle” des schon früher einsetzenden Bereitschaftspotentials nach ca. 400-600 ms überschritten.

            Dieses Phänomen widerspricht nicht der Möglichkeit willentlicher Bewegungen, sondern erklärt, warum es zu einer Korrespondenz von Gedanken, Empfindungen, Willensentschlüssen usw. einerseits und physischen Bewegungen des Körpers andererseits überhaupt kommen kann: die Gedanken haben bereits eine spezifische materielle Basis.

          • Lieber @Christian,

            selbstverständlich. Woher Du die Fiktion nimmst, Willensfreiheit sei notwendig an eine “immaterielle Seele” oder Brüche der Naturgesetze gekoppelt, vermag ich nicht zu sagen. Ich vertrete das nicht und sehe mit Vergnügen, wie Du Dich (willentlich?) an Strohmännern abarbeitest.

            Du schreibst es dabei doch selbst: Unterschiede zwischen willentlichen (!) und unwillentlichen Handlungen lassen sich sogar auf neuronaler Ebene beobachten. Wie kann man da also einen Einfluss des jeweiligen Willens bestreiten? Er ist so real wie Dein Atmen, das es ohne Dich ebenfalls nicht gäbe – und das dennoch nicht den Naturgesetzen widerspricht… 🙂

          • Backward causation ist eine Form mentaler Verursachung, die mit unserer heutigen Physik unvereinbar ist. Im Paradigma des Bereitschaftspotentials FOLGT der Wille der bereits einsetzenden spezifischen Hirnaktivität – von mentaler Verursachung kann hier keine Rede sein. In der Form, wie Du für Willensfreiheit und backward causation durch emergierende geistige Eigenschaften eintrittst, plädierst Du für die Existenz eines Psi-Phänomens ohne jede empirische Grundlage; es stände im Widerspruch zur Energieerhaltung.

            Danke für Deine Zeit und den fairen Gedanken(!)-Austausch, Michael!

          • @Christian

            Dass ich weder mit “Willensfreiheit” noch mit “backward causation” geisterhafte Psi-Phänomene meine, dürfte doch inzwischen klar sein. Es ist aber der Strohmann-Trick vieler Freiheitsbestreitender, jede Gegenposition ins Lächerliche zu verzerren, um sie dann “zu widerlegen”.

            Empirische Tatsache ist: Schon belebte Materie – wie die Körper von Tieren und Menschen – bewegt sich im Rahmen der Naturgesetze anders als unbelebte Materie – z.B. Steine. Dieses lebendige Verhalten wirkt wiederum auf die Materie zurück, z.B. durch Bewegungen und das Aufschichten von Steinen für einen Mauerbau. Dass die Physik nicht erklären kann, wie diese Lebenseigenschaften funktionieren und wie sie auf Materie rückwirken, bedeutet nicht, dass die Phänomene nicht existieren – sondern dass der Physikalismus ein Problem hat. Und es bedeutet, dass wir neben der Physik zur Beschreibung der Phänomene auch die Biologie benötigen – usw. Durch Leugnen verschwindet weder das Leben, noch das Recht, noch die Religion, auch nicht die Wissenschaft und nicht die Freiheit. Es sind jeweils je Phänomene höherer Ordnung, die beobachtbare Auswirkungen zeigen.

            Auch Dir danke für den Zeit und Du hast Recht: Schon der Umstand eines “Gedanken(!)-Austausches” – der wiederum auch auf unsere Materie wie Nervenzellen, Augen, Finger etc. rückwirkt – ist spannend und lohnend. 🙂

      • Michael Blume schrieb (10. November 2014 19:28):
        > Ein Stift fällt von meinem Tisch – er gehorcht nur den Gesetzen der Physik.

        Diese vermeintlich schwerwiegende Einschränkung ist aber (lediglich) nicht mehr und nicht weniger als der Ausdruck einer (moralischen) Absicht:

        “to communicate (to our friends) what we have done and what we have learnt”.

        > Der Fallweg des Stiftes lässt sich mit einfachen physikalischen Formeln berechnen

        Auch falls sich “Fallwege von Stiften” in vergangenen (evtl. geeignet ausgewählten) Versuchen “mit einfachen physikalischen Formeln berechnen” bzw. zunächst einmal beschreiben lassen sollten,
        wobei man es sich wohl “zu einfach” machen würde, das entsprechende “(wahrscheinlichste) Potential” schlicht als “V” zu schreiben,
        und konkretere Ausdrücke zur Abschätzungen dieser Unbekannten andererseits nicht unbedingt
        einfach” zu nennen sind,
        kann man unter Verwendung solcher Formeln allenfalls eine bestimmte (optimale) Erwartung hinsichtlich des “Fallwegs des Stiftesim nächsten Versuch berechnen.

        Aber das erspart nicht die tatsächliche Durchführung/Beobachtung/Kenntnisnahme/Vorstellung eines nächsten Versuches, und die Ermittlung der tatsächlichen Ergebnisse dieses Versuches, und den Vergleich dieser tatsächlichen Ergebnisse mit eventuellen Erwartungen, und die eventuelle Enttäuschung solcher Erwartungen, und die damit verbundene eventuelle Neuberechnung des “(wahrscheinlichsten) Potentials” und weiterer damit verbundener (optimaler) Erwartungen.

        (D.h., sofern man das will.)

        • Da haben Sie Recht, Herr Wappler – da habe ich es mir und der Physik sogar “zu einfach” gemacht! Nicht einmal der Fallweg eines Stiftes lässt sich sicher bestimmen – wie dann gar die Interaktionen auch nur eines menschlichen Gehirns!

          Wunderbar auch Ihr goldiger Schlusssatz, wonach auch jede physikalische Thesenbildung auf – Wollen beruht! 🙂

          Vielen Dank!

  11. Zitat von Christian Hoppe:
    “Jede Art von Veränderung (einschließlich Ortsveränderungen/Bewegungen) unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten und es scheint keinerlei Ausnahme von dieser Regel zu geben. Es gibt einfach keine Hinweise darauf, dass irgendetwas von außerhalb dieser materiellen Vorgänge eingreift und die Abläufe absichtsvoll manipuliert”

    Nicht auszuschließen wäre die Möglichkeit, dass bestimmte physikalische Prozesse vom Menschen nicht erfahr- und ergreifbar sind – zumindest nicht im vollkommenen Sinne. Die Quantenphysik schein beispielsweise ein Gebiet zu sein, welches weiterhin viele unerklärliche Fragen aufwirft. Sich lediglich auf jene beobachtbaren physikalische Prozesse zu fokussieren und damit unser gesamtes Tun unter diesen beobachtbaren Prozessen unterzuordnen, könnte ein Trugschluss sein. Aber ich stimme zu: die uns derzeitig vorliegenden Thesen scheinen keine sich über die uns bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten erhebenden Einflussgrößen vorzuweisen, die unser Dasein in einem “besonderen Maße” auskleiden.

    Zitat von Christian Hoppe:
    “Es handelt sich hierbei nicht um materielle Fakten, sondern diese Begriffe sind immer nur verständlich als eine Verbindung von bestimmten gedanklichen Vorstellungen und Wahrnehmungen materiell-realer Vorgänge.”

    Eine für mich nachvollziehbare Aussage, der ich nahezu vollständig zustimme. Aber: inwieweit ist dies im Detail tatsächlich bewiesen?

    Zitat von Christian Hoppe:
    “Aber können wir auch unseren handlungsleitenden Willen frei bestimmen? Kürzer gefragt: Können wir uns selbst in diesem Moment aus dem Nichts neu erfinden? etc.”

    Ein vorbildlich argumentierter Absatz. Dennoch stellt sich mir persönlich die Frage, was Willensfreiheit in Bezug auf uns Menschen tatsächlich bedeutet. Ist die menschliche Willensfreiheit tatsächlich abhängig von Fragen der Art, ob ein menschliches Individuum sich sogar aus einem Nichts heraus neu erfinden kann? Eine einfache Interpretationsmöglichkeit könnte auch in der Möglichkeit begründet sein, dass ein im Laufe seines Lebens charakterlich entwickeltes Individuum sein Grundwesen nicht ablegen kann (oder es theoretisch vielleicht doch könnte), Entscheidungen oder uns besonders anerkannte Situationen wie Liebe jedoch nicht auf deterministische Vorgänge reduziert werden können.

    Ich persönlich schließe jedoch nicht aus, dass wir möglicherweise doch komplett deterministischen Gesetzmäßigkeiten untergeordnet sind. In gewisser Hinsicht neige ich sogar tendenziell zu diesem Szenario. Die Betrachtung des kompliziert zusammengesetzten Konstruktes namens Mensch erlauben die legitime Frage nach einem reinen Determinismus, dem wir ausgesetzt sind – zumindest im biologisch-chemischen Sinne.

    Zitat von Christian Hoppe:
    “…aber Liebe setzt meines Erachtens keine Freiheit im Sinne einer Fähigkeit voraus, mein Wollen selbst zu bestimmen und Liebe kontrolliert aus dem Nichts herzustellen”

    Auch wenn selbst den rationalsten und materialistischsten Wissenschaftlern auf Erden die Liebe als etwas “Magisches” ansehen, was man in Bezug auf uns irrational geltende Kreaturen nachvollziehen kann, so genügt auch hier eine Betrachtung der komplexen Zusammensetzung eines Menschen, um zu dem möglichen Schluss zu gelangen, dass wir selbst im Bereich der Liebe determiniert sein könnten.

    • @M.J.J.

      Ich hätte da nur mal eine Nachfrage: Wurde Ihr gerade geposteter Kommentar nur durch die Gesetze der Schwerkraft ausgelöst? Oder kann man die Ansammlung von Symbolen auf meinem Bildschirm nur verstehen, wenn man annimmt, sie wären durch mehr als nur physikalische Prozesse ausgelöst worden – beispielsweise durch eine willentlich handelnde Person, die mit anderen diskutieren möchte?

      • Hallo Herr Blume,

        für das Posten von Kommentaren sind die Gesetze der Elektrizität viel entscheidender als die der Schwerkraft. Daß die Zellen in ihren Fingern und in ihrem Gehirn sich aus Proteinen und DNS-Molekülen zusammensetzen können, ist den elektrischen Eigenschaften der Kohlenstoff-, Sauerstoff-, Stickstoff- und Wasserstoffatome geschuldet; daß Ihr Gehirn die Wahrnehmung “Muster auf einem Bildschirm” als “Text” interpretieren kann, ist elektrischen Strömen in Ihrem Neuronalen Netz geschuldet; daß die Tastendrücke Ihrer Finger den internen Zustand eines Scilogs-Servers verändern, ist pure Elektrizität; und daß mir dieser geänderte Zustand noch nach über einem Jahr auf meinem Bildschirm angezeigt werden kann, ist sowohl elektrisch als auch magnetisch bedingt.

        Wenn es allerdings jemals einen Computer gibt, der den Schritt “Informationsverarbeitung in den Neuronen von Dr. Blumes Gehirn” auf das Elektron genau nachrechnen könnte, dann würde dieser Computer vermutlich selber glauben, daß er “Dr. Michael Blume” heißt – es sei denn wiederum, er hätte genug Kapazität, um viele Gehirne gleichzeitig zu emulieren, dann könnte er auf die Idee kommen, sich “Gott” zu nennen…

  12. @Herr Blume:

    Nun, was zu der Auslösung meines geposteten Kommentars tatsächlich geführt hat, kann ich persönlich in empirischer Hinsicht nicht beweisen. Dadurch, dass ich im Grunde “nur weiß, dass ich nichts weiß”, kann ich lediglich nur aussagen, dass wohl bestimmte Ursachen mich zu jenem auslösenden Schritt brachten. Ich kann banal und unkompliziert ausdrücken: ich wollte den vorigen Post ins Leben rufen. Ich wollte mit anderen diskutieren.

    Letztendlich fühle ich mich jedoch missverstanden. Es geht mir nicht um die Infragestellung unserer Willensfreiheit, sondern um die Frage, ob die Willensfreiheit innerhalb der uns bekannten biologischen, chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten eingebettet ist. Das kann, auch wenn es mir persönlich nicht schmeckt, der Fall sein – siehe als Grund komplexer Aufbau des Menschen und seiner Umwelt.

    • @ Herr Johnson :

      (…) dass ich im Grunde “nur weiß, dass ich nichts weiß” (…)

      Grundsätzlich sollte es statt um Wissen schon um Erkenntnis gehen, dann wird auf die Aussage bezogen mehr möglich, korrekt, nichtsdestotrotz ist zum “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” zu ergänzen, dass auch losgelöste wahre Aussage oder Wissen (vs. Erkenntnis) über die(se) Welt möglich ist, beispielsweise sind es die Urwahrheiten “Etwas ist.” und “Etwas ist, weil es ist.” und “Es ist so wie es ist, weil es so ist, wie es ist.” und “Ein umfänglicher Welt-Indeterminismus liegt nicht vor.” – dazu kommen noch einige Derivate.

      BTW, derjenige, der gesagt haben soll, dass er weiß, dass er nichts weiß, hat wohl bei näherer Betrachtung gesagt, dass er wenig weiß.

      Der Rest (am besten das Konzept der “Erkenntnis” – Varianten hierzu gibt es) ist dann Methode, korrekt.

      MFG
      Dr. W

      PS: Es liegt hier in diesem Feedback-System ein kleiner Bug vor, und zwar scheinen die Rechenaufgaben (“Turings-Tests”) nach einiger Zeit zu “verjähren”, d.h. das eigentlich korrekte Ergebnis wird nach einiger Zeit nicht mehr angenommen.

  13. Ergänzung zu meinem letzten Satz des vorigen Posts: auf diese Art und Weise lässt sich unser Tun in einem materiellen, deterministischen Sinne vielleicht sogar erklären.

    • @M.J.J.

      Warum auch sollte die Existenz Ihres Willens weniger in Physik, Chemie, Biologie… “eingebettet” sein als die Existenz Ihres Körpers? Nur, weil Geist früher oft dualistisch gedacht wurde? Ich fände es doch gerade seltsam, wenn mein Wille “nicht” in der emergenten Wirklichkeit aus Physik, Chemie, Biologie…. wurzeln würde!

      Und wenn doch auch die Quantenphysik keinen vollständigen Determinismus mehr kennt – worauf fußt dann die Behauptung, dieser bedrohe die Willensfreiheit?

      Schließlich: Mag ja sein, dass ein theoretischer Beobachter alles voraussehen könnte. Schon die biblischen Psalmisten beteten: “Es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass Du, Herr, nicht schon wüsstest.” Und sie beteten dennoch – willentlich…

  14. @Herr Blume:

    Um Missverständnisse auszuschließen: dogmatisch behaupte ich nicht, dass unser Wille weniger an die biologischen, chemischen und physischen Prozesse geknüpft sei als der Körper an die vorhin drei genannten Gesetze.

    Da wir zu der Frage nach der Willensfreiheit keine entscheidenden Beweise vorliegen haben (d.h.: was genau ist menschliche Willensfreiheit? Ist diese an rein materialistische Prozesse geknüpft?), können wir doch dazu keine sicheren Aussagen treffen. Es bleibt der Glaube, die Annahme, die Ahnung (oder ist da etwas an mir vorbeigerauscht?).

    Das die Quantenphysik den freien Willen bedroht, behaupte ich nicht.

    Zu Ihrem letzten Absatz:
    ja – es mag so einiges der Fall sein. Daher lasse ich aus Prinzip gerade entscheidende, existentielle Fragen unseres Seins und Wesens offen und vermag mir in Bezug auf diese Themen keine endgültigen Urteile zu fällen. Was bleibt, ist der Glaube…

  15. Bevor man sich der Quantenphysik zuwendet, um Fragen zu Willens-/Handlungsfreiheit zu diskutieren, sollten wichtigere Fragestellungen angesprochen werden:
    WER/WAS handelt bzw. hat einen freien Willen? ICH? WER/WAS ist ICH?

    Denn so erhält man andere Antworten zu der diskutierten Problematik: Eine ICH-Person allein kann es nicht geben – denn der ICH-Begriff setzt voraus, dass es ANDERE Menschen bzw. eine soziale Gemeinschaft gibt – wo die ICH-Person ein Teil davon ist.

    Und mit dieser Fragestellung hat man jetzt ein Problem: Auf der einen Seite kann man Theorien zur Wissens-/Handlungsfreiheit theoretisch bis zum Niveau der Quantenphysik diskutieren – auf der anderen Seite kann diese ICH-Person nicht existieren ohne soziale, menschliche Nähe und Zuwendung.

    • Richtig, denn nichts gehört dem “Einzelnen” wirklich-wahrhaftig allein! 🙂 Sogar (oder besonders?) die / “seine” Gedanken nicht, weil diese auch immer in Abhängig zur sonstwie ge-/entarteten Gemeinschaft geprägt wachsen – der Sinn: Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein (“wie im Himmel all so auf Erden”), anstatt teils LOGISCH brutal-egoisierendes “Individualbewußtsein” in “göttlicher Sicherung” 😉

    • WER/WAS handelt bzw. hat einen freien Willen? ICH? WER/WAS ist ICH?

      Gute Frage. Es hierzu noch weitere gute Fragen. Vermutung: Der freie Wille muss erst definiert sein, so geht’s bspw. nicht:

      A practical test of free will would be this: If you were put in the same position twice — if the tape of your life could be rewound to the exact moment when you made a decision, with every circumstance leading up to that moment the same and all the molecules in the universe aligned in the same way — you could have chosen differently. (Jerry Coyne, Quelle)

      MFG
      Dr. W

      • Quatsch. Es ist mein freier Wille, daß ich determiniert bin, auf die Frage “Kaffe oder Tee” immer mit “Tee” zu antworten. “Freier Wille” heißt also nicht, daß ich mich grundlos anders entscheide, sonder im Gegenteil, daß mir die Gründe für meine Entscheidung bewußt sind. Und der Grund für die obige Entscheidung lautet einfach “Kaffee schmeckt scheußlich”.

  16. Hierzu vielleicht noch eine Ergänzung:

    Aber der Glaube an ein “völlig determiniertes” Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.

    Liegt ein Welt-Determinismus vor, können zwar Indizien gesammelt werden, dass er nur teilweise vorliegt, aber es kann nicht zuverlässig darauf geschlossen werden.
    Denn die Regelmengen der Natur sind in keinem Fall seitens des Weltteilnehmers zuverlässig zu erkennen, wegen dem sozusagen Großen Erkenntnisvorbehalt.

    MFG
    Dr. W

  17. Zitat von Dr. Webbaer:
    “Grundsätzlich sollte es statt um Wissen schon um Erkenntnis gehen, dann wird auf die Aussage bezogen mehr möglich, korrekt, nichtsdestotrotz ist zum “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” zu ergänzen, dass auch losgelöste wahre Aussage oder Wissen (vs. Erkenntnis) über die(se) Welt möglich ist, beispielsweise sind es die Urwahrheiten “Etwas ist.” und “Etwas ist, weil es ist.” und “Es ist so wie es ist, weil es so ist, wie es ist.” und “Ein umfänglicher Welt-Indeterminismus liegt nicht vor.” – dazu kommen noch einige Derivate.”

    Da bin ich gerne im Boot. Auch ich strebe vorrangig nach Erkenntnis, betrachte diese aber automatisch nicht als Beweis. Das Gelangen zu einer Erkenntnis bedeutet bei mir: das Sammeln von Erfahrung zu einem oder mehreren Sachverhalten, die mich gedanklich zu neuen Annahmen oder Denkweisen hinsichtlich eines oder mehrerer Themen führen. Das Wissen betrachte ich als eine Ansammlung von Erfahrungen zu sämtlichen im Leben vorgefallenen Handlungsaktionen. Als gesichertes, absolutes Faktum betrachte ich mein Wissen beziehungsweise das allgemein gesammelte menschliche Weltwissen hingegen nicht. Das ist der Grund, weshalb ich einen griechischen Philosophen (unrichtig) zitierte.

    Zitat von Horst:
    “Richtig, denn nichts gehört dem “Einzelnen” wirklich-wahrhaftig allein! 🙂 Sogar (oder besonders?) die / “seine” Gedanken nicht, weil diese auch immer in Abhängig zur sonstwie ge-/entarteten Gemeinschaft geprägt wachsen – der Sinn: Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein (“wie im Himmel all so auf Erden”), anstatt teils LOGISCH brutal-egoisierendes “Individualbewußtsein” in “göttlicher Sicherung” ;-)”

    Ihre Aussage ist meines Erachtens nach mit Vorsicht zu genießen. Die Frage, wie Informationen über die Umwelt innerhalb eines jeden Menschens entstehen und verarbeitet werden, sind vor allem rein subjektiver Natur. Im Hinblick auf das menschliche Bewusstsein kann auch diese Erkenntnis eine tragende Rolle spielen und zu der Frage verleiten: inwieweit ist das Ich eines jeden Menschen einmalig? Es scheint durch jahrelang erfolgte Umwelteinflüsse und Selbstreflexionen geformt sein – und dies möglicherweise bis in das kleinste, entscheidende Detail. Selbst wenn sich Menschengruppen an bestimmte Traditionen ausrichten, so sollte man nicht davon ausgehen, dass die Individualität eines jeden Menschen entscheidend in Frage gestellt werden sollte.

    • Es gibt wenig Wissen und es gibt die Erkenntnis, die die n:m-Beziehungen zwischen Gegenständen und Subjekten meint oder verwaltet, gerne auch die aufklärerische, die skeptizistische, diejenige, die sich durchgesetzt hat.

      MFG
      Dr. W (der am Rande noch auf die Existenz einer Schaltfläche mit der Aufschrift ‘Antworten’ hinweist)

    • @Moe Joe: Der Buddhismus geht seit 2500 Jahren davon aus, dass das Ich-Bewusstsein eine Illusion ist, weil es keine Beständigkeit hat, sondern dauernd neu gebildet wird und sofort wieder vergeht. Eine gefühlte Kontinuität der eigenen Person entsteht auf Grundlage von im Gedächtnis gespeicherten und reaktiviertem Wissen.
      Gedanken bzw. das Gefühl einer eigenen kontinuierlichen Identität entstehen demnach durch Mustervergleich aktueller Reize und Reaktivierung vorhandenen Wissens.

  18. “Aber der Glaube an ein “völlig determiniertes” Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.”

    Der “Glaube” ist in dieser zu SKM gebildeten “Gemeinschaft” doch immer Stand der Wissenschaft, warum sonst werden Priester & Co. in Theologie geschult, bevor sie … 😉

  19. +++ Wichtiger ergänzender Hinweis +++

    Dieser Artikel des werten Dr. Michael Blume ist anzunehmenderweise mit seinem Einverständnis gespiegelt worden:
    -> http://ef-magazin.de/2014/11/13/5954-willensfreiheit-gibt-es

    Wobei dort ein libertäres, dem Libertarismus, vgl. mit dem Liberalismus, verpflichtetes Medium vorliegt (das einige ganz böse “rechts” finden, vgl. auch mit der “Analytik” in der de.wikipedia).

    +++ Hinweisende +++

    • @Webbär

      Danke für den Hinweis!

      Ja, obgleich ich nicht mit allem einverstanden bin, was in eigentümlich frei geschrieben wird, schätze ich das bunte, libertäre Feld insgesamt als sehr anregend. Daher habe ich nicht nur der Wiederveröffentlichung zugestimmt, sondern schreibe auch hin und wieder etwas (so in der aktuellen ef-Ausgabe).

      Auch neu: Die Sendung “nano” auf 3sat hat den Religion-Evolution-Beitrag aus Quarks & Co. nochmal extra aufgegriffen:
      http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=47303

      Auch für weitere Hinweise bin ich immer dankbar, da ich oft kaum noch hinterher komme…

          • Schon klar, Herr Dr. Blume, Ihr Kommentatorenfreund ist nur ein wenig hellhörig geworden, was “EiFrei” betraf, ein Verbund, der ein wenig über das hinausgeht, was der Schreiber dieser Zeilen als liberal und als der Sozialen Marktwirtschaft verbunden ansieht.
            Klar, die Jungs dort sind fit, der dortige und womöglich bestimmende Inhaltegeber sowieso, aber es geht dort schon ein wenig ins Radikal-Liberale.


            Hmm, ansonsten, schon gut, dass Sie einen Sprung gewagt haben, auch dort verlautbarend werden zu wollen, wo nicht jeder Liberale jetzt und sofort beispringen kann. im Sinne von “Muss ich haben, hier und sofort!”

            Deckt sich womöglich auch mit Aussagen, die Sie im Sinne der Österreichischen Schule, Hajek und so, zu früheren Zeiten beibringen konnten:
            -> http://liberalesinstitut.wordpress.com/2009/11/24/friedrich-august-von-hayek-evolution-und-wettbewerb-der-religionen/

            MFG
            Dr. W

          • @Webbaer

            Meines Erachtens gehört es zu den großen – und möglicherweise sogar fatalen – Schwächen des deutschen Liberalismus, dass er sich selbst zu oft auf Wirtschaftsliberalismus beschränkt und etwa Themen der Philosophie, Familie, Kunst, Wissenschaft und Religion unterbelichtet bleiben. Deshalb versuche ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten immer wieder, da Akzente zu setzen und die Blicke zu weiten. In Deutschland hat Freiheit nicht den guten Ruf, die sie haben sollte! 🙂

  20. Zitat von KRichard:
    “Gedanken bzw. das Gefühl einer eigenen kontinuierlichen Identität entstehen demnach durch Mustervergleich aktueller Reize und Reaktivierung vorhandenen Wissens.”

    Falls mit der “eigenen kontinuierlichen Identität” das menschliche Bewusstsein gemeint sein sollte, stellt Ihre Aussage eine von vielen dar. Demnach wäre Ihre Aussage meines Wissens nach unbewiesen.

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